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Full text of "Die Sprache"

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KARL KRAUS 
DIE SPRACHE 



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KARL KRAUS / DIE SPRAGHE 



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KARL KRAUS 
DIE SPRACHE 



WIEN 1937 
VERLAG »DIE FAGKEL< 



Alle Rechte - des Nachdrucks, der Ubersetzung und des Vortrags 
vorbehalten. 



Copyright 1937 by Verlag »Die Fackel«, Wien. 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien. 



Motto 



Ein jeder, weil er spricht, glaubt auch iiber die Sprache 
sprechen zu konnen. 

Goethe. 



Alle Sprachformen sind Symbole, nicht die Dinge selbst, nicht 
verabredete Zeichen, sondern Laute, welche mit den Dingen tind 
Begriffen, die sle darstellen, durch den Geist, in dem sie entstan- 
den sind und immerfort entstehen, sich in wirklichem, wenn man 
es so nennen will, mystischem Zusammenhang befinden. 

W. v. Humboldt. 



Dies alles sind keine K le in i gk ei te n: es ist 
die Verhunzung der Grammatik und des Geistes 
der Sprache durch nichtswurdige Timtenkleck- 
ser, nemine dissentiente .... Die deutsche Sprache ist ganzlich in 
die Grabuge gerathen: Alles greift zu, jeder tintenklecksende Lump 
f allt dariiber her. — — — — Ganz ernstlich muE ich 
nun aber hier zu bedenken geben, daft gewifi 
mehr als 9 / 10 der iiberhaupt lesenden Menschen 
nichts als die Zeitungen lesen, folglich fast unaus- 
bleiblich ihre Rechtschreibumg, Grammatik und Stil nach die- 
sen bilden, ja, uberhaupt den jungen Leuten ungelehrter 

Stande die Zeitung, weil sie doch gedruckt ist, fur 
eine Auktoritat gilt, Daher sollte, in allem Ernst, von 
Staatswegen da fur gesorgt werden, dafi die 
Zeitungen, in sprachlicher Hinsicht, durchaus 
fehlerfrei war en. Man konnte, zu diesem Zweck, einen 
Nachcensor anstellen, der, statt des Gehaltes, vom Zeitungs- 
schreiber fur jedes verstummelte oder nicht bei guten Schrift- 
stellern anzutreffende Wort, wie auch fur jeden grammatischen, 
selbst nur syntaktischen Fehler, auch fur jede in falscher 
Verbindung oder falschem Sinne gebrauchte 
Proposition einen Louisd'or, als Sportel, zu 



erheben hatte, f it r freche Verhohnung aller Gram- 
matik aber 3 Louisd'or und im Wiederbetre- 
tungsfall das Doppelte. Oder ist etwan die deutsche 
Sprache vogelfrei, als eine Kleinigkeit, die nicht des Schutzes der 
Gesetze werth ist, den doch jeder Misthaufen geniefit? Elende 
Philister! Was, in aller Welt, soil aus der 
deutschen Sprache werden, wenn Sudler und 
Zeitungsschreiber diskretionare Gewalt be- 
halten, mit ihr zu schalten und zu walten nacb 
Maftgabe ihrer Laune und ihres Un ve r s tande s ? 

Schopenhauer* 



Mein Sprachglaube zweifelt vor alien Wegen, die nach Rom 
fiihren. 

K. 

* 

Sprachanweisungen mufiten unleserllch geschrieben sein, urn 
dem Sprechcr annahernd den Respekt einzuflo&en wie das Rezept 
dem Patienten. Wenn man nur entnehmen wollte, daft vor dem 
Sprachgebrauch der Kopf zu schutteln sei. Mit dem Zweifel, der der 
beste Lehrmeister ist, ware schon viel gewonnen: manches bliebe 
ungesprochen- 

K. 



Dezember 1915 



Hier wird deutsch gespuckt 



Die Muttersprache zugleich reinigen und berei- 
chern ist das Geschaft der besten Kopfe. Reini- 
gung ohne Bereicherung erweist sich 
ofters geistlos. . . . Der geistreiche 
Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne 
sich zu bekummem, aus was fur Elemen- 
ten er bestehe; der geistlose hat gut 
rein sprechen, da er nichts zu sagen 
hat. Wie sollte er fuhlen, welches kunstliche Surrogat 
er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten lafit, 
da ihm jenes Wort nie lebendigwar, weil 
er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von 
Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zu- 
sammengreifen musseii, wenn die Sprache lebendig 
wachsen soil. Poesie und leidenschaftliche 
Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses 
Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftig- 
keit auch etwas Bergschutt mitfuhren, er setzt sich 
zu Boden und die reine Welle fliefit daruber her. 

Goethe. 



Wenn die Herren die grofie Zeit, anstatt sie mit 
Sprachreinigung zu vertun, lieber darauf verwenden 
wollten, ihren Mund zu reinigen, so waren die Voraus- 
setzungen fur eine spatere internationale Verstandigung 
vielleicht gegeben. Gewifi, man mufi Fremdworter nicht 
gerade dort gebrauchen, wo es nicht notwendig ist, und 
man mufi nicht unbedingt von Kretins sprechen, wo man 
es mit Trotteln zu tun hat. Aber das eine sei ihnen doch 
gesagt: dafi ein Fremdwort auch einen Geschmack hat 



und sich seinerseits auch nicht in jedem Mund wie zu 
Hause fiihlt. Freilich bin ich ja nicht kompetent, weil ich 
mit der Sprache nur eine unerlaubte Beziehung unter- 
halte und sie mir nicht als Madchen fur alles dient. Aber 
ich habe auch blofi den Schutz jenes Sprachgebrauchs 
im Sinn, den die Leute fur die Sprache halten. Mehr 
ihnen zu sagen, ware vom Ubel. Sie verstehen ihre 
eigene Sprache nicht, und so wiirden sie es auch nicht 
verstehen, wenn man ihnen verriete, dafi das beste 
Deutsch aus lauter Fremdwortern zusammengesetzt sein 
konnte, weil namlich der Sprache nichts gleichgultiger 
sein kann als das »Material«, aus dem sie schafft. Wenn's 
ihnen Spafi macht, mogen die Leute, die sich selbst diese 
Zeit noch vertreiben miissen, da selbst diese Zeit ver- 
saumt hat, sie zu vertreiben. in ihren Journalen, Buros 
und Restaurants Abteil fur Coupe, Schriftleitung 
fur Redaktion oder Schlackwurst fur Zervelat sagen — 
die Sprache wird, solange das Vorstellungsleben unvoll- 
kommene deutsche Termini sich in gute Fremdworter 
zuriickiibersetzen mufi, mit dem gewohnten Material 
arbeiten. Eine Zeitung hat einen Erlafi abgedruckt, in 
dem angeblich von Sachwaltern die Rede war. Da die 
Sache dadurch miftwaltet schien, besah ich das Original, 
in welchem tatsachlich von Funktionaren die Rede war 
und einmal von hohen Funktionaren. Weil aber der 
»Schriftleiter« nicht von »hohen Sachwaltern« sprechen 
konnte, indem er hier plotzlich den Unterschied zwischen 
einem Rangbegriff und einem Wertbegriff spiirte, so 
lie6 er einfach das Attribut weg und nahm der Dar- 
legung den Verstand. Nein, Funktionaren, und just den 
journalistischen, fehlt viel zu Sachwaltern, und die 
spezifische Farbe der Stupiditat wird weder von der 
Dummheit noch von der Einfalt je ersetzt werden kon- 
nen. Gibt es auf Erden noch eine zweite Kultur, die sich 
fortwahrend so neugeboren fiihlt wie die deutsche und 
jedenAugenblickKomiteebeschliisse Ciber ihreUmgangs- 
sprache f afk ? Vorschrif ten erlafit, wie man zu sprechen, 
welche Worte man zu vermeiden hat? Die zu den hun- 



derterlei Verboten, mit denen hier das Leben bespickt 
wird, weil der summarische Anstand kein Gebot ist, auch 
noch eine Sprechordnung beschliefit, wie sie eine Geh- 
ordnung beschlossen hat. Und die, weil die Sprache nur 
ein Kleid, eine Konfektionsware ist, den grofiten Wert 
darauf legt, dafi sie vor dem Verlassen der Anstalt in 
Ordnung gebracht werde, wahrend man nichts dagegen 
hat, dafi jeder Ladenschwengel offentlich in den Sprach- 
quell spuckt. Aber das heutige Deutsch ist eben keine 
Sprache, sondern ein Betrieb, der erst wie das ganze 
Etablissement »in der Einrichtung begriffen« ist, dem 
Bediirfnisse der Kundschaft angepafit werden mufi und 
sich deshalb so wenig selbstverstandlich vorkommt, dafi 
jeder Tag eine Uberraschung bringen kann. In Berlin 
spricht man rechts, und der Schutzmann blickt zufrie- 
den; in Wien fleht der Wachmann: Bitte links! Es ist 
hoehste Zeit, dafi mit den Fremdwortern auch noch die 
letzten deutschen Worter abgeschafft werden und dafi 
endlich, damit jede Schwierigkeit beseitigt sei, nicht nur 
die Iphigenie ins Esperanto iibersetzt wird, sondern auch 
alle jene Gedanken, die sich die Leute so den Tag lang 
mitzuteilen haben. 



Juni 1921 



An die Anschrift der Sprachreiniger 

Die Literarhistoriker, die den Deutschen ihr 
»Sprich deutsch!« zurufen, haben, da sie selbst nicht 
imstande sind, diese Forderung zu erfiillen, auch keine 
Ahnung, dafi sie die andern damit nur bestarken, un- 
deutsch zu sprechen. Denn sie wollen sie blofi vom wohl- 
tatigen Gebrauch der Fremdwdrter abhalten, der doch 
allein die deutsche Sprache davor bewahren kann, ver- 
hunzt zu werden. Anstatt sich an den unendlichen Aus- 
drucksmoglichkeiten der deutschen Sprache zu versiin- 
digen, ist es hundertmal besser, sich der einfacheren 
Formen einer fremden zu bedienen. Je mehr Fremd- 
worter jene gebrauchen, die nie deutsch lernen werden, 
desto besser. Denn dafi sie es eher lernen wiirden, wenn 
ihnen der Gebrauch der Fremdworter verboten ware, 
ist doch eine ausgemachte Dummheit. Wer deutsch 
kann, hat auch zwischen Fremdwortern Spielraum, es 
zu konnen, und wer es nicht kann, richtet nur im weite- 
ren Gebiet Schaden an. »Sprich deutsch !« ist leicht ge- 
raten. Wer kein Fremdwort gebraucht, hat darum noch 
lange nicht gelernt, der Forderung des Professors Enge] 
zu entsprechen, selbst wenn dieser von der Leistung 
befriedigt ware. 

Die Fremdwort-Jager sind alien Ernstes der Mei- 
nung, dafi sie es in jedem Wortdickicht, in jedem Wort- 
gedicht erlegen konnen. Aber selbst in einem Wortbe- 
richt kann es ihnen schief gehen und so etwas passieren: 

Es interessierte, in Herrn Ivos einleitenden Worten zu horen, 
dafi Rilke gegenwartig auf einem stillen Schlofichen der Schweiz 



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lebe, urn, wie der Dichter selbst aneine Wiener Anschrift 
ungefahr geschrieben habe: durch Besinnung und Leistung auszu- 
gleichen, was so viele bose Jahre zerstort haben. 

1st es schon fast eine korperliche Pein, den postalischen 
Terminus »Adresse« (aller guten Dinge sind drej 
Fremdworter) zu »Anschrift« eingedeutscht zu sehen 
— eine traurige Begleiterscheinung des Umsturzes wie 
jene Steigerung aller Preise um Zehntausend »vom Hun- 
dert« — ; und habe ich es wirklich einmal erleben 
mussen, dafi mich jemand — miindlich, ohne dafi seine 
Zunge schamrot wurde — um meine Anschrift bat, 
worauf ich ihm die postalische Ruckseite zuwandte : so 
ist hier der kiihne Versuch unternommen, eine Metapher 
einzudeutschen. Der Berichterstatter hat nicht die Ein- 
gebung gehabt, etwa »an einen Wiener Bekannten« zu 
sagen, sondern kurz entschlossen die Adresse selbst dort 
verandert, wo sie gar nicht mehr vom Brieftrager ge- 
sucht werden mufi, Denn es handelt sich nicht mehr 
um das, was auf einem Kuvert stent, sondern schon um 
den Empfanger selbst, um die Person. Immerhin liegt 
hier dem Spafi noch die Tatsache zugrunde, dafi ja wirk- 
lich einmal ein Brief aus der Schweiz an eine Wiener 
Anschrift gekommen sein mufi, worin versprochen wird, 
durch Besinnung und Leistung (eigentlich Mehrleistung) 
einzubringen, was die Kriegsjahre gerade an Rilke zer- 
stort haben (wiewohl iibrigens nicht einzusehen ware, 
wie dichterische Kraft, wenn sie vorhanden ist, durch 
die Zeit zerstort werden, und wenn sie nicht vorhanden 
ist, sich an der Zeit erholen konnte). Aber der Verfasser 
der Notiz hat vollstandig vergessen, dafi die Anschrift 
ihre postalische Funktion bereits erfullt hat und nur 
mehr die Adresse ixbrig blieb, an die ein Ausspruch ge- 
richtet ist. Oder er dachte — wenn er liberhaupt etwas 
dachte — : lieber ein Unsinn auf deutsch als eine welsche 
Metapher, und griff mit jenem stolzen Behagen, das 
jetzt fur die Niederlage an den Fremdwortern Revanche 
libt und in dem eigenen Besitz an Mifigeburten Ent- 
schadigung findet, nach dem Wort »Anschrift«. Nun 



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liegt die Sache aber so, dafi »Adresse« nicht nur alle jene 
Bedeutungen hat, die »Anschrift« nie haben kann, 
sondern dafi, was der Deutsche als die iibertragene 
Bedeutung fuhlt: Adresse als Ziel einer »Richtung«, 
einer Beziehung, als das Objekt, an das man »sich wen- 
det« (s'adresser), im Franzosischen die urspriingliche ist, 
hingegen der fur die deutsche Vorstellung primare, 
der postalische Begriff, der abgeleitete. Der Reformer 
»ubersetzt« einfach diesen und hofft, die urspriingliche 
Bedeutung werde schon nachkommen. Dazu ist 
beachtenswert, wie er ihn iibersetzt. Wollte er nur das, 
was auf dem Briefkuvert geschrieben steht, deutsch 
bezeichnen, so mufite er »Auf schrift« sagen. Da alle 
sonstige Bedeutung sich schon gegen diesen Bezug auf 
die eine konkrete Vorstellung wehrt, so hofft er es mit 
» A n schrif t« zu machen, worin er auch die Richtung der 
Tatigkeit markiert hat. Das verhatschte Wort mochte 
somit ausdriicken, dafi ich an jemand schreibe, und es 
will den Trager der Adresse vorstellen statt des Brief- 
kuverts; aber da es doch nicht in der Begriffslinie etwa 
von »Ansprache« steht, vielmehr dort, wo deren Objekt 
ist — die Ansprache spreche ich an jemanden, die 
Anschrift aber schreibe ich nicht an ihn, sondern sie ist 
das, wohin ich schreibe — , so wiirde es nicht s anderes 
ausdriicken als dafi statt auf einem Kuvert »an ein e m« 
Menschen was auf geschrieben erscheint. Das ist natiir- 
lich kein Mittel, den Inhalt von »Adresse« hereinzu- 
bekommen. (Und selbst der Postdienst leidet. Wie iiber- 
setzt man den Adressaten? Wiewohl schon die Adresse 
das ist, was man anschreibt, bleibt jedenfalls nichts 
iibrig, als ihn den Angeschriebenen zu nennen.) Dieses 
»an« stellt sichtlich den angestrengten Versuch vor, 
etwas von dem eigentlichen Richtungssinn zur Geltung 
zu bringen. Im Franzosischen ist die Briefadresse die 
mittelbare Bedeutung von »Adresse«, wahrend man im 
Deutschen sich bei diesem Wort zuerst das Postwesen 
vorstellt, weshalb man auch bei diesem mit der Reform 
eingesetzt hat. Man mufi aber erst von der andern 



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Bedeutung zurtickkehren, wenn man sagen will, dafi 
man sich an jemandes Adresse »wendet«. Was im 
Franzosischen die eigentliche Bedeutung ist, ist in der 
deutschen Vorstellung von »Adresse« eine Metaphcr. 
Wenn ich nun fiir die Briefadresse »Anschrift« setze, 
womit ich doch das Wort nur in einem engen Geltungs- 
gebiet, sozusagen in einem Postbestellbezirk, und uber- 
dies miserabel (elend) verdeutscht habe, und wenn ich 
dann diesen Begriff , dem noch die voile Anschauung des 
Geschriebenen tintenfeucht zugrunde liegt, mechanisch 
auch in alle weiteren, dem Franzosen naheren Bedeu- 
tungen von »Adresse« iibernehme, so mute ich dem 
Sprachgebrauch eine rechte Viechsarbeit zu, namlich 
eine konkrete Vorstellung zu unterdriicken, um sie in 
einer weitabliegenden, abstrakteren Sphare handhaben 
zu konnen. Es ist doch einleuchtend, dafi ich eher eine 
abstrakte Bezeichnung, die mir fiir Adresse einfiele — 
zum Gliick fallt sie mir nicht ein — , auf den Spezialfall 
anwenden konnte als umgekehrt. Man ermesse nur den 
Blodsinn, der herauskommt. wenn man das Wort in 
diesem Sinn, worin es also ein Wesen bezeichnet und 
ein solches, an das kein Brief gelangt ist und das 
nicht als der Trager einer Postadresse gedacht wird, 
sondern als das Objekt, auf welches sich eine Handlung 
bezieht (das sie »angeht«, auf das sie speziell abgesehen, 
abgezielt ist), mit »Anschrift« iibersetzt, etwa: den 
Sack schlagt man und an die Anschrift des Esels ist es 
gerichtet. Sie miifke erst — was ihr in hundert Jahren 
nicht gelingen kann — zur Metapher des Sprach- 
gebrauchs werden, zur inhaltslosen Floskel, die keine 
Handschrift mehr wahrnehmen lafit, um die Adresse im 
aufierpostalischen Sinne zu ersetzen. Man wird, damit 
dies gelinge, wohl die »Adresse« immer mitdenken 
mussen, die uns zwar auch vor allem an die Post 
erinnert, die aber doch schon urspriinglich die Bedeutung 
hat, die sie bei »Anschrift« erst erlangen konnte, wenn 
man die Vorstellung des Geschriebenen vergewaltigt. 
Das ware freilich nicht die wahre Methode, sich die 



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Fremdworter abzugewohnen : dafi man sie zwar nicht 
sprechen diirfte, aber denken miifite, um die deutschen 
Ersatzwdrter zu verstehen, und also eigentlich nicht aus 
dem Welschen, sondern ins Welsche zu iibersetzen hatte. 
Es ist so, als ob man von Wien nach Linz uber 
Salzburg fahren miifite, weil man in St. Polten zu tun 
hat, wohin man gelangt, wenn man sich vorstellt, dafi 
man nach Paris fahrt. 

Die Originalitat dieser Eindeutscher, die doch nie 
uber das Erlebnis der Sprache als eines Verkehrsmittels 
hinauskommen wurden, aber eben dieses erschweren 
mochten, ist ein gar lastiges Hindernis. Als ob die 
Erneuerung der Sprache von einem Entschlufi ausgehen 
wiirde und nicht von einem Gedicht! Als ob, was sich 
einzubiirgern hat, von Biirgern bestimmt werden 
konnte! Solange die Dichter Fremdworter nicht ver- 
schmahen — weil ihnen die darin geborgene Vorstellung 
kein deutsches eingibt, das mit, der Macht der Selbst- 
verstandlichkeit dastiinde, um in den Sprachgebrauch 
einzugehen — , so lange mussen sich die Pfuscher 
gedulden, mogen sie auch der Meinung sein, der 
Erlebnisgehalt des Fremdworts, der ihm eingeborne 
und der ihm zugewachsene, werde ihrem Zuspruch oder 
ihrer nationalen Entriistung parieren. Die Sprachreiniger 
sind in Wahrheit nur das, was sie auch aufierhalb ihrer 
Funktion sind: Sprachpeiniger ; und es besteht zu 
wenigstens 50 vom Hundert die Gefahr, dafi kiinftig 
auch von einer Rede gesagt werden wird, sie sei an eine 
bestimmte Anschrift gerichtet, zum Beispiel die Mah- 
nung: »Sprich deutsch!« an die meine, von der sie dann 
allerdings als unbestellbar und mit dem Vermerk 
zuriickkame : Angeschriebener ins Ausland abgereist. 



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Sprachlehre 

April 1903 
Die grammatikalische Pest 

Schopenhauer wiirde die Kritik, die die ,Fackel' 
auch an der sprachlichen Gemeinheit der Zeitungen 
libt, gewifi nicht kleinlich finden. Eher aussichtslos. 
Sprechen und Denken sind eins, und die Schmocke 
sprechen so korrupt, wie sie denken; und schreiben 
— so, haben sie gelernt, soil's sein — , wie sie sprechen. 
Fehlt nur noch die phonetische Orthographic. Was aber 
bis zu dieser fehlt, sind Strafbestimmungen gegen die 
offentliche Unzucht, die mit der deutschen Sprache 
getrieben wird. Sie treiben es alle gleich arg; die 
pathetische Rede der ,Neuen Freien Presse' ist nicht 
besser als die niichterne Mauschelweis der ,Zeit': dort 
vergifit man »an« die deutsche Grammatik, hier »auf« 
die deutsche Grammatik, das ist der Unterschied, und 
einer schreibt schlechter »wie« der andere. Wann sie 
endlich die Bedeutung der Konjunktion »bis« begreifen 
werden? Im Zeitungsdeutsch konnte man antworten: 
bis wir ein Straf gesetz bekommen, das die Prugelstraf e 
fur den Mifibrauch von Konjunktionen einfiihrt. Kiirz- 
lich schrieb die ,Neue Freie Presse' : »Den wahren 
Schaden wird man erst bemessen konnen, bis der 
Schnee geschmolzen sein wird« ; hier hilft noch das 
»erst« zur Sinnerfassung. Aber »eine Reihe von Firmen 
hat erklart, von der neuen Einrichtung Gebrauch machen 
zu wollen, bis ihre jetzigen, zum Auf drucke ungeeig- 
neten Umschlage und ihre Markenvorrate aufgebraucht 
sein werden« ; also nur so lange und dann nicht mehr. 



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Die Firmen mogen das — es sind vielleicht Kai-Firmen 
— wirklich erklart haben; aber sie wollten zweifellos 
sagen, dafi sie, so lange bis ihre vorratigen (»jetzigen«) 
Umschlage und Marken verwendet (»aufgebraucht«) 
sind, von der neuen Einrichtung n i c h t Gebrauch 
machen konnten, und erst, wenn jene verwendet 
waren . . . Die Unterrichtsverwaltungen sanieren die 
Orthographie, und die grammatikalische Pest greift 
immer weiter um sich. 

Juni 1921 
Bis 

Fiir den Begriff »bis« geht dem Osterreicher jedes 
Gefiihl ab. Dafi »bis« nicht das Ziel, sondern den Weg 
bezeichnet, sieht er nicht. »Ich werde warten, bis du 
kommst« 5 wiirde er, wenn ihn hier nicht der Sinn den 
Weg fuhrte, so deuten: Wenn du gekommen sein wirst, 
werde ich warten. Das »bis« eroffnet ihm eine Hand- 
lung, anstatt sie abzuschliefien. Der Krug geht bei ihm 
erst zum Brunnen, wenn er gebrochen ist, was freilich 
durchaus seiner Lebensanschauung entspricht. Er ist 
dem Begriff »bis« so lange nicht gewachsen, bis dieser 
sich ihm in einer Negativ-Konstruktion darbietet, kann 
sich aber selbst da nur helfen, indem er auch den bis- 
Satz mit der Negation versperrt. Hier versteht er, dafi 
eine Zeitstrecke vorzustellen ist, innerhalb deren etwas 
nicht geschieht. Er erfafit nun wohl das demonstrative 
»so lange« im Hauptsatz, kann sich aber das »bis« nur 
als das relative »solange« (in einemWort) vorstellen: als 
Begleithandlung, nicht als Ergebnis. Dafi der Krug so 
lange zum Brunnen geht, bis etwas Positives eintritt, 
mufi er fiir falsch halt en. Denn im Positiven bedeutet 
»bis« fiir ihn ein »wenn« oder »sobald«, wahrend er es 
sonst als ein »solange nicht« auffafit. Er weifi also nicht, 
was es bedeutet, bis ich ihn nicht dariiber aufklare. 
Und wenn man ihm das »nicht« nimmt, wiirde er es so 
denken: er wisse nicht, was es bedeutet, sobald ich ihn 
dariiber aufklare. Und da hatte er naturlich recht. 



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Juni 1921 
Nur noch und nur mehr 

Es wird nicht mehr viele Deutsche geben, die noch 
den Unterschied von »nur noch« und »nur mehr« zu 
horen und eigentlich zu sehen vermochten. Spurt man 
nur einmal, dafi einer vorhanden ist, so wird man im 
Durchdenken dieser Schwierigkeit zu dem Punkt kom- 
men, wo diese nur noch zu formulieren bleibt und 
nur mehr als eines der Ratsel erscheint, fur das die 
Sprachwissenschaftler keine Losung wissen. Denn wenn 
sie uberhaupt erwahnen, dafi es die eine oder die andere 
Fiigung gibt, wiewohl es sie unaufhorlich gibt, so scheint 
sie ihnen, etwa Sanders in seinen »Hauptschwierigkeiten 
der deutschen Sprache«, selbst eine solche zu bereiten, 
und sie entgehen der Alternative, vor die man doch 
immer wieder gestellt ist (wenn man die Fahigkeit hat, 
hier einen Unterschied zu vernehmen) einfach dadurch, 
dafi sie die beiden Werte gleichstellen und es offenbar 
der Laune uberlassen, die Wahl zu treff en. Es wird indes 
an dem hier eingewobenen Beispiel schon klar geworden 
sein, welch ein wesentlicher Unterschied da besteht. 
»Nur noch« bezeichnet das Stadium einer Verminderung 
mit deutlicher Betonung eben dieses Prozesses, lafit also 
die Subtraktion erkennen, nach der nur noch das 
Bezeichnete iibrigbleibt. Jedoch jenseits dieser Entwick- 
lung, wenngleich infolge einer ganz anderen, abge- 
schlossenen und nicht mehr angeschauten, ist es nur 
mehr ein anderes. Im »nur noch« ist ein Gewordenes, 
im »nur mehr« ein Seiendes betont. »Nur mehr« be- 
zeichnet kein Stadium, sondern nur (in diesem Vergleich 
wieder: nur noch) das greifbare Resultat eines nicht 
soeben erlebten Vorgangs, also nicht das einer Vermin- 
derung, sondern einer Verwandlung, eines Wechsels, 
der ein Grofieres betroffen hat, das nunmehr nur 
mehr ein Kleines ist. (Im »nunmehr« wird das Resul- 
tat anschaulich.) Hier tritt der Unterschied des Grades, 
dort noch die Graduierung her vor. Mithin : »Ich bin nur 
noch der Schatten der Maria« . Aber etwa : »Ich bin keine 



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Konigin mehr, sondern nur mehr eine Gefangene«, 
»Nur noch« ist ein Imperfektum, es erganzt die unvoll- 
endete Vergangenheit ; »nur mehr« ist ein Perfektum, 
es bezeichnet die vollendete Gegenwart. Auf die Frage, 
was sich bei einem Brand begeben habe: »Ich weifi nur 
mehr, dafi die Feuerwehr kam, als ich bewufitlos 
wurde; anderes weifi ich heute nicht mehr.« Doch 
auf die Frage etwa, ob man mit den Eintretenden 
sprechen konnte: »Ich wufite nur noch, dafi Leute 
kamen.« Hier konnte freilich erganzt werden: »Mehr 
wufite ich nicht oder nicht mehr« , indem da wieder das 
Resultat allein greifbar wird. Im Negativen f liefien die 
beiden Begriffe zusammen: Ich weifi nicht mehr, was 
geschehen ist = ich habe kein Bewufksein davon, und; 
ich wufite nicht mehr, was geschah = ich verlor das 
Bewufitsein. »Nicht mehr« dient also der Negation des 
»nur noch« wie des »nur mehr« ; obschon jene ihre 
genauere Deckung eigentlich in einem »nicht w e i t e r« 
(»nichts weiter«) erfahren konnte, wobei wieder, zum 
Unterschied von »nicht mehr«, die Entwicklung inbe- 
griffen ware. (»Mehr« enthalt seinem Wesen ent- 
sprechend, das in die Vergangenheit zuriickschlagt, im 
Gegensatz zu »noch«, das einem Zukiinftigen Raum 
lafit, eine Negation und hat auch den Anschlufi an die 
Negation.) Im Positiven gehen die Begriffe deutlicher 
auseinander. »Nur noch« bedeutet einen Rest, »nur 
mehr« ein Minus. Da in jenem mehr der Begriff der 
Veranderung vorwaltet, in diesem mehr der Begriff des 
Andersseins, so wird der Unterschied sich am ehesten 
mit dem zwischen einer Bewegungsdifferenz und einer 
Zustaiidsdifferenz decken, zwischen einem »erreichen« 
und einem »haben«, einem »werden« und einem »sein«, 
»Es bleibt nur noch librig, etwas zu tun« : das andere ist 
schon geschehen. »Es bleibt nur mehr iibrig, etwas zu 
tun« : anderes lafit sich nicht rnn. (Wieder die Negation.) 
Man spurt, wie sich dieselbe Handlung in verschiedener 
Gefuhlssphare abspielt. Dem planmafiigen »tun« steht 
eines gegemiber, zu dem sich die Erkenntnis des Augen- 



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blicks, die Resignation entschliefien mag. Ganz an- 
schauUch wird das an dem folgenden Beispiel. »Es bleibt 
nur noch iibrig, ihn zu begraben« : nachdem alle vor- 
bereitenden Handlungen erfiillt sind. »Es bleibt nur 
mehr iibrig, ihn zu begraben« : weil sonst nichts anderes 
iibrig bleibt, weil man ihn ja doch nicht zum Leben 
erwecken wird, weil er nicht mehr lebt. »Er braucht nur 
noch kurze Zeit, urn dort zu sein« ist von einem Zeit- 
punkt bezogen, von dem an die Absicht betatigt wird, 
dorthin zu gelangen. »Er braucht nur mehr kurze Zeit, 
um dort zu sein« ware auf eine Leistung bezogen, die 
sich heute schneller bewaltigen lafit als ehedem unter 
anderen Umstanden. »Er braucht nur noch wenig Geld« ; 
zu dem, was er schon bekommen hat. »Er braucht nur 
mehr wenig Geld« : er gibt heute weniger aus als friiher. 
»Er mufi ihm nur noch hundert Kronen geben« : von 
einer Schuld, die abgezahlt wird. »Er mufi ihm nur 
mehr hundert Kronen geben« ; wahrend er ihm friiher, 
etwa als Rente, mehr geben mufite. Streng gefafit, ware 
dort eine durch den zeitlichen Ablauf bestimmte Ver- 
anderung der Quantitat, hier ein im zeitlichen Ablauf 
dargestellter Unterschied von Quantitaten betont. Die 
einfachste Begriffsbestimmung, zu der aber erst nach 
den schwierigeren zu gelangen moglich ist, wird woh] 
die sein, dafi »nur noch« die Differenz innerhalb einer 

Vergieich zur ganzeri j, »nur mehr« die Differenz zweier 
verschiedenen, Handlungen (kurze Strecke im Vereleicb 
zur k langen) -bezeichnet; also jenes den Vergieich inner- 
Hall) einer Handlung, dieses den Vergieich mit einer an- 
deren Handlung. Manche Grammatiker bezeichnen »nur 
mehr« als Austriazismus. Aber ein solcher ist blofi die 
falsche Anwendung in den Fallen, wo »nur noch« zu 
stehen hat. In der Welt der Vorstellungen diirfte diese 
Form viel haufiger gerechtfertigt sein als die andere, 
aber der Osterreicher kennt sie iiberhaupt nicht und 
gebraucht »nur mehr« fur beide Vorstellungstypen, 
also vorwiegend falsch. »Nur noch« kann er gar nicht 



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aussprechen. Den Fall, dafi er nur noch zehn Minuten 
ins Amt braucht: weil er schon den grofieren Teil der 
Strecke zuriickgelegt hat, unterscheidet er nicht von 
dem Fall, dafi er nur mehr zehn Minuten ins Amt 
braucht: weil er iibersiedelt ist und jetzt einen kiirzeren 
Weg zuriickzulegen hat. Er sagt in jedem Fall: » Jetzt 
sind's nur mehr zehn Minuten«. Also auch dort, wo die 
Beobachtung unterwegs angestellt ist und sich nicht auf 
den Vergleich zwischen den Wegen bezieht. Osterreich 
hat nur mehr sechs Millionen Einwohner: nach dem 
Umsturz. Wenn der Osterreicher es sagt, glaubt man, 
dafi er auch die zu verlieren fiirchtet. 

Juni 1921 

Wieso kommt es 

dafi die wenigsten (Sprecher und Schreiber) wissen, dafi 
diese Wendung falsch ist? Weil sie sie nicht zu horen 
und vor allem nicht zu sehen vermogen. Sie fragen dann 
vielleicht, » wieso es moglich ist«, eine Wendung zu 
sehen. Nichts ist unmoglicher als diese und nichts, als 
eine zu sehen, wenn es einem nicht gegeben ist. Wie es 
moglich ist, hier Klarheit zu schaffen, und wie es 
kommt, dafi man sie dann hat, kann aber selbst der 
sehen, dem es sonst nicht gegeben ist. Der Vorgang des 
Kommens ist im »Wieso« bereits enthalten, und die 
Wendung ist ein inveterierter Pleonasmus wie ein alter 
Greis. Ich kann einer Erzahlung mit »Wieso?« oder mit 
»Wie kommt es?« begegnen. Dieses »kommt« ist nur 
ein »wird«. »Wieso wird es« wiirde aber nicht bedeuten; 
auf welche Art wird es, entwickelt es sich so, geschieht 
es, sondern: durch welches Geheimnis der Schopfung, 
aus welchem Ursprung wird es, entsteht es. Nur ein 
»kommen« im Sinne der Bewegung, des Entstehens ist 
mit »Wieso« zu verbinden. Wieso kommt einem ein 
Gedanke, ein Gefiihl. »Wieso kommst du jetzt (da du 
nicht kommen solltest) ?« Jedoch : » W i e ist es moglich, 
dafi du jetzt kommst? Wie kannst du jetzt kommen ?« 



20 



»Ich kann es.« »W i e s o (kannst du) ?« »Es ist moglich.« 
»Wieso (ist es moglich)?« (Da es doch unmoglich 
scheint.) Wieso kommt es — Wie kommt es, dafi es 
kommt. Wie es aber kommt, dafi die wenigsten Leute 
wissen, wie man zu sprechen hat ? Weil sie, was sie nicht 
wissen, von denen gelernt haben, die nicht schreiben 
konnen. Man mag getrost jede Wette eingehen, dafi die 
gefeiertsten Romanschriftsteller den Unterschied nicht 
wahrnehmen und nicht etwa dort, wo sie die Leute 
reden lassen, wie diesen der Schnabel gewachsen ist: 
sondern dafi sie schon ganz von selbst nicht wissen, wie 
man zu schreiben hat. Die meisten von ihnen haben's 
von jeher nicht gewufit, und die iibrigen haben es viel- 
leicht gelernt, aber »daran« vergessen. 

Juni 1921 
Daran vergessen 

Doch diirfen sie darum wieder nicht glauben, dafi 
es unter alien Umstanden falsch sei. Es gibt in der 
Sprache nichts Falsches, das die Sprache nicht zu einem 
Richtigen machen konnte. Die Wissenschaft von ihr ist 
die unentbehrliche Voraussetzung, urn zu wissen, wann 
man sie umgehen darf. Ein Satz konnte aus lauter 
Fehlern zusammengesetzt und doch ein rechter sein, 
Nicht allein ein solcher, der sichtbar einem Sprach- 
gebrauch nachgebildet ist. Die Regeln sind wohl einem 
Sprachgefiihl abgenommen, aber ein feineres konnte 
sich wieder in ihrer Auflosung bewahren. »Daran ver- 
gessen« ware hiefiir ein extremes Beispiel, doch zur 
grundsatzlichen Darstellung solcher Moglichkeit liefie 
sich selbst dieses heranziehen. Es ist von »sich daran 
erinnern« oder »daran denken« bezogen, dessen 
Negierung nicht zu Ende gedacht ist, so dafi aus der 
positiven Sphare das »an«, das ja mit der Erinnerung 
vor allem entschwunden sein sollte, iibrigbleibt. So liefie 
sich der Fall denken, dafi ein »Vergessen«, in dem dieser 
Vorgang noch sehr stark betont sein mochte, etwa mit 



21 



jener Absichtlichkeit, die sich nicht erinnern will, noch 
»an« dem Objekt haften bliebe. Es ware so, dafi man 
eben das, woran man sich sehr wohl erinnert, vergifk 
und diesen Wechsel vornimmt, nachdem das Objekt der 
Erinnerung als solches bereits gesetzt ist, so dafi sich a n 
diesem das Vergessen recht eigentlich betatigte. Wie 
immer im Bereich der Sprache, wo die Gestaltung nicht 
von der Regel, sondern vom schopferischen Willen 
bedingt ist, kame es hier durchaus auf die Kraft an, 
die die Sphare durchdringt, in der das Vergessen sich 
begibt, auf den Atem des Satzes, auf die Umgebung der 
Anomalie, um sie glaubwurdig erscheinen zu lassen. Man 
konnte von einem unzuverlassigen Zeugen, der sich an 
etwas nicht erinnern kann, woran er sich nicht erinnern 
will, wirklich sagen, er habe »daran vergessen«, und 
man hatte dem psychischen Sachverhalt keinen Abbruch 
getan. Denn der Sprache ist es gegeben, auch von einem 
falschen Sprachgebrauch einen richtigen zu machen. 

Januar 1911 

Der Ruckwartige 

»Die Wachleute mufiten sich an den Handen nelimen, um, 
eingekeilt in die vorne und riickwarts andrangende Menge < 

Wie war das also? Wenn die Menge vorne an- 
drangt, so drangt sie ja eben riickwarts, und die Wach- 
leute sind dann zwar bedroht, aber nicht eingekeilt. 
Das sind sie, wenn die Menge vorne und hinten an- 
drangt, denn die Menge, die vorne andrangt, drangt 
riickwarts, und die Menge, die hinten andrangt, drangt 
vorwarts. Man miifite also, um das auszudriicken, 
entweder schreiben, daft die Menge vorne und hinten, 
oder dafi sie (vom Standpunkt der Wachleute gesehen) 
riickwarts und vorwarts angedrangt habe. Aber das ware 
nicht osterreichisch. Deutsch ist, dafi man vorne und 
hinten stent, nach vorne und nach hinten geht oder 
vorwarts und riickwarts. In Osterreich steht man zwar 
vorne, aber nur riickwarts, nicht hinten, und geht »nach 



22 



vor warts « und »nach riickwarts« . Denn der Osterreicher 
fiihlt sich beim Wort »hinten« so sehr ertappt, dafi er 
die grofiten sprachlogischen Opfer bringt, um es zu 
vermeiden. Er setzt fur das zustandliche Adverb das 
Richtungswort, erganzt es dort, wo es wirklich die Rich- 
tung bezeichnen soil, durch das tautologische »nach« 
und erfindet das Adjektiv »ruckwartig« . Alles das, weil 
er sich bei jeder nur moglichen Gelegenheit an den 
Ruckwartigen erinnert fiihlt. 



Mai 1927 
Etwas, wovor man zurUckschrickt 

diirfte die Enthiillung sein, dafi diese Form richtig ist, 
wahrend im Gegenteil kein Autor davor zuriickschrickt, 
dafi er vor etwas »zur(ickschreckt«. Vielleicht sich, aber 
nicht mich! Er »erschrickt« ganz mit Recht, wenn ich 
ihn auf diese Analogie verweise, und er bleibt »er- 
schrocken«c 5 wenn ich wiinsche, ihn davor auch zuriick- 
geschrocken zu sehen und nicht »zuruckgeschreckt«, 
diese falsche Form zu gebrauchen. Doch nie schrak er 
vor ihr ? stets »schreckte« er vor der richtigen zuriick. 
Wenn sie vor etwas »zuriickschrecken«, bewahren sie 
noch Haltung, denn im Plural zeigt sich's nicht, ob sie 
stark oder schwach konstruiert sind. Freilich auch nur 
im Prasens ; schon im Imperf ektum werden sie transitiv 
gestimmt. »Schrick« nicht zuriick, mochte ich jedem 
zurufen, wenn er »schreckt«, statt dafi er schrake. Un- 
erschrocken wie ich bin, aber auch durch keinen Mifi- 
erfolg so leicht erschreckt, gebe ich den Versuch nicht 
auf, abzuschrecken, wiewohl es ein altes, nicht erst 
durch die journalistische Schreckensherrschaft befestig- 
tes Ubel ist und vielleicht Jean Paul der einzige Autor, 
der davor zuriickschrak. Wenn ich die deutsch Schrei- 
benden davor zuriickgeschreckt haben werde, so will ich 
ihnen den Stolz lassen, dafi sie von selbst zuruck- 
geschrocken sind. 



23 



Februar 1930 

Ohne dafi 

ein Mann zum Beispiel aus innerster (gleichgeschlechtlicher) Ein- 
fuhlung nachempfand, weshalb er als Mann geliebt werde, blieb er 
roh und ungefiige. 

Werfel bedarf der Sprachlehre. Die Welt des Begriffes 
»ohne« enthalt mehr Geheimnisse, als sich samtliche 
Mitglieder einer preufiischen Dichterakademie traumen 
lassen, in welche nur Leute aufgenommen werden, die 
keiner Beziehung zur Sprache verdachtig sind und sich 
auch sonst iiber ihr Metier wenig Gedanken machen. 
Unser Dichter driickt so ziemlich das Gegenteil von dem 
aus, was er sagen wollte. Er wollte sagen: Wenn ein 
Mann nicht . . gleichgeschlechtlich empfinden kann, 
bleibt er roh. Er verwechselt sine und si n o n. 
»Ohne« als solches enthalt freilich jene beiden Moglich- 
keiten, zwischen denen annahernd die Spannweite be- 
steht wie zwischen »wiewohl (nicht) « und »weil (nicht) «. 
Es geht also: Ohne gleichgeschlechtliches Empfinden 
bleibt der Mann roh. Mit der Auflosung in den Infinitiv 
— ohne gleichgeschlechtlich zu empfinden, bleibt der 
Mann roh — hapert es schon. Ganz unmoglich: Ohne 

dafi er Da kommt ungefahr das Gegenteil des Sinnes 

heraus, namlich die Anschauung jener, die gleichge- 
schlechtliches Empfinden fur ein Minus halten. Eben 
ein solcher konnte sagen: Ohne dafi X. gleichgeschlecht- 
lich empfindet, ist er roh. Namlich: wiewohl er nicht 
homosexuell ist, welche Eigenschaft doch allein schon 
fur Rohheit spricht. Unser Dichter will aber sagen: Weil 
er (oder wenn er) nicht homosexuell ist, bleibt er roh, 
»Ohne« bezeichnet sowohl eine Bedingung wie eine Aus- 
schliefiung. Nur im zweiten Begriff ist das Auflosen 
moglich. Ohne Presse ware er nicht beruhmt. Da kann 
ich keineswegs verwandeln: Ohne dafi er die Presse 
hatte, ware er nicht beruhmt. Sondern nur: Wenn er 
die Presse nicht hatte, ware er nicht beruhmt. Das 
andere hiefie: Er braucht gar nicht die Presse zum Un- 
beruhmtsein, er ist es sowieso. Dagegen zum Beispiel: 



24 



Ich bin beriihmt ohne Presse. Da kann ich verwandeln : 
Ich bin beriihmt, ohne die Presse zu haben, oder : ohne 
dafi ich sie habe. Also wiewohl. (Freilich hier auch: 
weil.) Ohne es noch deutlicher machen zu miissen, lasse 
ich gegeniiber so kleinlichen Ausstellungen, die doch am 
Weltruhm nichts andern konnen, den Einwand des 
Dichters zu: Ohne dafi Sie die ganze »Barbara« gelesen 
haben, konnen Sie nicht wissen, dafi sie ein Kunstwerk 
ist. Ich repliziere aber: Ohne mehr als dieses eine 
Kapitel gelesen zu haben, weifi ich, dafi sie ein Schund 
ist. (In diesem einen auch Schmutz.) 



25 



Januar 1917 



Dorten 

Sehr geehrter Herr Karl Kraus, 

Es tut mir vom Herzen leid, Ihnen diesen Brief schreiben 
zu mussen. 

Es ist durchaus richtig, was Krausphilologen behaupten: 
»Sein Wort wachst mit der Nichtigkeit des Anlasses«. Mufite dem- 
gegenuber der Anlaft nicht geradezu hochmutig werden, dem der 
Vers gilt: 

»Denn wer nur am Worte reibt sich« ? 

Ist es moglich, hat der Verfasser der »Chinesischen Mauer«r 
u:. des »Prozefi Veith« diese Zeile drueken lassen, die vor den 
Presber und Leipziger keine andere Tugend voraus hat, als das 
Ungeschick? Der Besessene der Sprache schreibt folgcnde zwei 
Verse? 

»aus dem Orkus in das Cafe Arco, 

dorten, Freunde, liegt der Nachruhm, stark o« 

Ist das wirklich die Sprache dessen, der die Sprache an 
alien jenen rachen will, die sie sprechen? Das ist gewifi ein Myj- 
sterium. Ich glaube, der Anlafi ist Ihnen nicht gewachsen. 

Mit der Peinlichkeit dieses Kunstwerks fallt aber leider auch 
die Unantastbarkeit eines menschlicheren Problems in sich zusam- 
men. Ich schicke voraus, dafi mich gerade dieses Problem an sich 
wenig interessiert, dafi ich im Gegenteil derartage Sittengerichts- 
sitzungen nicht mehr als andere Gerichtssitzungen achte, aber ge- 
rade Sie haben ja ofters den biirgerlichen Komment zitiert. 

Ich weifi nicht, ob es von einem besonderen Feingefuhl 
zeugt, wenn ein Gast an die Adresse des gemeinsamen Hausherrn 
eine Melancholie fiber einen anderen Gast richtet, die aber, eher 
eine maskierte Cholerie, den fast horbaren Refrain hait: »Wozu« 
ladst du den noch weiter ein?« An diesem Taktbeweis andert, wie 
ich glaube, auch die Tatsache nichts, dafi der Hausherr die Bereit- 
willigkeit hatte, fur den melancholischen Gast in einem Neben- 
zimmer decken zu lassen. Ferner diirfte es auch kein Milderungs- 
grund sein, dafi jener Hausherr den zweiten Gast hochhalt unter 



26 



den Leuten seiner Gesellschaft, mit ihm verknupft ist durch Blan- 
ches Opfer und in ihm zugleich einen Freund und eine Stutze 
seines Hauses sieht. Wenn der Hausherr auch noch so sehr im 
Irrtum ist, ware das kein Milderungsgrund. Schliefilich muft man 
noch bedenken, daiS dieser Hausherr den verlasterten Gast ge- 
beten hat, ihn beim Hausbau zu beraten, und dafi dieser es war, 
der mit Herzlichkeit, guten Wunschen und Worten die Einladung 
dem andern Gaste uberbracht hat, die der Verfasser der Chinesi- 
schen Mauer und jener zitierten Verse doch annahm! j 

Es soil damit nur bewiesen werden, dafi das Bewufitsein 
des Gastes im Nebenzimmer recht unkontrolliert ist, was ich ihin 
weniger ubelnehme, als die Tatsache, dafi er das nicht einsieht und 
nie einsehen wird. 

Ich prophezeie ihm aber, dafi dieses Bewufitsein, wenn es 
in seiner unbewufiten Tief e unsicher ist, ihm immer den 
Streich lacherlicher Verse spielen wird. An seinen Fruchten werde 
ich ihn erkennen. 

Im ubrigen wird, Karl Kraus (der Sie die Chinesische 
Mauer geschrieben und die Worte: wer an der Sprache reibt sich, 
auf Leipzich gereimt haben) Ihr Hafi einseitig bleaben. 

Feldp. 431. 25. 11. 16. Franz Werfel. 

Dafi Gewurc auf deutsch die Kraft heifit, weifi 
man schon aus jener getadelten »Melancholie« und hatte 
damit zum Verstandnis der Weimarischen Richtung in 
der neueren deutschen Lyrik genug profitiert. Vielleicht 
war es aber noch notig, zur besseren Einfuhlung in den 
Euripides zu erfahren, dafi X ^ 777 ] au ^ deutsch Frech- 
heit heifit. Diese nun unternimmt ihre hoffnungslosen 
Versuche immer dann, wenn sich herausstellt, dafi ich, 
was so oft im Lauf der letzten zehn Jahre der Fall war ? 
in der Entwicklung eines hochbegabten Literaten zu- 
riickgeblieben bin und plotzlich nicht mehr imstande 
war, seine leidenschaftliche Verehrung fur mich zu 
teilen. Ich kann wahrhaftig die Enttauschung eines 
jungen Dichters viel besser nachempfinden als er ein 
Goethesches Gedicht, und ich konnte daraus doch nur 
klappernde Verse machen, von denen er mit Recht 
behaupten wiirde, sie seien nicht meine Sprache — nur 
ware der Unterschied eben der, dafi ich mich in solchen 
Erlebnissen parodistisch einstellen miifite, wobei also 
meine Sprachschopfung im Gerausch der niedrigeren 



27 



Region wirkte, wahrend sein Formtalent sich mit dem 
Pathos der hoheren Spharen anfiillen darf. Der Franz 
Werfel ist zweifellos der weitaus gliicklichste von alien 
Zauberlehrlingen des Wortes, die heute Wunder »auch« 
tun, und zum Gliick zeigt er sich in seinen Gedichten 
noch informierter iiber das Mysterium als in seinen 
Briefen. Von den Stationen, die ich auf der Hollenfahrt 
durch das literarische Scheinmenschentum durch- 
zumachen hatte, war die Bekanntschaft mit dem jungen 
Werfel sicherlich eine, deren Schein von einer Sonne 
schien und die eine Zeitlang das Jungsein, den »schonen 
strahlenden Menschen« darzubieten schien. Aber es ist 
nun einmal das Verhangnis der Erscheinungen, deren 
Materie der Glanz ist, dafi dem Betrachter im Augen- 
blick, und wie durch diescn selbst, der gesehene Schein 
sich in den erkannten Schein verwandelt. Denn was die 
Natur dem Schmetterling und der Frau als tragischen 
Vorzug gewollt hat, verbleibt im Reich des Geistes als 
ein trauriger Def ekt. Dafi ich nun der Mann war, solche 
Unstimmigkeit mit der Schopfung durchproben zu 
miissen und dann verwerfen zu konnen, dafi von mir 
angezogen wurde, was von mir abzustofien war, durfte 
die Generation zwar jeweils enttauschen, aber endlich 
nicht mehr iiberraschen. Wo sich mir einmal der Spalt 
zwischen Wort und Wesen auftat, da konnte ich mit 
Stolz sagen, dafi der Ephialtes ein Muster der Nibelun- 
gentreue gegen mich gewesen ist. Denn mir ist es, wie 
ich dem Franz Werfel an den von ihm bemangelten 
Sprachbeispielen und an der von ihm getadelten Lebens- 
haltung beweisen will, mit jener einzigen Verbindung, 
die ich je im Leben angestrebt habe, furchtbar ernst 
und, ein griindlicher Kenner jenes hysterischen Zwitter- 
zustandes, der die eigene Duplizitat an der Einheit 
rachen mochte, indem er sie ihr vorwirft, kann ich das 
Mitleid mit den Teilbaren — mit den an mir leidenden 
Halften, von denen die eine mich liebt, die andere micb 
hafit, oder mit den Individuen, die nur die Halbscheit 
sind — keineswegs in eine Raison hineinsprechen lassen. 



28 



die mit dem Rest zwischen Dichten und Trachten als 
dem einzigen Bestand der heutigen Geisteswelt unerbitt- 
lich aufraumt. Ich weifi mich nicht frei von Schuld: 
»Ich bin« ; und darum bin ich auch schuld an den Ver- 
wirrungen jener, die »Wir sind« bekennen. Ich weifi 
schon, dafi ich, wie ich der Erreger solcher Unruhe und 
der Anreger solchen Zerfalls bin, auch Schuld damn 
trage, dafi sich die arme Haut nun wund reibt an mir, 
dafi eine zuerst in Ekstase und dann in Selbstbehaup- 
tung vergehende Jugend in der Debatte mit mir sich 
selbst auseinandersetzt, und ich bin nicht fuhllos gegen 
den Anblick, wie sie die Pfeile, die sie zu ihrem Schutz 
erhob, in ihrem Fleisch nach Hause tragt. Aber was 
sollten zwei Adjektive, die miteinander im Streit sind, 
gegen ein Hauptwort ausrichten konnen, als die Bot- 
schaft der Ohnmacht? Werfel tut ganz recht, zu ver- 
sichern, dafi ihn das menschliche Problem »an sich 
wenig interessiert« , aber ich weifi mich, wie er gleich- 
falls mit Recht vermutet, von der Riickstandigkeit eines 
solchen Interesses, pro domo et mundo, nicht ganz frei 
und werde ihm beweisen, wie iibertrieben seine beson- 
dere Gefalligkeit war, den biirgerlichen Komment gegen 
mich schutzen zu wollen, obschon es sich weniger um 
diesen als um den menschlichen handelt. 

Es ist die eigenste lyrische Note des Franz Werfel, 
dafi er das Kindheitserlebnis, welches ihn eine Zeitlang 
an der Hand der Sprachkonnerschaft in den Verdacht 
der Echtheit gebracht hat, liber die Altersgrenze hinaus 
hatschelt, und wenngleich ich nicht imstande war, dem 
Aufschwung des Dichters aus dem Kinderpark in den 
Kosmos bewundernd nachzublicken, sondern im Gegen- 
teil auch hierin nur eine Kinderei erblickt habe, so mufi 
ich doch sagen, dafi jene pantheistischen Sonntagsaus- 
fluge Horizont hatten im Vergleich mit der Kinderei 
dieser Auseinandersetzung, die der Autor bereits in 
einem alliebenden und allverzeihenden Gedicht versucht 
hat, mit dem im Gegensatz zu meinem keine Sprach- 
kritik etwa beabsichtigt war. Seine Frage, ob es moglich 



29 



sei, dafi der Verfasser der »Chinesischen Mauer« und 
des »Prozefi Veith« die eine Zeile hat drucken lassen 
und der Besessene der Sprache die zwei Verse geschrie- 
ben hat, beantwortet sich am besten mit der Versicherung 
Nestroys, dafi Wirklichkeit immer das schonste Zeugnis 
fiir die Moglichkeit ist, eine Erkenntnis, der allerdings 
wieder Goethes Konklusion entgegensteht, er habe es 
gesehen, aber er glaube es nicht. Ich selbst kann es nicht 
leugnen. Ja mehr als das. Jene Verse hat sogar der Ver- 
fasser des Gedichtes »Der Reim«, als den er sich in 
unmittelbarer Nachbarschaft zu erkennen gab, drucken 
lassen und jene Zeile der Verfasser von »Abenteuer der 
Arbeit« . Herr Werf el scheint ihn aber fiir fast so dumm 
zu halten wie er sich stellt, wenn er glaubt, dafi eiiier, 
dem der Wortdienst nicht nur Tatigkeit, Problem, 
Lebensluft ist, sondern auch Inhalt dieser Sprachaben- 
teuer wie der bemangelten Arbeit selbst, nicht gemerkt 
und nicht verhiitet habe, dafi ihm so etwas passiert. Er 
kann ja, wenn er Lust dazu hat, die Zeile »denn wer 
nur am Worte reibt sich« fur wertloser halten als die 
Lyrik, der sie gilt: — zu glauben, dafi einem Gedanken, 
dessen Material die Sprachkritik ist, eben das wider- 
fahren sein konnte, was der Gedanke tadelt: ein »sich 
nur am Worte reiben«, ist zu simpel. Denn die nahe- 
liegende Vorstellung, dafi man sich an dem Worte 
reiben konnte, hatte die Korrektur geboten. Also sej 
ihm, von dem ich wie von dem letzten zufalligen Zeugen 
meiner Arbeit jederzeit einen Rat im Zweifelsfalle an- 
nahme, dessen Urteil nach getanem Werk aber eine 
Anmafiung ist, Aufschlufi iiber den Prozefi erteilt, den 
das Wort durchgemacht hat, bis es die Unzufriedenheit 
eines Sprachkiinstlers erwerben konnte. 

Es unterliegt gar keinem Zweifel, dafi manche 
Zeilen, die ich geschrieben habe, die Herren Presber und 
Leipziger zustande brachten und manche mit grofierem 
Geschick. Wo einer recht hat, hat er recht. Und ich gehe 
sogar so weit, einzuraumen, dafi sie einen Werfelschen 
Vers nicht zustande brachten. Dagegen sicher einen von 



30 



Goethe. Wie das nur kommen mag? Ich verwirre den 
Tadler noch mehr, wenn ich das Problem so fasse: Die 
meisten Verse von mir konnten die Herren Presber und 
Leipziger mit grofierem Geschick schreiben als ich, 
wenn auch nicht mit so grofiem wie Herr Werfel, an den 
die beiden keineswegs hinanreichen. Aber ich bin noch 
unbescheidener : ich glaube, dafi die drei Herren eine 
Zeile von mir, wie sie ist, hinschreiben konnten, und wie 
gesagt auch eine von Goethe, von Klopstock, Claudius, 
Eichendorff usw. Das Geheimnis bestent nur darin, wer 
die Zeile schreibt, in welchem Gedicht sie steht, in 
welcher Luft sie lebt und atmet. Mit dem Vers geht's da 
nicht anders zu als mit dem Wort selbst, das alien 
gehort und das alle treffen. Sollte der Presber nicht 
imstande sein, das Schlufiwort der Iphigenie: »Lebt 
wohl!« zu verfassen, diesen grofiten Abschied, den es in 
deutscher Sprache gibt? Und der Leipziger nicht fahig, 
»leider« zu sagen wie Claudius in dem Satz : » ? s ist leider 
Krieg...«, diesen tiefsten Komparativ von Leid, vor 
dem alle Leidenslyrik vergeht? Die Zeile: »denn wer 
nur am Worte reibt sich« ist an und fur sich schlecht 
und der Reim auf Leipzich an und fur sich billig. Teuer 
wird er mir erst in dem Zusammenhang und Zusammen- 
klang der Spharen, die hier sachselnd und jiidelnd ein- 
ander zusprechen. Ein »sich am Worte reiben« pol] 
Gestalt bekommen und bekommt sie in einem klappern- 
den: »denn w T er nur am Worte reibt sich« und dieses 
Gerausch ist, wenn's auch dem Lyriker unf afibar scheint, 
zugleich mit dem Reim »Leipzich« dagewesen und nicht 
diesem zuliebe erfunden worden. Dafi es keinen andern 
Reim auf Leipzig geben kann, mufi etwas zu bedeuten 
haben, und es klappert nicht durch mein Ungeschick 
oder durch mein Versehen, sondern es klappert das, was 
klappert und so dargestellt werden soil. Herr Werfel 
ahnt gar nicht, wie unbewufit hier das Gelingen und wie 
bewufit hier das Mifilingen ist, und er nehme getrost an, 
dafi da keine andere Arbeit geleistet wurde als an jedem 
der andern Gedichte, als an jeder Zeile der Chinesischen 



31 



Mauer, und nur ein geringerer Wert zustande kam, wenn 
das Erlebnis der Drucklegung Werfels etwa ein gerin- 
geres ist als das der europaischen Moral oder meiner 
Wortschopfung oder des Anblicks eines tangotanzenden 
Morders, dessen Beschreibung in Versen ihn zu 
ekstatischem Beifall hingerissen hat. Der Wertunter- 
schied meiner Abenteuer geht ihn aber herzlich wenig 
an, und sollten die Kraus-Philologen mit der Ansicht, 
dafi mein Wort mit der Nichtigkeit des Anlasses wachse, 
recht haben, weil ja auch der Wert der Gottesschopfung 
mit der Nichtigkeit ihrer Zerstorer wachst, so sollte er, 
anstatt »hochmiitig« zu werden und von dem Unwert 
meiner Zeile auf seinen eigenen Wert, lieber umgekehrt 
von seinem Unwert auf den Wert der Zeile schliefien 
und beruhigt nach Hause gehen. 

Wenn er »dorten« angelangt ist und den Zorn ab- 
gelegt hat, moge er den Grimm zur Hand nehmen. Aber 
nicht die Marchen, die seiner Entwicklung ja doch nicht 
mehr angemessen sind, sondern das Worterbuch. Dorten 
wird er finden, dafi diese deutsche Form, die sicherlich 
eine unorganische Form fur dort ist, »schon im sech- 
zehnten Jahrhundert« , also zu einer Zeit, wo die junge 
Prager Lyrik noch nicht die Freiheit hatte, sich in 
deutsche Sprachhandel einzulassen, »vorkommt und sich 
bis jetzt erhalten hat«. Hans Sachs: »und heifi aufsitzen 
dorten den Hiiter meiner Ehrenporten« . »Dorten« sagt 
auch Kant. Wieland: »Bald da, bald dorten hin«. »Und 
die dorten liegen erschlagen am Boden« : Tischbein in 
Mercks Brief en. »Mit dem Vorsatz dorten Fabriken anzu- 
legen«, »Den Professor Garve habe ich auch dorten 
kennen lernen«, »Ich fand in der Beschreibung von 
Mahren, dafi es dorten eine Art Leoparden geben soll« : 
Karl August, Herzog von Weimar in Mercks Briefen. 
Womit wir uns sowohl bereits dem Zeitalter der alten 
Weimaraner bedenklich nahern als auch schon in Mahren 
sind. Wie sagt doch Goethe? »Liebe und lieble dorten 
nur, dorten«, »Die Bude die man dorten schaut«, »Eine 
Antwort von Rom — weil man dorten das Alte weder 



32 



auf heben noch das Neue verhindern wollte« , » Von dorten 
soil sie in das fernste Land«, »Und es rauschte hier und 
rauschte dorten«, »Dorten zeigt sich das Meer und das 
Land und die Inseln der Ferne« , »Denn nicht die Gestalt, 
die in der Kunst ruht, gelangt in den Stein, sondern 
dorten bleibt sie, und es gehet indessen eine andere ge- 
ringere hervor«. Das mag sein, aber man soil nicht 
leugnen, daft sie von der Kunst herkommt. »Die dorten 
wohnen, sind dir alle viel zu jung«. Womit wir vielleicht 
schon bei den jungen Pragern angelangt waren. Wie 
sagt doch Schiller (nicht der am Graben) : »Denn dorten 
fand ich, die ich nie gesucht.« Und er rat: »Und frage 
mir die Knechte dorten, ob sie getan nach meinen 
Worten«. Nein, sie haben sie nur bewundert, aber nicht 
nach ihnen getan, und weil ich ihre Worte und ihre Taten 
nicht bewunderte, meine Worte geschmaht und meine 
Taten. W erf el drangt sich an meinen Schreibtisch und 
in mein Leben. Wie sagt doch Goethe? »Nein, nein, 
mein Herr, dort dorten ist Ihr Platz.« Und in 
welche Richtung weist wieder Schiller, wenn er sagt: 
»Das Wort klingt immer gut von dorten her« ? Aber 
er scheint es nicht mit dem Weltfreund zu halten: 
»Dorten wirst auch du uns wieder finden, wenn dein 
Lieben unserm Lieben gleicht.« Wie sagt doch 
Riickert? »Hie und dorten, fruh und spat bin ich nach 
dem Schein gezogen.« Ja, das ist mein Fall, und nun 
bufie ich's; aber Platen trostet: »Quacken mag im 
Sumpfe dorten jenes tiickische Gelichter«. Und damit 
waren wir in der Tat im Cafe Arco eingetroffen. Nun 
wiirde es sich nur noch darum handeln, Belegstellen aus 
einem Milieu und einer Epoche zu erbringen, die einem 
jungen Prager leichter erschliefibar sind, wenn ihm 
schon gegen alle Erwartung die Sitte der Dioskuren, 
»dorten« zu sagen, nicht gelaufig war. Und hier muU 
ich ihm ein Gestandnis machen. Ich verzichte freiwillig 
auf jede Chance, mich von den Klassikern verteidigen 
zu lassen: »dorten« ist ein, wenn auch geheiligter, Mifi- 
brauch, ich will sogar zugeben, dafi es nicht deutsch ist, 



33 



ich will, meinetwegen, offen einbekennen, dafi es jiidiscb 
ist. Ich habe die Anwendbarkeit der Form nur bewiesen, 
um Herrn Werfel zu zeigen, welche Leistung von mir 
an dieses Wort gewandt wurde, welche Skrupel ich zu 
uberwinden hatte. Ich wufite namlich, dafi »dorten« 
leider auch deutsch ist, und ich wollte durchaus, dafi es 
nur j li d i s c h sei ! Herrn Werfel ist die deutsche An- 
wendung nicht bekannt, nur die jiidische. Das ist mir 
eine Beruhigung. Denn ich habe die jiidische Form ge- 
braucht, wie einen Bissen von Brod und gefurchtet, man 
werde es fur deutsch halten. Nun benimmt Werfel 
meinen Zweifel und es ist mir dabei ganz gleichgultig, 
dafi er nicht die Absicht versteht, die mich geleitet hat, 
und mir diese als Entgleisung anstreicht. Ich wollte ent- 
gleisen und er beweist mir, dafi es mir gelungen ist. Er 
ist sachverstandig ; und jetzt weifi ich, dafi das Milieu 
dorten, das ich in einem Wort fassen wollte, durch dieses 
ghicklich gefafit ist. Hielte er »dorten« fur gut deutsch, 
was es ja leider auch ist, so wollte ich die Zeile lieber 

so setzen: »Dort, o Freunde « Aber der einfachere 

Vokativ »Freunde« ist mehr schillerisch und ich brauchte 
das zu dem jiidisch-schillernden Doppelgesicht, das jede 
Zeile haben soil. Es ware also, wenn dorten rein jiidisch 
wirkt, mit.»dorten, Freunde« in hohem Grade getroffen, 
so schon wie mit »zwo Gewuren« . Ist es nicht ein Spafi, 
dafi das leibhaftige »Dorten«, das in Prag auf zwej 
Beinen steht, sich dagegen straubt, gesehen zu werden? 
Dafi einer, den ich hore, darum behauptet, ich konne 
nicht deutsch ? Was wollte ich denn anderes, als dafi aus 
dem Cafe Arco das »dorten« formlich herausspringt, 
wenn man nur in Gedanken vorbeigeht? Was horte ich 
denn anderes als den Dialog: »Bittich Haas, hast du 
Werfel nicht gesehn?« » Werfel is herich noch im Arco ! ? 
Is er nicht dorten ?« »Ich war dorten mit Brod, Werfel 
is nicht dorten !« »Ich hab ihn doch dorten gesehn!?« 
»Ich hab doch dorten gewartet!?« »Schau her — dorten 
kommt er!« Ware ich dabei, so wiirde ich ihn fragen, 
ob er nun meine Absicht versteht; dafi sie erfiillt ist, 



34 



konnte er nicht mehr leugnen. So wenig wie ich sein 
Recht, einen Reim wie den auf das Cafe Arco zu ver- 
ponen, der doch wahrlich der Poesie so schlecht ansteht 
wie dieser Regriff als solcher. Der Mangel, den er an- 
streicht, wiirde die Erhabenheit seiner Sprachwelt 
sicherlich herabmindern. Aber soil er das nicht? Wil] 
er nicht der beabsichtigte Schritt zum Lacherlichen sein ? 
Man darf nur nicht zu schiichtern zitieren: der Satz ist 
nicht zu Ende, es folgt die sehr undeutsche Wendung 
von dem Nachruhm, der dorten »stark aufliegt«. Wieder 
paart sich etwas, es gibt ein »unerlaubtes Verstandnis« 
zweier Gedanken im Reim, also ein Einverstandnis, das 
keinen Sprachsittenrichter angeht: zwischen dem »stark 
aufliegen« und einem pathetischen Element, jenem 
Vokativ »o« , der Herrn Werf el gelaufiger ist als Schillern 
und den er der neufranzosischen Lyrik verdankt. Es ist 
ein weiterer Spafi, dafi Herrn Werf el die jiidische Far- 
bung in der Form »dorten« sogleich, wenn auch nicht 
als meine Absicht, eingeleuchtet hat, wahrend er den 
Nachruhm, der »stark aufhegt« anstandslos passieren 
lafit und alle die andern Jargongreuel, von denen das 
Gedicht strotzt. Rei »Gewure«, das ausdriicklich uber- 
setzt ist, mag ja Herr Werfel verstanden haben, dafi es 
nicht die Sprache des »Resessenen der Sprache« ist, aber 
Wendungen wie »ausgerechnet«, »unberufen«, »morgen 
hat er wieder andere Sorgen« sind ihm gar nicht auf- 
gefallen, weil sie ja aufterlich deutsch sind, wahrend 
»dorten«, das er aufierlich fur eine Mifibildung halt, 
ihm den Verdacht eingab, dafimein »unsicheres Rewufit- 
sein« sich eine Jargonwendung habe entgleiten lassen. 
Fur semen Zweifel, der den meinen (dafi es fiir deutsch 
gehalten werden konnte) beseitigt hat, bin ich ihm dank- 
bar. Er hat ganz recht, wenn er meint, dafi es nicht die 
Sprache dessen ist, der die Sprache an alien jenen, die 
sie sprechen, rachen will; es ist wirklich die Sprache 
aller jener, die sie sprechen. Dafi es mir aber darauf 
ankam, diese nachzusprechen, und dafi meine Sprache 
auch die JCraft ist, dies zu vermogen, versteht er nicht 



35 



oder er tut so, als ob er es nicht verstande. Nur ist es 
dann, so oder so, unbegreiflich, warum er nicht die 
hunderttausende vori jiidischen, wienerischen und berli- 
nerischen Wortfetzen, die von meinem Sprachstrom 
mitgenommen werden, tadelnd auffischt und behauptet, 
dafi es schlechtes Deutscli sei. Ich glaube, er hat recht; 
Der Anlafi ist mir wirklich nicht gewachsen. Ich glaube, 
dafi eine grofiere Dummheit nicht einmal von einem 
Oberlehrer in Leipzich versucht werden konnte, der 
etwa zum erstenmal ein Heft der Fackel in die Hand be- 
kommt und nun aus der Glosse »Vor dem Hollentor« 
zu dem Eindruck gelangte: Ist es moglich, dafi dieser 
Krause, der so'n gediegenes Deutsch schreiben soil, dieses 
lacherliche Negerlallen zustande gebracht hat? 

Mit der »Peinlichkeit dieses Kunstwerks« fallt nun 
aber fur Herrn Werf el, wie er versichert, »die Unantast- 
barkeit eines menschlicheren Problems« zusammen. Er 
beginnt also anzutasten. Er kommt mir wie jeder Patient, 
in dessen Brust zwei Larven wohnen, psychoanalytisch 
bei und iiberruhrt mich seiner Schwache. Er wei6 nun- 
mehr, dafi die Zweiheit in mir sitzt; dafi mein Bewufit- 
sein solange unkontrolliert dahin gelebt hat, bis es von 
ihm, ausgerechnet oder unberufen, kontrolliert wurde; 
dafi es in der unbewufiten Tiefe unsicher ist und mir 
darum immer den Streich lacherlicher Verse spielen 
wird. An meinen Friichten wird mich Werfel f ortan er- 
kennen. Ich bin bescheidener und habe mich damit 
begniigt, die Friichte Werf els an ihm selbst zu erkennen, 
Ich habe so lange nicht gewufit, ob seine Verse etwas 
taugen, bis ich gewufit habe, dafi er nichts taugt. Wenn 
ich nun wieder die Probe auf ihn machen rmififce, so 
wiirde mir statt seiner Verse die Kritik, die er an den 
meinen iibt, vol! auf gentigen. Er bezieht sie hauptsachlich 
auf sich und beweist wohl schon damit allein, dafi er es 
mit Recht tut. Ich kenne die seelische Wurzel dieses 
Drangs, sich an meinem Wort zu reiben, ich habe zu 
lange im Zwielicht solcher Dioskuren-Seelen gelebt, um 
ohne jede psychoanalytisch e Vorbildung den Fall beur- 



36 



teilen zu konnen. Herr Werfel vermifit sich also, ganz 
in der Art, wie schon weniger begabte Abkommlinge 
meines Lebenskreises, mir die Halbschlachtigkeit, die 
sein Ganzes bildet, zum Vorwurf zu machen. Er ist in 
ungereiztem Zustand sicherlich ein guter Junge und sein 
in die Nachstenliebe zuriickgezogenes Literatentum kei- 
nes schlechten Planes fahig. Er will mir wohl im Ernst 
nicht intriganten Neid und ein zimmerunreines Betragen 
vorwerfen, sondern wohl nur aus Arger jene Disposition 
zu Bewufkseinstrtibungen anheften, von der er sich gern 
befreien mochte. Es ist aber notig, die Angelegenheit, 
in der die Beschwerde spielt, klarzustellen, damit diese 
nicht die Form jener Geruchthaftigkeit annehme, die 
heute Druckerschwarze zur Verfiigung hat, und damit 
ich Werfel ohne viel Federlesens davon iiberzeuge, wie 
schon Hans Sachs es mit mir hielt, alserjustamentsagte: 
»und heifi aufsitzen dorten den Hiiter meiner Ehren- 
porten.« Herr Werfel also nennt mich einen »Gast«, der 
den »gemeinsamen Hausherrn« heimlich, aber offentlich 
iiberreden mochte, einen andern Gast nicht mehr einzu- 
laden. Dies findet er taktlos, wenngleich der Hausherr 
die Bereitwilligkeit hatte, fur mich »in einem Neb en- 
zimmer decken zu lassen«. Und um so taktloser scheint 
es ihm, als er, der andere Gast, es war, der die Einla- 
dung an mich iiberbracht hat, die ich »doch annahm«. 
Wenn die Manieren des anderen Gastes so schlecht 
waren, wie sein Gedachtnis, wiirde ich wirklich fiir den 
Hinauswurf stimmen. Nun stimme ich ja auch so fiir 
den Hinauswurf, aber ganz anders als er sich das vor- 
stellt. Sein Vergleich ist verfehlt. Ich will nicht, dafi der 
Gast entfernt werde, der unter den Gasten dieses Hauses 
beileibe nicht einer der iibelsten ist, sondern ich will, 
dafi das Haus gesperrt, das heifit von den Gasten gesau- 
bert und von den »Stiitzen« befreit werde. Auch wenn 
damit auch mein Zutritt ins Nebenzimmer, wo fiir mich 
(begreiflicherweise) eigens gedeckt ist, unmoglich ware. 
Nun liegt aber der Fall so, dafi ich gar nicht essen will I 
Dafi ich zu dem »Hausherrn« gar keine anderen 



37 



Beziehungen habe, als die, dafi er mir angenehm ist und 
dafi ich ihn fiir einen der seltenen deutschen Menschen 
halte, deren Seele noch an den Wundern des neuen 
Deutschland Schaden nehmen kann; dafi ich ihm wun- 
sche, er ware kein Hausherr, und dafi ich ihn beklage, 
weil er, ehe er mein Wirken kannte. aus dem reinen 
Glauben an jungdeutsche Moglichkeiten Opf er fur deren 
furchtbarste Erfullungen gebracht hat. Durch eben die 
Errichtung des Hauses, bei der Herr Werfel als »Stiitze« 
und Berater geholfen hat; durch eben die Griindung des 
Kurt Wolff -Verlags, der einem Menschen gehort, dessen 
Haut, wenn es noch einen Glauben an Menschliches gibt, 
an dem »Jungsten Tag«, der bei ihm einbricht, welken 
mufi. Dieser von mir als »edler Jiingling« offentlich 
angesprochene, offentlich in Gegensatz zu den Autoren 
seines Verlages gebrachte und nicht etwa in Privatbrief en 
um die Beseitigung des Herrn Werfel gebetene Verleger 
schien mir durch die sturmische Bewerbung um mein 
Werk, dessen Problem, Stoff, Inhalt, Sprache gegen die 
Existenz der Autoren des Kurt Wolff- Verlags, gegen 
das Chaos der Literaturhysterie denkt, handelt, wirkt, 
lebt, zu beweisen : dafi es ihn menschlich angeht. In un- 
gezahlten Briefeti, Telegrammen, Unterredungen hat er 
mir seinen sehnlichen Wunsch bekundet, um die Ver- 
breitung meiner Schriften in Deutschland bemiiht zu 
sein. Auch Herr Werfel, dem die Befahigung zur Uber- 
bringung einer Botschaft nie bestritten wurde, war der 
Bote solchen Wunsches, den ich jedesmal unter Hinweis 
auf den grausamen Kontrast meines literarischen Daseins 
zu der Richtung jenes Verlages abgewiesen habe. Ge- 
rxihrt durch die Selbstlosigkeit, die sich mit einem so 
unbequemen, unbeliebten, jedem Verlag, ja dem eigenen 
Vertrieb hinderlichen Autor abgeben wollte, beruhigt 
durch die Versicherung, dafi die Art der Administrierung 
mich aufier die Reihe der andern Autoren stellen wiirde, 
schlofi ich einen Vertrag, durch den sich der Verleger 
auch zur kostspieligen Ubernahme des damals sieben 
Jahre stehenden Satzes von »Kultur und Presse« ver- 



38 



pflichtete. Aller materiellen Vorteile ungeachtet, ent- 
sagte ich ein Jahr spater diesem Vertrag, weil einer der 
typischen Literarhysteriker, die in dem Verlag erschei- 
nen, mich in einem Briefe, dessen Bote gleichfalls Herr 
Werfel war, mit den Wort en anredete: »Ich weifi jetzt, 
dafi Sie christushaft sind!« Ich wufite jetzt, dafi mein 
Auftreten unter solcher Truppe, deren Bestand und 
Moglichkeit mich immer intensiver beschaftigte, eine 
Literaturpikanterie ohnegleichen ware, und bat Herrn 
Kurt Wolff in einem April 1914 verfafiten Dokumente, 
das eine voile Klarstellung des Gegensatzes enthielt 
zugleich mit der Anerkennung seiner Freundschaft, der 
ich das Opfer bringen wollte, in keinem andern deut- 
schen Verlag zu erscheinen, urn Auf losung des Vertrages, 
denn ich ware statt eines giinstigen Kontrakts einen heil- 
losen Kontrast eingegangen. Wie er den Widerspruch, 
in dem er zu der von ihm genahrten Literatur mir zu 
leben scheine, in sich selbst austragen wolle, miisse ich 
ihm iiberlassen. Ausdriicklich war jeder Versuch eines 
Eingriffs in die wirtschaftliche Existenz der in ihrem 
geistigen Dasein gehafiten Literatenklasse vermieden, 
jede Moglichkeit, mein Erscheinen im Kurt Wolff -Ver- 
lag an die Bedingung des Nichterscheinens anderer zu 
kniipfen, abgewiesen und klipp und klar die Wirksam- 
keit meines Entschlusses bis zu dem Zeitpunkt erstreckt, 
da Herr Wolff die Unvereinbarkeit in sich selbst be- 
reinigt habe, wobei ich es schliefilich begreiflich fand, 
dafi man einer reinern Lebenserkenntnis zuliebe wohl 
die Fackel schreiben konne und miisse, aber nicht auf- 
horen miisse und konne, Verleger zu sein. Unter voller 
Wiirdigung meiner Beweggriinde verzichtete er auf 
Einhaltung des Vertrags; und ohne dafi sich das gering- 
ste an unserer personlichen Beziehung geandert hatte, 
Ich hatte auf die giinstigste Moglichkeit einer Verbrei- 
tung meiner Werke in Deutschland, auf einen unmittel- 
baren Vorteil, der sich aus dem Vertrag ergab, verzichtet, 
und dies alles, weil es mir umnoglich war, mit meinen 
gliihenden Verehrern an einem Tische zu sitzen. Da kam 



39 



Herr Wolff, etwa nach einem Jahr, mit dem Vorschlag, 
ein Nebenzimmer, nein, eine streng separierte Wohnung 
mit eigenem Eingang, fur mich aufzusperren, einen be- 
sonderen Verlag fiir meine Werke zu griinden. Diese 
von ihm manifestierte vollstandige Trennung von Tisch 
und Bett der Literatur-Liebschaften durfte mir geniigen, 
Ihr Vollzug gibt aber auch hinreichend deutlich zu ver- 
stehen, daft mir die Luft in jenem andern Zimmer, die 
Gesellschaft dorten, ihre Gesprache, ihre Tischmanieren 
nicht erwiinscht waren, nicht etwa umgekehrt. In meiner 
Entfernung ist so klar meine Aversion, mein Urteil iiber 
jene Gesellschaft, die Respektierung dieses Urteils durch 
den Verleger ausgesprochen, daft sie mit viel mehr Recht 
die Tatsache selbst als jede weitere Bemerkung, die ich 
dazu mache, mir, oder ihm, veriibeln konnte. Worin die 
Taktlosigkeit bestehen soil, wenn ich im weiteren Ver- 
laufe vor der Aufienwelt, vor der ich keine Geschafts- 
geheimnisse habe, in einer Anrede an den Hausherrn 
(die im Hause selbst reproduziert werden wird) aus- 
driicklich sage: »Ich sitze hier, weil dorten zuviel ge- 
schwatzt wird«, ist unerfindlich. Naturlich wiinsche ich 
weiterhin und immer mehr, je naher ich den sym- 
pathischen Hausherrn kennen lerne, daft er von dem 
Ungltick verschont bleibe, solche Gaste zu haben. Aber 
das ist doch weift Gott ein menschliches und ein 
Literatur -Problem zugleich. Ich mifigonne ja keinem 
das Essen, jeder hat recht, wenn er so tief und so un- 
gezogen in die Schiissel langt, wie er nur will und es in 
der Kinderstube gelernt hat: — nur daft ich eben lieber 
sahe, der Gastgeber ware ein Agent aus Budapest-Berlin 
und kein Gentleman. Der Gast Werfel verlangt docb 
etwas zuviel von mir, wenn er mir zu bedenken gibt, daft 
jener durch manches Opfer mit ihm verkniipft sei, und 
mich ermahnt, bei meinem Tadel auf eben das Riicksicht 
zu nehmen, was ich tadle. Waren es selbst Opfer, die 
Herr Werfel gebracht hat, so ginge es mich wenig an, 
Aber mir die vorzuwerf en, die der Verleger ihm gebracht 
hat und von mir dafiir Dankbarkeit zu verlangen, heifit 



40 



denn doch die hysterische Auffassung des Lebens iiber- 
treiben. Ich mufi immerhin sagen, dafi ich einen Wink 
in Dingen des Anstands grundsatzlich lieber von alten 
Weimaranern als von jungen Pragern annehme, und ich 
denke wohl 5 dafi jene mir bestatigen wiirden, dafi es, 
seitdem sie abgeschieden sind, keine reinere, weniger 
auf Gewinn gerichtete Beziehung zwischen einem Autor 
und einem Verleger gegeben hat als die zwischen mir 
und Herrn Kurt Wolff. Ich kann von ihm nicht ver- 
langen, dafi er meine Forderungen verwirkliche. Ich 
kann ihm wiinschen, dafi er seinen Erfullungen entsage 
und aufhore, Verleger zu sein, auch wenn dies meine 
Aussperrung bedeuten wiirde, woriiber ich — der 
»Tisch« kann das nicht fassen — ganz fidel ware. Ich 
mufi es ihm iiberlassen, mit dem Konflikt f ertig zu wer- 
den, da er ihn doch wohl erlebt. Dafi er darum auf die 
reinlichste Art bemuht ist, weifi ich. Er wieder weifi, dafi 
ich in geistigen Dingen keine Relativitat zulasse und 
wiewohl ich Werfel fur besser halte als Presber, 
immer noch eher dafur bin, Wurst und Presber zu ver- 
legen, als Brod und Werfel. Wohl nimmt der Handler 
des Genufimittels einen hoheren Rang ein als jener, der 
von dem Fluche lebt, dafi die Kunst ein solches geworden 
ist. 1st die Befriedigung eines Bediirfnisses zum Zwecke 
der Selbsterhaltung eine doppelt notwendige Funktion, 
so ist die Erniedrigung der Literatur zum Bediirfnis ein 
Kulturiibel. Aber das gibt es schon und es bleibt als 
soziale Kategorie ubersehbar. Schlimmer ist die Ver- 
falschung des geistigen Nahrungsmittels, die Duldung 
und Begiinstigung der scheinbaren Individualitaten, die 
Kreierung der farbigen Literatur, die Nahrung und 
Honorierung der Hysterie, denn solcher Fortschritt 
stiftet Verwirrung und verschiebt die Grenzen der 
Kunst, die doch von den Unterhaltungen des Publikums 
nicht alteriert wird. Hier ist immer eine Trennung mog- 
lich, dorten Vermischung unausbleiblich, die Kunst wird 
das Opfer des Unterhaltungsdrangs, und sie leidet 
schwerer durch die Verwechslung des Schwindels mit ihr 



41 



als durch die Bevorzugung des Handwerks vor ihr, 
Zehn schlechte Schmierer richten bei weitem keinen so 
grofien Schaden an wie ein guter Expressionist, dessen 
halbe Seele sich gefahrlicher in den Betrieb dieser neuen 
Welt fiigt als die Hand des Romanhandlers, der vom 
Betrieb die Inspiration empfangt. Ich kann mir denken, 
dafi im Zwang der Tatsachen ein anstandiger Mensch 
einen Literaturhandel treibt wie irgend ein Unterneh- 
men, wovon der Leib leben will, und ich weifi wohl, dafi 
das Leben des andern nicht die Konsequenz meines 
Denkens vorstellen mufi, ohne vor diesem schuldig oder 
auch nur zweifelhaft zu sein. Aber ich furchte fur den, 
der diesem Denken entgegenlebt und einer neuen 
Geistigkeit, die doch nur eine Fiebererscheinung der 
aufgegebenen Zeit ist, zu nahe kommt. Der Hausherr 
weifi, wie ich's meine, und dafi ich's gut meine. Der 
Gast aber, dem ich fur nichts als fur die Notigung, etwas 
zu aufiern, zu danken habe, soil nicht glauben, dafi ich 
ihm die etwas lebhafte Darstellung dessen, was taktlos 
ist, libel nehme. Im Gegenteil bin ich bemuht, ihm fur 
seine weitere Entwicklung einen Halt zu geben, indem 
er doch in Gefahr ist, sich durch jeden Vorwurf, den er 
gegen seine Mitmenschen erhebt, zu nahe zu treten. Icb 
wiifite ja gar nicht, dafi er »dorten« sagt, wenn er es 
mir nicht vorwiirfe, und ich erfuhre nicht, dafi er in 
geistigen Dingen aus der Gefuhlssphare der Konkurrenz 
heraus Stellung nimmt, wenn er es mir nicht zutraute. 
Er sollte bei der Nachstenliebe bleiben. Dieser All- 
erbarmer, der zum Schlufi seiner Feldpostbriefe und 
Weltpostgedichte den Hafi, den er mir nebst dem Neid 
zuschreibt — nach der Methode, mit der die neu- 
deutsche Hysterie das Weltkriegsmotiv verschiebt — , 
immer am Tatort zurxicklafit, ist zu schonungslos gegen 
sich selbst. Er vergifit, unter den Dingen, die ihm auf 
Erden Mitleid einflofien und die »sind«, damit er sich 
ihrer lyrisch erbarme, sich selbst in seinem Konflikt mit 
mir zu bedenken. So ist es an mir, den mir weltfreund- 
lich zugestandenen Hafi wieder abzulehnen und zu be- 



42 



weisen, dafi auch ich des Mitleids fahig bin. Und so 
mochte ich ihm sagen, wie sehr es auch mir von Herzen 
leid tut, ihm auf seinen notgedrungenen Brief antworten 
zu miissen. Zumal jetzt. Denn ach, ich habe schon trau- 
rigere und wurdigere Feldpostbriefe empfangen, und es 
ist wahrlich eine Zeit, in der das Herz nur eins ist mit 
dem Wort, wenn sie beide zerrissen sind, und nicht 
danach angetan, Fassung und wohlgesetzte Rede zu be- 
wahren. Ich bemiihe micb, weifi Gott, nur die Gurgel- 
laute nachzusprechen, die unter dem Schicksalsgriff 
noch horbar werden, und man tut Unrecht, mit mir iiber 
gutes Deutsch zu streiten. Ach, wir verfehlen es alle, 
und am sichersten gehen jene, die sprachlos stehen yor 
dem, was sich hienieden begibtl Denn selbst die es iiber - 
standen haben, rufen noch im traurigsten Distichon, das 
je einen Schmerz din*ch die Zeiten trug, einen Fehler 
ins Leben. Wie sagt doch Schiller? 

Wanderer, kommst du nach Sparta, verkiindige dorten, 

du habest 
Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl. 



43 



November 1920 



Druckfehler 

Der Plan, Briefschreibern das Handwerk statt zu 
legen blofi zu beschranken, indem man ihrem Mit- 
teilungsbediirfnis die Anzeige von Druckfehlern freigibt 
und ihrem Personlichkeitsdrang das Bewufitsein, sich 
niitzlich zu machen, war die Idee eines Hexenmeisters, 
der sich einmal wegbegeben hat. urn als sein eigener 
Zauberlehrling zuriickzubleiben und das Chaos einbre- 
chen zu lassen. Da nun die Not grofi ist und die ich rief , 
die Geistlosen, ich anders nicht los werde, so bleibt 
nichts iibrig als die ausdriickliche Zuriickziehung jenes 
Ersuchens, das an und fur sich nur eine notgedrungene 
Erlaubnis war. Fast wird es ertraglicher sein, wenn die 
vazierende Intelligenz, die sich seit jeher durch micb 
noch mehr gereizt fiihlt als umgekehrt und die mich mit 
dem Balken in ihrem Aug liest, um den Splitter in dero 
meinen zu bemerken, sich wieder mehr an den Themen 
der Fackel zu schaffen macht als am Druck. Den 
wenigen, die in dankenswerter Weise technische Fehler 
bemerken und mitteilen, stehen die vielen gegeniiber, 
die unter dem Vorwand, auf solche hinzuweisen, ihre 
Kritik* an Satzen der Fackel erlaubt finden, fiir deren 
vermeintliche Fehlerhaftigkeit doch der blindeste 
Glaube an meine Unfehlbarkeit nicht den Drucker ver- 
antwortlich machen konnte. Die Heuchelei aber, die fiir 
den eigenen Unsinn nicht mich als den Anreger verant- 
wortlich zu machen wagt, sondern einem offenbar Un- 
beteiligten die Schuld gibt. ist derart antipathisch, dafi 
die Summe, die man von jedem dieser Zudringlichen 



44 



fur die Kriegsinvaliden einheben imifite, mit dem kxirz- 
lich normierten Strafsatz zu niedrig bemessen scheint. 

Einer bietet unter der Rubrik »Druckfehler« die 
Dberzeugung an, dafi es irgendwo statt: etwas »nicht 
wahr haben« »nicht fur wahr halten« heifien miisse. 
Er will es nicht wahr haben, dafi es jene Wendung gibt. 
Aber dafi er einen so komplizierten Druckfehler ange- 
nommen hat, kann ich nicht fur wahr halten; sondern 
nur hoffen, dafi er den sprachlichen Unterschied zwi- 
schen einer Tatsache, die er nicht gelten lafit, und einer 
Behauptung, die ich bestreite, nunmehr anerkennen und 
Ruhe geben wird. 

Ein anderer meint, dafi in der Stelle: 

— wie anders steht Ungarn vor der Welt da als wir, wie anders als 
der Bettlerstaat, der wir mit Ungarns Hilfe geworden sind, steht ein 
Rauber staat da, wie anders als ein Staat der Arbeitslosen ein Staat, 
der den Willen zur Selbsterhaltung durch den Strick befestigt und 
hierauf durch die Bande der Dynastie! 

es richtig heifien soil »ein Staat der Arbeitslosen, ein 
Staat «. Er halt also das wiederholte Subjekt fur ein fort- 
gesetztes Pradikat, identifiziert den Staat der Arbeits- 
losen mit dem Staat, der den Willen zur Selbsterhaltung 
durch die Bande der Dynastie befestigt, mit einem Wort, 
er vereinigt Osterreich und Ungarn unter dem Zepter 
eines Kommas. Mein Satz ist gewifi schwer zu verstehen, 
aber schwerer mifizuverstehen, und wenn es schon zu 
verstehen ist, dafi einer ihn mifiversteht, so ist es doch 
wieder nicht zu verstehen, warum er glaubt, dafi er ihn 
verstanden hat, und am schwersten zu verstehen, dafi er 
mir's sagt. 

Einer »vermutet, dafi der Setzer ein Unghick 
angerichtet hat« in den Versen : 

im Buch des Lammes nicht geschrieben steht, 
das vom Beginn der Welt dem Tod bestimmt ist. 

»Der Dativ (Buch) klingt« — ihm — »starker als der 
Genitiv (Lammes), so dafi der Relativsatz« — ihm — 
»falsch angeschlossen und sich auf ,Buch 5 zu beziehen 
scheint«. Die Beobachtung mag fur den, der »Buch des 



45 



Lammes« ausschliefilich als bibKsche Wendung und so- 
mit als Einheit ubernimmt, gar nicht uneben sein. Viel- 
leicht aber ware es auch gestattet, das Lamm lebendiger 
als das Buch zu empfinden. und im iibrigen zu fragen, 
wie der Relativsatz wohl gelautet haben mochte, ehe 
der Setzer das Ungliick angerichtet hat. Aber wenn icb 
mich lieber selbst beim Ohr nehmen wollte, es horte 
doch nicht so fein wie das des Lesers. Immerhin einer, 
der horen will und darum auch fiihlen konnte, dafi es 
unwiirdig ist, den Setzer zu schlagen, wenn man den 
Autor meint. 

Etliche haben einen Druckfehler in den Versen 
entdeckt: 

Und ihre Panzer feuerrot, 
schwarzblau und schwefelfarbig und den Maulern 
brach Feuer, Rauch und Schwefel wild hervor 

und alle begniigen sich, das »und« anzustreichen, da sie 
mit Recht vermuten diirfen, ich wiirde schon von selbst 
draufkommen, dafi es »aus« (nach einem fehlenden 
Komma) heilSen musse. Umso unbegreiflicher, dafi icb 
das dem Setzer habe hingehen lassen, der sich schon 
rein alles mit meinem Text erlaubt und mit ihm verf ahrt 
wie nur ich mit der Bibel. Es ist gut, dafi noch Verlafi 
auf die Leser ist, die wenigstens nachtraglich feststellen 
konnen, dafi hervorbrechen in der Regel mit »aus« 
konstruiert wird. 

Anerkennenswert ist auch die Sicherheit, die nicht 
bezweifeln lafit, dafi es in der Stelle: 

Die Hande dir zu reichen schauert's den Reinen, und selbst 
dem Bettler, der an der Kirchenpforte sitzt .... 

den Bettler heifien mufi. Aber das ist eine Angelegen- 
heit, die sich der Betreffende eigentlich mit Goethe 
auszumachen hatte. 

Ihr Antlitz wenden 

Verklarte von dir ab. 

Die Hande dir zu reichen 

Schauert's den Reinen? 

Er halt sie freilich schon fur ausgemacht, namlich dafi 
»den Reinen« ein Akkusativ der Einzahl ist. Dafi es, von 



46 



wegen der Koordinierung mit den »Verklarten«, ein 
Dativ der Mehrzahl sein konnte, scheint ihm gar nicht 
in Frage zu kommen; auch nicht, dafi hier nur »es 
schauert mir« und nicht »es schauert mich« gedacht 
sein kann, welches blofi als absolute Fiigung moglich, 
also mehr Ausdruck der rein korperlichen Empfindung 
ist — demnach: »es schauert mich«, aber: »es schauert 
mir, etwas zu tun«. Wen aber Stilgefuhl und Syntax 
nicht beraten, der hatte eine Moglichkeit, sicher zu gehn 
und zu entscheiden, ob »den Reinen« bei Goethe ein 
Dativ oder ein Akkusativ ist. Er kann sich beim »Urfaust« 
Rats erholen und mir die Bestatigung bringen, dafi der 
fortgesetzte Dativ »dem Bettler« richtig war: 

Ihr Antlitz wenden 
Verklarte von dir ab. 
Die Hande dir zu reichen 
Schauert' s ihnen, 
Den Reinen ! 

Mit der gleichen unumstofilichen Sicherheit des 
Nichtwissens wird in einer Zuschrift, deren Humor 
schon eine Pein ist, in dem Epigramm »Prestige« die 
Form »Prestigiateure« als Fehler (statt »Prestidigita- 
teure«), versteht sich als Druckfehler angestrichen, und 
zwar unter ausdriicklicher Berufung auf Meyers Lexi- 
kon, »den« nachzuschlagen ich aufgef ordert werde. Nun 
ist Meyers Lexikon, von alien Dummheiten, die »er« 
enthalt, abgesehn, kein Worterbuch. Nach einem solchen 
jedoch kommt Prestigiateur = Prastigiator [Taschen- 
spieler, Gaukler] von Prestige [Gaukelei],abgeleitet von 
praestigia [Blendwerk] ; daneben gibt es Prestidigitateur 
[Schnellfingerer], v. ital. presto, rasch, u. lat. digitus, 
Finger : »wohl entstanden durch mtzige Umbildung von 
Prestigiateur« . 

Weniger seiner Bildung als seiner Intelligenz ringt 
ein Leser, Jurist, die Erklarung ab, dafi es in dem 
zitierten Brief Rosa Luxemburgs in der Stelle: 

Da liege ich still aliein, gewickelt in diese vielfachen schwarzeni 
Tucher der Finsternis, LangweiLe, Unfreiheit des Winters — 



47 



»wohl heifien mufi« : Unfreiheit, des Winters, »womit 
die Zahl der schwarzen Tiicher sich auf vier erhoht«. 
Er behauptet zwar nicht, dafi es statt »vielfachen« : vier- 
fachen heifien miisse, aber er vermifit das Komma, und 
er wiirde seine Auffassung fiir richtig halten, »selbst 
wenn sich im Original das Komma nicht fande«. Er 
stiitzt sie mit dem Gedanken, es sei kaum anzunehmen, 
»dafi neben den so furchtbar einfachen Vorstellungen 
der Finsternis und der Langweile auch die einer Un- 
freiheit des Winters' in der Adressatin erweckt werden 
sollte, ohne dafi aridererseits die durch das Gefangensein 
bedingte Unfreiheit erwahnt ware«. Und auch rhyth- 
misch scheint ihm die Stelle vollkommener, wenn das 
Komma gesetzt wird: »Unfreiheit« noch durch den 
Artikel vor Finsternis determiniert, »des Winters « un- 
mittelbar zu » Tiicher « zu gehoren. Mir nicht; es ware 
ein arger Stilfehler und die Reihe zerfiele: der undich- 
terischen aufieren Kuppelung der drei Feminina mit 
dem Maskulinum entspricht die innere Unstimmigkeit, 
da nach den unverbundenen Abstrakten fiir den kon- 
kreten Winter die Vorstellung des schwarzen Tuches 
nicht mehr zureicht, wahrend die »Unfreiheit des Win- 
ters^ die als Einheit leichter von dem Artikel »der« 
getragen wird, eine dichterische Fiigung ist. Ich mochte 
sie gegen die furchtbar einf ache Vorstellung verteidigen, 
dafi diese Gefangene, und erst an dritter Stelle, sich liber 
ihre »Unfreiheit« beklagen wird, die sie wie Finsternis, 
Langweile und Jahreszeit als einen der Begleitumstande 
ihrer Gefangenschaft bezeichnet, und dafi sie im Gefolge 
dessen, was sie als unmittelbare Einhiillung empfindet, 
der Finsternis und der Langweile, die Gefangenschaft 
und den Winter schwarze Tiicher nennen wird, in die 
sie »gewickelt liegt«. Ich nehme eher an, dafi Rosa 
Luxemburg nicht iiber die im Gefangnisleben inbegrif- 
fene Unfreiheit gesprochen haben wird, sondern dafi sie 
im Gegenteil ihre auch im Gefangnis bewahrte Freiheit 
nur durch die allgemeine Schranke der Natur, durch die 
winterliche Beengung der Seele gefahrdet fiihlte. Icb 



48 



wiirde diese Auffassung fur richtig halten, selbst wenn 
sich im Original das Komma f ande. 

Nicht immer jedoch sind Leser so anspruchslos, 
einen Vorzug der Schrift als Fehler des Drucks zu ent- 
schuldigen: sie werfen ihn dem Autor auch vor, denn 
ihnen geniigt er beiweitem nicht. Wahrend ich selbst 
mich zum Beispiel fur nichts weiter als einen gewohn- 
lichen Satzbauer halte, unschuldig an aller Lebens- 
wirkung und ethischen Bereicherung, die die Sprache 
vermag, innerhalb dieser bescheidenen Tatigkeit aller- 
dings mehr Grund zum Grofienwahn zu haben glaube 
als alles was sich heute Schriftsteller nennt, aber 
doch immer nur an einen Satz und nie etwa an einen 
Roman alle Intensitat der Empfindung und der Arbeit 
wende (und zwar an jeden Satz dieselbe, so dafi es gar 
keinen Wertunterschied zwischen meinen Satzen geben 
kann und jeder Bau gleich geschlossen und gefiigt er- 
scheint) — stellen die Leser viel hohere Anforderungen 
an mich. Es handelt sich urn einen Witz, der in der 
Fiktion eines Druckfehlers besteht: »Der ehrliche 
Funder« (Name des Herausgebers der Reichspost). »Der 
anspruchsvolle Leser erwartet« (es begibt sich wirklich, 
dafi mir so geschrieben wird) »eine unverriickbare 
Distanz« zwischen dergleichen und — der Gedanken- 
strich ist vom anspruchsvollen Leser und bezeichnet 
plastisch die Distanz — der Fackel. Denn dieser Witz 
einer Verlustanzeige (und er setzt ihn witzig fort) konn- 
te 5 heifit es, von mir gefunden sein, nachdem er von 
einem Mitarbeiter des »Blauen Montagu, also wohl von 
jenem selbst, verloren wurde. Der anspruchsvolle Leser 
irrt insofern, als der Witz, wenn er wirklich von ihm 
gemacht ware, doch von mir ware und der von ihm ge- 
jnachte sich von meinem unterschiede wie die Substanz 
des Meteoriten von der Lufterscheinung oder wie eine 
Handvoll Wassers vom Element. Mein Erfolg: dafi die 
Witze, die in der Fackel stehen, nicht verbreitet werden 
kSnnen, erfahrt erst dadurch seine Bestatigung, dafi es 
selbst dort, wo es auf den ersten Blick moglich scheint, 



49 



unmdglich ist. Wo das Witzmaterial auf die f lache Hand 
genommen werden kann, glaubt allerdings der Leser, 
der nicht ahnt, urn wie viel anspruchsvoller ich bin als 
selbst er: dafi er damit schon den Witz hat. Aber hatte 
er nur eine Ahnung vom Witz, vom Satz, von dem Weg 
zu dem allzu bequemen Ziel (davon, dafi die Kreuzung 
der Linien »Ungarische Dokumente — Verlustanzeige, 
verlorene Million der Reichspost — ehrlicher Finder« 
den Witz des fingierten Druckfehlers ergibt), so wurde 
er nur sich selbst einen Verlust an unverruckbarer 
Distanz zur Fackel vorwerfen und einen langern Ge- 
dankenstrich brauchen, urn an sie anzustofien. 



50 



Schandung der Pandora 

Oktober 1918 

Es ist vielleicht noch auszurechnen, wie viel Zeit 
und Blei in der grofien Zeit und im neuen Deutschland 
durch die Ausrottung der meisten Apostrophe in den 
Druckereien schon fur Munitionsbeschaffung und 
sonstige Kriegsdienstleistung gewonnen wurde. In der 
Insel-Ausgabe der »Pandora« hat das Verfahren — bei 
allerlei kunstgewerblicher Entschadigung — die voile 
Anschaulichkeit einer Tempelschandung. Dieses Sprach- 
heiligtum diirfte auf Goethes Volk ohnedies durch die 
Weisung des Prometheus Eindruck gemacht haben ; 
»Nur Waff en schafft! Geschaffen habt ihr alles dann«, 
wobei freilich bereits der Nachsatz: »auch derbster 
Sonne ubermafi'gen VolIgenufi« auf immer starkere 
Zweifel stofit, Der deutsche Apostrophenraub, der den 
Indikativ »ich raub'« nicht mehr vom Imperativ »raub« 
unterscheiden lafit und gar den Konjunktiv des Imper- 
fekts »ich schrieb'« nicht mehr vom Indikativ »ich 
schrieb«, macht jede moderne Ausgabe eines Klassiker- 
werkes schon zur Augenqual, wenn nicht zur vorge- 
stellten Ohrenpein. Abgesehen von der Verwechslungs- 
gefahr, welche manchmal durch den Sinn paralysiert 
wird, ist das eindeutige Monstrum eines »ich band« 
unertraglich. Diese Zeitsparmaschinen alinen nicht die 
Bedeutung eines im Apostroph nachschwingenden 
Vokals und setzen auch getrost ein raumhaftes »lang« 
fur das zeithafte »lang'«, ohne dafi doch in beiden 
Eallen »lank« zu sprechen ware. Der Inseldruck der 
»Pandora« ist ferner dadurch ausgezeichnet, dafi das 



51 



Ende der Dichtung genau bis zum Rand einer rechten 
Seite reicht, so dafi der keinen Abschlufi gewahrende, 
von keiner Abschlufilinie gewarnte Leser die Rede der 
Eos fortsetzen mochte und umblattert, um das Frag- 
ment weiterzulesen, wodurch das Pathos dieses wunder- 
vollen Ausgangs zerknickt wird. Die primitivste, von der 
stilistischen Notwendigkeit erschaffene Druckerregel, 
dafi ein Abschlufi von weither sichtbar sei und ein Werk 
weder rechts unten noch links oben ende, damit eben 
der Leser rechtzeitig den geistigen Atem auf das Ende 
einstelle, wird hier mit einer den erhabenen Schlufiton, 
den Gedanken totenden Ruppigkeit mifiachtet. Der 
Leser mufi vollends glauben, dafi rioch etwas.komme, 
weil er ja noch Blatter in der Hand halt, welche ihn 
dann freilich mit einem blofien ^Schema der Fort- 
setzung« iiberraschen. Der Umstand, dafi die »Pandora« 
ein Fragment ist, also ein Werk, dessen Abschlufi aus 
keinem dichterischen Plan erfolgt war, konnte den Bar- 
barismus nicht als Absicht rechtfertigen, da der Teil 
als solcher kein Fragment ist; auch wenn noch einer 
kame, ware ja jener zu Ende und diirfte nicht rechts 
unten zu Ende sein. Es ist nichts als Fiihllosigkeit, 
deutsche Raumgewinnsucht und jene typographische 
Unfahigkeit, die mir seinerzeit die »Luxusausgabe« der 
Chinesischen Mauer zu einem sechs Monate wahrenden 
Leidenskapitel gemacht hat. Von einem Wiener Sach- 
verstandigen mufite die beriihmte Leipziger Firma 
(Poeschel & Trepte, der en dekorativen Leistungen auf 
der »Bugra« Feuilletons in deutschen Blattern gewidmet 
wurden und die eine der Nahrmutter des bibliophilen 
Snobismus ist) immer wieder belehrt werden, wie man 
den Satz mit dem auf jene Art ruinierten Schlufi 
(damals links oben, statt rechts Mitte) umgestalte; wie 
man Zitate einzustellen -habe; dafi das Wort »neu- 
geboren« nicht nach »neuge« abzuteilen sei u. dgl. Doch 
sind dies — abgesehen von der Vernichtung des Schlufi- 
gedankens — Dinge, die hauptsachlich nur die Ehre 
des Druckers beruhren. Was aber das Heil des Geistes, 



52 



die Sicherheit des textlichen Bestandes anlangt, so lafit 
sich summarisch behaupten, dafi in Deutschland das 
Schicksal der deutschen Klassiker besiegelt ist; denn 
kein Vermerk »Vor Nachdruck wird gewarnt« (der hier 
kein materielles Autorrecht mebr zu schiitzen hatte) 
bewahrt das geistige Gut vor Einbruch. Welche Instanz 
aber sollte auch den Dichter gegen die Gefahren des 
Nachdrucks schiitzen, den Leser da vor warnen, da jedem 
Greisler dessen Vorteile zustehen? Ist einer dreifiig 
Jahre tot, so fressen ihn, zugunsten der Volksbildung, 
die Verleger. Bezeichnend fur die stumpfe Ahnungs- 
losigkeit der »Herausgeber«, der fiir Leichenschandung 
bezahlten Ausgraber, waren hunderte von klassischen 
Versen und Satzen. Das eindringliche Beispiel aus 
Lichtenberg, das durch die Jahrzehnte fortgewalzt wird, 
habe ich einmal graphisch illustriert; jammervolle 
Verwiistungen am Worte Goethes, Jean Pauls, Schillers 
konnte ich zitieren. In der heiligen »Pandora« hat der 
Inselmensch den Setzer an einem der bedeutendsten 
Verse sich austoben lassen oder, weil er den Gedanken 
fiir einen Druckfehler hielt, bewufk und gewissen- 
haft die nichtswiirdigste Anderung bewerkstelligt, 
Prometheus ruft den Kriegern zu: 

Auf! rasch Verffnugte, 
Schnellen Strichs ! 
Der barsch Besiegte 
Habe sichs! 

Der Dichter nennt mit einer kostbaren Abbrevia- 
te, die an sich schon dem kriegerischen Wesen gerecht 
wrd, die Nutzniefier eines Sturmlebens, worin der 
Tag gepfliickt und halbgenossen vertan wird — eine 
ganze, in Weinfasser miindende Offensive ist darin — : 
»rasch Vergniigte« . Dem Drucker oder dem heraus- 
gebenden Literaten schien's richtiger und logischer so; 

Auf, rasch! Vergnugte, 
Schnellen Strichs! 

Der barsch besiegte Gedanke habe sichs! Die Krieger 
sind schlechthin vergniigt, weil's immer feste druff geht. 



53 



Die Leser gleichfalls. Und ich wette hundert versenkte 
Tonnen gegen eine, dafi diese Wiederherstellung den 
Insel-Verlag und die nach dessen Vorlage weiter- 
druckenden Handler nicht hindern wird, die deutschere 
Version beizubehalten. 

Januar 1921 
Die Schuldf rage ist anders zu beantworten. AVenn 
Wahn und Bahn der Beste brach / Kommt an und an 
der Letzte nach.« Der Insel-Druck war der Letzte, 
Bahnbrecher war die Grofiherzoglich Weimarische 
Ausgabe, nach der sich jener blofi gerichtet hat. Dort 
ist die Schandlichkeit begangen und zwar mit voller 
Uberlegung und Verantwortung der Tater, die sich unter 
jenen »Lesarten«, die gemeinhin blofi ein Verzeichnis 
literarhistorischer Unarten sind, der Tat noch ruhmen 
mid ausdriicklich zugeben, dafi Goethes Handschrift wie 
auch die erste Ausgabe der »Pandora« die Fassung 
»Auf! rasch Vergniigte« enthalten habe. Sie haben 
planvoll verbessert. 

Dieser deutschen Angelegenheit wurde ich, als 
man sich bei uns uber den geplanten Verkauf voq 
Kunstwerken entriistete und eben jene, die Gold fur 
Eisen gegeben hatten, nicht Gobelins fur Getreide geben 
wollten, in der Schrift »Brot und Liige« gerecht, mit 
Worten, die nun umso zeitgemafier sind, als das Ge- 
schrei nicht nur auflebt, sondern von den Journalisten 
auch die Dichter geschiitzt werden, und zwar gegen die 
Schandung ihrer Graber, wofern sie nicht von Literar- 
historikern, sondern von unbekannten Tatern verubt 
wird. Damals schrieb ich: 

Ich glaube, dafi eine Untersuchung, wie viej 
Deutsche die Pandora und wie viele den Roten Kampf- 
flieger von Richthofen gelesen haben, ein Respltat hatte, 
das uns nicht gerade berechtigen konnte, uns in Kultur- 
affaren mausig zu machen. Aber man wende nicht ein, 
dafi Krieg Krieg ist. Wenn das Volk Goethes nicht schon 
im Frieden gelogen hatte, so hatte es ruhig zugegeben, 



54 



dafi es Geibel fiir einen weit grofieren Dichter halt. Wie 
konnte man die Unentbehrlichkeit der ewigen Werte 
fur das deutsche Gemut besser beweisen als durch den 
Umstand, dafi vom Erstdruck des West-ostlichen Divan 
der Verlag Cotta voriges Jahr die letzten Exemplare 
vom Tausend an einen Liebhaber verkauft hat? Und 
bedurfte es da noch des erschutterten Blicks auf die 
Auflagenfulle Heinescher und Baumbachscher Lyrik? 
Und welche Gefahr miifite denn einem Wortheiligtum 
drohen, damit das deutsche Kulturbewufitsein in 
Walking kame? Die Schmach, ein Kunstwerk aus dem 
Land zu verkaufen, wo es doch keine war, es herein- 
zukaufen, mochte jeder Kunstgreisler von unserm Ge- 
wissen abwenden. Aber wer protestiert gegen die ruch- 
lose Verwustung, die den klassischen Wortkunstwerken 
durch die Tradition der literarhistorischen Lumperei 
und den ehrfurchtslosen Mechanismus der Nachdrucke 
angetan wird, durch den frechen Ungeist, der die 
Sprachschdpfung an der Oberflache des Sinns identifi- 
ziert und korrigiert, und durch ein System, das der 
Barbarei des Buchschmucks den innern Wert zum 
Opfer bringt? Welch argerer Unglimpf droht denn dem 
Jagdteppich, als statt in Wien in Paris zu hangen? Hat 
je ein Konservator anders als durch Ungeschick an dem 
ihm anvertrauten Schatz gesundigt? Hatte er je wie der 
Literarhistoriker es gewagt, einen erhaltenen Wert zu 
zerstoren und einen Strich, den er fur verfehlt halt, wei] 
seine Stumpfheit eben hier die schopferische Not- 
wendigkeit nicht spurt, glatt zu uberschmieren ? An 
einem der ungeheuersten Verse der Goethe'schen Pan- 
dora haben sich die Herausgeber der grofien Weimarer 
Ausgabe dieser Missetat erdreistet, sich unter ausdriick- 
lichem Hinweis auf die Urfassung dazu bekennend, 
einfach, weil sie die Sprachtiefe fur einen Schreibfehler 
hielten und die schabige Verstandesmafiigkeit ihrer 
Interpungierung fiir die Absicht des Kunstlers — »rasch 
Vergnugte schnellen Strichs«, gleich den Kriegern des 
Prometheus. Von solchem Hirnrifi, der nun fur alle 



55 



folgenden Ausgaben mafigebend blieb und bleibt, von 
solchem Verbrechen, mit dem sich die deutsche 
Literaturbildung in ihrer Ohnmacht vor dem Geist 
noch durch Frechheit behauptet, von solchem Exzeft 
deutschen Intelligenzknotentums mochte ich sagen, dafi 
er die Kulturschmach von zehn ans Ausland verkauften 
Tizians, die doch hochstens durch ein Eisenbahnungliick, 
aber durch keinen Historiker verstiimmelt werden 
konnen, in Schatten stellt. Moge die deutsche Bildung 
noch so laut versichern, dafi sie ohne Goethe nicht leben 
kann, ja moge sie es sogar glauben — welche Beziehung 
hat der deutsche Laie zu einem Vers, wenn der deutsche 
Fachmann kapabel ist, an dessen Leben Hand anzulegen ? 
Eben noch die, dafi er imstande ist, »Uber alien Gipfeln 
ist Ruh« zu einem U-Boot-Ulk oder zu einem Koofmichr 
Witz aller Branchen zu verunreinigen. Wenn Giiter des 
Geistes den Empf anger so begnadeten, wie die zurecht- 
gemachte Fabel wahnt, so miillte allein von solcherWort- 
schopf ung, miilke sich von den vier Zeilen, die Matthias 
Claudius »Der Tod« betitelt hat, von dem einen Wort 
»Lebtwohll« in derlphigenie eine allgemeine Ehrf urcht 
iiber den Kreis jener Menschheit verbreiten, in deren 
JSprache solcheWunder gewachsen sind, nicht allein zur 
Heiligung dieser selbst, sondern zur Andacht vor aller 
Naturkraft und zur Lauterung der Ehre des Lebens, zu 
seinem Schutz gegen alles, was es herabwiirdigt, kurzum 
zu einer politischen und gesellschaftlichen Fiihrung, 
die den Deutschen dauernd vor dem Gebrauch von 
Gasen und Zeitungen bewahrte. Es miifite mehr Stille 
in dem Hause sein, in dem solche Worte einmal ver- 
nommen wurden, und kein Gerassel mehr horbar, seit- 
dem ein Atemzug der Ewigkeit zur Sprache ward. 



56 



Dezemher 1924 



Der Apostroph 

Einen Leser in Kansas beschaftigt das folgende, 
gar nicht wildwestliche Problem: 

27. August 1924 
Schon lange warte ich auf eine weitere Fortsetzung Ihrer 
»Sprachlehre«. Und wurde es dankend begrufien, wenn Sie es der 
Mdhe wert f anden, sich einmal uber Ihre Anwendung des A p o- 
strophs zu auftern. Etwa an folgender Stelle von »Traumtheater«r 
(Seite 18) 

So ist's, so sei's, so b 1 e i b' es allzumal : 

q u a 1 ich die Lust dir, mach zur Lust die Qual ! 

Ich suche vergebens nach einer ganz befriedigenden Losung meines 
Zweifels: warum bei dem Wort »bleib« das Zeichen gebraucht wird, 
und es bei den Worten »qual« und »mach« wegfallt. Allerdings fiel 
mir bald ein, daS die Anwendung im ersten Falle ein ty pographischer 
Tempo- und Gewichtsbehelf sein konnte, wie umgekehrt das Weg- 
Iassen in den beiden anderen Fallen: dafi also vielleicht der Apo- 
stroph in der ersten Zeile die kleine Verlangsamung markieren, und 
die Emphase auf jenes Wort ein wenig unterstreichen sollte; wah- 
rend in der folgenden Zeile ein Hinw-eis auf die Abkiirzungen dern 
beschleunigten Tempo gerade hinderlich ware. Aber so plausibel 
diese Erklarung scheinen mag, ich kann ihr doch nicht recht trauen; 
sie kommt mir allzu spitzfindig vor. Da sie aber die einzigte Ant- 
wort ist, die mir mein Zweifel eingab, und ich nicht annehmen darf, 
dafi das Anwenden und Weglassen des Apostrophs bei Ihnen auf 
Zufall oder gar Willkiir beruht, so ware ich Ihnen von Herzen 
dankbar, wenn Sie den merkwiirdigen Fall gelegentlich behandeln 
wollten. A. B. 

Die Frage wegen des Apostrophs ist mit der gar 
nicht spitzfindigen Erklarung beantwortet. Sie ist umso 
weniger spitzfindig, als sie einen Vorgang erliiutert, der, 
meiner Erinnerung nach, kein Uberlegungsvorgang war, 
Ob aber eine solche Unterscheidung — vor allem zwi- 



57 



schen dem Positivgehalt des ersten und dem Negativ- 
gehalt des zweiten Verses — in alien Fallen mit vollem 
Bewufitsein geschieht, ist ebenso gleichgiiltig wie ob sie 
in ahnlichem Fall ein anderes Mai eintreten wurde, wo 
vielleicht das Gewicht der Worte wieder anders verteilt 
wird. Grundsatzlich ist, was der Schreiber empfindet, 
ganz richtig. Doch deckt sich seine Erklarung auch mit 
einer, die von aufien her die gleiche Unterscheidung 
rechtfertigt. Im allgemeinen vermeide ich die apostroph- 
lose Abknappung, hier, in der zweiten Zeile, ist sie notig 
zur Unterscheidung von »bleib'«, dem als einem Kon- 
junktiv der dritten Person der Vokal iiberhaupt nicht 
genommen werden kann wie dem Indikativ der ersten 
(qual) und gar dem Imperativ (mach), dessen Vokal- 
losigkeit ja eine an und fur sich richtige Form ist. Dafi 
der Konjunktiv als solcher das e nicht entbehren kann, 
deckt sich ganz und gar mit der Auffassung, dafi hier 
eben ein nachdrucklicherer Ton gegeben ist. Jener ware 
vollig entwertet, wenn durch Gleichartigkeit — insbe- 
sondere bei Setzung aller Apostrophe — das Ganze in 
das Tempo gemachlicher Spruchweisheit geruckt wurde, 
»Ist 5 s« und »sei's« ist nicht nur aus demselben GefuhJ 
gereehtfertigt, sondern wieder auch von aufien her 
damit, dafi — abgesehen von dem bedenklichen Laut- 
bild eines »ists« und »seis« — das darin voll empfun- 
dene und im Folgenden gesetzte »es« nicht verkurzt 
werden darf. Der mir unbekannte und anonyme 
Schreiber des Briefes, eines der erwunschtesten, die icb 
je erhalten habe, gehort dem Briefpapier nach der 
»University of Kansas« an. Mir erscheint die Miicke, 
die da iiber den Ozean kam, betrachtlicher und wunder- 
barer als der Elephant, der ihn kiirzlich xiberflogen hat. 
So bin ich 5 so ist's, so sei's, so bleib 5 es allzumal. 



58 



Juni 1921 



Das Komma 

ist unbetrachtlich genug, urn die Nichtigkeit und die 
Wichtigkeit alles Sprechens iiber die Sprache anschau- 
lich zu machen. Seine Wichtigkeit wird im Gebiet jener 
handgreiflich logischen Verschiebung vorweg einleuch- 
ten ? von der man schon in der Schule an dem Beispiel 
eines Orakelspruchs gelernt hat, wie sie die Tatsachen- 
welt zu bewegen vermag. Da6 nach einem falschen 
Komma im Strafgesetz Fehlurteile moglich sind, davon 
will man auch schon gehort haben. Schwieriger und ein 
stilproblematischer Grenzfall ist das Folgende. Die Neue 
Freie Presse hatte, pietatloser gegen ihren Vater, als ich 
gegen Peter Altenberg, von meinem Prozefi um die 
Grabrede Notiz genommen und geschrieben: 

Die Klage inkriminierte, daS in dem Artikel dem Klager 
der Vorwurf gemacht worden sei, er habe den Reinertrag der in 
Broschurenform herausgegebenen Grabrede, die er bei Bes tattling 
des Dichters Peter Altenberg gehalten habe, entgegen seiner 
Ankundigung nicht wohltatigem Zwecke zugef uhrt, sondern 
fur sich verwendet. 

Ich berichtigte und schrieb : 

. . . Wahr ist viehnehr, dafi ein derartiger Vorwurf einer 
falschen Ankundigung und somit einer betriigerischen Handlung 
nicht erhoben und nicht inkriminiert wurde. Wahr ist, dafi der 
Angeklagte nur behauptet hat, der Klager habe die Grabrede ver- 
kauft und unter Verschweigung der dem Angeklagten bekannten 
Tatsache, dafi Peter Altenberg Hungers gestorben sei, aus der Pietat 
Gewinn gezogen. 

Die Zeitung hatte somit aus einer Ehrenbeleidigung eine 
Verleumdung gemacht, die von staatswegen zu verfol- 



59 



gen war und durch keine Abbitte aus der Welt geschafft 
worden ware. Denn im Fall der Beleidigung konnte der 
Angeklagte sagen, er sei schlecht informiert gewesen 
und jene Ankundigung, von der er nichts gewufit habe, 
habe ihn eines Besseren belehrt. Im Fall der Verleum- 
dung aber hatte er die Absicht gehabt, eben jene An- 
kundigung als lugenhaft und betriigerisch darzustellen. 
Indes, die Behauptung, dafi eine Verleumdung gegen 
mich veriibt worden sei — indem ich den Ertrag der 
Pietat nicht nur fur mich verwendet, sondern dies aucb 
»entgegen meiner Ankiindigung« getan, also die Offent- 
lichkeit belogen und die Vereine betrogen haben 
sollte — , war keineswegs auf eine f alsche oder ungenaue 
Kenntnis des Prozefiinhalts, vielmehr nur auf stilistisches 
Unvermogen zuriickzufiihren. Der Berichterstatter 
wollte das Vorbringen einer Ankundigung, der icb 
zuwidergehandelt haben soil, nicht dem Angeklagten 
zuschieben, also ihn zum Verleumder machen, sondern 
den tatsachlichen Vorwurf des Angeklagten meiner 
eigenen Ankundigung, die Beleidigung dem wahren 
Sachverhalt entgegenstellen. Er wollte nicht sagen, 
jener hatte behauptet, dafi ich entgegen der Ankundi- 
gung gehandelt habe, sondern er wollte nur sagen, jener 
habe behauptet, dafi ich so und so gehandelt habe, 
wahrend ich doch selbst das Gegenteil behauptet hatte. 
Er hatte aber nicht das Talent, diese Darstellung in 
einem Satz zusammenzufassen. Hier nun ware ein wenn 
auch unzulanglicher Behelf die Anbringung zweier 
Kommata gewesen, von denen das eine, vor »entgegen« , 
dank der Satzteilung ja schon vorhanden ist und das 
zweite nach dem Wort »Ankiindigung« zu stehen hatte, 
Zwar wiirde dies noch immer nicht deutlich genug die 
Materie des Vorwurfs von dem Inhalt des Berichts 
absondern, ja unter Umstanden, je nach der Einstellung 
des Lesers, sogar als Hervorhebung des verleumderischen 
Moments wirken. Immerhin hatte eine Uberlegung die 
Absicht des Berichterstatters, hier einschaltend selbst 
zu sprechen, hinreichend dargetan. 



60 



Eine rein stilistische Entscheidung erfordert die 
Frage, ob die einschaltenden Beistriche in der f olgenden 
Stelle anzubringen seien: 

Von den 5090 Exemplaren der Postkarte »Volkshymne«, die 
wie es heifit anlafilich der Reise Karls wieder mehr verlangt wurde . . . 

Lage wirklich die Absicht vor, eine Information zu ver- 
zeichnen, so ware »wie es heifit« einzuschalten gewesen. 
Dieser Nebensatz hat aber hier nur die Beilaufigkeit 
einer adverbialen Bestimmung, wie etwa »angeblich« . 
'■ In Nr. 544/545 der Fackel (»Die Welt ohne Blatt«) 
wird auf S. 3, Z. 16 v. u., durch das Fehlen eines 
Kommas eine Lockerung des Satzgefiiges bewirkt, die 
nach alien Richtungen hin eine Gedankenverschiebung 
zu falschen Zielen anbahnt. Es wird von der Papier- 
drosselung gesprochen und davon, dafi die Angelegen- 
heiten meines Worts und meiner Wirkung auch ohne 
die Unterstiitzung der Presse, die sich anmafit, offent- 
liche Interessen zu befriedigen, ihre Geltung erlangt 
haben und sie ohne jede Riicksicht darauf, ob die 
Zeitungen mehr Papier oder weniger bekommen, auch 
behaupten werden. 

Ja, ich mochte so unbescheiden sein zu sagen, dafi gerade 
diese Interessen, und ihre Befriedigung vor der breitesten Dffent- 
lichkeit, ein Beispiel fur die vollkommene Uberflussigkeit der Presse, 
selbst in ibrem reduziertesten Umfang darstellen. 

Hier fehlt nach »Umfang« ein Komma. Die Fulle 
der Beistriche hatte vielleicht empfohlen, »selbst in 
ihrem reduziertesten Umfang« zwischen Gedanken- 
striche zu setzen. Vielleicht auch, die Beistriche vor 
»und« und nach »Off entlichkeit« jtrotz dem Verlust 
dieser Nuance der Steigerung wegzulassen, um den 
Objektcharakter von »ein Beispiel« zu sichern. Nun 
wird dieses zunachst als Apposition gelesen, als ein 
Nominativ, gleichgeordnet dem Subjekt »Interessen« , 
was ja dem auiSern Sinn nicht zuwider ist, aber freilich 
das Verbum »darstellen« sinnlos, weil objektlos macht, 
Nach »Umfang« gehort aber schon aus dem Grund 
ein Teilungszeichen, weil der mit »selbst« eingeleitete 



61 



Satzteil zu »Presse« gehort, auf die sich »ihrem« 
bezieht. Jetzt bezieht es sich auf »Interessen«, was 
leider wieder einen Sinn, wenn auch einen falschen, 
ergibt. Es ist vom reduziertesten Umfang der Presse 
die Rede, der noch uberflussig sei, wenn es die Fdrde- 
rung meiner Sache gilt, und nicht davon, dafi diese 
Interessen selbst in ihfem reduziertesten Umfang ein 
Beispiel fur die Uberfliissigkeit der Presse darstellen, 
was gewifi an und fur sich nicht unrichtig ware, aber 
irgendwie doch der »breitesten Offentlichkeit« wider- 
sprache. Durch das Fehlen des Kommas oder eines 
analogen Zeichens wird also bewirkt, dafi die Interessen 
ein Beispiel nicht darstellen, sondern ein Beispiel sind, 
und zwar in i h r e m reduziertesten Umfang, anstatt 
in dem der Presse. — Wie man somit sieht, gehort 
dieses Beispiel zu jenen Interessen, bei denen der Leser 
die vollkommene Uberfliissigkeit am liebsten auf sie 
selbst beziehen wird. Denn hier erscheint blofi ein kunst- 
lerisches Gut und kein edlerer Teil verletzt. Zum Gliick 
hangt aber die Entscheidung xiber die Wichtigkeit 
solcher Interessen mehr vom Schreiber ab. Bedroht 
hier das fehlende Komma den Satz nur im sprach- 
logischen Zusammenhang, so kann die Frage selbst, ob 
es anzubringen sei, sehr wohl einer rein kunstlerischen 
Erwagung entspringen, und insbesondere konnte der 
geringfugige Unterschied zwischen einem Komma und 
einem Strichpunkt Spielraum fur mehr Zweifel haben, 
als einen durchschnittlichen Romanschriftsteller in 
einem Kapitel zu beschleichen pflegen. Doch gilt ja, wer 
sich beim Schreiben Gedanken macht, fur einen 
Pedanten; denn der Autor hat es mit dem Prator 
gemeinsam, dafi er minima non curat, sondern diese 
dem Drucker iiberlafit, und die Hauptsache ist auch in 
der Kunst, dafi man gesund ist und keine Kopf- 
schmerzen hat. 



62 



Juni 1921 



Vom Baumchen, das andere Blatter hat 
gewollt 

Einer der beriihmtesten Sprachfehler; aber er 
sollte noch beruhmter dadurch sein, dafi ihn die meisten 
Deutschen nicht horen. Daran verhindert sie eben die 
Gelaufigkeit des gar nicht anders denkbaren Zitats. So 
mufi ein Fall mit demselben Gebreste konstruiert 
werden. Die Grammatiker sprechen zwar davon, dafi es 
zuweilen notwendig sei, das mit dem Artikel zusammen- 
gezogene Vorwort auf zulosen und »von dem« , »an dem« , 
»zu dem«, »in dem«, »bei dem« zu sagen, aber sie sagen 
nicht, warum, und behandeln mehr als Etikettefehler, 
was nichts geringeres ist als eine vollige Verschiebung 
des Gedankens. »Vom Wein, den ich gekostet habe« : das 
kann nur bedeuten, dafi ich vom Wein im allgemeinen 
oder von der vorratigen Gattung im allgemeinen etwas 
aussagen will und nebenbei, etwa bestarkend: dafi 
ich ihn gekostet habe. »Von dem Wein, den ich gekostet 
habe« bedeutet, dafi ich von dem Wein, den ich gekostet 
habe, und erst auf Grund dieser Erfahrung etwas 
aussagen will. Der Artikel hat beinahe den Charakter 
eines hinweisenden Fiirworts (Von jenem Wein, den — ). 
Es ist ein Unterschied, ob ich sage : »Vom altesten Wein, 
den — « oder »Von dem altesten Wein, den — «. Dieses, 
offenbar das richtige, will von dem altesten unter jenen 
Weinen, die ich gekostet habe, etwas besagen. (Hierin 
sind zwei Demonstrativa enthalten: von jenem Wein, 
der der alteste unter jenen ist, die — ). Das andere 
wurde von dem altesten Wein handeln, den es gibt und 



63 



den ich gekostet haben will. In jenem ist die Aussage 
ohne den Relativsatz, der ein Wesentliches darstellt und 
einer Begriffsbestimmung gleichkommt, hinfallig. In 
diesem ist die Aussage auch ohne den Relativsatz, der 
ihm nur ein Merkmal hinzufiigt, abgeschlossen.*) Hier 
ist er eine mit »namlich« , »iibrigens« , »notabene« 
koordinierte, beigesellte oder gleichgesetzte, Aus- 
fiihrung; dort ist er subordiniert, aber das Ver- 
haltnis ist so, dafi der Hauptsatz in ihm einen Gefan- 
genen gemacht hat, der ihn nicht mehr loslafit. Da 
ist nun gerade, weil die Beziehung so eng ist, die 
Zusammenziehung desVorworts mit demArtikel (vom, 
am, zum, im, beim) verf ehlt. Es kann noch eine starkere 
Diskrepanz eintreten als die zwischen Merkmal und 
Wesen. »Am Tage, als ich den Brief schrieb« oder »An 
dem Tage, als ich den Brief schrieb«. Jenes: ich habe 
den Brief bei Tag und nicht in der Nacht geschrieben, 
und da ist noch anderes geschehen. Dieses : ich habe den 



*) Anders beim Infinitivanschlufi, der an sich schon den Zu- 
sammenhang gewahrleistet und eine Zweideutigkeit ausschliefit. Hier 
kann die Verschmelzung der Proposition mit dem Artikel eintreten: 
»Beim Versuch, zu entkommen«, »Im Begriff, etwas zu tun«, ob- 
gleich gerade hier die Aussage des Hauptsatzes ohne den Infinitiv- 
satz hinfallig und nicht abgeschlossen ware. Wahrend der alteste 
Wein ohne den Relativsatz zum uberhaupt altesten wird, sich also 
begrifflich verstarkt, besteht der »Versuch« ohne den Infinitivsatz 
uberhaupt nicht und der Artikel, der dort eine verbindende Funk^ 
tion hat, hat hier gar nichts mehr zu bestimmen. Einigermafien 
anders wieder vor einem dafi-Satz: »zum Beweise, dafi«. Es konnte 
wohl »zum Beweise, dafi etwas wahr ist, eine Tatsache dienen (oder 
angefuhrt werden)«, jedoch mufite »zu dem Beweise, dafi etwas wahr 
ist, eine Tatsache gehoren«. In jenem, wo die Einheit formelhaft 
hervortritt, ist die Handlung des Hauptsatzes identisch mit der 
Beweishandlung ; in diesem tritt sie erst hinzu. Dort ist »zu« mit 
dem Beweis verbunden (»als«), hier mit der Handlung des Haupt- 
satzes. Ferner bei genetivischen oder prapositionellen Anschlussen: 
Beim oder bei dem Gedenken jenes Tages (an jenen Tag). Hier 
wurde der Stil zu entscheiden haben, ob der gewichtlosere Inhalt 
einer Feststellung die Verschmelzung erlaubt oder das Gefuhls- 
moment (etwa im Schwur) die Auflosung erfordert. 



64 



Brief an demselben Tage geschrieben, von dem ich etwas 
aussagen will. Der Brief ist sozusagen das Datum des 
Tages. Sein Schreiben kann in einen ursachlichen 
Zusammenhang mit der Haupthandlung eintreten, die* 
geradezu ihr Motiv von ihm empfangt. In solchem Fall 
ist die Einbeziehung des Artikels, die nur jenen andern 
Sinn zulalk, unmoglich. Die Auflosung ist der eigent- 
liche Behelf des Gedankens, den die Sprache nicht 
immer so zur Verfiigung hat. Zum Beispiel nicht bei 
einem »Heute. wo« oder ahnlichen Zeitbestimmungen, 
wo ausschliefilich das gedankliche Milieu fur den Sinn 
aufzukommen und zu entscheiden hat, ob eine Verbin- 
dung oder nur eine Begleitung gedacht ist. Dort, wo der 
Artikel die Absicht des Hinweises ermoglicht, darf diese 
nicht verloren gehen. Wahrend »am Tage, als ich den 
Brief schrieb« nur den Tag der Nacht entgegenstellen 
konnte, weil »der Tag« sonst keine absolute Funktion 
fur irgendeine Handlung hatte, die man von ihm 
datieren kann, und man andernfalls eben sagen miifite : 
»an dem Tage« oder »an einem Tage«, wiirde etwa »am 
Abend, als ich den Brief schrieb« das Folgende bedeu- 
ten: ich habe am Abend irgendetwas unternommen und 
bemerke beilaufig, dafi ich da auch den Brief schrieb. 
Die innere Verbindung der beiden Handlungen kann 
ich eben nur durch die aufiere Auflosung bewirken: an 
dem Abend, als ich den Brief schrieb. Ebenso verschieden 
ist: >>Er kam an dem Sonntag an, wo ich abreiste« von 
»Er kam am Sonntag an, wo ich abreiste«. Dieses 
Beispiel fiihren die Grammatiker, denen ein rechtes 
Durcheinander mit den zu verschmelzenden oder nicht 
zu verschmelzenden Vorwortern beliebt, in einer Rubrik, 
in der ausgefuhrt wird: »Wo in ,am', ,zum' der unbe- 
stimmte Artikel steckt, kann dafur naturlich nicht 
,an dem', ,zu dem 5 eintreten«. Dieser Weisung liegt eine 
Begriffsverschiebung zugrunde. Eine Grammatik setzt 
f est, dafi in »am« etc. die Verschmelzung mit dem Dativ 
des »bestimmten oder unbestimmten Artikels« 
erfolgt sei. Das ist falsch. Rein grammatisch ist darin nie 



65 



der unbestimmte Artikel enthalten, es kann immer nur 
von »an dem« und nie von »an einem« stamrnen. Gleich- 
wohl kann es der Fall sein, dafi »am« sprachlich einem 
»an einem<c gleichkommt. Aber die Sprache ermoglicht 
dies nur in formelhaften Wendungen, etwa dort, wo 
ein Rang, ein Datum, ein Zustand, eine Krankheit 
bezeichnet wird: »Man wahlte ihn zum Gesandten«, »Er 
kam am Sonntag«, »Es gereicht ihm zum Vorteil« und 
»Er leidet am Schnupfen«. Grammatisch ist das nichts 
anderes als: zu dem Gesandten, an dem Sonntag, zu 
dem Vorteil und an dem Schnupfen, wiewohl es natiir- 
lich bedeuten mag, dafi er ein Gesandter wurde, an 
einem Sonntag kam, einen Vorteil gewinnt und einen 
Schnupfen hat. Aber »einen« Schnupfen: wurde man 
sagen, wenn man diesen schon nach Art und Grad vor- 
stellt; »den« Schnupfen: wenn diese Krankheit nur von 
anderen unterschieden wird. (Welche Krankheit hat er?) 
Ausschliefilich diese Vorstellung ist in »am Schnupfen« 
enthalten. (Als Beweis dafiir, dafi darin der unbe- 
stimmte Artikel »steckt«, mochte Sanders anfuhren, 
dafi man »an einem heftigen Schnupfen« sagt. Worin 
zweifellos der unbestimmte Artikel steckt.) Einer starb 
am Durchfall: »der« Durchfall war die Krankheit, an 
der er starb. An einem Durchfall: etwa als unmittelbarer 
Todesursache, als Begleiterscheinung einer anderen 
Krankheit. Er lag am Typhus darnieder und starb an 
einem (oderan) Scharlach: die erste Krankheit ist die 
Kategorie, die zweite der hinzutretende Fall, der in 
seiner Vereinzelung sichtbar wird. »Steckt« hier wo der 
unbestimmte Artikel, so nicht in »am« , sondern in »an« . 
(»Zu einem« konnte auch »zu 'nem« oder »zu'n« er- 
geben; nie »zum«.) Dem Grammatiker widerfahrt die 
groteske Naivitat, »vor weiblichen Hauptwortern als 
Namen bestimmter (nicht mehrere Arten umfassender) 
Krankheiten« den bestimmten Artikel einzuraumen : 
»An der Gicht, Cholera, Schwindsucht, Pest etc.« Die 
Ausnahme »an der« als Beweis dafiir, dafi »am« aus 
»an einem« besteht! Als ob nicht eher und einfacher 



66 



das »an der« aus der Unmoglichkeit einer Verschmel- 
zung zu erklaren ware, die eben bei »an dem« gelingt. 
Dafi im Femininum ein Bedeutungsunterschied eiii- 
treten soil, ist umso sinnloser, als zum Beispiel doch 
eher der Scharlach eine bestimmte Krankheit ist als die 
»mehrere Arten umfassende« Schwindsucht oder Pest. 
Und schliefilich tritt noch die Uberraschung hinzu, dafi 
hier wie dort der unbestimmte Artikel gedacht werden 
kann: an Gicht oder an Typhus. Dort, wo eine begriff- 
liche Gleichartigkeit streng gefafit ist, die nichts 
Differenzierendes zulafit, wird der bestimmte ArtikeJ. 
gedacht, der aber so wenig hinweisenden Charakter hat, 
dafi er die Verschmelzung erleidet, was besonders bei 
jenen Formeln der Fall ist. Dort aber, wo das Substanti- 
vum in seiner Besonderheit hervortritt und eben deshalb 
mit dem unbestimmten Artikel verbunden ist, kann nie 
»vom« gesetzt werden. (Hiezu mag, um die Sprach- 
merkwurdigkeit des unbestimmten Artikels fur die be- 
stimmte Sache einpragsam zu machen, darauf verwiesen 
sein, dafi »der«c wie »ein« sowohl individuelle als 
generelle Bedeutung haben konnen. Aber wie vie] 
deutschsprechende Menschen wird es geben, welche den 
Vollgehalt eines Artikels empfinden und die beiden am 
haufigsten in den Mund genommenen Wortchen durch- 
zudenken imstande sind ? Sie mogen den Stilhanswursten 
des Expressionismus wahrhaft dankbar dafur sein, dalS 
sie sie einer solchen Verpflichtung entheben und mit 
dem »Abbau« der Artikel erfolgreich eingesetzt haben. 
Brauchte nicht mehr die Zeit erspart zu werden, die 
man durch das Nachdenken verliert, was ein Wort 
bedeutet, so lafit sie sich doch noch dadurch gewinnen, 
dafi man es nicht mehr gebraucht.) »Vom« entsteht nur 
aus »von dem«, und zwar wenn der bestimmte Artikel 
keinen demonstrativen Charakter hat, der eine Fort- 
setzung erfordern wurde, sondern den Begriff des 
Hauptwortes erschopft. In »am Bache« steckt kein un- 
bestimmter Artikel; entweder bedeutet es: an dem Bach, 
von dem schon die Vorstellung da ist, im Gegensatz zu 



67 



anderen Bachen, oder es wird kein bestimmter Bach 
vorgestellt, sondern der Bach als landschaftlicher 
Typus, etwa im Gegensatz zum Seeuf er. Auch in diesem 
Fall ist es grammatikalisch ein »an dem Bach« mit 
einem solchen bestimmten Artikel, der jedes Hinweises 
auf den Einzelfall entbehrt und blofi der Absonderung 
der Kategorie dient. Nut dort also, wo die Individuality 
hinter dem Typus zuriicktritt, wie etwa »ein« Sonntag 
»den« Sonntag vorstellt, ist die Verschmelzung moglich, 
Dagegen kann gerade der unbestimmte Artikel eine 
bestimmte, fast demonstrative Tendenz haben : Von 
einem Baumchen, das andere Blatter gewollt hat. Der 
unbestimmte Artikel bestimmt hier erst das Baumchen. 
(»Ein« bedeutet eben zweierlei.) Da es viele gibt, aber 
blofi eines, das andere Blatter gewollt hat, so lafit sich 
diese individuelle Laune nur in der Auflosung dar- 
stellen, also nur »von dem Baumchen« sprechen, das 
andere Blatter gewollt hat. Dann erst dient der Relativ- 
satz zur Bestimmung dieser Individuality. Nur wenn 
ein einziges Baumchen, sei es in der Natur, sei es in dem 
uberblickbaren Naturgebiet bereits vorgestellt ware, 
von dem man dann beilaufig sagen wollte, dafi es diesen 
Gusto gehabt habe (durch den es aber doch wohl selbst 
verriet, dafi es sich aus einer Reihe von Baumchen 
emporheben, von anderen unterscheiden wollte), konnte 
man »vom Baumchen« sprechen, das andere Blatter 
gewollt hat. Freilich ist einer der seltenen Falle gegeben, 
wo die Isolierung im Angeschauten von der marchen- 
haftto Absonderlichkeit bezogen und das Zitathafte so 
mit der Vorstellung verschmolzen ist, dafi es zugleich 
mit der Realitat entstanden, ja sie erst hervorzubringerj 
scheint. Eine Wirkung, die sich freilich nur der Gewalt 
cler Gelaufigkeit verdankt. Deutlicher und schon mehr 
als Gewalt spiirbar, die dem Begriff angetan wird, ist 
die Unebenheit in andern beruhmten Wendungen, 
deren rein begrifflicher Inhalt die voile Sicherung durch 
die Satzkonstruktion verlangen wxirde. Ein Fall, in dem 
der Artikel vollauf jenen Charakter eines Demonstra- 



68 



tivums hat, der die Zusammenziehung verbietet, ist 
Schillers 

Zum Werke, das wir ernst bereften, 
Geziemt sich wohl ein emstes Wort. 

Zwar bediirfte »das Werk« keiner naheren Bestimmung 
und geniigte als solches der Vorstellung des Werkes, 
das gerade bereitet wird. Der Relativsatz kann aber aus 
dem Grunde nicht als die Beifugung eines blofien Merk- 
mals hingehn, weil der Gedanke des Hauptsatzes — die 
Fordeimng des ernsten Wortes — in eine ursachliche Ver- 
bindung mit dem Moment der ernsten Bereitung gesetzt 
ist. Diese ist ein Hauptgedanke, antithetisch zu »Wort«. 
Weil es ein ernst bereitetes Werk ist (e i n s o 1 c h e s, 
das ; j e n e s, das ; oder das charakterisierende eines, 
wie bei dem Baumchen), so geziemt sich (auch oder 
demgemafi) ein ernstes Wort dazu. Ein blofies Merkma] 
enthielte der Relativsatz etwa in dem Gedanken: »Zum 
Werke, das uns Nutzen bringen wird, geziemt sich — «. 
Wiewohl auch hier die Ursachlichkeit durchschlagt. 
Deutlicher noch in: »Zum Werke, das uns so grofien 
Nutzen bringen wird — «, hier liegt eine klare Begrun- 
dung vor, die sich gegen die Zusammenziehung wehrt. 
Wie erst dort, wo das Motiv der » ernsten Bereitung« in 
der Wortparallele mit dem » ernsten Wort« ist: zur 
ernsten Tat gehort auch ein ernstes Wort. Ware der 
Relativsatz nur ein Nebenbei und nicht die begriffliche 
Grundlage, so ware das »ernst« eine leere Wieder- 
holung, wahrend es in Wahrheit eine voile Identitat 
bedeutet. Freilich vermag hier die Unebenheit wohl dem 
Gedanken, aber keineswegs dem Sinn Abbruch zu tun. 
Anders bei Goethe: 

Vom Rechte, das mit uns geboren ist, 
Von dem ist leidor nie die Frage. 

Das Recht steht antithetisch zu den »Rechten«, die sich 
wie eine ew'ge Krankheit forterben. Folgerichtig wurde 
das der Konstruktion »Vom Rechte« entnommene Recht 
als ein Absolutum, von dem nur nebenbei gesagt wird, 
dafi es mit uns geboren ist, etwa die Summe aller Einzel- 



69 



rechte bedeuten, das Jus, das sie alle in sich schliefit und 
von dem im Gegensatz zu den Rechten, die sich fort- 
erben, nie die Frage ist. Der Sinn, den die Konstruktion 
ergibt, ist hier nattirlich keiner. und eben das schiitzt 
sie durch Uberlegung vor dem Mifiverstandnis. Aber 
er ist an und fur sich einer, ein falscher, und darum mufi 
die Uberlegung hinzutreten, die zwar eine Stiitze des 
Sinns, aber auch eine Falle des Wertes ist. Man weifi, 
was »gemeint« ist, aber das ist eine Befriedigung aufier- 
halb der sprachschopferischen Sphare. Wahfend bei 
Schiller nur das eine Werk »gemeint« sein kann, kann 
hier auch ein anderes Recht gemeint sein als das tat- 
sachlich gedachte: als das mit tins geborne Recht, das 
Menschenrecht, das Recht, das wir, im Gegensatz zu 
dem Erbe der »Rechte«, als ein Pflichtteil der Natur 
mitbekommen haben. Schobe sich nicht das helfende 
und doch so storende Moment der Auffassung ein, so 
konnte man ja versucht sein, die Verschmelzung aus 
dem Erlebnis des Zusammenhangs »mit uns geboren« 
zu rechtfertigen und solches Ineinander als eine Totali- 
tat bis auf die Form »Vom« zu erstrecken. Aber dieser 
Eindruck ware keineswegs so zwingend, dafi er die 
Uberlegung ausschlosse, welches Recht es sei, und 
danach die Empfindung, da6 hier der Relativsatz jene 
definierende Kraft eingebiifit habe, die ihm zugedacht 
war. Wenn sich heute kein Zweifel iiber den Sinn mehr 
einstellt, so verdankt es der Satz der Gewalt des Zitats, 
die er trotz seinem Fehler erlangen konnte und die 
freilich vor allem bewirkt, dafi man iiber den Sinn nicht 
nachdenkt. Rhythmus und Reim haben diese Fahigkeit 
zum Ersatz an den beriihmtesten Beispielen bewahrt 
und sie schaffen jene Eingangigkeit, die ein Eingehen 
in die gedankliche Substanz geradezu verhindert. 



70 



Juni 1921 



Es 

(Abdeckung des Subjekts) 

Wien, 7. Marz 1921. 
Nicht in der Erwartung, irgend eine Antwort zu erhalten^ 
sondern weil ich Ihrer kunstlerischen Ehrlichkeit, die es schon mit 
sich abmachen wird, vertraue, erlaube ich mir, auf eine Stelle in 
Nr. 561 — 567 der Fackel . . hinzuweisen. Da stent eine Stelle, die 
ich gramma tikalisch nicht verstehe: ». . . den Grofistadtleuten den 
Abend, der eg werden will, zu verkurzen . . .« . Sie wollen den 
Satz »Es will Abend werden« in relativischer Form bringen und 
behandeln nun »Es« wie ein richtiges Subjekt, etwa nach dem 
Muster: »Er wird Maler — der Maler, der er werden will«. Nun 
ist doch aber »es« hier kein Subjekt, sondern ein vielleicht 
aus rhythmischen Grunden eingefugtes Wort, das es ermoglicht, das 
Subjekt nachzusetzen. So wird aus dem Satz: »Abend will werden« 
— der Satz: j>Es will Abend werden«. Ebenso sagt man etwa statt 
»der Tag beginnt« — »es beginnt der Tag«. Aber Sie konnten 
doch nicht sagen: »der Tag, der es beginnt«, sondern Sie miifJten 
in der relativischen Form das »es«, das ja seiner Funktion, die Nach- 
setzung des Subjekts zu ermoglichen, nunmehr ledig ist, weglassen: 
»Der Tag, der beginnt«. Demnach hatte ich an jener Stelle Ihres 
Textes erwartet: »Der Abend, der werden will« zu lesen, worauf ich 
nicht gezwungen gewesen ware, die Frage: »der — wais werden 
will?« zu stellen. Ich begreife, daS durch die Weglassung des »es« 
die Assoziation der Wendung »es will Abend werden « gefahrdet 

fewesen ware, aber ich hatte dies, im Vergleich zu jener grammati- 
alischen Harte, die nun im Text steht, fur das kleinere Ubel gehalten. 
Ich werde meine Einwendung fur sachlich nicht unberechtigt 
halten, wenn Sie sie in der n a eh s ten »Fackel« nicht erwahnen. 

Dankbar 

Ihr 

Wiewohl die Folgerung, dafi das Verschweigen der 
Ausdruck des Fehlerbekenntnisses ware, sonderbar 
genug mit dem anfanglichen Vertrauen in die kunst- 



71 



lerische Ehrlichkeit kontrastiert und ganz abgesehen 
davon, dafi ein solches aus der »Nichterwahnung in der 
nachsten Fackel« doch vielmehr auf die Unrichtigkeit 
des Einwands schliefien miifite, erscheint gerade diese 
geeignet, vollauf beachtet zu werden, weil der Fall 
beispielhaft den Abgrund zwischen grammatikalischem 
Bescheidwissen und Sprachfiihlen demonstriert, iiber 
den jenes nicht hinuberkommt, weil es nun einmal keine 
Fliigel hat. Er ist deshalb besonders interessant, weil er 
den Leser durchaus auf dem Stande der Grammatik 
zeigt, die vor einem der merkwiirdigsten Sprachgeheim- 
nisse, das sie bis heute nicht zu erspiiren vermocht hat, 
sich nur durch Verwechslung mit einer ziemlich planen 
Eigentiimlichkeit — dem »vorangestellten es« — helfen 
kann, wiewohl sich auch diese, als eine tief er zu 
begriindende Spracherlaubnis, dem grammatikalischen 
Erfassen entzieht. Dafi das »es« in einer Wendung wie 
»es will Abend werden« kein »vorangestelltes es« ist, 
sondern ein »richtiges Subjekt«, daran habe ich 
zu allerletzt gezweifelt, als ich das Bibelwort in einen 
Helativsatz brachte. Da die Leser immerhin schon das 
eine aus der Fackel entnommen haben konnten, da6 in 
ihr noch kaum je ein Buchstabe gedruckt war, ja kaum 
ein Zeilenumbruch erschienen ist, bei dem sich der 
Autor nicht etwas gedacht hat, und da solches in weit 
hoherem Mafi das Wort beglaubigt als dessen aufiere 
Korrektheit, so ware eigentlich der Weg zum Nach- 
denken iiber Sprachprobleme so deutlich gewiesen, dafi 
jeder in jedem Falle auch ohne Auseinandersetzung mit 
dem Autor zu einem Erlebnis gelangen konnte, und wer 
weifi, ob sie sich dann nicht eher an einen Grammatiker 
mit der Anfrage wenden wollten, wie er mit seinem 
plumpen Schema dem gar nicht mehr fraglichen Fall 
gerecht wiirde. Wenn ich sage, dafi ich an der Bedeu- 
tung des »es« zu allerletzt gezweifelt habe, so bekenne 
ich freilich, da6 die Konstruktion mit allerlei Zweifeln 
behaftet war. Aber die Sprache gewShrt nur solche und 
sie lafit nicht zu, dafi zwei Worte zusammenkommen, 



72 



ohne aneinander zu geraten, mogen sie auch in dem 
gelosteren Zusammenhang des taglichen Sprachverkehrs 
sich ganz gut vertragen. Das Problematische der Fugung 
ging jedoch geradenwegs vomSubjektcharakterdes »es« 
aus, den das Geftihl so stark bejaht hat, dafi ihm die 
Sprache hier fast etwas schuldig zu bleiben schien, nam- 
lich etwas wie einen lateinisch gefiihlten Akkusativ fur 
das, was »es« werden will, also: der Abend, »den« es 
werden will und der freilich an Grofie verlore, was das 
»es« gewinnt. (Wahrend sich ein scheinbar doch gewich- 
tigeres maskulines Subjekt bei dem Nominativpradikat 
vollauf beruhigt: »der Maler, der er werden will«.) So 
stark empfand ich die regierende Stellung jenes »es«. 
Nun nehmen wir vorerst an, dies ware ein Mifigefuh] 
und das »es« hatte nicht mehr Kraft als in dem Beispiel, 
das der Einsender anfuhrt: »es beginnt der Tag«. So 
stiinde die Angelegenheit immer noch so, dafi sich hier 
der Stil den Teufel, der ihm nun einmal innewohnt, um 
die Grammatik scheren miifite. Wir setzen also voraus, 
dafi die Grannnatik das »es« in »es will Abend werden« 
mit Recht fur nichts als das »vorangestellte es« halt 
(das es »ermdglicht«, das Subjekt nachzusetzen, ohne 
dafi der Grammatiker weifi, warum es das tut). Dann 
wiirde sich noch immer der Fall ergeben, dafi hier 
starker als die Konstruktion, die da tatsachlich ver- 
langte: »der Abend, der werden will«, das Fluidum ist, 
das dem Zitat anhaftet, und daft das fehlerhafte »es« 
nichts anderes ware als ein geistiger Ersatz fur An- 
fxihrungszeichen. Denn es ware doch nicht mehr die 
Sprache des Autors, sondern eine angewandte Sprache, 
die als solche ja erst durch die entstandene Regelwidrig- 
keit kenntlich wiirde. Nun kann aber auch nicht die 
Spur einer solchen behauptet werden, selbst wenn alle 
Grammatiker, weil sie eben dieses »es« nicht durch- 
gedacht haben, es auf den aufiern Anschein hin — »es« 
ist »es« — behaupten wollten. Der Einwand hat sich 
dadurch als dankenswert erwiesen, dafi er die Moglich- 
keit gewahrt hat, der Grammatik auf eine Unterlassung 



73 



zu kommen, die nicht anders als durch das mangelnde 
Sprachgefiihl jener, die dieser Wissenschaft obliegen, 
erklart werden kann. Sollte es einen Grammatiker 
geben, der den wesentlichen Unterschied zwischen den 
beiden »es« erfafit hat, so ware er naturlich von der 
Generalisierung. die diese Reglementsgeister trifft, 
auszunehmen, aber da in der Wissenschaft kaum einer 
die Erkenntnisse vermeidet, die ein anderer gefunden 
hat, so mufi man gewifi nicht alle studieren, inn keinem 
unrecht zu tun. Sie sagen also, dies »es«, vorangestellt 
vermutlich aus dem Grunde, weil sich das gut macht 
und weil die Zunge schon bevor sie spricht das Bediirf- 
nis hat auszuruhn, »bereite auf ein durch Inversion 
nachgestelltes Subjekt vor«, und finden etwa, dafi es 
sowohl in »es lebe die Freiheit« wie in »es werde Licht« 
dieser Bestimmung diene. Eben daher hat auch der Ein- 
sender die Auffassung, dafi es in »es beginnt der Tag« 
und »es will Abend werden« identisch sei, und weil ich 
nicht sagen kann: »der Tag, der es beginnt«, so konne 
ich auch nicht sagen: »der Abend, der es werden will«, 
weil ich nicht sagen kann: »die Freiheit, die es leben 
moge«, so konne ich auch nicht sagen: »das Licht, das 
es werden soll«. Und doch kann ich dies so sicher sagen, 
wie ich jenes nicht sagen kann, und selbst dort, wo nicht 
das Zitat immunisierend wirkt. (Ich habe es auch schon 
einmal gesagt, in den Versen »Es werde Licht« schliefie 
ich: »Ihr lobet Gott; ich weifi, wie Licht es werde.« 
Nicht: »wie Licht werde«. Die Erlaubnis des Zitats mufi 
hier gar nicht dem »es«, sondern nur dem »werde« zu- 
gute kommen, das grammatikalisch bedenklich, stilistisch 
berechtigt ist durch die Kraft des Zitats wie durch das 
Moment des Wunsches, das der entliehene Konjunktiv 
einschliefit.) Der Zwang, zu fragen: »das — was 
werden will?«, besteht fur den nicht mehr, der eben die 
ganze Fulle des »es« in diesen Beispielen im Gegensatz 
zu der Unwertigkeit des »es« in den andern Beispielen 
erfafit hat. Er fragt vielmehr: »Was will es werden ?«. 
Denn in »Es werde Licht« ist das »es« so wahr ein 



74 



Subjekt, als im Anfang das Wort war. Das starkste 
Subjekt, das es im Bereich der Schopfung gibt, jenes, 
das Licht wurde, jenes, das Tag wird, jenes, das Abend 
werden will. (Alles hangt davon ab; alles kann Relativ- 
satz werden.) Es: das Chaos, die Sphare, das AH, das 
Grdfite, Gefiihlteste, welches schon da ist vor jenem, 
das daraus erst entsteht. Licht, Tag, Abend ist nicht 
Subjekt (wie der Grammatiker schlicht vermutet), 
sondern Pradikat, kann nicht Subjekt sein, weil »es« 
erst zu Licht, zu Tag, zu Abend »wird«, sich dazu ent- 
wickelt. »Und so ward es Abend; so ward es Morgen — 
der erste Tag.« (Luther iibersetzt berichthafter : »Da 
ward aus Abend und Morgen der erste Tag«.) »Und es 
geschahe so.« »Und Gott sahe, dafi es gut war.« »Es 
werde Licht« bedeutet nicht: Licht werde. »Es will 
Abend werdem bedeutet nicht: Abend will werden. 
»Es beginnt der Tag« bedeutet aber allerdings : der Tag 
beginnt. Da ist der Tag das Subjekt. Warum nun steht 
dort auch ein Es »voran« ? (In w ahrheit steht es n u r 
dort »voran«.) Es ist eine Wohltat der Sprache, keine, 
die sie dem Mund, sondern eine, die sie dem Gedanken 
erweist, indem sie doch einen Unterschied zur Aussage- 
norm erleben lafit. Sehr deutlich wird das an dem 
folgenden Beispiel: »es beginnt der Tanz« und »der 
Tanz beginnt«. Das »es« — ein dichterisches und kein 
blofi »rhythmisches« Element — dient der Anschauung; 
Taktstock, die Paare gruppieren sich. Oder : Programm- 
punkt innerhalb einer zeremoniellen Entfaltung, »nun 
beginnt . . .«. »Der Tanz beginnt« ist der blofie Bericht, 
das Begriffsskelett der Handlung; aus dem Wissen 
heraus, dafi »es« der Tanz ist, was da beginnt, wird 
dieser gesetzt, wobei man weder ihn gewahrt noch die 
Stimmung, das »es«, woraus er hervorgeht. Man beachte 
den Unterschied zwischen dem Gedicht »Es rast der 
See und will sein Opfer haben« (in der landlaufigen 
Zitierung) und dem Bericht: »der See rast und will sein 
Opfer haben«. Kein Zweifel, dafi auch diesem »es«, das 
tatsachlich dem Subjekt »der See« nur vorangestellt ist, 



75 



etwas innewohnt von dem Erlebnis des Unbestimmten, 
dem sich das sinnlich Wahrnehmbare entschalt und 
welches eben in »Es will Abend werden« so stark ist, 
dafi es sich des Subjektcharakters bemachtigt. Die 
Sprache lafit zunachst beim Rasen des Elements ver- 
weilen, worauf erst das Bewufitwerden folgt, dafi »es« 
der See ist, so verwandelt, er, der ehedem lachelnde, 
und gar nicht wiederzuerkennen, wahrend ihn das 
blofi aussagende Bewufitsein des Wettermelders sofort 
erkennt. (Der neue Stilist, der nur Stadien der Wahr- 
nehmbarkeit notiert, wiirde freilich auch: »Tanz wird« 
oder gar »Rasendes ist See« sagen. Der Expressionist 
der Bibel, der »Es werde Licht« sprach, mufite nicht 
die Sprache aus der Welt schaffen, ehe er diese schuf.) 
»Es kann der Frommste nicht in Frieden bleiben, wenn 
es dem bosen Nachbar nicht gefallt« : ohne Zweif el ist 
der Frommste das Subjekt. Doch warum ist »es« da 
vorangestellt, was soil da erlebt sein, ehe man erfahrt, 
dafi es der Frommste ist, dem »es« zustofit? Seine 
Wehrlosigkeit, sein besonderer Notstand, ein Es-ist- 
nicht-auszuhalten, wenn sogar usw. »Der Frommste 
kann nicht in Frieden bleiben« ware die blofie Fest- 
stellung, welche noch der Einrede Raum liefie, dafi er, 
gerade w e i 1 er der Frommste ist, den bosen Nachbar 
gereizt hat. (Die Wortstellung bedeutet hier den Unter- 
schied zwischen Ausdruck und Aussage. Selbst ein unter- 
schiedlicher Buchstabe kann den bei Schiller so seltenen 
Wandel von Lehrmeinung zu Anschauung bewirken und 
wenn er i'ehlt, aufheben. Man beachte den von mir einst 
nachgewiesenen Fall, dafi das herrlich plastische »Ein 
a n d r e s Antlitz eh sie geschehn, ein anderes zeigt 
die vollbrachte Tat« von den spateren Druckern und 
Herausgebern aus dem Wunder des Wechsels von 
raschem Entschlufi in bange Reue, aus dem Doppel- 
gesicht der Seele zu einer oden Doppelansicht [anderes 
— anderes ] verhunzt wurde. ) Natiirlich wissen die 
Sprachwissenschaftler von dieser dichterischen Funktion 
des wirklich »vorangestellten es« auch nichts. Wie 



76 



wiirden sie aher Augen machen, wenn man ihnen den 
reinen Subjektcharakter des »es« in »Es werde Licht« 
erhellte, indem man, ohne doch das »Es« im geringsten 
zu alterieren, statt »Licht« »licht« setzt. Da wird es 
hell. Es tagt. Und wenn »es tagt« : ist das nicht ganz 
cUs namliche »es« 5 wie wenn es »Tag wird« — und was 
ware es dann, wenn nicht das Subjekt? Und »Tag« das 
Pradikat! »Es wird Tag« und »Es beginnt der Tag« : dort 
ist »Es« Subjekt, »Tag« Pradikat; hier ist »Tag« Sub- 
jekt. Ist ihnen in jenen Fallen das Fehlen des Artikels, 
welches schon Pradikathaftes andeutet, nicht verdachtig ? 
Der Artikel f ehlt, doch dafur mochteman »Es« statt »es« 
schreiben : merken sie »Es« noch immer nicht ? Doch wenn 
»es schon ist«, ist da auch noch das »es« vorangestellt ? 
Dem nackten Pradikat, aus dem der Satz besteht? Viel- 
leicht stent's doch blofi fur »dasWetter«, »dasDraufien«, 
fur das was als die Summe der beziiglichen Sinnes- 
eindriicke das grofie Neutrum der Natur ausmacht? 
Sie sagen nun auch, es »deute auf einen vor- oder nach- 
stehenden Satz«. Aber: wenn es voransteht, so ist 
eben der Subjektcharakter gegeben. »,Er ist wohl.' 
,Es freut mich.'« Wenn er nachsteht: »Es freut 
mich, dafi er wohl ist«, so ist »es« eine Inversion, durch 
die auf das eigentliche Subjekt »dafi er wohl ist« vor- 
bereitet wird, wie in »Wer wagt es, zu tauchen<< auf das 
Objekt. Hier will die Sprache das, was sie zu sagen hat, 
gewichtiger machen. Wenn aber nichts vor- oder nach- 
steht und auf nichts gedeutet wird, wenn es schon ist 
und sonst nichts zu bemerken, dann bliebe, da »es« um 
keinen Preis ein richtiges Subjekt sein darf, wohl nur 
noch die Vermutung, es sei der Aussage vorangestellt 
und wenn kein Grund mehr fur die Inversion besteht, 
so musse es heifien: »Schon ist«. Spiiren sie »Es« noch 
immer nicht? »Es ist ein Kreuz!« Aber ein Moment stellt 
sich ein, das es auch ihnen schliefilich leicht machen 
wird. Das »vorangestellte es« kann man begreiflicher 
Weise nur in vorangestelltem Zustand belassen, es wird 
in keine Verwandlung des Satzes mitubernommen. 



77 



Aufier fur ein sofort erkennbares Zitat, so dafi ich in 
einer Stilcharge $ogar sagen konnte: »Der See, der es 
rast« oder etwa, um einen Phrasenschwall zu treffen, 
mich erkuhnte, zum betonten Unterschied von der 
»Freiheit, die ich meine« von der »Freiheit, die es lebe« 
zu sprechen. Man kann jedoch an und fur sich nicht 
sagen: der Tag oder der Tanz, der es beginnt, und nicht 
einmal: der Tag oder der Tanz beginnt es. Aber man 
kann doch wohl sagen: Tag wird es, Abend will es 
werden, Licht werde es? Was ist da aus dem »voran- 
gestellten es« geworden? Ein nachgestelltes ! Es hat sich 
erhalten; es lebt, es ist da, es (das Element) behielt es 
nicht. Denn es konnte eben, weil's ein »richtiges«, ein 
rechtschaffenes Subjekt ist, nicht verschwinden. Die 
Vorstellung jedoch, dafi in den Beispielen, die die 
Grammatiker tatsachlich nebeneinandersetzen : »es 
zogen drei Burschen zum Tore hinaus« und in »es werde 
Licht« das »es« gleichwertig und gleichbedeutend sei, 
dafi das rein pradikative Licht »nachfolgendes Subjekt« 
sei wie die drei Burschen, kann nur einer Wissenschaft 
gliicken, die sich mit Handgriff und Registrierung 
begnugt und, was dieselben Buchstaben hat, als offenbar 
identisch in das gleiche Fach tut. Wer nicht auf das 
Letternbild starrt, sondern mit geschlossenen Augen 
den Weltenunterschied so winziger Raume zu durch- 
messen bemuht ist, der wird seiner habhaft werden, 
und noch leichter dort, wo er nicht zugleich die begriff- 
liche Distanz der Beispiele zu bewaltigen hat, sondern 
vor einer begriff lichen Identitat: »Es beginnt der Tag« 
und »Es wird Tag«. Wer aber da nicht spurt, worauf es 
ankommt, fur den kann, wenn er auf die Uhr schaut, 
wohl der Tag beginnen — der e s ihm aber nicht wird, 
Denn so klein ist dieses »es«, dafi er es in der Unendlich- 
keit, die es bedeutet, nicht erschopfen wird, und nichts 
lafit sich erleben als ein Zeitvertreib, ein »Abend, der 
werden will« , od wie nur einer, der angebrochen ist und 
mit dem man nichts anzufangen weifi. 



78 



Juni 1921 



Eine Richtigstellung 

Weniger wiirdig einer Antwort als ihrer dringend 
bedurftig ist das Folgende: 

Wien, 29. Marz 1921. 
In lhrem Aufsatz . . . , der den aussichtslosen Versuch unter- 
nimmt, den Diehter Anton Wildgans in seiner hervorragenden Be- 
deutnng herabzusetzen, zitieren Sie nach der Reichspost: 

Demi immer noch, wenn des Geschickes Zeiger 

Des Schicksals grofie Stunde wics, 

Stand dies Volk der Tanzer und der Geiger 

Wie Gottes Engel vor dem Paradies. 
wobei Sie jedoch die Moglichkeit nicht ausschliefien, der r y t h- 
mische Fehlex in der 3. Verszeile, den wohl jeder Volksscnuler 
herausfinden und korrigieren konnte, sei auf falsche Wiedergaba 
zuruckzufuhren. 

Hatte sich der Herausgeber der »Fackel« die Muhe genommen 
die Strophe im Original nachzulesen (Im Inselverlag, Osterr. Biblio- 
thek Nr. 12, S. 12), so wufite er, dafi die betreffende Stelle richtig 
heifit: 

Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger 

Die grofte Stunde der Geschichte wies, 

Stand dieses Volk der Tanzer und der Geiger 

Wie Gottes Engel vor dem Paradies. 
was ihm allerdings die Feststellung einer »Fiille von Schicksal und 
Geschick* unmoglich gemacht, ihn aber dahin unterrichtet hatte, dafi 
in dieser geschmahten Lyrik das Gedicht »Legende« enthalten ist; 
vielleicht hatte er auch in Erfahrung gebracht, dafi dieser Kriegs- 
dichter Wildgans der Verfasser des Dramas »Armut« ist, einem 
Werke, das weder in der Reichspost noch in der Neuien Freien 
Presse abgedruickt war, daher dem Verlag der »Fackel« bisher — 
gottlob — entgangen zu sein scheint. 

Es ist doch der Vorteil des Briefschreibens, dafi 
eine Intimitat, die etwa bei einer miindlichen Ansprache 



79 



nicht liber das Lampenfieber hinauskommen konnte, bis 
zu der Preisgabe dessen, was sich so in einem Gehirn tut 
und wie es auf Lyrik reagiert, gelangen kann. Und wenn 
die Bedenken, dergleichen mit dem Hochgefiihl des 
Beachtetseins auszustatten, gewifi nur von der Pflicht 
einer tatsachlichen Richtigstellung iiberwunden werden 
konnen, so mufS man doch auch dankbar sein fur jene 
Anlasse, die, wo immer sie wachsen, in der Zeitung, auf 
der Strafie, in Briefen, mit der Pein der Befassung 
zugleich die Freude am Typischen gewahren. Und wenn 
man sich auch mit dem besten Grund von der Welt, 
dem, dafi es ihrer sowieso schon mehr gibt als man 
bewaltigen kann (in der Wirklichkeit und besonders in 
der Vorstellung), gegen ihren Zudrang wehrt: sobald sie 
einmal da sind und eben das bringen, was man sonst 
vielleicht erfinden miifite, kann man sich doch wieder 
das, was einem das Leben erschwert, jeweils als Berufs- 
erleichterung zurechtlegen und es zufrieden sein. 1st es 
nicht, wenn man schon das Erlebnis hat, von einem 
Wildgans-Verehrer »gestellt« zu werden (und mithin 
zu erfahren, dafi es solche nicht nur in der Presse, son- 
dern auch in der Natur gibt), jedenfalls eine Annehm- 
lichkeit, authentische Wildgans-Zitate zu bekommen, 
die einem die Lektiire des Originals ersparen und alles 
Wissenswerte noch mit dem Unterschied von Lesarten auf 
einer Brief seite zusammenf assen ? Denn die scherzhafte 
Anspielung darauf, daft mir von der zeitgenossischen 
Literatur vieles entgeht, was nicht in der Reichspost 
oder in der Neuen Freien Presse, also nicht fehlerhaft 
zitiert ist, riihrt mit dem Finger an eine Wunde, an 
eine nie vernarbende Bildungsliicke. Was mich einzig 
entschuldigt, ist meine ungeheure Anregungsfahigkeit, 
die sich eben, da ihr ja doch nur ein einziges Menschen- 
leben mit seinen Tagen und Nachten zu Gebote steht, 
gewisse Schranken setzen mufi. Denn wenn ich iiber 
Miillers »Flamme«, ohne sie zu kennen, neun Seiten 
schreibe, welche Arbeit miifite ich erst zu bewaltigen 
haben, wenn ich sie kennen lernte? Ein paar Zitate in 



80 



der Neuen Freien Presse mufiten mir geniigen, aber 
selbst das war zu viel, ich hatte, was ich zu sagen hatte, 
schon auf das blofie Gerucht hin schreiben konnen, dafi 
ein Stuck von Hans Miiller aufgefiihrt wird, wo kein 
Zoller, sondern a Hur vorkommt. Ich mufi mich dessen 
schuldig bekennen, dafi ich Wildgans gegeniiber, dessen 
Drama »Armut« mir tatsachlich unbekannt ist, weil es 
weder in der Reichspost noch in der Neuen Freien Presse 
gedruckt oder auch nur zitiert war, nicht griindlicher 
vorgegangen bin. Aber wenn ich im Begriffe bin, uber 
eine Strophe von ihm, die ich nicht einraal im Original 
aufsuche, einen Essay zu schreiben, zu wieviel Biichern 
wiirde mich erst ein Buch von ihm anregen ? Ich gestehe 
ohne Umschweife, daft ich eigentlich nicht viel mehr von 
Wildgans weifi als dafi er fromm und bieder, wahr und 
offen fiir Recht und Pflicht steht, aber als Christ es bei- 
weitem nicht so iiberzeugend zum Ausdruck bringt wie 
gerade Hans Miiller. Ich kenne seine beriihmtesten Ge- 
dichte, die ich fiir einen grofien Dreck halte, wobei 
naturlich mein Sonderstandpunkt beriicksichtigt werden 
mufi, von dem aus alles, was nicht Kunst ist, in seiner 
hervorragenden Bedeutung umso mehr herabgesetzt er- 
scheint, je gefalliger oder virtuoser, kunstgewerblich 
anziehender und irrefiihrender es sich bietet, im Ver- 
gleich mit jeder andern Dilettantenarbeit. Es ist quanti- 
tativ wenig, was ich von ihm kenne, aber da es qualitativ 
nicht viel ist, so ist es mehr als genug. Es gibt Autoren, 
von denen ich noch weniger kenne und doch ebenso viel, 
als ich von ihnen halte, namlich nichts. Womit beileibe 
nicht gesagt sein soil, daft ich von Wildgans, weil ich 
mehr von ihm kenne, auch mehr halte. Zwar begniige ich 
mich aus Ubergewissenhaftigkeit keineswegs damit, aus 
der bloften Tatsache, dafi einer heute lebt, auf seine 
Nichtigkeit zu schlieften, aber immerhin hat mir schon 
manchmal eine Zeile geniigt, die uber einen irgendwo 
gesagt war, und wenn ich dazu noch eine Zeile von ihm 
selbst zitiert fand, so glaube ich mehr als genug getan zu 
haben, um mir ein voiles Bild der Personlichkeit zu 



81 



machen. Ich wiirde mir also Unrecht tun, wenn ich sagen 
wollte, dafi ich von den Leuten, die ich fiir schlechte 
Dichter halte, gar nichts weifi. Und wer hatte mir denn 
je nachsagen konnen, dafi ich nicht bescheiden mein 
Ahnungsvermogen, sondern mein Wissen gegen die 
heutige Literaturwelt ausgespielt habe ? Da ich auch mil 
jenem schliefilich Recht behalte, brauche ich diesem 
nicht mehr zuzumuten, als meine Nervenkraft, die doch 
schon mit dem Gefiihl solcher Existenz iiber lastet ist, 
vertragen konnte. Wohl weifi ich, dafi, sobald ich einmal 
eingestehen wollte, wie weriig ich im Grunde von den 
heutigen Dichtern weifi und dafi ich zum Beispiel von 
Sternheim lange Zeit nur ein Telephongesprach kannte, 
also noch weniger als von Wildgans, man mich der 
Leichtfertigkeit im Tadel beschuldigen wiirde. Wenn 
ich mir selbst das Zeugnis ausstelle, »Armut« nicht zu 
kennen, so darf ich auch sagen, dafi es beiweitem keine 
solche Schande ist wie stolz darauf zu sein, »Armut« zu 
kennen. Ware ich Theaterkritiker, so ware ich freilicb 
verpflichtet, »Armut« zu kennen oder wenn ich mich 
nach dem ersten Akt entfernte, mein Urteil nicht ohne 
diesen Umstand dem Publikum mitzuteilen. So aber 
begniige ich mich der deutschen Literatur gegeniiber 
mit dem Standpunkt jenes sachverstandigen Dr. Kastan, 
der in Berliner Premieren beim Aufgehen des Vorhangs 
»Schon faul!« auf die Szene rief und sich sodann ent- 
fernte; wenngleich mit dem Unterschied, dafi ich auch 
dem Schauspiel, wie der Vorhang aufgeht, nicht bei- 
wohne. Aber alles in allem, und um nicht nur den 
Autoren, sondern auch mir selbst gerecht zu werden, 
mufi ich doch sagen, dafi ich nach bestem Wissen und 
Gewissen vorzugehen glaube, wenn man mir eine Strophe 
eines Lyrikers reicht und ich dann iiber diesen wie den 
Dramatiker ein Urteil falle, ohne jedoch damit auch 
iiber seine moglichen Fahigkeiten als Postbeamter zu 
entscheiden. Denn nur in der Kunst, wo mir eine Zeile 
die Personlichkeit aufschliefit, scheint mir die Eignung 
furs »Fach« keiner weiteren Untersuchung bediirftig, 



82 



und dariiber hinaus gehe ich nicht. Wenn wir uns also 
an die Lyrik halten, in welcher ja als der engsten und 
strengsten Sprachprobe das Wesentliche, wenn ein sol- 
ches da ist, zum Vorschein kommt — und alles andere 
ist Umweg und Zeitverlust — , so stiinde nun die Sache 
so, dafi ich Gelegenheit bekam, Wildgans nach dem 
Urtext zu priifen, wenigstens soweit mir ihn ein glaub- 
wiirdiger Gewahrsmann vermittelt, eine Gelegenheit, fur 
die ich mehr noch dem Zufall dankbar sein mufi, der 
mir ihn urspriinglich verstummelt iiberliefert hat. Einer 
Frivolitat, diesen Zufall ergriffen zu haben, weifi ich 
mich aus dem Grunde nicht schuldig, weil ich in dem 
einen Punkt selbst auf die offenbare Verslucke hinge- 
wiesen habe und was den anderen betrifft, von der 
Reichspost als einer Kennerin und Schatzerin der Wild- 
gans'schen Lyrik mir eine so schnode Beilaufigkeit un- 
moglich versehen konnte. Ebenso wenig aber hatte ich 
geglaubt — und es enttauscht mich an Wildgans — , 
dafi der Dichter auf die richtige Wiedergabe seines 
Textes keinen Wert legen und die Verstummelung nicht 
sofort und ehe ich danach langte, an Ort und S telle 
berichtigen wiirde. Dies umso weniger, als er ja im tele- 
phonischen Verkehr mit der Tagespresse reichlich Gele- 
genheit gefunden hatte, auch von ihr eine Gefalligkeit 
zu erbitten, die nur die Erfullung einer Pflicht gewesen 
ware. Doch sei dem wie immer und wenngleich den 
Dichter, der offenbar mit Direktionsgeschaften iiber- 
hauft ist, selbst die falsche Wiedergabe seiner Verse in 
der Fackel unberiihrt lafit — ich zum Beispiel wiirde 
sofort die Burgtheaterdirektion hinwerfen, wenn sie 
mich an der Wahrung des wichtigsten Autorrechts 
behinderte — , so ist es jedenfalls ein Gliick, dafi die 
Wildgans-Verehrer Zeit haben. Sonst erfiihre man nicht, 
dafi mein Spott fiber die »Fiille von Schicksal und 
Geschick« ganz unberechtigt war, weil die Stelle nicht 
lautet : 

Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger 
Des Schicksals grofie Stunde wies 



83 



sondern : 

Denn immer noch, wenn des Geschickes Zeiger 
Die grofte Stunde der Geschichte wies . . . 

Das ist allerdings insof em ein Unterschied, als man 
in der ersten Fassung, die also die Reichspost gedichtet 
hat, irgend etwas von einer mifigluckten gedanklichen 
Wendung vermuten konnte — etwa Geschick als die 
waltende Instanz, Schicksal als das jeweils Verhang- 
te — , wahrend in der richtigen Fassung die reine Wild- 
gans-Banalitat zu ihrem Recht kommt, jene Dichterei, 
die im tiefsten Einklang mit dem, was das Publikum zu 
horen wiinscht, ihm das einsagt, was es aus Zeitmangel 
nicht selbst dichtet und was ihm ins Ohr und sozusagen 
ins Herz geht; das Mund- und Handwerk, das fertige 
Ornamente zusammenreimt und Phrasen, die dem 
Zeitungsleser schon verdachtig waren, wieder genufi- 
fertig an den Mann bringt. Also die grofie Stunde der 
Geschichte! Und die Reichspost, die doch sicher am 
1. August 1914 das Wort gefunden hat, der es auf den 
Lippen lag wie nur einer, liefi sich das entgehen. Dafi 
es platterdings nur die Geschichtsstunde ist und bleiben 
wird, in der der osterreichische Mittelschiiler durchfiel, 
ist ein Moment, das der wirklich blofi noch in einem 
Wildgansgedicht moglichen Redensart etwas Beize 
gibt. Dagegen scheint der osterreichische Volksschuler 
in Deutsch gut abzuschneiden. Nicht weil er weifi, dafi 
Wildgans nicht »der Verfasser des Dramas ,Armut' ist, 
einem Werke«, sondern eines Werkes. Wohl aber weil 
er »sofort herausfinden konnte«, worauf ich mir weifi 
Gott was zugute tat, namlich dafi es heifien mufi: 

Stand dieses Volk der Tanzer und der Geiger 
Wie Gottes Engel vor dem Paradies. 

Was freilich der Volksschuler, selbst wenn er schon ein 
Wildgans-Verehrer ware und einen rhythmischen Fehler 
nicht nur herausfande, sondern auch wiifite, dafi man 
ihn mit h schreibt — was er unmoglich herausfinden 
konnte und was ich nur verschwiegen habe, als ich gleifi- 



84 



nerisch dem Wildgans den Wert » dieses « zuerkannte, 
ist: dafi ich es nur als Wildgans-Restaurator, nur in 
seinem Stil hergestellt habe, und dafi das falsche »dies« 
tausendmal besser ist. Ja, dafi die Zeile 

Stand dies Volk der Tanzer und der Geiger 

schlechthin ein Kunstwerk ist, das sogar mit der wider - 
lichen Vorstellung von d'Geigerbuam, die in d' Cheru- 
bim verwandelt sind, fertig wird und das Wildgans kei- 
nesfalls hatte schreiben konnen. Denn nicht weil mir 
eine Silbe gefehlt hat, sondern weil sie dem Dichter 
gefehlt hat, habe ich sie reklamiert. Im Druck- oder 
Schreibfehler, in dem rhythmischen Verstofi liegt 
der Wert. Weiter: in diesem Unterschied zwischen 
»dieses« und »dies«. in der vollkommenen Beeinflussung 
des ganzen Gefuhlsinhaltes der Zeile durch die Moglich- 
keit, dies oder dieses zu wahlen, in dem Spiiren und 
Wissen, dafi die korrekte Auffulhing nur eine leblose 
Gruppe aus Stearin herstellt, nein, eine schabige Redens- 
art, die nicht einmal diesen Anblick gewahrt, wahrend 
die Verkiirzung die voile, rein lyrische Anschauung 
eines eben noch heiter bewegten Ensembles darbietet, 
das sich plotzlich sammelt und steht: darin ist so ziem- 
lich alles enthalten, worauf es in der Kunst ankommt, 
was die Sprache vermag und was sie Dilettanten wie 
Epigonen vorenthalt, und wer diesen Unterschied durch- 
fuhlen kann, dem wird sich der Blick in ein Gebiet auf- 
tun, iiber dessen Angelegenheiten er bisher schwatzen 
zu dilrfen glaubte, weil er ihren oberflachlichen Sinn, 
ihre Uberemstinornung mit seinen Privatgefuhlen, den 
Geschmack ihrer aufieren Form erfafit hatte. Ich wtifite, 
dafi Wildgans dieses belebenden (und die beabsichtigte 
Starrheit eben aus dem zuvor Lebendigen bewirkenden") 
Wortchens nicht fahig war, und es ihm lassen, hiefie 
ihn mit fremden Federn schmiicken. Man achte nur auf 
den Zauber dieser Veranderung, die das Aufgeben des 
aufiern Rhythmus zugunsten eines innern bedeutet; man 
beachte, welche Eindringlichkeit dieses »Stand« als 



85 



erste betonte Silbe mit einem Mai empfangt und wie 
eben an diesem Halt, durch die eintretende Verkiirzung, 
alles rings herum locker und beweglich erscheint, ganz 
wie es war, ehe es in die Stellung, die der nachste Vers 
ihm anweist, iiberging. So unmittelbar ist die Wirkung, 
dafi sie, ganz entgegen dem Fibelpathos, das die grofie 
Stunde der Geschichte wies und pries, heute an die 
Tragik eines Volkes ruhrt, dem es bei Gott besser 
erspart geblieben ware, aus seinem lockeren Gefiige in 
die Habtachtstellung von Erzhausengeln zu geraten. Man 
sieht sie tanzen und man hort sie geigen. Der Ton und 
das Bild selbst des Geigenstrichs wird lebendig. Aus dem 
zahmen Gansemarsch: 

w — ^ — . w — ^y — ^ — ^ 

wird dieser Tanz : 

— v*r — ks — \s \*r \s -— ks 

Mit den drei kurzen Fiifien : Tanzer und der (Tanzer- 
runde) dreht sich alles, losgebunden von dem ein fur 
allemal gestellten »Stand«. Und nun vergleiche man 
damit das in die Senkung gefallene »Stand« in Verbin- 
dung mit »dieses« : wie od, wie leer dieses Vergnugungs- 
lokal ist und wie nur die animierte Leblosigkeit das 
»stehende«, herumstehende Volk mit dem der Tanzer 
und der Geiger verbindet, das eine Feuilletonphrase ist, 
ein tausendmal durchzitiertes »Volk der Phaaken«, das 
dasteht wie beim Gotterhalte im Nachtcafe. Und 
dieser gottverlassene Stand soil der der Engel vor dem 
Paradies sein! Nun habe ich freilich den Kunstwert der 
einen Zeile vor Augen, ohne auf die Grafilichkeit des 
Vorhergegangenen Bedacht zu nehmen, das ja natiirlich 
auch sie zweifelhaft oder als Zufallswert erscheinen 
lassen mufite, als einen, der durch die Schlamperei des 
Dichters so gut wie durch die des Nachdruckers ent- 
standen sein konnte. Ferner ware die Schwierigkeit zu 
bedenken, die sich, iiber das Maft der beabsichtigten 
Verwandlung hinaus, im jahen Tonwechsel zwischen der 
dritten und der vierten Zeile ergeben wurde. Denn so 
kostbar der Vers ist, den der Dichter nicht geschrieben 



86 



hat, so reizvoll die Vorwegnahme des »Stand« ware, um 
ihm die Bewegung, die er doch ablost, rhythmisch nocb 
zu verdanken, so unglaubhaft mufi die Ruhe wirken, 
zu der sie sich gleich wieder zu sammeln hatte. Ware 
Wildgans jener Zeile fahig gewesen, so hatte er die drei 
andern, mindestens die ersten zwei nicht geschrieben 
und vor allem die Geschiehtsstunde geschwanzt. Ich lieiJ 

ihm noch einen Ausweg off en: »Da stand «, ein 

Mittelmaft, das weit starker als der originate Vers ist, 
schwacher als der falsche (indem zwar das Stehen sicht- 
bar wird, doch nicht die Bewegung. da durch die nach 
»Volk« ent-stehende Pause die Tanzer und die Geiger 
auch wieder zur Redensart werden). aber immerhin 
einen Ubergang des Tones gestattet. Ich wufite, dafi er 
auch dieser Wendung nicht fahig war, sondern, dad 
seine Zeile eben lauten mufite: »Stand dieses — — « 
und dafi alles, was iiber dieses Niveau emporragt, nur 
ein Druckfehler sein kann. Ich glaube, dafi, wenn ich 
die Methode meiner Priifung auf eine grofiere Quanti- 
tat von Wildgans'schem Werk anwenden wollte, fur die 
Qualitat wenig hinzukame. Ob das Gedicht »Legende« 
gut tate, von mir kennengelernt zu werden, bleibe un- 
entschieden. Mirgenugt »Infanterie«, das doch eines 
von denen ist, die bei einem Publikum, bei einer 
Literaturkritik und bei alien Instanzen, die in sprach- 
lichen Dingen im Gegensatz zu mir kein Vorurteil 
kennen, sondern alles was sich reimt fressen, den Dich- 
ter beriihmt gemacht haben. Es hatte mir aber auch 
die eine Strophe geniigt, von der ich nunmehr glaube, 
dafi sie, auf ihren wahren »Stand« gebracht, so richtig- 
gestellt erscheint, als es nur irgendmoglich ist und der 
hervorragenden Bedeutung des Dichters entspricht, in 
der ihn herabzusetzen zwar ein aussichtsloser, aber nicht 
unberechtigter Versuch ist. Ich wxirde um alles in der 
Welt der erfrischenden Naivitat, mit der das Publikum 
die Unversehrtheit seiner Lieblinge von mir reklamiert, 
auch nicht ein Wort, wie es ihr Dichter geschrieben hat, 
vorenthalten wollen. 



87 



Nachhilfe 

Oktober 1925 

Bei aller dankbaren Schatzung einer lebendigen 
Teilnahme, die sich in der Befassung mit Sprachproble- 
men> sei es in dem Interesse fur die schon untersuchten, 
sei es in der Aufwerfung neuer, kundgibt, mu6 gesagt 
werden, dafi der Dank des Lesers fur die Erschlieftung 
des geistigsten Gebiets nicht zur Belastigung entarten 
darf urid zum Mifibrauch der Zeit, die einer Arbeit 
gehort, an deren jeden Buchstaben sich ja Sprachpro- 
bleme hangen. Wo kame man hin, wenn man sie alle 
mit den Lesern erortern wollte? Haarspalten ist eine 
unmogliche Beschaftigung, wenn man's nicht trifft, und 
die Nachhilfe, die da von mir verlangt wird, lafit mich 
oft in einen Befrain einstimmen, wonach Holzhacken 
mir lieber ware. Weitaus peinlicher sind allerdings die 
Experten. Das sind jene, die bereits ein mifilungenes 
Besultat darbieten, und zwar mit stummer Gebarde, 
gegen die es keine Berufung gibt. Sie zitieren einen Sat:? 
aus der Fackel, streichen den vermeintlichen Fehler an 
und sind nun iiberzeugt, dafi der Autor da nichts als 
Zerknirschung fiihlen werde. 

»Aber er hat eben dem Erlebnis dieses Kontrastes spater einen 
Aufsatz gewidmet, von dem anonyme Dummkopfe mich frag- 
t e n, ob ich . . . .« 

Also eine Konstruktion. von der ein solcher offenbar 
zweifelt, ob ich — . Die Fortsetzung lautet: ». . . ihn mir 



88 



,gefallen lassen' werde«, und ich liefi ihn mir so gut 
gefallen wie die Konstruktion, deren Freiheit in nicht? 
anderm besteht als in der Verwendung einer Form, die 
in Fallen, »von« denen etwas »gilt«, »von denen sie sag- 
ten, meinten, wufken, wiinschten« nur darum plausibler 
ist, weil man, unbezuglich, »von einem« zwar etwas sagt 
usw., jedoch nicht fragt. In Wirklichkeit ist es aber an 
und fur sich eine haltbare (freilich fast lateinische) Kon- 
struktion, da dieses »von« im relativen oder sonst 
freieren Anschlufi ein ganz anderes ist als das in der 
absoluten und strengen Fiigung. Ganz deutlich wird das 
bei »zweifeln«. Man konnte nicht sagen: »ich zweifle 
von ihm, ob er . . .«, wohl aber, »er, von dem ich zweifle, 
ob er...«. Und ganz ebenso auch bei »fragen«. Dieses 
»von« in loserer Ankniipfung ist eben nicht jenes, das 
die unmittelbare Verbindung mit dem Gegenstand her- 
stellt, sondern es ermoglicht, von ihm etwas auszusagen, 
was sich »von« ihm eigentlich nicht aussagen lafit, nur 
ungefahruberihn, mit Beziehung auf ihn. DieWendung: 
»Ein Aufsatz, iiber den (oder bezuglich dessen) sie mich 
fragten, ob ich« ware aber plump. Dieses »von« in der 
Bedeutung »in Betreff« lafit sich sogar verwenden, wenn 
die Ankniipfung eine absolute ist, zum Beispiel bei 
Wedekind: »Und vom Beifall vieler braver Seelen frag 
ich mich umsonst, woraus er stammt« (zusammen- 
fassend fiir »was den Beifall. .betrifft«). Es ist eben 
einer jener Falle, von denen man zwar schon alles zu 
wissen glaubt, von denen man aber zur Kenntnis neh- 
men soil, dafi sie noch manches Wissenswerte enthalten. 
welches erst jenseits der Schulregel erkennbar wird, 
(Nun diirfte man aber nicht etwa antworten: Ich nehme 
von diesen Fallen zur Kenntnis, dafi sie . . ., sondern: Ich 
nehme zur Kenntnis, dafi diese Falle . . .) Der Stil holt 
sich seine Erlaubnisse nicht vom grammatikalischen 
Aufpasser; seine Freiheit beruht auf einem Gesetz, clem 
sich schliefilich auch die svntaktische Norm verdankt. 



89 



Oktober 1925 

Recht fatal ist ihm auch die Bereitschaft soldier, 
die ihm nicht mit der Grammatik, sondern mit anderen 
Wissenschaften unter die Arme greif en wollen : 

»Die grofiere Halfte des Ertrages . . . .« In den mathemati- 
schen Wissenschaften gibt es nur zwei gleiche Halften. Ist es in den 
Sprachwissenschaften anders? 

Gewifi nicht, wenn sie das mathematische Objekt 
hetreffen. In der Sprachkunst aber kann es auch anders 
sein. Etwa, wenn wohl urspriinglich die Absicht bestand, 
zwei Halften, also natiirUch gleiche Halften, zu ver- 
teilen, wenn das aber dann nicht geschah, weil zu der 
einen noch etwas dazukam, und gleichwohl die ur- 
spriingliche Absicht bekundet werden sollte. Oder wenn 
der Griff anschaulich gemacht wiirde, der in gleiche 
Teile zu teilen unternahm und ein anderes Ergebnis 
hatte. In der korperlichen und wissenschaftlichen Welt 
sind's dann keine Halften mehr, in der geistigen noch 
immer. Aber es sei zugegeben, dafi die Kramerelle der 
verlafilichere Stil ist. 



Oktober 1926 

Ein Leser verweist auf zwei allerdings problema- 
tische Wendungen in der Fackel, deren Gemeinsames 
in der aufiern Inkorrektheit und der scheinbaren Fliich- 
tigkeit besteht. Gleichwohl ist es das Ergebnis einer 
Verdichtung, wenn in Nr. 668 — 675 von dem Prunk- 
vorhang die Rede ist, »den ich seit so vielen Jahren 
wiedersah« und in Nr. 676 — 678 von dem Bestreben, 
»um ihre tiefe Nichtbeziehung zum Theater hinwegzu- 
kommen«. In einer Sprache der Mitteilung waren es 
jedenfalls Fehler, und gewifi kann auch hier ohne 
Schaden fur die Gestaltung »nach« und »herumzu- 
kommen« gesetzt werden. Rationalistisch besehen, 
wiirde die erste Stelle bedeuten, dafi seit so vielen 
Jahren das Wiedersehen vor sich ging. Aber sie bedeu- 



90 



tet, dafi ich ihn seit so vielen Jahren nicht mehr und nun 
wieder gesehen habe. In der andern ist gedacht, dafi sie 
inn ihre tiefe Nichtbeziehung herum- und dariiber 
hinwegkommen wollen. Fiir den einfacheren Ausdruck 
bliebe noch ein Zweifel, ob »um« durch »uber« oder 
»hinweg« durch »herum« zu ersetzen ware. Das zweite 
schiene mix der Gesamtvorstellung besser zu ent- 
sprechen. Doch kommt es in sprachlichen Dingen mehr 
auf den Zweifel an als auf die Entscheidung. 



Dezember 1924 
Hochverehrter Herr K.! 

Ich verdanke hauptsachlich lhnen, daft ich mit vermehrten 
Sinnen lese: die schone Sprache erhoht den Genuft der geistigen 
Darbietung. Und umgekehrt darf ich wohl sagen, es sei Ihre dan- 
kenswcrte Schuld, wenn mir Sprachschlampereien die Freude an 
inhaltlichen Kunstwerken verleiden. 

Dies zur Erklarung meiner Fragen, die dem Wunsch ent- 
stammen, belehrt zu werden, nicht dem Ehrgeiz, eines Dichters 
Irrtumer aufzuspuren. 

1.) Ich glaube, der erste Satz der letzten Fackel hatte zu 
Liu ten: In dieser kleinen Zeit, die ich noch gekannt habe, a la sie 
so grofi war; 

Nein. Es ist eine vorhandene, jargonhafte Wendung, die 
aber auch richtig deutsch ist. »Als« ware die Zerstorung 
des Zitats, ware eigene Aussage und schlecht. Wurde 
bedeuten: ich habe die kleine Zeit damals gekannt, als 
sie grofi war, es ware also von ihr hochstens ausgesagt, 
dafi ich sie gekannt, nicht aber dafi ich sie als grolie 
Zeit gekannt habe. Es ist einer jener Falle, wo als der 
weitere, iiber die blofie Datierung hinausgehende Begriff 
der Agnoszierung mit vollem Recht »wie« statt »als« 
eintritt. 

2.) Ich halte es fiir unzulassig, eine Frage d a h i n zu beant- 
worten und jemanden d a h i n zu informieren, wie es auf S. 36 . . 
und auf S. 154 . . geschah. Ich meine, es hatte im ersten Falte 
»damit«, im zweiten »darin« zu heiften; zum Vorbild der Leser 
umsomehr, als es geradezu krankhafter Brauch geworden ist, sich 
auch dann »dahin zu auftern« und auch dann »dahin Stellung ru 



91 



nehmen und zu antworten«, wenn das Wort »dahin<c oh ne Ersatz 
gestrichen werden muft. 

Es gibt eben Leser — und gewifi sind sie nicht die 
schlechtesten — , die der Fackel die »schone« Sprache 
verdanken und die Witterung fur die Sprachschlampe- 
reien in andern Druckwerken. Sie wissen aber doch nicht 
genug von einem Stil, der die Trivialitat des Lebens 
aus deren eigenem Sprachstoff gestaltet. »Die bekannte 
Schuldfrage dahin beantworten« ist nicht so schon wie 
»damit«, aber damit ist meine eigenste Schuldfrage 
nicht beantwortet. In einer Epoche, in der der bessere 
Ausdruck plausibel war, hatte ich diesen gebraucht 
Heute und hier war die Sphare nicht anders darzu- 
stellen. Ich stelle dar, ich zitiere. Darin ist mehr Stil als 
im Schreiben. Eben den »krankhaften Brauch« brauche 
ich. Wo's mein eigenes Wort ist, wird man schon 
merken. Im zweiten Fall — » dahin richtig informiert 
werden, dafi« — , wo geradezu die Sphare der Presse 
den Ausdruck liefert, ware »darin« auch an und fur sicb 
falsch, eine Verschiebung des Gedankens. Nie ware die 
Lesung: darin zu erzwingen, und »dahin« bezeichnet 
eben die Richtung der Information, die Weisung. 

3.) Es fallt mir auf, dafi Sie auf S. 46 . . von einer F a h i g- 
k e i t, etwas tun zu konnen, sprechen. Hiefie es nicht richtig: 
»die wegen ihrer Fahigkeit, vom Krieg zu erzahlen, von der Ver- 
pflichtung, ihn zu erleben, enthoben waren« ? Dadurch trate auch 
der Gegensatz des Erzahlens zum Erleben noch scharfer hervor. 

Eben nicht. Auch mir fallt und fiel naturlich auf, dafi 
die Fahigkeit, etwas tun zu konnen, ein Pleonasmus ist, 
Aber diese Fahigkeit, dieses Konnen kann ja gar nicht 
oft genug berufen werden. Die Fahigkeit, vom Krieg zu 
erzahlen, ware blofi die literarische Fertigkcit, die sie 
hatten und die sie vom Krieg befreit hat, nicht die 
moralische Bereitschaft, die sie aufier jene Menschheit 
gestellt hat, welche nur leiden konnte. Sie waren nicht 
nur fahig, zu schreiben, das heifit, sie konnten nicht nur 
schreiben, nein sie waren fahig, es zu konnen. In der 
glatteren Antithese: ». . wegen der Fahigkeit. vom Krieg 



92 



zu erzahlen, von der Verpflichtung, ihn zu erleben . .« 
erledigt sich der grimmige Kontrast schon durch das 
uniibersichtliche Nebeneinander der drei gleich kurzen 
Satzteile, zwischen denen noch die Nahe der sinnver- 
schiedenen »vom« und »von« Verwirrung stiftet. Ahn- 
lich hat mir einmal jemand die bewufite Uberfiille einer 
Wendung wie etwa »Er erlaubt sich, etwas tun zu diir- 
fen« bemangelt, weil er nicht bemerkt hat, dafi hier 
Devotion dargestellt war. (In diesem beabsichtigten 
Pleonasmus vertritt das Komma einen Doppelpunkt.) 
Und noch ein unerfullbares Begehren : 

4.) Endlich bitte ich Sie urn Aufklarung, warum Sie mitunter 
Fremdworter audi dort setzen, wo gleicher, wenn nicht besserer 
Sinn und Klangfarbe mit deutschen Worten erzielbar ist. Zum Bei- 
spiel: S. 22 Existenz (Dasein), Artikel (Aufsatz), konsequent (be- 
harrlich, unwandelbar, unentwegt); S. 42 interessant (reizvoll, 
fesselnd), Publikation (Herausgabe), Diktion (Sprache, Fassung), 
Thema (Gegenstand, Dinge, Stoff). Ich habe mich auf Falle be- 
schrankt, in denen es sogar geniigt, einfach das Fremdwort zu iiber- 
setzen, ohne erst den Satzbau umdenken zu mussen. 

In unwandelbarer Verehrung und Ergebenheit 

Warum ich Fremdworter auch dort setze, wo gleicher, 
wenn nicht besserer Sinn und Klangfarbe mit deutschen 
Worten erzielbar ist? Weil dort nicht besserer oder auch 
nur gleicher Sinn und nicht Klangfarbe mit deutschen 
Worten erzielbar ist (wiewohl diese vermoge ihrer 
Bodenwiichsigkeit auch den starkeren Plural haben), 
Man versuche nur einmal, an jenen Stellen die Fremd- 
worter in die empfohlenen deutschen Worte zu iiber- 
setzen (ohne erst den Satzbau umdenken zu mussen; 
denn das fehlte noch, da6 ich einen Satz anders zu 
bauen hatte, um ein Fremdwort zu vermeiden). Abge- 
sehen von dem klanglichen Unterschied sollte es mir 
einfallen, statt von einer journalistischen Existenz von 
einem journalistischen Dasein zu sprechen! Es ware 
geradezu eine Blasphemie (wofur ich tatsachlich Gottes- 
lasterung sagen konnte). Man versuche insbesondere, 
jenes »interessant« zu iibersetzen. Oder die »Diktion« 
etwa in die »Sprache«, die gleich darauf vorkommt. In 



93 



den meisten Fallen wird wohl auch dann, wenn der Sinn 
und selbst auch die Klangfarbe nicht unmittelbar be- 
riihrt wiirde, dasFremdwort von mir vorgezogenwerden : 
denn meine Mission ist eine profane und mein Reich 
ganz von dieser Sprachwelt. Das interessante Thema ist 
hier oft und oft erortert worden. Das beste Deutsch hat 
zwischen zwei Fremdwortern Raum. Deren Gegner 
mogen erst ein paar Generationen an die Neuerung 
gewohnen, dann werde ich, was die folgende tut, wenn 
ich's erlebe, in deutschen Worten abbilden. 

Oktober 1925 

. . . »den keines Leumunds Schande nicht uberwinden 
kann.« Die (wohl?) beabsichtigte doppelte Negation ergabe wieder- 
um eine sinnstorende Bejahung. 

Kein Zweifel. Und dennoch konnte sie beabsichtigt sein? 
Aber die »Sprachlehre« kann unmoglich auch dem 
ldblichen Zweck gerecht werden, die Grundlage der 
Schulbildung auszuflicken. Denn wenn eine Leserin sicb 
Sorgen macht, weil sie doch in der Logikstunde gelernt 
hat, dafi eine doppelte Negation eine Bejahung ergibt, 
so ist das zwar bedauerlich. Aber dafiir, dafi sie in der 
Lesebuchstunde die Beispiele der verstarkten Negation 
(zumal in der volksmafiigen Tonart der Sphare, in der 
der Leumund umgeht) versaumt hat — dafur werde ich 
doch nicht verantwortlich sein? 

Oktober 1925 

Und so geht's weiter im Bediirfnis nach einer Auf - 
klarung, die sich doch jeder in einer Besinnungspause, 
ehe er den Brieftrager mobilisiert und noch andere Ar- 
beitskrafte beschaftigt, selbst verschaffen konnte. Arger 
aber sind die Falle, in denen sie nicht erbeten, sondern 
gewahrt wird, und der argsten einer: der mich nicht 
selbst betrifft, sondern im Ton der Beschwerde an ein 
vermeintliches Aufsichtsrecht appelliert. Ein Rech- 
nungszettel eines Zahlkellners oder ein Abrifi vom Re- 



94 



zeptblock eines andern Fachmannes ist es, auf dem 
schlicht die Anzeige erstattet wird : 

Lichnowsky, Fachmann, 284 oben: 

»mitbringen wurde, wenn Sie mir Gelegenheit g e b e n« 
(entweder werde, dann g e b e n, oder wurde, dann gaben). 

285 unten: » Apfelmus Teller davon machen zu lasseiu 

Aus Apfelmus kann man keinen Teller machen, die Dame meint 
» Teller v o 1 1« machen zu lassen. Sie hat wenig von Ihnen ge- 
lernt, ahnliches findet sich fast auf jeder Seite. 

Wenn sich ahnliches auf jeder Seite des »Kampfs mit 
dem Fachmann« findet, dann ist jede Seite gut. Wenn 
ich aber das gelehrt habe, was der kundige und manier- 
liche Thebaner mir abgenommen haben will, dann ist 
jede Seite von mir schlecht. Es ist ein ausgesprochenes 
»Mausi« von einem Fachmann, der den Kampf auf- 
nimmt, und es bleibt schon nichts ubrig, als es mit dem 
Speck seiner Sprachkenntnis zu fangen. Zunachst dort, 
wo der Fachmann fur Grammatik auch einer fur Teller- 
erzeugung ist, der sehr richtig meint, dafi man »aus« 
Apfelmus keinen machen kann. Nur dafi eben die 
Autorin nicht von einem Teller »daraus«, sondern von 
einem »davon« gesprochen hat. Von Apfelmus kann man 
immerhin ein Quantum machen und selbst ein Por- 
zellanfachmann wiirde wissen, dafi ein Teller nicht nur 
als Gefafi, sondern auch als Mali in Betracht kommt. 
Der andere Einwand ist das Schulbeispiel einer 
Ahnungslosigkeit, die durch ihre Pietat fur den Willo- 
mitzer vor jedem Eindringen in die sprachliche Sphare 
geradezu geschutzt bleibt. Man mufi aber den Kampf 
selbst mit einem Flachmann aufnehmen, der da ver- 
mutet, dafi, weil hier »wenn« steht, eine conditio sine 
qua non vorliege, ein Verhaltnis, in dem der Nachsatz 
den Vordersatz bedingt und dieser ohne jenen iiberhaupt 
nicht bestiinde: Ich wiirde die Trophae mitbringen, 
wenn Sie mir Gelegenheit gaben zu jagen — Sie tun es 
aber nicht. Also schon eine reine Kausalbeziehung, 
Gedacht ist aber, dafi die Gelegenheit aufier Zweife) 
steht. Auf dieser einmal gegebenen Pramisse ist das 



95 



Mitbringen der Trophae etwas, was sein oder nicht 
sein kann. Der Erfolg hangt nicht von der Gelegen- 
heit ab, sondern von der Fahigkeit (von der Wahl, 
die dann immer noch bleibt, oder dergleichen). Die 
Gelegenheit ist schon da, auf ihrer Basis beruht die 
Moglichkeit, beruht die Entscheidung iiber das, was im 
»wiirde« enthalten ist. Das »wenn« ist hier so viel wie 
etwa ein »sobald« . (sobald als), das »wiirde« nichts an- 
deres als ein »werde«, welches aber mehr das Vorhaben 
ausdriicken wiirde als die Fahigkeit, die sich die 
Leistung zutraut. Auch in der Wendung: »ich werde . . ., 
wenn Sie mir geben« ware natiirlich keine Bedingung 
enthalten, sondern nur das Verlangen nach der Gelegen- 
heit, die Leistung zu vollbringen. Der Fachmann ist durch 
das »wenn« geblendet, vermutet eine zu erfiillende 
oder bereits unerfiillte Bedingung und wiirde wohl 
auch die (bald folgende) Konstruktion bemangeln: »Und 
wenn der Brief hundertmal echt war, gerade der Ton 
konnte die Annahme rechtfertigen, dafi er erfunden 
sei« . Hier ist das »wenn« ein »wenn auch« , eine gedachte 
Grundlage, auf der sich erst die weitere Moglichkeit 
(»konnte«) ergibt. (»Wenngleich« wiirde die konkrete 
Grundlage bedeuten.) »Wenn sich ahnliches auf jeder 
Seite des ,Kampfs mit dem Fachmann' findet, dann ist 
jede Seite gut.« Ich konnte auch, ohne den leisesten 
Zweifel ausdriicken zu wollen, sagen: »dann ware jede 
Seite gut«, in dem Sinne eines Eingehens auf die von 
jenem gesetzte Basis: »wenn das so ist, dann ware« ; ich 
sage es nur positiver. Freilich : »wenn sich ahnliches . , 
fande, dann ware...« — dies ware die bedingende 
Beziehung, durch die ich ausdriicken will, dafi es sich 
nicht findet, weshalb nicht jede Seite gut ist. Die 
getadelte Wendung ist grammatisch richtig. Die engere 
grammatikalische Konvention, die dieses Stilproblem 
unmoglich beriihren kann, darf bei der Niederschrift 
eines solchen Satzes wohl vor das Bewufitsein treten, 
aber einzig zu dem Zweck, um mit gutem Entschlufi 
sogleich zuriickgestellt zu werden. Er ist, wie er ist, 



stilistisch der vollkommene Ausdruck dessen, was aus- 
gedriickt werden soil, und jeder der beiden, die der 
Fachmann vorschlagt, ware schlecht. Ob der Autor des 
Kampfs mit der Sorte etwas »von mir gelernt hat«, 
weifi ich nicht. Hatte er aber nur solche Erwagung und 
solches Vollbringen wie die vom Fachmann getadelterj 
Satze von mir gelernt, so ware das offenbar doch mehr, 
als was die Fachmanner von mir gelernt zu haben 
wahnen. 



August 1924 
Sehr verehrter Herr K., 

Es ist nicht eiiifach, Ihnen einen Brief zu schreiben; aber 
vielleicht entschuldigt der gute Wille das Wagnis. 

In der letzten Nummer der Fackel, Seite 139, letzte Zeile, 
schreiben Sie: ». . . . denn schlieftlich alle Tage wird man nicht 
fiinfzig Jahre und ebensooft hervorgerufen.« 

Das Wort »ebensooft« ist unbedingt ein Lapsus; denn die 
Beziehung auf »funfzig« oder auf sfunfzig Jahre« ergibt eine Glosse 
in der Fackel! 

Darf man Sie mit dem Hinweis auf diese winzige Entgleisung 
bitten, bei Autoren, die sonst ein einwandfreies Deutsch schreiben, 
Nachsicht walten zu lassen — in der nachsichtigen Annahme, dalS 
sie nur »entgleist« sind? 

Wer ich bin: ein Ubersetzer, der bisher ubersetzt hat aus 
Liebe zum Wort und zur Wortschopfung — — und der Ihnen 
dankt fin* das Beispiel, das Sie alien ohne Ausnahme geben, durch 
Ihren extremen Respekt vor der »Alchimie des Wortes«. 

Ihr aufrichtig ergebener 

Sehr geehrter Herr! 

Sie sagen, es sei »nicht einfach«, Herrn K. einen 
Brief zu schreiben, und mussen leider Recht behalten. 
Der »gute Wille, der das Wagnis entschuldigen soll«, 
ist die Absicht, in der Wendung ». . . denn schliefilicb 
alle Tage wird man nicht funfzig Jahre und ebensooft 
hervorgerufen« einen Fehler zu entdecken. Das Wort 
»ebensooft« sei »unbedingt ein Lapsus; denn die 
Beziehung auf ,funfzig' oder .fiinfzig Jahre' ergibt eine 
Glosse in der Fackel !« Unbedingt erscheint tins hier nur 



97 



das »denn« als ein Lapsus, wahrend uns die Glosse 
keineswegs ein unvermeidliches »Ergebnis« jener Bezie- 
hung diinkt. Sie danken Herrn K. fur den »extrernen 
Respekt vor der Alchimie des Wortes«, haben ihn aber 
selbst ganz und gar nicht bewahrt, indem Sie in der 
satirischen Abbreviatur der Verbindung bereits gesetz- 
ter Motive: »funfzig Jahre« und »funfzig Hervorrufe« 
nicht die stilistische Absicht erkannt haben. Wir machen 
Sie deshalb auf einen weiteren Fehler dieser Wendung 
aufmerksam: denn nicht nur, dafi ebensooft (statt etwa 
»ebenso viele Male«) nicht den funfzig Jahren ent- 
spricht, konnen Funfzig Jahre werden und Hervorge- 
rufenwerden kein gemeinsames »wird« ergeben. Aber 
der Alchimie des Wortes, als der Kunst, unedle Metalle 
in edle zu verwandeln, ist eben alles moglich. Trotzdem 
steht der Erfullung Ihrer Bitte, »bei Autoren, die sonst 
ein einwandfreies Deutsch schreiben, Nachsicht walten 
zu lassen«, nichts im Wege. Zumal wenn diese Bitte 
pro domo gesprochen ware — Sie stellen sich ja als 
Ubersetzer vor — , und wiewohl gerade ein »einwand- 
freies« Deutsch diese Eigenschaft nicht zu beweisen 
scheint. Die Nachsicht fur »Entgleisungen« , die Sie 
wegen der ihm selbst widerfahrenen vom Herausgeber 
der Fackel verlangen, wird Ihnen ganz und gar gewahrt, 
und um dieser Beruhigung willen ist es gut, dafi Sie sich 
im Gegensatz zu so vielen Briefschreibern nicht beschie- 
den haben, Ihre Entdeckung anonym vorzubringen. 



Die Folge: das immer wieder erlebte, hier einst- 
weilen noch briefliche Umsichschlagen des »Verehrers« : 
»in der letzten Zeit« sei ich »grofienwahnsinnig gewor- 
den, grofienwahnsinnig und eitel« (eine etwas spate 
Entdeckung), Freunde hatten ihm abgeraten, mir das 
zu schreiben, ich wiirde ihn nun »erledigen«, er jedoch 
wiirde sich das »zur Ehre anrechnen« (das glaub ich), 
»im Ubrigen ist das unwesentlich« (glaub ich auch); 
meine Art beginne »peinlich« zu werden (ohne Zweifel), 



98 



die Antwort habe ihn »einfach traurig gemacht«, »trau- 
rig und niedergeschlagen« sei er. Ja warum denn? Weil 
er, der seine stilistische Unzulanglichkeit durch deren 
Anschuldigung beweist, sachlich belehrt wurde? Nein, 
weil ich damit »eine so verblendete Eitelkeit« beweise, 
»dafi man nur traurig werden kann«. Ich; man. Und 
was die Sache betrifft? 

Im Ubrigen habcn Sie meine Einwande nicht entkraftet, sondern 
einen grofien, von »liebenswurdigen«, unsachlichen Bemerkungen 
triefenden Bogen urn den Mittelpunkt der Sache geschlagen. 

Und was ich doch, durch meinen beispielgebenden Re- 
spekt vor der Alchimie des Wortes, wieder einmal fiir 
Unheil angerichtet habe! Ein Bogen, der trieft und zwar 
von unsachlichen Bemerkungen. Und ich hatte geglaubt, 
dafi das nur ein Tinterl kann. 

* 

August 1924 

Einer, der nicht traurig, sondern heiter, und nicht 
niedergeschlagen, sondern, weil anonym, frech ist. Aber 
da so etwas auch die Frechheit hat, seine Bemangelung 
»Zur Sprachlehre« zu betiteln, und weil sie in der Tat 
in diese gehort, so sei ihm das Hochgefuhl, von mir 
beachtet zu sein, vergonnt: 

Nr. 649 — 656, Seite 78: »als ob nicht gerade an dem Tage 
ganz Berlin sclion gelacht hatte. « Frage an Herrn Kraus: Sie 
wollten also nicht sagen, dafi an dem Tage schon (dem Ihrer 
1. Vorlesung in B.) ganz Berlin das Lachen begonnen hatte, sondera 
dafi ganz B. schon gelacht hatte ? Ea hatte bereits ausgelacht, 
hatte sich den Bauch gehalten vor Lachen, war damit, wie gesagt, 
aber bereits fertig! Frage an Herrn Kraus: ? 

Krieeeeeh ! 
(der im ubrigen brav die Fackel liest) 

Ein scherzhafter Blodling. Er meint offenbar, der Ruf 
des zerspringenden »Spiegelmenschen« werde nun von 
mir ausgestofien werden. So etwas, durch mein Dasein 
in unaufhorlicher Bewegung, glaubt etwas entdeckt zu 
haben und iiberzeugt damit gewifi zwei Dutzend noch 
zarterer Organismen, welche ihn fiir den berufenen 



99 



Vertreter der Sache halten, die ich usurpiert habe. Nocb 
aufs Kuvert — nachtraglicher Einfall — setzt er: 

Ausrede auf »schon ganz B e r 1 i n« gilt nicht ! (Krieeeeeh) 

Ich werde diese Ausrede keineswegs gebrauchen, sie 
ware nur die Dummheit dessen, dem sie als Moglichkeit 
einfiel, denn welche Stadt aufier Berlin sollte noch 
gelacht haben? Gliicklicher ware die Ausrede (die er 
nun gebrauchen wird) : »schon ganz Berlin«. Aber dafi 
»an dem Tage schon« das Lachen begonnen hatte, wollte 
ich tatsachlich auch nicht sagen, weil mir die witzige 
Moglichkeit, dafi das Latchen meiner ersten Vorlesung 
gegolten hat, nicht in den Sinn kam. Und noch weniger 
wollte ich sagen, dafi ganz B. schon gelacht hatte. Die 
Vorstellung, dafi das »als ob . . . . gelacht hatte« die 
konjunktivische Form des Plusquamperfekts »gelacht 
hatte« (mit dem Lachen fertig war) bedeuten konnte, 
kann nur ein ganz armer Teufel hegen, der es, selbst 
wenn ich's ihm einblaue, nicht spuren wird, dafi der 
Sinn, den er mir da scherzhaft unterschiebt, doch die 
Form verlangte: »gelacht gehabt hatte«, wahrend »ge- 
lacht hatte« die Gleichzeitigkeit mit der Handlung des 
Hauptsatzes voraussetzt. (Herr Kerr »hat sich prasen- 
tiert«, als ob Berlin nicht »gelacht hatte«. Das Lachen 
ware in dies em Konjunktiv nur dann bereits vorbei, 
wenn es hiefie: Er prasentiert sich, als ob B. nicht ge- 
lacht hatte.) Da ich aber nicht dies, nicht das und nicht 
noch etwas, das einem sprachstrengen Esel einfallen 
konnte, habe sagen wollen — was wollte ich dann 
eigentlich sagen? Ich wollte sagen und habe gesagt: Die 
Kerr-Sensation begann an dem Tage, an dem die erste 
Vorlesung stattf and, vor deren Publikum er sich »n o c b 
in voller Unbefangenheit prasentiert« hat. An dem Tage 
hat ganz Berlin schon gelaoht. Nicht zu Ende 
gelacht (nicht: gelacht gehabt), sondern mit dem Lachen 
begonnen; nicht weil es meine erste Vorlesung war, 
sondern weil es der Tag war, an dem die erste Ent- 
hiillung iiber Herrn Kerr erschien. und das Lachen 



100 



wurde mit jedem Tage, der eine neue brachte, starker, 
bis dafi er nach Kalifornien ging. Aber er zeigte sich 
»noch«, als man »schon« lachte. Das »schon« antwortet 
also dem »noch«. Der Satz hat den Akzent, den die 
Stellung des »schon« vor »gelacht« erzwingt, und damit 
den einzigen Sinn, den er haben kann : den Sinn, den er 
hat. (Wobei das »schon«, dank seiner Stellung nach 
»Berlin« , immerhin auch an den Umf ang des Gelachters 
— ganz Berlin schon — etwas abgeben mag ; denn 
ein Satz ist eine Gestalt und nicht blofi eine Konstruk- 
tion und muU die Kraft haben, iiber die Sinnbetonung 
hinaus jedem Begriff zu seiner Fiille zu verhelfen.) 
Nur einem Drehgehirn kann es gelingen, auf der 
Suche nach dem Sinn ihn zu verlieren, ihn durch 
Beziehung des »schon« auf den »Tag« (der ja durch das 
»gerade« determiniert ist) oder auf »Berlin«, oder gar 
auf ein unmogliches »hatte« zu verhunzen. Und es will 
mir »Sprachlehre« unter die Nase reiben! 



August 1924 
Einer, der den Mut seiner Uberzeugung hat: 

In Ihren »Spruchen und Widerspruchen« schreiben Sie: 
»Ich mochte den Schweifi um die Trophaen der Kindheit 

nicht von meiner Erinnerung wischen.« 

Ohne diese Versicherung hatte ich nicht geglaubt, daft Ihre 

Erinnerung schwitzt. 

der niemals — also auch Ihnen zuliebe nicht — anonym schreibt. 

Gut. Doch anonym ware besser, da ich nicht Bekannt- 
schaften mache. Aber warum sollte meine Erinnerung 
nicht schwitzen, wie die Stirn, hinter der sie sich begibt, 
und wie die Stirn, an der sich begab, woran sie sich 
erinnert? Die Erinnerung tut doch alles, was ihr Inhalt 
tut! Das hat sie vor den gescheiten Lesern voraus, die 
bei einem Gedicht nicht mittun wollen. Sie wird sogar 
lachen, wenn sie sich einmal an die Versuche erinnert, 
mir fehlerhafte Formen nachzuWeisen. Ich bin nicht so 



101 



grofienwahnsinnig zu glauben, dafi ich keiner solchen 
fahig sei, ich bin darin sogar recht unsicher und habe 
eigentlich eine Richtlinie nur in der Gewifiheit, dafi jene 
Formen, die die gescheiten Leser fur fehlerhaft halten, 
es nicht sind. 

Juni 1921 

Bei aller Wertschatzung fur Karl Kraus ware 
e s doch Lesser gewesen, den Auf satz . . nicht gar so Iangatmig 
zu halten. Nicht jede Nichtigkeit ist derart breitzulreten ! 

Ich glaube nicht, dafi der viel von der Sprachlehre 
haben wird. Welche Nichtigkeiten werden da breitge- 
treten! So breit, dafi man aus jeder Zeile erst etliche 
Seiten schlagen miifite, um sie fur so einen Leser ver- 
standlich zu machen. Es besteht ganz sicher eine Toll- 
hausperspektive zwischen mir und dem gesunden Leser- 
ver stand; nur fragt sichs, wer drin und wer draufien 
ist. Ich bin fiir derlei ein Problem der Quantitat ge- 
worden! Namlich so: mir konnen im Anschauen ernes 
solchen Gehirns, vor dem ich mit verschrankten Armen, 
es spielen lassend, dasitze, zehn voile Seiten einfallen, 
Es antwortet, ich hatte eine Nichtigkeit breitgetreten. 
Nun ist aber jede Zeile der zehn Seiten so schlank und 
schmal, so fettlos, so mazeriert, dafi man sie ? um sie 
wieder fiir das Gehirn geniefibar zu machen, zu zehn 
Seiten masten miifite. Es denkt: Zehn Seiten sind »iiber« 
etwas geschrieben, dessen Beachtung im taglichen Be- 
rufsleben, das kaum Zeit fur die Aufnahme der wichtig- 
sten Themen gestattet, nicht eine Zeile verdienen wiirde. 
Also habe ich die Nichtigkeit offenbar breitgetreten. 
Denn iiber den Napoleon kann man ein Buch schreiben; 
\ver jedoch iiber einen Feldwebel eines schreibt, hat das 
Thema breitgetreten. Diese Anschauung ahnt gar nicht, 
dafi es noch den Vorwurf gibt : dafi mein Stil schmal- 
getreten sei und dafi die grofite Schwierigkeit fiir den 
Leser in der gedanklichen Uberlasturig des Wortes be- 
ruhe und in der Unmoglichkeit, in dem vom Feuilleton 
her gewohnten Tempo auch nur den oberflachlichen 



102 



Sinn mitzunehmen. Mit der Langatmigkeit aber stimmt 
es durchaus. Sie diinkt denen, die zu kurz atmen, um 
mitatmen zu konnen, als ein Mangel. »Bei aller Wert- 
schatzung ware es — « Was schatzt mich da wert und 
was mag es an mir wertschatzen ? So kurzatmig kann 
ich nicht schreiben, aber wenn ich eine Seite iiber diese 
Konstruktion schriebe, wie ginge ich der Wertschatzung 
erst verlustig! Denn es ist doch eine Nichtigkeit, die 
nicht wiinscht, dafi man sie breittrete. Nicht dafi es so 
etwas gibt, ist das Kuriosum, sondern dafi es glaubt, auf 
mich einen andern Eindruck zu machen als den der 
Erinnerung, dafi es so etwas gibt. Einer, der von meinem 
Plan wufite, den Lesern nicht nur Sprache zu geben, 
sondern auch Sprachlehre zu erteilen, prophezeite mir 
einen Aufruhr des faiulen Leserbehagens, wie ich ihn 
noch nicht erlebt habe. Ich erwarte mir mehr stille 
Apathie. Von zehntausend diirften dreihundert wissen, 
dafi hier eben darum so Wichtiges vorgebracht ist, weil 
es die andern nicht ahnen, und diese, mit dem Gefuhl, 
betrogen zu sein, ihren Groll hinunterwiirgen und mich 
kfinftig ungeschoren lassen. Dafi sie »kein Interesse« 
fur dergleichen haben, ist doch eben das, was mich in- 
teressiert. Umso naher ist mir das mir Nachste, je ferner 
es ihnen liegt. Ich fuhle ganz mit ihnen, dafi es furs 
Leben wichtigere und zur Erholung geeignetere Be- 
schaftigungen gibt als den Versuch, Normen undFormen 
vom Sprachgeist her zu durchdringen. Aber da der 
einzige Erfolg, den ich mir wunsche, darin besteht, mich 
mit dem, was ich fur wesentlich halte, beschaftigen zu 
diirfen und darin ungestort zu sein, so kann mich ihr 
Verdrufi beiweitem nicht so enttauschen wie sie meine 
Passion. 



103 



Ein klassisches Zeugma 

(Verbannung des Subjekts) 

Dezember 1924 
Verehrlicher Verlag! 

— — f m Augustheft der Fackel findet sich ein Artikel 
»Zwei, die iiber mich herzlich gelacht haben« (S. 145), worin mir 
die todlich treffeude Bemerkung zu dem Satz: »Dafi er in den 
Jargon ausrutscht . . . .« helle Freude bereitet hat. Die Kennzeich- 
nung der Ihering'schen Sprachsiinde als »Inzucht von Subjekt und 
Objekt« ist von unubertrefflicher Pragnanz. 

Nun aber finde ich auf Seite 183 ein Zitat mit dem Zusatz: 
»Gegen Ehrenstein? Nein, vonk Hier ist »Ehrenstein« zwar beide- 
male Objekt, aber das einemal im 4., das anderemal im 3. Fall. 
Auch diese Inzucht von Akkusativ und Dativ erscheint mir unzu- 
lassig. Dies wird sofort klar, wenn man das Satzfragment in's Latei- 
nische ubersetzt. »Contra Ehrensteinum ? Non, abU ist nach meinem 
Empfinden unmoglich. Es wiirde mich interessieren zu horen, ob 
hier ein Ubersehen des Herm K. vorliegt oder ob er die erwahnte 
Sprachbildung mit irgendwelchen mir nicht bekannten Grunden 
rechtfertigen kann. In diesem Zusammenhang verweise ich ubrigena 
auf einen Schiller'schen Satz, der an dem gleichen Ubel krankt. Der 
Titel seiner Antrittsvorlesung in Jena lautete: »Was ist und zu 
welchem Ende studieren wir Universalgeschichte?« (Ich zitiere aus 
dem Gedachtnis.) 

In Erwartung einer wahrscheinlich lehr- und aufschlufi- 
reichen Erwiderung des Herrn K. zeiclme ich ergebenst — — 

Im allgemeinen ist es gewifi schon viel, dafi Leser 
sich eines Problems bewufit werden, wenn sie gleich 
nicht die Losung finden. Hier aber scheint es fast 
schwieriger, das Problem zu sehen, als die dann selbst- 
verstandliche Losung zu finden. Es bedarf natiirlich 
nicht der Ubersetzung ins Lateinische, um mir klar wer- 
den zu lassen, dafi »Ehrenstein« dort ein Akkusativ, da 



104 



ein Dativ ist, also an und fur sich nicht von verschie- 
denen Verhaltniswortern abhangen kann. Die Schiller- 
sche Wendung, die dasselbe Wort als Nominativ und 
als Akkusativ fungieren lafit, ist natiirlich nicht besser 
als die des Herrn Ihering. Derselbe Grammatikfehler 
in der Wendung »Gegen Ehrenstein? Nein, von!« ist 
keiner, sondern ein stilistischer Vorzug. Der Fehler 
ware vorhanden, wenn es hiefie : »N i c h t g e g e n, 
sondern von E. !«, wenn es sich also urn eine ernst- 
hafte Aussage handelte. Bei Schiller und bei Ihering 
handelt es sich ura eine solche, um einen Satz, den der 
Autor sagt. Im andern Fall liegt geradezu das Schul- 
beispiel jener satirischen Darstellung vor, die so offen- 
kundig, parodierend fast, das Fehlermaterial verwendet, 
dafi man gar nicht versteht, wie der Leser an Bewufit- 
heit und Absicht des Autors zweifeln und hier noch 
etwas entdecken kann. Es ist eine satirische Abbreviating 
ganz wie die Wendung »funfzig Jahre alt und ebensooft 
hervorgerufen werden«, die jenem Schmock, der von 
der Alchimie meines Wortes etwas zu wissen vorgab, als 
ein »Lapsus« erschien, der eine Glosse in der Fackel ver- 
diene, welche denn auch erschienen ist. Und auch hier 
ware der Zweifler, wie jener, der solche Grofimut nicht 
verdient hat, auf einen weiteren Fehler der Wendung 
aufmerksam zu machen: wie kann denn ein Satz mit 
»von« enden? Aber sollte diese Summe von Nichtgram- 
matik und Namensmifihandlung — eines Namens, der 
freilich so deklinabel ist wie der des Herrn Ehrenstein — 
nicht die stilistische Absicht einer grammatischen Mifi- 
geburt klar machen? Es ist nicht uninteressant, dafi der 
Bemangler von »fiinfzig Jahre alt und ebensooft hervor- 
gerufen werden« das Musterbeispiel einer Inzucht 
(»werden« in zweierlei Verwendung) als freiwillige 
Draufgabe erhielt, und eben in dem Heft, wo sie Herrn 
Ihering veriibelt wurde. Ich bin mir also offenbar sol- 
cher Mifibildungen mit aufierster Klarheit bewufit, 
Trotzdem und deshalb mufite mir das mit Ehrenstein 
passieren ! Aber ich nehm's dem Leser, der bemerkt hat, 



105 



was nicht zu verbergen war, durchaus nicht iibel. Icb 
wiirde mich auf solche Beschwerden ja iiberhaupt nicht 
einlassen, wenn ich sie nicht als einen Beweis redlich- 
sten Anteils wiirdigte, ja als den Mafistab fiir ein Leser- 
niveau, das ganz gewifi an keinem andern Knotenpunkt 
des geistigen Verkehrs heute anzutreff en ist, und wenn 
ich einmal von Lesern als lastigen Begleiterscheinungen 
der Fackel gesprochen habe, so bin ich umso dankbarer 
fiir die erfreulichen. Sie haben den Mut, zu jenen Sor- 
gen kleinsten Formats zu stehen 5 auf die diese ganze 
mifiratene Zeitungswelt mit Verachtung herabsieht, weil 
sie ihnen nicht gewachsen ist. 

* 

Marz 1925 

Im letzten Dezemberheft der ,Fackel' ereifert sich einer Ihrer 
Sprachschiiler — ubrigens ganz unbegrundet, wie ich glaube und 
wie Sie eg ja nachweisen — uber die sprachliche Unzulassigkeit der 
Zusammenstellung »gegen Ehrenstein? Nein, von!« Er weist im 
gleichen Zusammenhange auf einen Satz Schillers hin, der, wie er 
sagt, »an dem gleichen Ubel krankt«. Seine Schlufibeifugung in 
Kiammern, dafi er aus dem Gedachtnis zitiere, war freilich sehr am 
Platze, zugleich aber auch ein Beweis allzu rascher Verurteilung der 
Schiller's chen Sprachlehre, Zudem war das Zitat unrichtig. Der Titel 
der Antrittsrede Schillers lautet nicht: »Was ist und zu welchem 
Ende studieren wir Universalgeschichte ?«, sondern: » W a s 
heifit und zu welchem Ende studiert man Univer- 
salgeschichte ?« Schon vor etwa 25 Jahren, in meiner Gym- 
nasialzeit, hat mich dieser Schiller'sche Satz imtensiv und unauf- 
horlich beschaftigt, und immer wieder habe ich mir den so un- 
schonen, so verdachtig jargonahnlichen, dem inneren wie dem 
aufieren Ohr mififallenden Anfang dieses Satzes nicht recht erklaren 
konnen. Denn auch im richtigen Zitat: AVas heifit und zu wel- 
chem Ende studiert man Universalgeschichte ?« sieht es so aus — 
und sah es auch fiir mein Studentenauge so aus — , als ob hier ein 
Subjekt »Was« und ein Objekt im Akkusativ »Universalgeschichte« 
gleichzeitig vom Verbum »heiftt« abhangig gemacht sei, was auch 
Sie, sehr geehrter Herr K., gerechterweise als fehlerhaft bezeichnen. 
Erst viele Jahre spater bin ich daraufgekommen, dajfi Schiller 
grammatikalisch hier ganz im Rechte war (wenn auch vieU 
leicht nicht phonetisch). In seinem Satze ist zweifellos das Wortchen 
»man« als das gemeinsame Subjekt fiir beide durch »und« vcr- 
bundenen Satze aufzufassen und das Verbum »heifk« blofi als eine 
transitive Ersatzform fur die Wendung »nennt man«. Die Fassung 



106 



mufke, urn Undeutlichkeit zu vermeiden, genau also lauten: »Was 
heifit man und zu welchem Ende studiert man Universal geschichte?« 
und diese Verdoppelung von »man« hat Schiller offenbar als un- 
schon vermeiden wollen. Das Wort »Was« steht bei Schiller genau 
so wie »Universalgeschichte« im Akkusativ, nicht im Nominativ. 
— Dem Dichter Schiller grammatikalische Fehler anzukreiden, 
diirfte ubrigens weitaus schwerer fallen als etwa den Dichtern 
Kleist, Hebbel und A. W. S c h 1 e g e I. Auch in der oft 
bemangelten Stelle aus dem Tell-Monolog »Auf dieser Bank von 
Stein will ich mich setzen« ist von Schiller sicherlicli wohl iiberlegt 
der Dativ start des gebrauchlichen Akkusativs verwendet worden. 
In der Fortsetzung ». . . Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet« 
ist leicht die Erklarung dafur zu finden, dafi Schiller nicht auf die 
Frage swohin sich setzen« antworten wollte, sondern auf die Frage, 
was an der Stelle, wo sich Tell gerade befindet, dieser nun aufier 
dem Warten gerade unternehmen soil. Und er antwortet sich gleich 
dann selber: er will irgendwo kurze Rast halten. Zu langer Ruhe 
1 e g t man sich, zu kurzer Ruhe s e t z t man sich, aber man s t e 1 1 1 
sich nicht auf die Bank oder man steht nicht auf ihjr, wedl sie 
eben nur fur's Sitzen »zur kurzen Ruh bereitet« ist, Eine Wendung 
wie aus Kleists »PenthesiIea« : »Was geht dem Volke der Pelide an?« 
durfte man bei Schiller vergeblich suchen. Ebenso das von Hebbel 
oft mifSbrauchte »grofier wie« statt »grofier als«. Aber Vieleu wird 
es wohl auch entgangen sein, dafi die folgende beruhmte Stelle aus) 
»H a m 1 e t« in der Schlegel'schen Ubersetzung grammdtikalisch 
unmoglich ist: 

»Gewiii, der uns mit solcher Denkkraft schuf, 

Voraus zu schaun und ruckwarts, gab uns nicht 

Die Fahigkeit und gottliche Vernunft, 

Um ungebraucht in uns zu schimmeln.« 
Die Konjunktion »um« konntc grammatikalisch in zwei 
Ausdrucke aufgelost, nur auf das Subjekt des Hauptsatzes zurtick- 
bezogen werden, das hier gemeint ist, namlich auf Gott: Er, der 
uns mit solcher Denkkraft schuf, gab uns nicht die Fahigkeit und 
gottliche Vernunft, damit er ungebraucht u. s. w. Das gabe natur- 
lich gar keinen Sinn. Bei Schlegel aber ist der mit »um« ein- 
geleitete Nebensatz d. h. das in der Konjunktion »um« versteckte 
Subjekt »wir« auf die Objekte »Fahigkeit« und »Vernunft« 
bezogen, was grammatikalisch unzulassig ist. Man muftte die Stelle 
etwa so erganzen: sondern er gab sie uns, damit wir sie richtig 
gebrauchen oder, damit er uns eben dadurch vom Tijere unter- 
scheiden konne. Mit andern Worten : Die Akkusativ - Objekte 
» Fahigkeit « und »Vernunft« des Hauptsatzes diirfen in dem 
(mit »um«) abgekiirzten Kausalnebensatze auch nur im Sinne 
eines Akkusativs versteckt sein, und nach Auf losung de^ 
Nebensatzes in »damit wir sie . . .« muiS auch das Ersatzwort »sie« 
im Akkusativ stehen. — 



107 



Nicht, weil ich in der ,FackeP Sprachlehre treiben mochte, 
sondern nur, um Schiller vor ungerechten Vergleichen eines 
aus schwachem Gedachtnis Zitierenden zu schutzen, bitte ich Sie, 
sehr geehrter Herr K., diese Richtigstellung im nachsten Hefte — 
nach Belieben verkurzt oder unverkurzt — zu veroffentlichen. 
In besonderer Hochachtung und Verehrung 

Ihr ergebener — — 

Hier ist manches gut, aber nicht richtig gemeint, 
mehr noch unrichtig begriindet oder gesagt, doch alles 
bietet dankenswerten Anlafi, vieles zu sagen und zu be- 
griinden. Zunachst mufi, ob der Einsender Recht oder 
Unrecht mit seiner Verteidigung des Schiller-Satzes 
habe, dieser in das Recht seines Wortlautes eingesetzt 
werden. Das bekannte Zitat war also falsch; aber dafi 
es so plausibel echt klingt, dafi ich der Fahrlassigkeit 
schuldig wurde, es nicht zu iiberpriifen, ist doch ein 
Beweis dafur, dafi die Auffassung, im Original sei ein 
grammatikalischer Fehler enthalten, fast schon einer 
Zwangsvorstellung entstammt, und so interessant die 
Entdeckung der Funktion des »man« ist, sie wird dieser 
Auffassung kaum den Garaus machen. (Ware iibrigens 
das »man« entscheidend, so hatte der Einsender gar 
nicht sagen diirf en : »Zudem war das Zitat unrichtig« . 
sondern die Unrichtigkeit des Zitats, die Reklamierung 
des »man« ware ja das Um und Auf seiner Verteidigung 
der grammatikalischen Richtigkeit des Originals.) Wenn 
das Zitat richtig gewesen ware, bliebe der traditionelle 
Tadel des klassischen Zeugmas zweifellos im Recht. Er 
ist aber auch nicht durch die Herstellung des Wortlauts 
entkraftet und bei der Wahl, die diese noch iibrig lafit; 
zwischen einem schlichten grammatikalischen und einem 
komplizierteren (und auch stilistischen) Fehler Schillers, 
mochte ich lieber fur jenen entscheiden, der wohl 
einer ist, aber bei einer chiffrehaft verkurzenden Titel- 
gebung — mag solche auch eher einem kommerziell 
und telegraphisch bestrebten Zeitalter anstehen — 
immerhin als Absicht denkbar. Gewifi ist die Deutung 
»Was heifit man« moglich, aber als Rettung des Satzes 
doch fragwiirdig. Was dabei herauskommt, ware nur 



108 



die Erkenntnis, dafi diese Abkiirzung, fur das scharf ere 
Ohr, gleichfalls auf Kosten der Grammatik erfolgt, dafi 
sie aber vor allem eine Uberschatzung der stilistischen 
Tragfahigkeit bedeutet, also einen Stilfehler. In die Be- 
griindung fiihre ich am besten ein, wenn ich vorerst den 
Einsender dariiber aufklare, daft der grammatikalische 
Fehler durchaus nicht darin gelegen ist, dafi »ein Sub- 
jekt ,Was 5 und ein Objekt im Akkusativ ,Universal- 
geschichte' gleichzeitig vom Verbum ,heifit ? abhangig 
gemacht« wird, »was auch ich gerechterweise als fehler- 
haft bezeichne«. Das tat ich keineswegs, vielmehr habe 
ich die gleichzeitigeFunktioneinesWortes 
alsNominativundalsAkkusativals f ehlerhaf t 
bezeichnet, die des Wortes »Universalgeschichte« : also 
die Verwendung dieses Wortes als Subjekt und Objekt, 
Denn »Universalgeschichte« ist das Subjekt des ersten 
Satzteils und nicht »\Vas«, wie der Einsender glaubt, 
welches vielmehr das Pradikat des ersten Satzteils ist. 
Jener Satzteil 5 konstruktiv niedergeschrieben, lau- 
tet: »Universalgeschichte heifit: was?«. Antwort: 
Weltgeschichte, oder die oder jene Wissenschaft. 
Dies natiirlich nur dann, wenn »heifit« »b e d e u t e t« 
bedeutet. Was heifit (oder bedeutet) »heifit« aber sonst 
noch ? » W irdgenannt« oder »fuhrt den Namen« . In 
diesem Fall, also in: Was heifit Universalgeschichte == 
Was wird Universalgeschichte genannt?, tritt die Um- 
kehrung ein : »Was«ist nun tatsachlich Subjekt geworden, 
»Universalgeschichte« jedoch Pradikat. In beiden Fallen 
ist »Universalgeschichte« ein Nominativ, also unmoglich 
als solcher aus der spateren akkusativen Funktion der 
Universalgeschichte herstellbar, unmoglich mit ihr zu- 
sammenlegbar. Das hatte ich gemeint. Der Schiller'schen 
Wendung — wenn man sie jenseits jener Moglichkeit 
des »man« durchdenkt — liegt offenbar eher »bedeu- 
tet« als »wird genannt« zugrunde. Aber wenn selbst das 
zweite der Fall, also »Was« tatsachlich Subjekt ware, 
bliebe noch immer die Angabe unverstandlich, es werde 
an der Schiller'schen Wendung ausgesetzt, dafi dieses 



109 



Subjekt und jenes Objekt »gleichzeitig vom Verbum 
,heifit 5 abhangig gemacht« sei. Das ware an und fur sicb 
ganz unmoglich, denn »heifit« hat doch nur eine Funk- 
tion im ersten Satzteil. Also keine Gemeinsamkeit zwi- 
schen dem »Was« und der »Universalgeschichte« , son- 
dern ausschliefilich eben deren, der Universalgeschichte, 
Gemeinsamkeit fur zwei Aussagen (heifien und stu- 
dieren) bildet den Fehler. (Wenn der Einsender — ehe- 
dem — »Was« so ohneweiters fur ein Subjekt hielt, 
konnte er amEnde auchannehmen, »Universalgeschich- 
te« sei das Akkusativobjekt des ersten Satzteils, was 
zwar keinen Sinn ergabe, aber dafiir die Verbindung 
grammatisch ermoglichte.) Zu Schillers Zeiten war aber 
die Diskrepanz eher noch grofier als heute. Denn in der 
Bedeutung »heifit = bedeutet«, die ich dem ersten Satz- 
teil zugrunde lege, war da wohl noch ein rechtschaff enes 
Akkusativobjekt vorhanden: nicht in der »Universal- 
geschichte« — da ware ja die Abkiirzung gestattet — , 
sondern im »Was«, welches heute ein Nominativpradi- 
kat ist. »Universalgeschichte heifit die oder jene Wissen- 
schaft« : das war in sprachdenklicherer Zeit ein transi- 
tiver Gedanke, mit einer deutlichen Zielbeziehung von 
Subjekt zu Objekt, die heute nur noch (und kaum fiihl- 
bar) in »bedeutet« vorhanden ist, wahrend an »heiik« 
einfach ein Nominativ oder etwas Unflektierbares ange- 
gliedert wird. Es mag ja schon etwas (Nominativ) heifien 
oder etwas (Akkusativ) bedeuten, dafi heute selbst die 
Grammatiker nichts dariiber aussagen, dafi bei solcher 
Bedeutungsidentitat zweier Worte ein Tausch von Pra- 
dikat und Objekt stattfindet und dafi bei dem unmerk- 
lichen Bedeutungswechsel eines und desselben Wortes 
(»heifit« = »bedeutet« und = »wird genannt«) eine 
ganzliche Umkehrung von Subjekt in Pradikat platz- 
greift. Dieses »heifien« hat freilich seine Geheimnisse 
und Tiicken, die man ohne heifien Kopf kaum durch- 
denken kann. Die so leichte Moglichkeit, auch bei dem 
»heifit« im Sinne von »bedeutet« das »Was« als Sub- 
jekt anzunehmen, was natiirlich falsch ist, ermdglicht 



110 



leicht die doppelte Verwendung der »Universal- 
geschichte« . Sie ist aber in Wahrheit nicht moglich, und 
ganz ebenso wenig bei »wird genannt«. Sehen wir zu, 
ob sie bei »heifit man = nennt man« grammatikalisch 
gelingen kann. Damit waren wir zu der Deutung des 
Einsenders gekommen, dafi dieses »heifk« nicht vom 
intransitiven, sondern vom transitiven »heifien« (von 
»nennen«, nicht von »genannt werden«) genommen sei, 
welches ja gleichfalls vorhanden ist. (Nebstdem dafi es 
auch noch anderes bedeutet, wie »befehlen« oder »es 
geht die Rede« im formelhaften »es heifit«.) Also: »Was 
heifit man Universalgeschichte ?« . Das ist gewifi die 
kommodeste Art von »heifien«. »Was« ware dann das 
Objekt des ersten Satzteils, »man« das gedachte Sub- 
jekt, und »Universalgeschichte« das gedachte akkusa- 
tive Pradikat. Nun, die Vereinigung eines solchen mit 
dem ausgesprochenen Objekt des zweiten Satzteils, oder 
vielmehr seine Beziehung aus diesem bliebe noch immer 
ein grammatikalisches Problem, und fur gelungen 
wurde ich die Doppelverwendung hier bei weitem nicht 
halt en. Nur wenn der Sinn des ersten Satzteils der 
gerade umgekehrte ware — und die Gefahr, ihn mitzu- 
denken, liegt verteuf elt nahe — : A 1 s was bezeichnet 
man Universalgeschichte ? W i e nennt man sie? Wie 
oder was heifit man sie? Etwa: »Das Weltgericht« oder 
»Eine Wissenschaft, die leichter ist als Sprachlehre« — 
nur dann ware es grammatikalisch tadellos, zu verbin- 
den : Was heifit man und zu welchem Ende studiert 
man Universalgeschichte? (Wobei ich keineswegs auf 
die Verdoppelung des »man« verzichten mochte.) Und 
etwa die Antwort: »Weltgericht heifit man und zu 
frommem Zweck studiert man Weltgeschichte« , 
Schiller fragt aber: Was wird Universalgeschichte ge- 
heifien, oder : Was ist es, das man Universalge- 
schichte heifit, und zu welchem Ende studiert man 
sie. Er will eine Definition und nicht eine Bezeichnung 
f iir sie ; er fragt, was es ist, das man so nennt, und nicht, 
wie man sie nennt. (Hier wird sich gewifi bei den mei- 



111 



sten Lesern das Bedurfnis nach einem kalten Umschlag 
geltend machen; aber Kompressen sind nur notig, weij 
man so lange Pressen aufgelegt hatte und einen Kopf 
bekam, der so frei war, eben das, was man spricht, 
nicht zu denken.) Die Passivkonstruktion durfte die Un- 
moglichkeit der Verschmelzung des Pradikats mit dem 
Objekt (noch dazu eines Gedachten mit einem Konkre- 
ten) klarer machen: »Was wird Universalgeschichte 
geheifien und zu welchem Ende studiert man sie«. In 
dem bei Schiller gegebenen Sinne jedoch ware eine 
grammatische Parallelitat der Objekte nur so erzielt; 
»W a s heifit man Universalgeschichte und zu welchem 
Ende studiert man es?« Aber nehmen wir getrost an, 
dafi ein so unbeschwerter Akkusativ wie der pradikative 
und ein so gewichtiger wie das Objekt grammatisch ver- 
schmelzen konnen, so bliebe nichts ubrig als die stilisti- 
sche Fragwiirdigkeit dieser Verwendung und dazu der 
Aussparung des »man«. Ich glaube nicht, dafi Schiller 
das intransitive »heifit« im Sinne von »wird genannt« 
(oder »fuhrt den Namen«) gedacht hat, und auch nicht, 
dafi er das transitive »heifit« gedacht hat, also »nennt 
man« . Gewifi nicht in einer Frage, die mit » Was heifit« 
beginnt und die aus ihrer klischeehaften Natur jede 
Deutung vorweg abweist aufier der einen: »Was bedeu- 
tet« , Es ist einf ach unmoglich, dafi ein Stilist einen Satz 
mit »Was heifit« anfangt und im Vertrauen auf ein 
postumes »man« erzwingen will, dafi ein »Was heifit 
man« gedacht werde. Das Typische der Formel, die 
Nominativkraft des »Was« als Auftakt der Frage 
schliefit eine solche Fortsetzung einf ach aus. Bewufit 
vorgenommen, wiirde sie aber das Bewufitsein der 
natiirlichsten, hier so hinderlichen Assoziation des Lesers 
vermissen lassen, also einen Stilfehler bedeuten. Ja, so 
fest haftet das Abschlufihafte der Wendung »\Vas 
heifit«, dafi fur ihr Verstandnis selbst die gegenteilige 
Moglichkeit, dafi ein Leser das »man« hinzudenken 
konnte, keine Gefahr ware und von dem empfindlich- 
sten Bewufitsein des Autors, dem sie einfiele, getrost 



112 



abgewiesen werden konnte. Kommt dazu die immerhin 
vorhandene Bedenklichkeit der Stellvertretung eines 
Pradikats durch ein spateres Objekt, so bildet die Wen- 
dung ein stilistisches Monstrum im Vergleich zu jenem 
grammatischen Willkiirakt der mechanischen Verkiir- 
zung. Und nicht zuletzt ware zu sagen, dafi auch die 
Doppelverwendung des »man« eine stilistische Bedenk- 
lichkeit insoferne bedeutet, als derselbe Faktor, der sich 
liber das Wesen der Universalgeschichte schon im Klareij 
ist, nicht so ohneweiters identisch mit dem sie erst 
studierenden sein konnte. Da ist es doch natiirlicher und 
stilistisch erlebter, die Definition zu sondern und an sie 
die Frage nach dem Zweck des Studiums anzuschliefien, 
mag dies auch mit einer grammatikalischen Unebenheit 
erkauft sein, die den Fehler durch die Handlichkeit 
einer ja doch verstandlichen und eben nur in einem 
Titel gebrauchten Chiffre wettmacht. (Wiirde doch auch 
jenes zu antizipierende »man« eine der Abknappungen 
vorstellen, wie sie im Zeitalter der literarischen Ko- 
pisten und Synkopisten iiblich sind und etwa aus dem 
verbreiteten Glauben der Schriftsteller sich ergeben, 
dafS ein und dasselbe »ist«, das nicht ein und dasselbe 
ist, Verbindungen stiitzen kann wie: »X., der sein 
Freund und ihm zu Hilfe gekommen ist«.) So verfiih- 
rerisch also die Version durch ihren Einfall sein mag, so 
wiirde ich sie doch ablehnen und keineswegs zur hoheren 
stilistischen Ehre Schillers gelten lassen. 

Was diese Bank von Stein betrifft, mochte ich 
eher Dante zitieren, um jene zu warnen, die sich gram- 
matikalisch auf ihr, sagen wir niederlassen wollen; 
denn da ist jede Hoffnung verloren. An das Wohluber- 
legte des Dativs glaube ich nicht und in der kurzen Ruh 
des Wanderers die Erklarung leicht zu finden, fallt mir 
schwer. Wenn an der Stelle, wo sich Tell befindet, »die- 
ser nun aufier dem Warten gerade etwas unternehmen« 
will und sich wie in der jiidischen Anekdote auch hun- 
dertmal fragt: »Also was tun mr jetzt?« (die ihm ja 
nach dem Hinweis »auf dieser Bank« gelaufig zu sein 



113 



scheint), und wenn er selbst den Gedanken ablehnte, 
sich auf die Bank zu stellen oder auf ihr zu stehen, ja 
ganz mit Recht erkennte, dafi man sich zu langer Ruh 
legt und zu kurzer setzt, so wird er als richtiggehender 
Schweizer doch nicht umhin konnen, sich in diesem Fall 
auf sie und nicht auf ihr zu setzen, well er ja auch jbu 
andern Fall sich nicht auf ihr legen wird. Den Erlebnis- 
vorgang, den der Einsender nach der Betrachtung der 
Bank einzuschalten scheint, in Ehren: aber selbst wenn 
der Wanderer die Bank noch so lange betrachtet, um 
bei der Wahl zwischen der langen Ruhe und der kurzen, 
zwischen »sich legen« und »sich setzen«, fiir dieses zu 
optieren, wird ihm (und wiewohl bereits seine Gedanken 
auf ihr ruhen mogeh) gar nichts anderes iibrig bleiben, 
als sich regelrecht auf sie zu setzen. (Der Entschlufi, 
es auf ihr zu tun, setzt einen Schwebezustand voraus. 
Eher ware es, wenn das Stadium des Sitzens erledigt 
ist, moglich, sich auf ihr zu legen* Wobei ja auch dahin- 
gestellt bleiben mag, warum die Bank, obschon sie nur 
zur kurzen Ruh »bereitet« sein mag, nicht ein Lagern 
gestatten soil, welches ja auch nicht von langer Dauer 
sein mufi. Dafi sie, weil sie zur kurzen Ruh bereitet ist, 
ihrer Beschaffenheit nach einer langen widerstreben 
sollte, ist gewifi nicht der Fall und dafi etwa in der 
hohlen Gasse die Anlagen dem Schutze des Publikums 
empfohlen waren und infolgedessen das Sichniederlegen 
verboten, dafiir gibt es doch gar keinen Anhaltspunkt 
bei Schiller.) Nein^ viel einfacher wird es schon sein, an 
einen Druckfehler oder — und das miissen die Literar- 
historiker wissen — an einen mechanischen Schreib- 
fehler zu glauben. Ich entscheide fiir den Schreibfehler, 
den die gewissenhafte Profession anzutasten scheute, sie, 
die sich vor der »Pandora« entschlossen hat, aus Pietat 
fur Goethe den Urtext. den sie nicht verstand, »rascb 
vergniigt« durch die eigene Dummheit zu ersetzen, 
(Auf die Bitte eines Lesers will ich — die Gelegenheit 
ist giinstig — auch gern dahin wirken, dafi in Goethes 
»Grenzen der Menschheit« statt der »segnenden Blitze« ? 



114 



die eine pietatvolle Literaturwelt, kindliche Schauer 
treu in der Brust, bis heute aus rollenden Wolken 
empfangen hat, was sie gar nicht genierte: endlich ein- 
mal »sengende Blitze« gedruckt werden, der Anschau- 
ung des Vorgangs zu Ehren und weil jene zwar dem 
Verstand eingeleuchtet haben, aber das Furchtbare 
doch noch tiefer auf die Knie zwingt als der Segen.) 

Was nun der Einsender zur Hervorhebung 
Schiller'scher Sprachreinheit an abschreckenden Bei- 
spielen bei anderen Dichtern anfuhrt, erscheint mir 
gleichfalls weder gliicklich gewahlt noch gliicklich dar- 
gestellt. Dafi man eine Wendung wie die aus Kleists 
»PenthesiIea« , in der »angehen« mit dem Dativ kon- 
struiert ist, bei Schiller vergeblich suchen wurde, kann 
weder fur diesen noch gegen jenen Autor das geringste 
beweisen, sondern nur, dafi Schiller die alte, heute 
langst ungebrauchliche Dativform der Wendung eben 
nicht gebraucht hat, was unter Umstanden bedauerlich 
ist. Dieser starkere Dativ diirfte manchem heutigen Ohr 
vielleicht auch in der Form »es kostet mir« oder gar im 
faustischen »Wer ruft mir?« verdachtig klingen. 
Sprachkritisch wird man wohl die »Penthesilea« im 
Ernst nicht untersuchen wollen, wenn die »Jungfrau 
von Orleans « in der Nahe steht. Dagegen moge es 
gestattet sein, an ein Abenteuer mit dem Kleist'schen 
Gedichte »Der Schrecken im Bade« zu erinnern, wo eine 
stilistische Unbedachtsamkeit dazu fuhrt, diesen selbst 
zu ubertrumpfen. Kleist gebraucht als den Genitiv von 
Mai »des Mais«, was keineswegs falsch ist, aber gerade 
in der Stelle : 

Nun heifi, fiirwahr, als sollt' er Ernten reifen, 
War dieser Tag des Mais und, Blumen gleich, 
Fuhlt jedes Glied des Menschen sich erschlafft 

eine falsche Vorstellung herbeifiihrt. Gedacht, gesagt. 
Achtzehn Zeilen spater lese ich : 

und lauert 

Dem Hirsch auf, der uns Jungs t den Mais zerwuhlte. 



115 



Ein stilistisches Verhangnis, dem zu entrinnen es eben 
doch an etwas gefehlt hat. Das Hebbel'sche »wie« nach 
dem Komparativ, statt »als«, ist natiirlich falsch (»mifi- 
braucht« ist aber hier eigentlich nicht das »grofier wie«, 
sondern nur das »wie« ) ; doch kommt es auch bei ande- 
ren beruhmten Autoren vor und ware das geringste, 
was gegen die Sprache bei Hebbel einzuwenden ist. Da 
und von da abwarts, etwa bei Grillparzer, hatte man 
fast Vers fiir Vers weifi Gott anderes zu bemerken, 
staunend iiber eine Literaturwelt, die dergleichen Pa- 
pierschmuck als Dichtung fortschleppt. Aber so wenig 
wie dort, wo die Sprache kaum mehr als Oberflache 
hat, der Aufienfehler in Betracht kommt, so hebt er sich 
in tieferen Regionen von selbst auf. Es konnte da dem 
Sprachgefuhl, wenn es sich nicht gewaltsam auf den 
Anspruch einer Sittenpolizei herabsetzt, unmoglich 
gelingen, solche Abnormitaten als Minus und nicht als 
Plus wahrzunehmen. Darum mag die in der Schlegel- 
Ubersetzung des »Hamlet« zwar »vielen entgangen sein« , 
aber hoffentlich manchen nicht als Vorzug. Was der 
Einsender, der fur seinen anregenden Eifer gewifi alien 
Dank verdient, da einwendet, ist an und fiir sich halb 
richtig; ware es ganz richtig, gelangte es doch nicht an 
die Sphare, in der der Gedanke sein voiles sprachliches 
Leben nicht nur trotz dem beanstandeten Konstruktions- 
fehler bewahrt, sondern durch ihn erst empfangt. Doch 
wollen wir, ehe der Vorzug bewiesen sei, den Fehler 
untersuchen. Zuerst wiirde man glauben, dafi hier etwas 
Richtiges vorgebracht sei, dessen Geltung auf der Ebene 
rationaler Sprachkritik nur durch die Begriindung ge- 
fahrdet wird. Denn bei Schlegel ist das in der Konjunk- 
tion »um« versteckte Sub j ekt nicht » wir « , sondern ? 
wenn das gedachte Subjekt reklamiert werden soll ? 
»Fahigkeit und Vernunft«, das syntaktische : »Gott«. 
Die Stelle mufi auch gar nicht »etwa so« oder anders 
erganzt werden. Aber da man nicht versteht, warurri der 
einzig mogliche grammatikalische Einwand solche Um- 
wege braucht, ersieht man plotzlich, dafi hier die Kritik 



116 



auf dem eigensten Gebiete fehl geht. Denn die Forde- 
rung ist einfach die, dafi bei einem »um zu« mit dem 
Infinitiv das Subjekt des Finalsatzes (der kein »Kausal- 
satz« ist) identisch sei mit dem des Hauptsatzes, so dafi 
also bei Schlegel tatsachlich Gott ungebraucht in uns 
schimmeln miifite, »um« die Konstruktion zu rechtfer- 
tigen, wahrend dies doch von dem Objekt des Haupt- 
satzes (Fahigkeit und gottliche Vernunft) gelten soil. 
Der Einsender verlangt aber, »um« den Fehler zu be- 
heben, dafi dieses Objekt im Finalsatz »auch nur im 
Sinne eines Akkusativs versteckt« sei. Das Objekt des 
Hauptsatzes braucht jedoch im abhangigen Satz weder 
so noch anders versteckt noch liberhaupt vorhanden zu 
sein, sondern im strengen grammatikalischen Sinn ist 
nur unerlafilich, dafi das Subjekt wiederkehre. Der 
Einsender ware also befriedigt, wenn Schlegel kon- 
struiert hatte : »Gott gab uns nicht die Fahigkeit, um sie 
ungebraucht in uns schimmeln zu lassen« (namlich: da- 
mit wir sie schimmeln lassen); denn er verlangt, dafi 
das »uns« als »wir« wiederkehre, was aber dem »um 
zu« -Infinitiv ganz egal ist. indem er viel zu zielstrebig 
ist, »um« auf so etwas Wert zu legen. (Und die Gefahr 
der Zweideutigkeit ware grofier, da hier bei gramma- 
tisch korrektem Anschlufi die Handlung des Neben- 
satzes dem Subjekt des Hauptsatzes, Gott, ohne jeden 
Aberwitz zuzutrauen ist, wahrend doch gemeint sein 
soil, dafi wir schimmeln lassen.) Ohne Zweif el hat der 
Einsender, der eine sehr ermafiigte Forderung stellt 
und einen im strengen grammatikalischen Sinn ebenso 
verponten Fehler gelten liefie, das richtige Gefiihl ge- 
habt, dafi hier eine normwidrige Konstruktion vorliegt, 
und nun zwar im Negativen — des Nonsens vom schim- 
melnden Gott — den Fehler erkannt, aber von seiner 
Interpretierung des Sinns eine positive grammatische 
Forderung abgeleitet, deren Unzulanglichkeit er nicht 
mehr fuhlte. Hatte er aber selbst radikal die Abwei- 
chung von der Regel, dafi die Subjekte identisch sein 
miissen, als den Fehler der Stelle erkannt, so hatte er 



117 



noch immer stilkritisch Unrecht. Denn was in der Prosa, 
selbst in der gestaltenden und nicht blofi gesprochenen, 
unmoglich oder doch bedenklich ware, ist im Shake- 
speare-Schlegel'schen Versbereich eben nicht nur mog- 
lich, sondern wirklich. Hier darf und soil die Unregel- 
mafiigkeit, dafi in der »um zu« -Konstruktion statt der 
beiden Subjekte das Objekt des Hauptsatzes und das 
gedachte Subjekt des Nebensatzes identisch seien, statt- 
haben. Also das Akkusativobjekt »Fahigkeit und Ver- 
nunft« und das gedachte »sie«, nicht aber das Dativ- 
objekt >>uns« und ein gedachtes »wir«. Diese Sinnrich- 
tigkeit ware hier, wenn sie Vers werden konnte, nicht 
nur banal, sondern weit mifiverstandlicher und gleich- 
falls unrichtig. Die ganze Kraft der Stelle liegt in der 
grammatikalischen Verbiegung, die, ohne die geringste 
Sinnverschiebung zu bewirken, dem »um«-Vers zu 
einem Eigenleben verhilft. Die Absicht, diesen Regionen, 
in denen die Sprache sicherer nachtwandelt als sie auf 
Erden richtiggeht," mit grammatikalischen Mafien nahe- 
zutreten, negiert nebst dem Ur - Recht der kiinst- 
lerischen Zeugung jene sprachliche Macht, der sich die 
Regeln irgendeinmal verdanken, und vor ihr bestiinde 
keine »Helena«, keine »Pandora« und nicht der vom 
Zauber Shakespeares begnadete Schlegel (den durch 
andere Ubersetzungen verdrangen zu wollen, nur der 
kunstgewerblichen Spielerei einf alien kann oder der 
textvergleichenden Gewissenschaftlichkeit, die mit 
ihrem Unverstand immer die Quelle verunreinigt). Denn 
im Mutterschofi der Sprache tragt sich alles jenseits 
von Richtig und Unrichtig zu. Wie sollten ihr von der 
Vorschopfung geringere schopferische Moglichkeiten 
aufbewahrt sein als der Liebe? Die asthetische Gerech- 
tigkeit, die den Bestandteil priift, reicht an die erotische 
Willkur, die ihn verwandelt, nicht hinan. »Dein Fehler, 
Liebste, ach ich liebe ihn, weil du ihn hast« — dies 
wurde auch allem Sprachgebilde gelten, wenn hier die 
Liebe nicht doch die Schranke hatte: dafi die Hafi- 
lichste mir nicht » durch ihn erglanzen wird«. Die bleibt 



118 



den Vorschriften unterworfen. Und etwas anderes ist es, 
dem Sprachgeheimnis, es unter die Verantwortung der 
Kegel stellend, nahezutreten, oder ihm nahezukommen, 
indem man die Kegel selbst zur Rechenschaft zwingt 
Denn es gibt keine, und schiene sie noch so aufierlich, 
der sich nicht das Innerste von jenem Wesen absehen 
liefie, an das sie nicht herankommt. 



119 



Februar 1927 



Sprachlehre 

Zu den Vorurteilen gegen mich, die wohl nicht 
mehr aus der Welt zu schaffen sein werden, gehort die 
Vermutung, dafi ich die Zeitungen lese, »um etwas zu 
finden« , woran ich Anstofi nehmen kdnnte, wahrend ich 
in Wahrheit im Blatterwalde so fiir mich hingehe und 
nichts zu suchen mein Sinn ist. Ja bereit, die Herren 
Journalisten zu bestechen, damit ich nur ja nichts zu 
finden brauche, was mich zur Wiederherstellung der 
Natur notigt, komme ich mir wie der Nestroysche Haus- 
meister vor, der »lieber selber einer jeden Partei ein 
Sechserl schenken mochte«, urn nur seine Ruh' zu 
haben. Und oft denke ich mir, wie gem ich die Zeit, 
die sie mir rauben, daran wenden wurde, ihnen recht- 
zeitig zu helfen, alles das zu unterlassen, was mich in 
Tatigkeit setzt. Denn ich bedarf doch wahrlich nicht 
mehr ihrer Anstofte, um mir uber die Gestalt, die sie 
der Welt gegeben haben, etwas einfallen zu lassen, 
Wenn sie nur gewillt waren, mir taglich ihre Biirsten- 
abziige zur Korrektur zu schicken, so ware ich erbotig, 
bei voller Belassung der moralischen Eigenart, ihnen 
das Grobste im Stilistischen und Grammatikalischen 
abzutun und gerade dadurch ihre schlechten Absichten 
wirksamer herauszuarbeiten. Ich mufi diese Arbeit ja 
oft genug an Zitaten besorgen und manchen Formfehler 
beseitigen, um die Aufmerksamkeit nicht von dem 
Schwachsinn der Gedankenfuhrung oder der Lumperej 
der Gesinnung abzulenken. Sie wissen es nicht, merken 
es nicht und ich stiller Wohltater mache kein Aufheben 



120 



davon. Aber naturlich ware ich auch bereit, in den In- 
halt einzugreifen, zu dampfen, zu beleben, zu veredeln, 
kurz eine Textgestalt herzustellen, die vor meinem Witz 
sicher sein kann. Weifi Gott, es ware gar nicht iibel, 
die Vorzensur, die sich im Krieg blofi auf die Unter- 
druckung von Artikeln beschrankt hat, die die Sieges- 
zuversicht herabmindern konnten, in meine Hande zu 
legen, welche doch fiir einen weit kulturvolleren Zweck 
tatig waren. Aber wie ich die Herren Journalisten 
kenne, werden sie diese Idee als eine unerlaubte Zumu- 
tung an die Freiheit der Prostitution stolz von sich wei- 
sen, und was ich seit Jahrzehnten als Zensor ihrer Resul- 
tate leiste, hat, ach, nicht einmal an der aufiersten 
Oberflache der Sprachkorrektur seinen erzieherischen 
Einflufi bewahrt. Man kann es mit dem ihnen gelaufig- 
sten Worte sagen: sie haben »daran« vergessen, auch 
wenn es ihnen noch so oft eingetrichtert wurde; und 
wenn sie auch nichts wissen, sie »brauchen nicht ler- 
nen«. Aber vielleicht kommen wir einander ein wenig 
naher, wenn ich von Zeit zu Zeit die argsten sprach- 
lichen Mifibildungen formlich ausstelle — ohne an 
bestimmte Falle anzukniipfen, denn da taten sie's 
justament! Urn nur, was mir gerade zur Hand liegt, zu 
erwahnen: »wieso kommt es«, dafi sie so schlechtes 
Deutsch schreiben und dafi diese Frage, die der 
Tandelmarkt frei hat an das Schicksal, immer wieder 
gestellt wird ? Also man f ragt : wie (oder w o h e r) 
kommt es (das andere bedeutet etwas ganz anderes). 
»N a c h vorwarts« geht es in keinem Fall, sondern es 
sollte blo6 »vorwarts« gehen. Dies gilt naturlich auch 
wo es »riickwarts geht«. Dagegen soil nie etwas »riick- 
warts sein«, sondern nur hint en. Vollig unmoglich 
aber ist es, die Fremden, die man nach Wien lockt und 
denen man solche Lokalismen als Sehenswiirdigkeiten 
bietet, »Gaste von auswarts« zu nennen, weil da 
zwei entgegengesetzte Richtungen karambolieren. Die 
Herren Journalisten werden sagen: Wir »verbieten 
u n s« diese Kontrolle. Aber was mich betrifft, ich kann 



121 



weder ihnen noch mir ihr schlechtes Deutsch verbieten, 
ich kann es mir nur — gleichfalls ohne Aussicht — 
yerbitten. Denn ich kann ihnen nicht gebieten, dafi 
sie besser schreiben, ich kann sie nur darum bitten. 
(Wenn ich's erpressen kdnnte, wiirde ich es tun.) Im- 
perfektum: nicht er »verbot sich etwas«, sondern er 
»verbat« es sich. Perfektum: nicht »er hat es sich ver- 
boten«, sondern »verbeten«. Wie.kommt das? Woher 
kommt das? Eben nicht von »bieten«, sondern von 
»bitten«. (Der Nestroysche Sprachwitz, in der wiene- 
rischen Ublichkeit begriindet, ist ein rein akustischert 
»Ich werd 5 mir das verbieten !«. »Sich konnen Sie ver- 
bieten, was Sie wollen, aber mir nicht !«. Wenn die Ge- 
genfigur deutlich sagte: Ich werd- mir das verbitten!, 
ware der Witz nicht moglich.) Bei dieser Gelegenheit; 
Wenn ich einem etwas »geboten« habe, so kann das 
sowohl von »bieten« wie von »gebieten« kommen : nicht 
zu verwechseln mit: »gebeten« 5 das von »bitten« kommt 
und wieder nichts zu tun hat mit »gebetet«, das von 
»beten« kommt. Die Sache ist nicht leicht, aber da wir 
zumPublikumsprechen, so miissen wir doch, nicht wahr, 
mit gutem Beispiel vorangehen. Nun, ich mute ihnen 
zu, es sich zu merken, ohne dafi ich ihnen diese Fahig- 
keit z u t r a u e. Sie aber beklagen sich : ich »mute ihnen 
zu, es nicht zu wissen« — was so viel bedeutet als: ich 
verlange von ihnen, dafi sie es nicht wissen, wahrend 
ich doch das gerade Gegenteil von ihnen verlangej 
wenngleich nicht erwarte, es ihnen also nicht »zutraue«. 
Denn sie haben mich, wie sie sagen wurden, nicht »allzu 
verwohnt«. Eine arge Misere ist diese Verbindung von 
»allzu« mit einem Zeitwort. Der eebildete Schmock 
schreibt, einer habe »allzu dominiert«. Nun ware wohl 
seine »allzu dominante« Stellung denkbar, aber er 
konnte naturlich nur »allzu s e h r« dominieren. Etwas 
mag allzu lieb, selbst allzu geliebt sein (wenn das Parti- 
zip mehr als Adjektiv denn als Zeitwort gedacht wird), 
aber man kann nur »allzu sehr« lieben. Einer kann 
allzu grofi sein, aber nicht allzu gewachsen. Es ware 



122 



auch moglich, dafi er »allzu verwohnt ist«, aber er 
»wurde allzu sehr verwohnt«. Komplizierter wird es> 
wenn der Schmock schreibt^ man diirfe » einem nicht 
allzu unrecht tun« . Man kann sich wohl »allzu unrecht« 
(unrichtig) ausdriicken, aber man kann nur »allzu sehr 
unrecht« tun (allzu grofies Unrecht). Tue ich das? Es 
gibt kaum einen sprechenden oder schreibenden 
Menschen in Wien, der sich nicht erlaubte, »bifichen«c 
schlampig zu sein statt »e i n bifichen« (das von einer 
sehr realen Sache, namlich einem kleinen Bissen 
stammt). Vollends mit dem »bis« wird aber verfahren, 
dafi es schon nicht mehr schon ist und die Bedeutung 
auf dem Kopf steht: sie werden einem etwas sagen, >>bis 
er kommt«. Aber sie meinen naturlich nicht, dafi sie es 
ihm so lange sagen werden, bis er kommt, sondern erst 
sagen werden, wenn er kommt. In Wien geht der 
Krug erst dann zum Brunnen, wenn er bricht, weshalb 
er meistens zu spat kommt, Und wird »bis« schon ein* 
mal richtig statt fur den Zeitpunkt fur die Zeitstrecke 
verwendet, so kann man sicher sein, da6 eiri »nicht« 
seine Begleitung anbietet: 

ein Gnadengesuch, mit dessen Erledigung so lange gewartet werden 
sollte, bis die Entscheidung des Oberlandesgerichtes ...nicht 
vorlag. 

Fast alle diese Bildungen sind spezifisches Wiener Ge- 
wachs, dessen jiidische oder nichtjudische Herkunft 
nicht mehr f eststellbar ist. Wenn die Wiener heute »a m 
Land* sind, so ist es kaum mehr das alte: »aum<< (aufrii) 
Land. Hier kann man judisch oder zur Not alldeutsch 
sprechen, deutsch keineswegs. Ein Franzose, der schlecht 
franzosisch spricht, ist kaum vorstellbar, dagegen ist er 
stolz darauf, wenn er schon franzosisch spricht. Eine 
verstorbene Freundin, die fur diese Werte ein besseres 
Gefiihl hatte als die ganze Kollektion, die Kiirschners 
Literaturkalender umfafit, schilderte mir einmal, wie 
sie in einem kleinen Laden einer Pariser Vorstadt nacb 
etwas vergebens fragte 5 aber nicht von einem Klachel 



123 



in einem undefinierbaren Dialekt angeschnauzt wurde, 
sondern freundlich an einen Konkurrenten gewiesen, 
der die Ware bestimmt vorratig habe: »Und aufierdem 
spricht er ein so schones Franzosisch!« Man versuche 
sich vorzustellen, dafi eine solche Auskunft bei uns, in 
Kauderwelschland, erteilt wiirde. Die Zusammenhange 
mit dem Infanterieregiment Nr. 4 sind in Wien weit 
lebendiger als die mit den Deutschmeistern. Die Per- 
versitat aber, dafi die gedruckte Sprache auf einem nocb 
tieferen Niveau angelangt ist als die gesprochene, ist 
das geistige Unikum, das diesem Klima vorbehalten 
blieb. Die offentliche Meinung ist zur Wand eines Ab- 
tritts geworden, auf der nicht nur jede Biiberei der 
Gesinnung Platz hat, sondern auch jede Missetat an der 
Sprache. Setzt der judische Journalist die Wendung hin; 
»worauf man darauf folgern kann«, so antwortet der 
Arier : »wonach hervorgeht« . Die Lokalredakteure 
mussen als Volksschiiler doch ein besseres Deutsch ge- 
schrieben haben; sonst waren sie es noch heute. Kiirz- 
lich schrieb einer; 

Die Anklage wxrd auf einen welter en sich ge stern 
zugetragenen Vorfall ausgedchnt. 

Dem geschatzten Autor wiirde man natiirlich auch nicht 
begreiflich machen konnen, dafi er durch das Fehlen 
des Kommas nach »weiteren« ausgedruckt hat, die An- 
klage habe sich auf einen abermals »sich gestern zuge- 
tragenen« Vorfall bezogen. Aber sie konnen nicht nur 
nicht die Worter richtig zusammenstellen, nein, da liest 
man taglich auch solche, die es gar nicht gibt: »ins- 
besonders« dieses. Der Dichter der ,Wiener Stimmen 3 , 
von dem man doch annehmen mufite, dafi er, wenn 
schon nichts anderes, so zum mindesten eine Mutter- 
sprache habe, beginnt ein Verslein mit dem Wortlein: 
»zumindestens«, das sich ihm aus dem Vorrat von »min- 
destens« , »zumindest« und »zum mindesten« geballt 
hat; »zumeistens« wiirde er kaum riskieren. Einer, der 
trotz seinem Mauscheldrang ein kerndeutscher Mann 



124 



ist, prophezeite kiirzlich, ein Jargonstiick werde »durch 
Wochen lang« zugkraftig sein. Dem Grafen Keyserling 
— der gewifi eine fatale »Einstellung« zur deutschen 
Sprache hat und ehe er die Schule der Weisheit griin- 
dete die andere geschwanzt haben mufi — korrigierte 
er einen ausnahmsweise korrekten Satz. Die Strafe 
f olgte auf dem Fufi : 

Wenn ich nun einen Menschen . . f ragte, worin also die Lehre dcs 
Grafen Keyserling bestiinde, so wiirde ich .... 

Der Konjunktiv ist sicherlich eine schwierige Angele- 
genheit der deutschen Sprache, die auch den besten 
Schriftstellern schon Kummer bereitet hat. Selbst wenn 
jenes »fragte« ein inneres Imperfektum ware — das 
es hier ja nicht sein kann — , ihm also »ich fragte« und 
nicht »ich frage« zugrundelage, so miifite es heifien; 
»worin die Lehre bestehe«. Der Konjunktiv des 
Imperfekts ware nur dann richtig, wenn der Satz be- 
dingt gedacht oder in eine Bedingung f ortgesetzt wiirde : 
»bestunde, wenn...« Er ware richtig, wenn der Satz 
nicht die Frage enthielte: »Worin besteht die Lehre ?«, 
sondern: »Worin bestiinde die Lehre ?«. (Dies ware etwa 
moglich, wenn bereits alles, worin sie nicht besteht, 
dargestellt ware und der Schlufi ubrig bliebe, dafi sie 
in nichts besteht. Im Falle Keyserling zwar denkbar, 
aber hier nicht beabsichtigt.) Immerhin ist es vielleicht 
das Bemiihen um eine consecutio temporum, die im 
Deutschen so leicht wider den Gedanken geht. Aber der 
Konjunktiv imperfecti ist an und fur sich das Prunk- 
stiick der Bildung. Ein gerauschvoller Advokat, der sich 
auch in der Presse als Polemiker lastig macht, schrieb 
kiirzlich : 

Und er f i n d e t, dafi alles prachtig vorwarts g i n g e. 

Eine ausnahmsweise richtige Konstruktion — wenn- 
gleich durch andere Fehler wettgemacht — ist der 
Neuen Freien Presse passiert: 



125 



Der Inspektor erklarte, dafi er die Angeklagte, trotzdem sie 
ihm beschimpft habe, hatte Iaufen lassen, wenn sie nicht eine 
Beschwerde gegen ihn erstattet hatte. 

»Ihm« ist der typische Setzfehler der Wiener Drucke- 
reien; vom Schreiber, der vielleicht so spricht, ist zu 
vermuten, dafi er »beschimpfen« doch mit dem Akku^ 
sativ konstruiert. »Trotzdem« als fiihrendes Bindewort 
des Konzessivsatzes (start »obgleich«) mag als ein tief 
eingewurzelter Mifibrauch hingehen. Aber der Satzbau 
ist in Ordnung. Hier ist das »hatte Iaufen lassen« rich- 
tig, weil ihm der Konditionalsatz f olgt : »wenn sie nicht 
erstattet hatte«. Hatte sie aber die Beschwerde nicht 
erstattet und hatte er sie Iaufen lassen, ware also der 
Sachverhalt das Gegenteil, so hatte die Zeitung woh] 
trotzdem geschrieben: »Der Inspektor erklarte, dafi er 
die Angeklagte hatte Iaufen lassen«. Anstatt richtig zu 
schreiben: »Der Inspektor erklarte, dafi er die Ange- 
klagte habe Iaufen lassen«, »laufen liefi« oder »er habe 
sie Iaufen lassen«. Der ,Abend' ? der aufier dem Nameu 
seines Herausgebers kein Fremdwort in seinen Spalten 
duldet, der sich grundsatzlich nicht an die Adresse, 
sondern an die Anschrift der Proletarier wendet und 
dessen Satze zu neunzig vom Hundert nicht deutscb 
sind, stellte kurz und biindig fest: 

Das Berliner Gesundheitsamt m e 1 d e t, die Krankenhauser warcn 
uberfullt. 

Man erwartet etwa die Fortsetzung: wenn nicht schleu- 
nigst neue eroffnet worden waren. Richtig mufi es 
heifien: »die Krankenhauser seien uberfullt« oder »dafi 
die Krankenhauser uberfullt sind«. »Sie waren uber- 
fullt« wiirde geradezu bedeuten, dafi das Blatt die 
Meldung des Berliner Gesundheitsamtes als Luge hin- 
stellen will. Ein Zweifel an ihr ware schon angedeutet 
durch den Konjunktiv prasentis: »dafi sie uberfullt 
seien« (wahrend »sie seien uberfullt« blofi den Ersatz 
fur den dafi-Satz mit Indikativ vorstellt). Selbst wenn 
das regierende Verbum die Zeitform des Imperfektums 



126 



oder Perfektums hatte: »das Amt meldete« oder »hat 
gemeldet«, so ware f ortzusetzen : »dafi die Kranken- 
hauser uberfullt sind« oder »sie seien uberfiillt«. Dies, 
wenn der Inhalt des abhangigen Satzes fur den Bericht- 
erstatter feststehen soil. Ohne diese Tendenz darf sicb 
hier der »dafi«-Satz mit dem Konjunktiv prasentis an- 
schliefien: »meldete, dafi sie uberfullt seien«. Der Kon- 
junktiv imperfecti nur dort, wo der des Prasens nicht 
in Erscheinung tritt, z. B. »er versicherte, dafi sie kom- 
men mufiten« (start »miissen«). Sonst aber wiirde er 
immer den Zweifel an der Aussage bezeichnen. Sanders 
hat hier ein vorziigliches Beispiel aus Schiller, das, 
gleichfalls eine Krankmeldung betreffend, nebeneinan- 
der die Vermutung der Luge und die Behauptung der 
Wahrheit durch Modus wie Tempus ausdruckt : 

Mir meldet er aus Linz, er 1 a g e krank, 
doch hab' ich sichre Nachricht, dafi er sich 
zu Frauenberg versteckt beim Graf en Gallaa. 

Bedenklich dagegen ist die von Sanders angefuhrte und 
nicht ausdrucklich getadelte Wendung bei Goethe ; 

Da er hSrte, dafi ich viel zeichnete und Griechisch konntc. 

Ware hier der Konjunktiv unerlafilich, so ware zwar 
»zeichnete« richtlg, da »zeichne« als Konjunktiv nicht 
hervortritt; »konnte« jedoch ist nicht richtig und die 
gedankliche Diskrepanz hebt sich nur im Mitklang auf . 
Immerhin regiert hier das Imperfektum. Unmoglicb 
aber ist es, von einem Prasens das Imperfektum des 
Konjunktivs abhangig zu machen, ohne damit die Aus- 
sage als unglaubwiirdig oder als bedingt hinstellen zu 
wollen. Da hat eine Berlinerin mit Rilke gesprochen : 

Er erzahlte, dafi er im Wallis bei Sierre wohne, in einem 
kleinen, alten Schlofi, ganz einsam, Jahx fur Jahr, und nur selten, 
wenn es nicht mehr anders g i n g e, einen kurzen Flug in die Welt 
hinaus mache. Der Kanton Walks sei das Landschaftsbild, welche? 
ihm durch seine Romantik und Uppigkeit am nachsten k a m e, und 
w a s ihn aufierdem so sehr an seinen Aufenthalt in Spanien erinnere. 



127 



Wie man nur aus einem Gesprach mit einem deutschen 
Dichter so schlechtes Deutsch bewahren kann ! Von den? 
»was« abgesehen — warum denn »ginge« und »kame« ? 
warum dann nicht auch »wohnte«, »machte«, »ware« 
und »efinnerte« ? »Wenn es riicht mehr anders ginge« ? 
Es ginge nicht mehr anders, wenn — ! Aber in der deut- 
schen Presse geht es wirklich nicht mehr anders. Vor 
dem Konjunktiv wird alles, was Deutsch schreiben 
mochte, scheu. Freilich anders, als es »der Wustmann« 
meint, welcher es verkehrt meint, gerade in diesem 
Kapitel seinem Namen, der geradezu ein Symbol der 
Sprachverwirrung geworden ist, Ehre macht und dem 
Titel seines beriihmten Buches »AUerhand Sprach- 
dummheiten« zu einem unbeabsichtigten Sinn verhol- 
fen hat. Auch er verwendet zufallig das Beispiel einer 
Krankmeldung, aber freilich um jede Sprachsimulation 
zu erlauben. Es sei »ebensogut moglich, zu sagen« : er 
sagt, er ware krank, wie: er sagte, er sei krank 
u. dgl. Aber das erste ist in Wahrheit nur moglich^ 
wenn der Krankmeldung das starkste Mifitrauen ent- 
gegengesetzt wird. Uber den Bedeutungsunterschied 
der Formen macht er sich so wenig Gedanken, dafi er 
schlicht erklart, der Konjunktiv der Gegenwart werde 
von vielen »als das Feinere« vorgezogen; »wenn sich 
aber jemand in alien Fallen lieber des Konjunktivs der 
Vergangenheit bedient«, so sei auch dagegen »nichts 
ernstliches einzuwenden« . Gleich darauf beklagt er aber 
die »fortschreitende Abstiimpfung unseres Sprachge- 
fuhls«, von der er selbst, ohne es zu ahnen, die leben- 
digsten Beweise gibt. Der Mann, der die Verderbnis 
unserer Schriftsprache von dem Dbel herleitet, dafi 
man nicht schreibe, wie man spricht — wiewohl mane? 
doch langst tut, ja noch schlechter schreibt als man 
spricht — , bringt es zuwege, Wendungen, die natiirlich 
und richtig sind, fiir »papieren« zu erklaren und die 
papiernen fiir naturlich und richtig. 

Eine der fixen Ideen dieses Wegweisers, der in 
Deutschland so beliebt ist, weil er einen flachen Ernst 



128 



mit einem seichten Humor verbindet, ist sein Kampf 
gegen das Relativpronomen »welcher«, welches man 
nicht schreiben diirfe, weil man es nicht spricht. Findet 
er es bei Goethe und Hdlty, so ist es »nichts als ein 
langweiliges Versfullsel, eine Strohblume in einem 
Rosenstrau6« . Aber wenn man bedenkt, dafi so ziemlicb 
aller Wert der geschriebenen Wortschopfung jenseits 
aller Sprechbarkeit besteht und dafi kaum je ein 
Satz aus der »Pandora« zur Verstandigung im taglichen 
Umgang gedient haben diirfte, so kann man ermessen, 
aut welchem Niveau sich diese Sprachkritik bewegt. Una 
bei dem »welcher« zu bleiben: es ist natiirlich nicht nur, 
wie Wustmann grofimiitig zugesteht, zur Not in einer 
Folge von abgestuften Relativsatzen, im Wechsel mit 
dem einzig konzessionierten Pronomen »der« anwend- 
bar, sondern es waltet da wohl ein Bedeutungsunter- 
schied, der nicht nur dem Wustmann, sondern auch 
solchen Grammatikern fremd ist, die das »welcher« 
ohne Angabe der Grunde tolerieren. Ich will das Gefuhl 
fur diesen Unterschied an einem der verbreitetsten 
Fehler zu wecken versuchen. In einem Blatt, das zwar 
grofideutsch, aber nicht deutsch geschrieben ist, 
heilJt es: 

Die Art, wie das Gedenken urn Rainer Maria Rilke . . '/urn Ausdruck 
kam, ist sicher eine der besten und schonsten, die f iir einen solchen 
Anlafi . . moglich war. 

Es mufi natiirlich heiiSeri : . . . eine der besten, die mog- 
lich waren, Der Nonsens, den der Singular ergibt, 
hatte den folgenden Sinn: die Art ist eine der besten 
und sie war denn auch fur einen solchen Anlafi moglich. 
Es wiirde also von der besten Art noch ein WeitereS 
ausgesagt. Ware dies der Sinn, so wiirde ihm »welche« 
eher gerecht als »die« : eine der besten Arten, welche 
eben hier moglich war (welche = und eine, die). Urn 
es an einem gegenstandlicheren Beispiel zu erlautern; 
»Eines der besten Biicher, das ich gelesen habe«. So 
sprechen und schreiben die Leute, die sagen wollen: 
Ernes der besten Biicher, die ich gelesen habe. Das 



129 



heifit: von den Biichern, die ich gelesen habe, eines der 
besten. Es soil aber nicht von einem der besten Bucher 
die Rede sein, die als solche schon feststehen, nicht von 
einem unter ihnen, von dem noch besonders gesagt wird, 
daft ich es gelesen habe. Ware dies — also eine blofi 
beigeordnete Aussage — beabsichtigt, so trate der Fall 
ein, wo das Relativpronomen »welches« vorzuziehen ist; 
»eines der besten Biicher« als eine fur sich stehende 
Charakteristik, »welches ich gelesen habe« als ein hin- 
zutretender Umstand. (Also: eines der besten Bucher 
und eines, das ich gelesen habe.) Dagegen: »Eines der 
besten Bucher, die ich gelesen habe« — hier hat der 
Relativsatz eine bestimmende Funktion. Es handelt 
sich nicht urn die besten Bucher als solche, sondern um 
die besten von denen, die ich gelesen habe. Diese Aus- 
sage enthalt das wesentliche Kennzeichen der Bucher, 
keinen blofi hinzutretenden Umstand, denn es sind die 
besten der von mir gelesenen Bucher, von deren einem 
ich spreche und uber die ein anderer anders denken 
wird. Hier ist das Relativpronomen »die« zu setzen, 
nicht »welche«. Zwischen »der« und »welcher« fuhle 
ich einen Unterschied, der etwa dem zwischen einer 
determinativen und einer attributiven Be- 
ziehung gleichkommt. Der Relativsatz, den ich mir, 
ohne das Wesentliche der Vorstellung des Gegenstan- 
des zu verletzen, auch eliminiert denken konnte, ist eher 
mit »welcher« anzuschliefien. Der Relativsatz, der diese 
Vorstellung erst bildet oder wesentlich erganzt, nur mit 
>>der«. Diese Form (die im Genitiv »dessen« ohnehin 
die andere verschlungen hat) wird freilich beiden Be- 
deutungen gerecht, und innerhalb des gedanklichen 
Unterschieds werden Rucksichten des Wechsels, des 
Klanges und allerlei sonstiges Stilgeheimnis die Wahl 
bestimmen — keineswegs aber irgendwelche ungeistige 
Vorschrift. »Der schlechteste Sprachlehrer, den ich ge- 
kannt habe« : das ist nicht der schlechteste Sprachlehrer 
liber haupt, sondern der schlechteste von denen, die ich 
gekannt habe. Sage ich: »Der schlechteste Sprachlehrer, 



130 



welchen ich gekannt habe«, so spreche ich von dem 
iiberhaupt schlechtesten, von einem, der als solcher 
schon dargestellt ist, wozu ich nur noch bemerke, dafi 
ich ihn gekannt habe. Das Relativprohomen kann eine 
schwierige Unterscheidung erleichtern: »Eine der an- 
mutigsten Frauen, die ich gesehen habe« : da wird der 
Relativsatz wohl vom Plural abhangen. »Eine der an- 
mutigsten Frauen, welche ich gesehen habe« : hier wohl 
von der einen. Beim Maskulinum und foeim Neutrum ist 
die Unterscheidung, ob Singular oder Plural, von selbst 
gegeben. »Einer der reichsten Manner, der eine Zeitung 
subventioniert« : das durfte der typische Fehler sein, 
den solche Zeitungen machen, und es ist wohl gemeint ; 
einer der reichsten Manner, die eine Zeitung subven- 
tionieren. Nehmen wir aber den einf acheren Fall : »Der 
reichste Mann, der eine Zeitung siibventioniert« und 
»Der reichste Mann, welcher eine Zeitung subventio- 
niert«. Dort ist von dem grofiten Zeitungskapitalisten 
die Rede: der Relativsatz gibt das Wesen. Hier ist von 
dem grofiten Kapitalisten die Rede, von welchem auch 
gesagt wird, dalS er Geld fur eine Zeitung ubrig hat: der 
Relativsatz fugt dem Weseri etwas hinzu. Dafi da ein 
weltenweitef Abstand der Relativbegriffe vorliegt, 
daran ist nicht zu zweif eln. Ob ich diesem Abstand durch 
meine Verteilung von »welcher« und »der« gerecht 
werde, mag jeder beurteilen, der iiber diese Dinge nach- 
denkt. Es konnte sich ihm — gleich mir selbst — er- 
geben, dafi er manchmal einer andern, gar der gegen- 
teiligen Entscheidung nahekommt; jedenfalls wird er, 
an den geeigneten Beispielen, des von mir gewiesenen 
Unterschiedes und seiner Gesetzlichkeit habhaft werden. 
Scheinbar kommt ja der Form »welcher« die starkere 
Beziehungsfahigkeit zu, wie sie auch die Fiigung »der- 
jenige, welcher« dartut. Aber diese deutlichere Relation 
spielt sich erst innerhalb des hinzutreteh- 
den Umstandes ab, den ich die Form »welcher« 
bezeichnen lasse, und nachdem die allgemeine Begriffs- 
bestimmung der Person oder Sache schon vollzogen ist, 



131 



Dies ist gerade an Fallen nachweisbar, wo die attributive 
Beziehung in die determinative iiberzugehen scheint; 
wenn kontrastierende Gegenstande durch eine Aussage 
von einander iinterschieden werden sollen, die keineswegs 
ihrer wesentlichen Bestimmung dient. Wenn ich von 
zwei Leuten erzahlen will, die ich getroff en und deren 
einen ich gegriifit habe, so sage ich : »Den einen, welchen 

ich gegriifit habe, kenne ich seit langem «. Ich will 

von ihm sagen, dafi ich ihn seit langem kenne etc. 
Ich mache ihn in der Erzahlung aber kenntlich 
durch den eingeschalteten Relativsatz, der ihn sofort 
von dem andern unterscheiden soil, welchen ich nicht 
gegriifit habe. Dieser Relativsatz mit »welcher« konnte 
auch zwischen Gedankenstrichen oder in Klammern 
stehen, ja fur den Hdrer, der den Sachverhalt schon 
erfafit hat, sogar wegfallen. Eben in ihm ist das »der- 
jenige^ welcher« enthalten. Dieses »welcher« hat die 
Gabe der Erlauterung oder der Absonderung, es be- 
zeichnet ein hinzutretendes, oft unterscheidendes Merk- 
mal, es bestimmt aber keineswegs den Begriff der 
Person oder Sache als solcher, von der ich aussage. Es 
ist scheinbar determinativ, in Wahrheit attributiv. 
Schriebe ich nun: »Der eine, den ich gegriiBt habe . . .«, 
so erhielte der »eine« leicht die starkere Betonung als 
»gegrufit«, es ergabe zunachst den Sinn, dafi ich beide 
gegriifit habe und von jedem der beiden Gegriifiten 
etwas aussagen will. Ware dies beabsichtigt, so konnte 
vor »den« sogar das Komma entfallen, denn es handelte 
sich um » den einen Gegriifiten« (von ebensolchen 
zweien), nicht um »den einen, den Gegriifiten«. Bei 
»welcher«, welches die Tonkraft dem eigenen Pradikat 
zuschiebt (» welchen ich gegriifit habe«), ist dem 
Relativsatz begriffliches Eigenleben erhalten; das 
schwachere »der« liefert es dem regierenden Satze aus. 
Dieses Prinzip wird man an alien Beispielen bestatigt 
finden, wiewohl die Verhextheit gerade dieser sprach- 
lichen Region immer wieder zu neuen Zweifeln ver- 
fuhren mag. 



132 



1st es aber nicht Resultat genug, sich verfiihren 
zu lassen ? Die Grammatiker haben es nicht getan und 
Wustmann ist weit davon entfernt. Er macht sich wohl 
iiber allerhand Sprachdummheiten Gedanken, aber 
nicht ohne jene durch diese zu vermehren. Namentlicb 
hat es ihm auch der Konjunktiv angetan, zu welchem 
ich darum gem zuruckkehre. Er spricht von der »klag- 
lichen Hilflosigkeit unserer Papiersprache«, der er etwa 
die korrekte Wendung zuschreibt : 

Es ist eine Luge, wenn man behauptet, daS wir die Juden nur 
angreifen, weil sie Juden sind. 

Es miisse »unbedingt« heifien: »angriffen«, denn 
»es mulS der Konjunktiv stehen, und das Prasens ,an- 
greif en 5 wird nicht als Konjunktiv gef iihlt« . Das zweite 
ist wahr, das erste ist falsch, denn es mufi der Indikativ 
stehen. (»Angriffen« wurde aber als der Indikativ im- 
perfecti gefuhlt werden.) Selbst wenn es schlechthin 
hiefie: »es ist eine Luge, wenn man behauptet, dafi wir 
die Juden angreifen«, so ware der Indikativ nicht un- 
richtig, wiewohl wir die Juden tatsachlich nicht angrei- 
fen. Was vom Berichtenden hier als falsch hingestellt 
wird, ist zwar der Inhalt einer bestimmten Behauptung, 
jedoch einer, die eben in ihrer Bestimmtheit ausdruck- 
lich schon als Luge deklariert ist. »Mir meldet er aus 
Linz, er lage krank« : da wird der Inhalt der Meldung 
erst durch den Konjunktiv angezweifelt. Nun heifit es 
aber vollends, es werde behauptet, dafi wir die Juden 
»nur angreifen, w e i 1 sie Juden sind« . Es wird sogar 
der Inhalt der Behauptung, dafi wir die Juden angreifen, 
bestatigt und nur der Grund des Angriffs in Abrede ge- 
stellt. »Weil sie Juden s i n d« : das wollte Wustmann 
offenbar nicht bezweifelt wissen; Wunder genug, dafi er 
nicht trotzdem »seien« verlangt oder »waren« erlaubt 
hat. Hervorragend ist der Mangel an Unterscheidungs- 
fahigkeit, mit dem er seine Vorschriften erlalk. Er fiihrt 
eine Reihe von Satzen an, die nach seiner Meinung 



133 



falsch sind, und setzt »das richtige immer gleich in 
Klammern daneben«. Da findet sich denn: 

Er hatte . . den Wunsch geaufiert, die Soldaten mogen (mochten!) 
. . . nicht zielen. 

Richtig, aber hicht weil der Satz den Konjunktiv erf or- 
dert — auch »mogen« ist einer — , sondern weil der 
Konjunktiv — und der vom Indikativ unterscheidbare 
des Imperfekts — hier als Ersatz fur das f ehlende »dafi« 
auch dann eintreten miifite, wenn diesem der Indikativ 
folgte. 

Es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, dafi sich die Ziele . . von 
selnst ergeben (ergabent). 

Es ist ein Irrtum: hier ist kein Konjunktiv beabsichtigt 

Von dem Gedanken, dafi in Lothringen ahnliche Verhaltnisse vor- 
liegen (vorlagen!) . . . mu£ ganz abgesehen werden. 

Hier kann ein Konjunktiv beabsichtigt sein, darum 
w£re das Imperfekt — der Unterscheidung wegen — 
moglich. 

Es wird mir vorgeworfen, dafi ich die urspriingliche Reihenfolge 
ohne zwingenden Grund verlassen habe (hatte!). 

Verlassen hat er sie ja, vorgeworfen wird ihm nur die 
Grundlosigkeit, also ist der Indikativ richtig. Dagegen: 
»es wird mir (schlechthin) vorgeworfen, dafi ich sie ver- 
lassen h a 1 1 e« ; es ist nicht wahr, ich habe sie nicht ver- 
lassen. Aber es clurfte — wie oben bei dem Angriff auf 
die Juden — berichtigt werden: »es ist eine Luge, wenn 
mir vorgeworfen wird, dafi ich sie verlassen h a b e« , 
Die Unwahrheit des Vorwurfs kann ich durch den Kon- 
junktiv charakterisieren, wenn ich aber den Vorwurf 
ausdrucklich schon eine Luge nenne, so bedarf ich de& 
Konjunktivs nicht mehr. Durch diesen wiirde ich meine 
eigene Aussage uber den Vorwurf als zweifelhaft hin- 
stellen. 



134 



H. Grimm geht von der Voraussetzung aus, dafi ich -den Unterricht 
bekrittelt habe (hatte t). 

Hier hat Wustmann recht, denn es wird eine falsche 
Voraussetzung Grimms angenommen, die nicht anders 
als durch den Konjunktiv entwertet werden kann, wah- 
rend oben die Behauptung, dafi sich die Ziele ergeben, 
als solche feststehen mufi, inn eben als »Irrtum« ent- 
wurzelt zu werden. Aber er schliefit summarisch; »dafi 
die Verfasser dieser Satze den Indikativ h a 1 1 e n ge- 
brauchen wollen, ist nicht anzunehmen; sie haben ohne 
Zweifel alle die Absicht gehabt, einen Konjunktiv hin- 
zuschreiben« ; und sie hatten eben falschlich den 
papierenen Konjunktiv prasentis oder perfecti erwischt, 
der als solcher nicht erkennbar ist. Aber woher wufite 
Wustmann, dafi sie, wenigstens zum Teil, nicht den 
Indikativ beabsichtigt haben? Und wie hatte er in 
diesem Falle bewiesen, dafi es fehlerhaft sei? Wustmann 
schreibt, es sei nicht anzunehmen, dafi sie den Indikativ 
hatten gebrauchen wollen. Ich nehme an, dafi selbst 
er hier den Indikativ hat gebrauchen wollen, also zu 
sagen gehabt hatte: »dafi sie den Indikativ haben ge- 
brauchen wollen«. Sein eigener Zweifel ist ja durch die 
Negation im Hauptsatz ( »nicht anzunehmen« ) kon- 
sumiert und was er geradezu »nicht annimmt«, ist als 
Tatsache zu setzen. (Sonst wurde er ja seine eigene 
Nichtannahme bezweifeln.) Wenn ich nun soeben 
schrieb: »dafi er zu sagen gehabt hatte«, so stellt 
dieser Konjunktiv den besonderen Fall einer gedachten 
Bedingtheit vor, auf den ich schon hingewiesen habe. 
Auch in direkter Aussage wurde es hier heifien: »er 
hatte zu sagen gehabt« (erganze: statt dafi er gesagt 
hat). Er aber hatte vermutlich sogar das Folgende ge- 
sagt oder erlaubt: »Es ist nicht anzunehmen, dafi die 
Verfasser behaupten wiirden, die Satze, die sie geschrie- 
ben hatten, seien Indikativsatze.« Hier liegt der FalJ 
vor (den Sanders richtig heraushebt), dafi der Zwischen- 
satz eine Bemerkung des Aussagenden ist und nicht eine 
Bemerkung dessen, von dem ausgesagt wird, dafi es also 



135 



heifien muS: ». . . behaupten wiirden, die Satze, die sie 
geschrieben haben, seien Indikativsatze« . Vielfache 
stilistische Riicksicht kann hier wie uberall gegen die 
Vorschrift gelten. Aber umsomehr gegen eine Erlaubnis, 
die von keinem Gedanken bezogen ist. Supra grammati- 
cos wird immer die kunstlerische Entscheidung stehen 
und ein scheinbarer Fehler durfte manchmal gegen alle 
Kegel alles Recht von der gedanklichen Vollmacht seiner 
Umgebung erhalten. Eben solchem Wert kann sprach- 
logisches Bemiihen, das Richtige vom Unrichtigen zu 
unterscheiden, nur zugute kommen. Richtig gebaut ist 
zum Beispiel ein Satz in einer Erklarung, die ich in einer 
Polemik der Arbeiter-Zeitung zitiert finde und die eine 
Ausnahme vom Wiener Amtsdeutsch zu bilden scheint: 

In den letzten Tagen ist in Versammlungen wiederholt be- 
hauptet worden, Vizekanzler Dr. Dinghof er habc sich gegenuber 
einer Abordmmg des Reforniverbandes der Hausbesitzer geaulSert, 
die Hausbesitzer konnten sich auf den vielumstrittenen Bcschluft 
der steiermarkischen Landesmietenkommission auch ohne amtliche 
Kundmachung des Beschhisses berufen. Demgegenuber wird f e s t- 
g e s t e 1 1 1, dafi der Vizekanzler eine solcne Erklarung nicht 
abgegeben hat. Er hat nach den Ausfuhrungen des Sprecheni 
der Abordnung, der seine eigenen Ansichten vortrug, lediglich be- 
merkt usw. 

Weit entfernt, aus dem richtigen Ausdruck des Sach- 
lichen auf die sachliche Richtigkeit zu schliefien, gehe 
ich zu der polemischen Antwort iiber. Sie enthalt eine 
kuriose Fiigung, der man haufig bei einem Publizisten 
begegnet, dessen Fehler besser sind als die Vorzuge 
anderer Zeitungsleute : 

Wonach es wohl so sein wird, dafi Herr Dr. Dinghofer den Haus- 
besitzern das gesagt h a b e, was sie horen wollten .... 

Aber da es doch einem entgegengehalten wird, der seine 
Worte verleugnen mochte, so konnte es gar keinen 
indikativeren dafi-Satz geben als diesen und er miifite 
natiirlich lauten: »dafi er ihnen gesagt hat«. Hier hat 
wohl das »wohl« des regierenden Satzes den indikativen 



136 



Charakter des abhangigen Satzes zu Unrecht beeinflufit. 
Warum sollte denn ein Zweif el an der eigenen Deutung 
ausgedruckt sein ? Es soil doch nur das vom andern Teil 
Gesagte entwertet werden, nicht die Entgegnung, 
welche durch das »wohl« ja noch ironisch verstarkt 
wird. Nun, es ist wohl der Absprung einer jahen Feder, 
wahrend die Willkur in modis und temporibus geradezu 
das System einer Tagesschriftstellerei ausmacht, die im 
falschen Modus gem ihre Bildung und kn falschen 
Tempus deren Imperfektheit zeigt. Was aber bedeuten 
selbst solehe Formsunden in einer Sphare, wo fast jedes 
Wort, das hervorkommt, Siinde wider den Geist ist? wo 
iiberhaupt nur mehr gestottert wird, um den schabigsten 
Sachverhalt an einen Leser heranzubringen, der es viel- 
leicht doch etwas besser sagen konnte, wenn er nicht 
taglich diesem verderblichen Einflufi ausgesetzt *vare, 
so dafi er schliefilich selber zum Journalisten taugt ! Ein 
Theaterkritiker, dessen apodiktische Odigkeit sich in 
kurzen Absatzen auslebt, die jeder fur sich nur einen 
Satz, aber dafur einen schlechten bilden, beschwert sicb 
liber seinen Sitznachbarn : 

* . . der junge Mensch vergnugte sich damit, die Schnur an d a 9 
Aluminium des Feldstechers zu reiben, was ein kreischendes, 
kratzendes, Nerven erregendes Gerausch verursachte. 

Kein Wunder, wenn »an etwas reiben« als Akkusativ 
konstruiert wird. Aber das Gerausch hort nicht auf, 
denn: 

. . . er wetzte die Schnur ausschliefilich dann an das Fernglas, 
wenn der Vorhang hochgegangen war. 

»An etwas wetzen« als Akkusativ ist freilich auch eine 
rechte Storung im Theater. Damit man aber sieht, was 
so ein Sitznachbar imstande ist, fafit der Kritiker seine 
Eindrucke noch einmal zusanmmen: 

. . . Er r i e b und wetzte die verdammte Schnur an d a s ver- 
dammte Aluminium. Fur meine Erfahrung war das eine neue Nuance 



137 



Fur meine auch. Es mufi schrecklich sein, so empfind- 
lich fur alle Gerausche, aber so verlassen von allem 
Sprachgefiihl im Theater zu sitzen. Offenbar verwech- 
selt man »reiben« und »wetzen« mit »riihren« und 
»stofien«. In diesen Wortern ist auch die Bewegung »an 
den« Gegenstand hin enthalten, »an dem« sich der Vor- 
gang abspielt, wahrend dort nur dieser selbst ausge- 
druckt wird. Man stofit sich an dem oder an das (gegen 
die Sitte anstofiende) Benehmen des Sitznachbarn, der 
aber die Schnur blofi an dem Aluminium reiben oder 
wetzen kann. Freilich, in der Wiener Presse wiirde es 
heifien: »man stofit sich«, wie man ja dort auch 
»lauf t«. 

Das Analphabetyarentum ist geradezu erfinderisch 
in Ausbau und Vertiefung dessen, was als Zeituugs- 
deutsch schon eingelebt ist. Dafi in diesen Kreisen 
»nachdem« langst auf die temporale Bedeutung zu- 
gmisten der kausalen verzichtet hat, ist bekannt. 
^Biihnen'-Ausfluge fanden statt, nachdem der Wetter- 
gott ein Einsehen gehabt hatte: aber nicht »als«, sondern 
»weil«. Sie finden sogar statt, nachdem heute schones 
Wetter »ist«. Dafi aber »nachdem« nebst dem Prasens- 
Charakter sogar einen futurischen sich zuziehen kann, 
bedeutet eine grofie Errungenschaft. Beides ist in dem 
Folgenden gegliickt: 

Man wird sich uberall in alien Theatern, die fur Frau Roland 
in Betracht kommen, fragen, weshalb die Roland eigentlich aus denj 
Burgtheater weg mufite, nachdem Schauspieler und Schauspiele- 
rinnen, die sicn mit dieser Frau beiweitem nicht messen konnen, 
seit Jahren behaglich im Burgtheater sitzen und wahrscheinlicb 
bis an ihr seliges Ende dort sitzen bleiben werden. 

Dieses »nachdem« mit dem Prasens bedeutet schon 
nicht mehr »weil«, sondern »wahrend hingegen«. Aber 
nachdem etwas geschehen wird: einen temporellen 
Inhalt da hineinzudenken, durfte ohne Kongestion nicht 
moglich sein. Es gelange auch nicht am Beispiel einer 
bequemeren Materie, etwa: Man wird sich uberall 
fragen, weshalb Herr Bekessy eigentlich von Wien weg 



138 



mufite, nachdem seine Redakteure in Wien schreiben 
und wahrscheinlich bis an ihr seliges Ende hier weiter 
schreiben werden. (In Wien sitzen wird nicht einmal er.) 
Dafi der Tandelmarktjargon druckreif geworden ist, ja 
dafi es uberhaupt keine andere Schrift9prache mehr gibt 
als ihn, offenbart der fluchtigste Blick in ein Zeitungs- 
blatt. Es ist bereits moglich geworden, dafi eine Wen- 
dung in Druckerschwarze erscheint wie diese : 

Nach und nach entdeckte sie, dafi es ihm an Sachen fehle, was 
jeder andere . . besitzt. 

Oder diese: 

well sie mit ihm Nachtmahl essen war. 

Man fragt sich nun, wie (nicht wieso) insbesondere 
(nicht insbesonders) solches moglich ist. Denn es ver- 
sucht geradezu den Jargon konstruktiv einzurichten. 
Schon die Wendung: »Ich war mit ihm essen« ist im 
Privatleben selten. Man hort gerade noch: »Ich war 
essen« und nur als Antwort, namlich durch die Verfuh- 
rung der Frage : Wo warst du ? Man kann sich akustisch 
vorstellen, dafi einer bekennt: » Ich war baden«, aber 
doch nur als Antwort auf die Frage, was er unternom- 
men habe. Fragt man einen, der sich nebenan im Bade- 
zimmer auf halt: Was tust du?, so konnte er naturlich 
nicht antworten: Ich bin baden. Auf die Frage, was 
er tunwerde, nicht antworten: Ich werde baden sein. 
Fur die Vergangenheit geht es irgendwie vom Mund. 
Nie aber selbst von diesem innerhalb einer festen 
Fiigung, mit dem nachgestellten Hilf szeitwort : weil ich 
baden war, weil ich essen war, odergar: »weil ich 
mit ihm Nachtmahl essen war«, also als richtiggehende 
Begriffsfolge. Hier ist Neuland des Jiidelns erobert. 
Aufier bei ganz wenigen einfachen Verrichtungen des 
taglichen Lebens wie »essen«, »baden«, eventuell 
»tanzen«, »eislaufen«, also was man so zu tun hat — aber 
schon nicht bei »schlafen«, welches doch nicht so kurz 
abgemacht wird — ist dieser entsetzliche Infinitiv mit 



139 



diesem entsetzlichen »war« kaum vorstellbar. Dem 
Leser, der das, was ihm im intimsten Kreis von der 
Lippe fliefit, als kausale Konstruktion gedruckt findet, 
wird sogar noch das Mauscheln verhunzt. Er liest von 
einem Mann, der einen Preis gewonnen hat (denn mit 
so etwas entschadigt jetzt die Zeitung ihre Opfer) : 

. . . ist nach einer halben Stunde noch so auf geregt, dafi er den 
Bleistif t nicht f uhren kann, um sich die Adresse zu notieren, 
an der er heute photographiert werden soil. 

Aber der Reporter kann die Feder fuhren. Ein anderer 
schakert : 

Schauen Sie sich den blauen Luftballon an, mit seineij 
schwellenden Forme n, der so hubsch an der zierlichen 
Hand Ihrer Nachbarin in die Hohe ragt. 

Oder er plaudert im Metapherndrang uber Orangen- 
schalen : 

Der Fufi s t o 1 p e r t leicht fiber die dicke Haut des suften 
Obstes. 

Sonst rutscht man in solchem Falle nur aus; aber die 
Metapher bleibt insofern doch heil, als man von derlei 
Geistern eben sagen kann : Das stolpert uber eine Oran- 
genschale ! Wenn sie nur die Feder in die Hand nehmen, 
sehen sie schon nicht mehr das Ding, das sie beschreiben 
wollen, und verlieren noch die Vorstellung, die sie nicht 
haben. Auf diese Art konnen aber sogar Zeichnungen 
entstehen. Im Analphabetyarenblatt ist eine erschienen : 
ein alter Mann stent vor einer Wiege, in der ein Saug- 
ling schreit. Titel : »Breitner ist Vater geworden« . Text : 

— Was, nur ein Maderl ? Bei der Steuerpolitik, da mufl man 
Junge kriegen . . . 

Versteht man, was da passiert ist? Der Analphabetyar, 
der die »Idee« gehabt hat, war der Meinung, dafi die 
Redensart: »Da mufi man Junge kriegen« den Plural 
von »ein Junge « enthalte. Dafi zu den Jungen, die man 
kriegt, gleichfalls ein Maderl gehoren kann, ahnte er 



140 



nicht. »Ein Junges« (»das Junge«), Plural »Junge« (»die 
Jungen«) — »Ein Junge« (»der Junge«), Plural »Jun- 
gen« (»die Jungen«). Lafit man nun den Blodsinn zu, 
dafi der Steuerpolitiker selbst »Junge kriegt«, wahrend 
die Verzweiflung, die in der Redensart ausgedriickt 
wird, doch der Zustand der Besteuerten ist, so hatte 
der » Witz« natiirlich lauten miissen : »Was, ein Kind? 
Ja, bei der Steuerpolitik, da mufi man Junge 
kriegenk Oder, dem Sachverhalt entsprechender : 
»Wie, er ist Vater geworden? Und wir haben geglaubt, 
dafi wir Junge kriegen miissen !« So ist denn ein 
Zeichner das Opfer eines geworden, der nicht schreiben 
kann. Da heifit es immer, dafi aller Anfang schwer sei; 
weit schwieriger ist alle Endung. Der Analphabetyar 
wird sich im Zweifelsfalle immer fur die unrichtige ent- 
scheiden. Er spricht davon, dafi die Luxussteuer »fiir 
eine ganze Reihe von Artikel aufgehoben« wurde. 
Gleich darauf wird aber »der erste der drei Gruft- 
deckeln abgehoben«* So geht es auf und ab, aber 
immer falsch. Ein sehr haufiges Wort in diesen Kreisen 
ist doch »Madel«; also ware als Mehrzahl zu merken; 
die Madel, der Madel, den Madeln. (Wozu gleich ein 
fur allemal gesagt sei, dafi der Genitiv von »Fraulein« : 
des Frauleins, jedoch der Plural; die Fraulein heifit.) 
Die Endung »-el« scheint in der Wiener Presse geradezu 
panikartig zu wirken. Sie wissen nicht, dafi die Mehr- 
zahl des Neutrums wie des Maskulinums nur im Dialekt 
(oder dort wo die stilistische Absicht diesen verlangt) 
das »n« vertragt. Also vielleicht »Maderln« ; keineswegs 
aber »Erdapfeln« , dagegen »Kartoffeln« . Im Zentral- 
blatt der Bildung hat kurzlich einer geglaubt, dafi eine 
Epistel sachlichen Geschlechtes sei und folgerichtig kon- 
struiert: »Eines dieser Epistel lautet«. Vor dem 
Fehler: »Eines dieser Episteln« hat er sich gehiitet; doch 
vielleicht lernt er noch, dafi »eine dieser Episteln« das 
beste ist. Offenbar hat er gedacht, mit »Epistel« sei das 
so wie mit »Kapitel«. Aber einer, der die Artikel ver- 
wechselt, sollte hochstens Episteln schreiben, und keine 



141 



Artikel. All dies und speziell »eine ganze Reihe von 
Artikel« ist gewifi blofi aus der Einschiichterung durcb 
mich zu erklaren. Ich hatte den analphabetyarischen 
Plural »die Artikeln« ebenso wie »die Titeln« geriigt, 
imd da traute man sich halt nicht mehr. Es ist wohl eine 
der kulturell besondersten Tatsachen, dafi der Beruf, 
dessen Aufgabe es ist, Artikel zu schreiben und Titel 
dariiber zu setzen, sogar an der Bezeichnung dessen 
strauchelt, was er nicht kann. Und weil sie das Wesent- 
liche nicht wissen, so wissen sie auch nicht, dafi »ein 
Trottel« selbst in der Mehrzahl nur Trottel ergibt. 



142 



Februar 1927 



Der und welcher*) 

Unheimlich ist der Anschlufi des Gedankenganges 
zu »Der und welcher«, welcher in dem voranstehenden 
Kapitel betreten wurde, an die Untersuchung, die in 
dem Abschnitt durchgefuhrt ist: »Vom Baumchen, das 
andere Blatter hat gewollt«, den ich vom Zeitpunkt 
seines Erscheinens bis zu der Nacht nach dem Voftrag 
des neuen Kapitels nicht angesehen hatte. Dort gelangte 
die Untersuchung, ausgehend von dem Problem der mit 
dem Artikel zusammengezogenen Proposition, zu eben 
derselben Unterscheidung der Relativbegriffe, nur dafi 
noch nicht deren Besetzung mit »welcher« und »der« 
vorgenommen erscheint. Es wird zwischen dem koordi- 
nierten Relativsatz unterschieden und dem subordinier- 
ten, t>ei dem aber das Verhaltnis so fest sei, »dafi der 
Hauptsatz in ihm einen Gefangenen gemacht hat, der 
ihn nicht mehr loslafit«. Hier eben sei die Zusammen- 
ziehung des Vorworts mit dem Artikel (vom, am, zum, 
im, beim) verfehlt. (Es ist, als ob die eine Verhaftung 
die andere ausschlosse.) Ein Beispiel war: »Vom altesten 
Wein, den ich gekostet habe« und »Von dem altesten 
Wein, den ich gekostet habe«. Dem ersten Fall — wo 
ich sagen will, dafi ich den liberhaupt altesten Wein 
gekostet habe — ware im Sinne der neuen Untersuchung 
»welchen« angemessen. Im zweiten Fall (»Von dem«) 
hat der Artikel hinweisenden Charakter, kann also nicht 
mit »von« verschmolzen werden: hier ware »den« an- 



*) Urspriinglich als Fufinote zu dem voranstehenden Kapitel. 

143 



gemessen. Es ist unter den Weinen, die ich gekostet 
habe, der alteste, wahrend dort vori dem altesten Wein 
als solchem die Rede ist, welcher nur noch iiberdies als 
derjenige, den ich gekostet habe, bezeichnet (identifi- 
ziert) ist. Der Unterschied zwischen dieser attributiven 
und jener »definierenden« Bedeutung des Relativums 
wurde klar gemacht. Am klarsten wohl an dem fehler- 
haften Schiller wort »Zum Werke, das wir ernst berei- 
ten«. Das »Zum« vertruge nur die Fortsetzung: »wel- 

ches wir (namlich, iibrigens, eben) « Zum Werke, 

namlich zu demjenigen. das wir .... =Zum Werke, 

welches wir Gedacht aber ist: Zu demjenigen 

Werke, das wir = Z u dem Werke, das wir 

(Artikel demonstrativen Inhalts.) Zu einem (solchen) 
Werke, das ernst getan wird, mufi auch ernst gesprochen 
werden. Sehr wesentlich war ferner die Unterscheidung 
von dem anderen klassischen Fehler: »Vom Rechte, das 
mit uns geboren ist«. In beiden Fallen enthalt der Rela- 
tivsatz kein blofi hinzutretendes, erlauterndes Moment, 
sondern erst den volleri Begriff des Gegenstandes. Im 
zweiten ist der Fehler grofier, da hier mit dem dichte- 
rischen Gedanken auch dem aufiern Sinn Abbruch 
geschieht. Im Schiller-Zitat spielt sich die Antithese von 
ernst em Tun und ernstem Reden ab, doch das »Werk« 
ist dasselbe. Es besteht ein ursachlicher Zusammenhang 
zwischen dem Gedanken des Hauptsatzes: der Forde- 
rung des ernsten Wortes, und dem des Relativsatzes : 
dem Moment des ernsten Bereitens, jener wird von 
diesem bedingt; doch die Vorstellung des Werkes ist 
gegeben. Bei Goethe ist die Antithese an die vorher 
gesetzten »Rechte« gekniipft, die sich forterben; es wird 
nunmehr von einem ganz andern »Recht« gesprochen, 
demjenigen, das mit uns geboren ist. Folgerichtig wiirde 
das der Konstruktion »V o m Rechte« entnommene Recht 
etwa das umfassende Jus bedeuten, von dem dann 
sonderbarer Weise ausgesagt ware, dafi es mit uns gebo- 
ren ist. Dazu und zu allem, was in jenem Kapitel ent- 
halten ist, ergibt sich nun freilich etwas noch Schwieri- 



144 



geres, das den Fall zur Falle macht. Hier scheint die 
determinative Beziehung in die attributive 
iiberzugehen. Hier — in dem Fall einer Wesensbestim- 
mung, wo die Anwendung von »welches« nicht moglich 
ist — fallt doch der Hauptton dem Pradikat des Relativ- 
satzes anheim. Wie geht das zu? Im Hinblick auf das 

Beispiel : »Der eine, welchen ich gegrufit habe der 

andere, welchen ich nicht gegriifk habe« und das davon 
abgeleitete Betonungsmoment konnte man sich in ein 
Chaos versetzt fuhlen. Da ich ein solches fur aufierst 
tauglich halte, urn zur Ordnung zu fuhren, will ich dem, 
der den Willen hat, den Weg weisen bis zu dem Punkt, 
wo der Unterschied klar wird. Es geht also urn den Ver- 
gleich mit bereits charakterisierten Rechten, und nun 
gelangt man zunachst zu dem Ergebnis : Von dem Rechte, 
das mit uns geboren ist = Von dem andern Rechte, 
(namlich) welches mit uns geboren ist. Das ist, wie 
sich zeigen wird, nur aufierlich richtig. Es ist nur 
scheinbar der Fall wie mit dem »einen, welchen icb 
g e g r il & t habe« . Denn darin kontrastieren z w e i schon 
vorhandene Begrif f e, deren Kontrast relativisch 
dargestellt wird. In der Goethezeile aber entsteht der 
eine Begrif f erst durch die relative Bestimmung, urn 
dann mit dem vorhandenen zu kontrastieren. Was hier 
geschieht, ist, dafi der durch den Relativsatz gleichsam 
erworbene Begriff des »gebornen Rechtes« dem 
Begriff der »sich forterbenden Rechte« entgegengestellt 
wird. Das Kontrastmoment erzwingt auch hier die Beto- 
nung wie in dem Fall jener rein attributiven Beziehung; 
aber man konnte hier nicht »welches« setzen und die 
Proposition nicht mit dem Artikel verschmelzen, wah- 
rend man in jenem Fall sehr wohl sagen konnte: »vom 
einen, welchen ich gegriifit habe...«. »Vom Rechte, 
welches« ware nur moglich, wenn der Begriff dieses 
Rechtes (als Naturrecht, als Menschenrecht) bereits 
feststunde. Selbst dann nur ware auch moglich: 
»Von dem Rechte, welches« oder »Vom andern Rechte, 
welches«. Derm auch dieses wird erst durch das Moment 



145 



des Mitgeborenseins definiert. Es kann, im wohlerfafiten 
Goetheschen Sinne, nur »von demjenigen Rechte, 
das« die Frage (oder leider nie die Frage) sein. Es ist 
allerdings ein »anderes« Recht als die bereits gesetzten, 
aber eines, das erst begrifflich bestimmt wird. Es ist das 
»mit uns geborne Recht«, auch »das andere, das mit 
wis geborne Recht« (welches aber nicht verwechselt 
werde mit dem »andern mit uns gebornen Recht«). Da- 
gegen bedeutet, wie schon seinerzeit ausgefuhrt, »vom 
Rechte, das« (welches) : dafi von einem absoluten Recht 
die Rede ist und nebenbei gesagt wird, dafi es mit ims 
geboren sei. Also nicht, wie es richtig ware: von dem 
mit uns gebornen Recht, sondern : von dem mit uns 
gebornen Recht (im Gegensatz zu anderen mit uns 
gebornen Dingen, etwa der Pflicht). Das »Recht« zieht 
eine ihm nicht gebuhrende Tonkraft an sich. Das ganze 
Problem lost sich in der Durchschauung des Artikels, 
der dem fuhrenden Wort vorangeht. »Der Mann, den 
ich bekampft habe« : wenn »Der« hinweisenden Cha- 
rakter hat wie »Ein«, »Ein solcher«, »Derjenige«, so 
wird der Begriff des Mannes durch den Relativsatz mit 
»den« bestimmt. Ist es blofi der Artikel zu einem bereits 
begrifflich gesetzten »Mann«, so tritt nur ein Merkmal 
hinzu : »welchen ich bekampft habe« . Die Verschmelzung 
der Proposition mit dem Artikel ist dort, wo er hinwei- 
senden Charakter hat und ein bestimmender Relativsatz 
nachfolgt, unmoglich, denn die Beziehung hangt vom 
Artikel ab, dessen Kraft wieder so stark ist, dafi sie das 
Komma aufzehren kann. Dagegen kSnnte dieses nicht 
fehlen, wo die Verschmelzung moglich ist und der 
Relativsatz nur eine absondernde Bedeutung hat. (Da 
konrite es sogar dem Doppelpunkt weichen. Siehe die 
obige Wendung, die auch so gesetzt sein konnte: »die 
Beziehung hangt vom Artikel ab: dessen Kraft wieder 
so stark ist. . .«.) Um also zum ersten Beispiel zuruck- 
zukehren: »Von dem altesten Wein(,)den ich gekostet 
habe« und »Vom altesten Wein, weichen ich gekostet 
habe«. Hier ist es der alteste Wein iiberhaupt, dort der 



146 



alteste unter den en, die usw. Hier ist die Rede »vom 
altesten, von mir gekosteten«c, dort »von dem altesten 
von mir gekosteten« . Nun konnte in diesem schwierigsten 
aller Abenteuer der Sprache immer wieder der Einwand 
auftauchen: Sollte bei richtiger Erfassung des Unter- 
schieds nicht die verkehrte Anwendung der Pronomina 
statthaben? »Welcher« bezeichnet doch eher etwas wie 
die Kategorie, die Gattung, die Sorte, determiniert docb 
eher (als dafi es blofi beifugt), siehe die Verbindung 
»derjenige, welcher« (welche ich fur bedenklich halte). 
Richtig, aber erst innerhalb des hinzutretenden Umstan- 
des, nach erf olgter Bestimmung des allgemeinen Be- 
griffs. Das wird am deutlichsten, wenn dieser selbst eine 
Gattung bezeichnet: »Der Lowe, welcher der Konig der 
Tiere ist« [attributiv] und : »Der Lowe, der entsprungen 
ist«, also das Individuum Lowe, dessen Vorstellung ich 
erst durch diese Aussage bestimme [determinativ], (Da- 
gegen: »Der [eine] Lowe, welcher entsprungen ist« 
— im Vergleich mit einem andern Individuum Lowe, 
von welchem anderes ausgesagt wird [attributiv und nur 
scheinbar determinativ, da dem schon gesetzten Begriff 
blofS ein unterscheidendes Merkmal beigefugt wird].) 
In die Apposition gebracht: »Der Lowe, der Konig der 
Tiere (Komma!)« und »Der entsprungene Lowe«. (Im 
Vergleich wieder: »Der Lowe, der entsprungene« .) 
Sollte sich nun nicht fur »welcher« eine Rechtfertigung 
aus dem fragenden »welcher« ergeben ? Wie gelang- 
ten wir zu ihr? »Der Lowe, welches Tier der Konig 
der Tiere ist« (und im Beispiel des Vergleichs: »Der 
Lowe, welcher Lowe entsprungen ist«). Hierin ist das 
fragende »welcher« enthalten. Das bezugliche 
Fiirwort »welcher« tritt dort ein, wo ihm 
bei voller Entwicklung des Sinnes der 
Aussage das fragende »welcher« ent- 
s p r i c h t. Also : Welches Tier ist der Konig der Tiere ? 
Der Lowe. (Und im Vergleich der zwei Lowen : Welcher 
Lowe ist entsprungen? Der afrikanische.) Dagegen: »Der 
Lowe, der entsprungen ist, stammte aus Afrika« lafit 



147 



keine analoge Frage (mit »welcher«) a us dem 
Begriff des Relativsatzes zu, nur aus dem des 
Hauptsatzes: Woher stammte er? Also auch: Welchen 
Wein habe ich gekostet? Den altesten. Im andern Falle 

(»Der alteste Wein, den ich gekostet habe «) nur aus 

dem Begriff des Hauptsatzes, etwa: Wie hat er ge- 
schmeckt? — Wir sind also wie bei dem Problem der 
Zusammenziehung des Vorworts mit dem Artikel zu 
einer Unterscheidung zwischen dem koordinierten 
und dem subordi nierten Relativsatz gelangt : dort 
ist die Zusammenziehung moglich, hier unmoglich; dort 
»welcher«, hier »der«. Eine Bestatigung des dargelegten 
Unterschieds als solchen empfange man noch aus dem 
Yergleich von »was« (trotz dessen weiterer Bedeutung) 
und »das«. Sollte man ihn nicht erkennen, was ich 
bedauerlich fande, so wiirde ich das (Axiom), das ich 
aufgestellt habe, gleichwohl nicht zuriickziehen. Doch 
diirfte die Unterscheidung schon so deutlich sein, dafi 
sie auch den Fachleuten einleuchten wird, vielleicht 
sogar den Schriftstellern, welchen ich freilich die Be- 
fassung mit den Problemen des Wortes weder zumuten 
noch zutrauen darf. 

Mai 1927 
Nachtrag 

»Der Bediente, der die Pflicht hat, zu chauffieren« 
(kann leicht etwas im Zimmer vernachlassigen) und 
»Der Bediente, welcher die Pflicht hat, das Zimmer auf- 
zuraumen« (ist fiir die Reinheit der Mobel verantwort- 
lich). »Die einzige, die ich damals kennen gelernt habe« 
(war Frau X.) und »Die Einzige, welche ich damals 
kennen gelernt habe« (pflegte zu sagen). »Das Madchen, 
das er liebte« (war zwanzig Jahre alt) und »Das Mad- 
chen, welches er 1 i e b t e« (war zwanzig Jahre alt). Hier 
ist iiberall der Relativsatz eingeschaltet. In den Fallen, 
wo er blofi ein Merkmal und nicht den vollen Begriff 
darstellt, konnte die Absonderung auch durch Gedan- 

148 



kenstriche vollzogen werden: »Der Bediente — welcher 
die Pflicht hat, das Zimmer aufzuraumen — ist . . .«■- 
Wenn der alteste Moselwein der von 1810 ist und ich 
ihn getrunken habe, sowerde ich sagen: Der alteste M., 
welchen ich getrunken habe, ist von 1810. Wenn der 
alteste, den ich getrunken habe, einer von 1870 ist, so 
werde ich sagen: Der alteste M. 5 den ich getrunken habe, 
ist von 1870. (Im ersten Fall auch: — welchen ich ge- 
trunken habe — .) Dort handelt es sich urns Datum, hier 
urns Trinken. Man beachte den Wechsel der Begriffs- 
gestalt, den in alien diesen Beispielen dasselbe den 
Relativsatz regierende Subjekt — einmal auch mit dem- 
selben Hauptsatz — durchmacht. Nach der Aufstellung 
des Unterschiedes zwischen »der« und » welcher « habe 
ich — nebst vielen Proben bei Schopenhauer — seine 
konsequente Einhaltung bei Jean Paul (Vorschule der 
Asthetik) gefunden, von wenigen Stellen abgesehen, wo 
sichtlich und horbar aus Griinden des Wohlklangs eine 
Abweichung erfolgt ist. Ferner auch in der Urfassung 
meiner eigenen Schriften, in deren spateren Auf lagen 
manchmal Redigierungen gegen das Grundgefuhl vor- 
genommen erscheinen. Nachdem eben die erste Textie- 
rung gefuhlsmafiig richtig durchgefuhrt war, ist spater, 
lange vor dem Bewufitwerden des Prinzips, aber nach 
dem Bekanntwerden der Marotte des »Wustmann«, aus 
blofier Abneigung gegen diese, haufig auch dort 
»welcher« gesetzt worden, wo es eine klangliche Riick- 
sicht nur irgend rechtfertigen mochte. Wie immer man 
nun zu dem Problem sich stellte, und gewanne man ihm 
auch keine Verpflichtung zu konsequenter Praxis und 
keinen andern Wert ab — der der hochste ware — als 
den des Zwangs, es durchzudenken, so bliebe doch hin- 
reichend absurd die deutsche Geltung und Moglichkeit 
eines Katechismus, der das Wort » welcher « aus der 
Sprache ausjaten will, weil man es »nicht spricht«. Ge- 
rade das Widerstreben gegen die Erleichterungen der 
»Umgangssprache« , eines Instruments, das jedermanns 
Mundstuck ist, mag die saubersten Stilisten verfiihrt 



149 



haben, das begrifflich engere »welcher« auch dort anzu- 
wenden, wo es keinerlei Funktion hat und nicht einmal 
einem Bedurfnis nach Klang und Abwechslung Genuge 
leistet. 



150 



Juni 1921 



Vom Plagiat 

Der anschlagige Kopf, der mich »St. Crausiscus« 
nannte und der liber Scherz, Satire, Ironie ohne tiefere 
Bedeutung verfugt und demgemafi unerschopflich ist 
an Buchstabenwitzen ohne gedanklichen Fonds, also ein 
rechter Einfallspinsel, hat nachgewiesen, dafi die Be- 
standteile meines Gedichtes »Apokalypse« sich in der 
Offenbarung Johannis vorfinden. Er hat sich aber fur 
den Beweis, dafi mir die Tat zuzutrauen war, eine Stelle 
in dem Versstuck »Nach zwanzig Jahren« entgehen 
lassen, in der wortlich zwei Zeilen aus »Hamlet« vor- 
kommen. Ich zahle da alle meine Themen und Motive 
auf und bereichere sie wie folgt: 

Geschlecht und Luge, Dummheit, Ubelstande, 

Tonfall und Phrase, Tinte, Technik, Tod, 

Krieg und Gesellschaft, Wucher, Politik, 

der Ubermut der Amter und die Schraach. 

die Unwert schweigendem Verdienst erwcist, 

Kunst und Natur, die Liebe und der Traum — 

vielfacher Antrieb, sei's woher es sei, 

der Schopfung Hire Ehre zu erstatten! 

Nun wird es gewifi mehr Leute geben, denen das 
Zitat bekannt ist — und ich rechne sogar meinen Ent- 
hiiller dazu — , als solche — und zu ihnen rechne ich 
ihn nicht — , die verstehen werden, dafi mein Gedanke 
geradezu von dieser Voraussetzung lebt, also darin sei- 
nen Wert hat, dafi er ein Plagiat ist. Ware dies nicht der 
Fall, so ware der Gedanke wertlos und ich hatte mir 
blofi ein Schmuckstiick angeeignet, das meinen eigenen 
Besitz beschamt. Aber der Gedanke beruht eben nicht 



151 



in den zwei Versen, sondern darin, dafi sie nicht von mir 
sind, in der Ubernahme, und in der Stelle, an der sie 
nun stehen. Naturlich ist die Liste der Plagen und 
Klagen, die Hamlet aufzahlt, ein wichtigeres Werk als 
die Liste meiner Themen und der Sprachwert der beiden 
Zeilen nicht zu verkennen. Aber es handelt sich hier 
nicht urn diesen, sondern einzig darum, dafi auch bej 
mir jedes Thema eine Beschwerde ist und die nocb 
fehlenden zwei: die bedruckende Staatlichkeit und die 
totschweigende Offentlichkeit eine Liicke liefien, in die 
das Zitat einschliipfen mufite, weil ja ganz sicher ist. 
dafi von keinem Shakespeare hier etwas starkeres Neues 
gefunden werden konnte als dieses Shakespeare-Zitat, 
aber nicht als Inhalt, sondern weil es das Zitat ist. Der 
kiinstlerische Wert dieser Einfugung besteht in der 
selbstverstandlichen Deckung mit den noch zu bezeich- 
nenden Themen und die originale Leistung in der Weg- 
lassung der Anfiihrungszeichen. Die Sphare, in die die 
Worte eingesetzt sind, ist von der Sphare, der sie ent- 
nommen sind, so verschieden, dafi auch nicht die Spur 
einer innern Identitat mehr vorhanden ist, und die 
aufiere, also das Plagiat, ist nichts anderes als die Lei- 
stung, die solches bewirkt hat. Aber wahrscheinlich wird 
es leichter moglich sein, vor einem intellektuellen 
Forum mit der Begrundung, dafi es ja doch ein unver- 
kennbares Zitat ist, von dem Vorwurf der Aneignung 
freigesprochen zu werden als ihm plausibel zu machen, 
dafi eben diese der originale Wert ist und dafi sich die 
Produktion hier nicht in den Worten, sondern in ihrer 
Anwendung, ihrer Einschopfung vollzieht. Wie diese den 
Bestandteil der Sprache, das vorhandene Wort, so kann 
sie auch den Bestandteil des vorhandenen Kunstwerks, 
der wieder Stoff wurde, betreffen. Ob sie ihn nun in 
eine solche gedankliche Beziehung bringt, die schon in 
dem blofien Anwenden ihr Leben und ihre Berechtigung 
bewahrt, oder ob sie ihm wie jede Nachdichtung neue 
Werte abgewinnt, sie wird allemal nur dem verdachtig 
erscheinen, dessen Respekt vor dem Wort sich nur der 



152 



Distanz dazu verdankt und dessen Materialkennerschaft 
nicht weifi, worauf es ankommt und dafi die Erlaubnis 
der Nachschopfung ausschliefilich von deren Wert und 
von der Notorietat des Originals abhangt. Die Ubernah- 
me der Shakespeare-Stelle ist durch den Einfall, sie zu 
iibernehmen, berechtigt; die Verwendung von Bibel- 
motiven erst durch die Entscheidung, dafi sie gelungen 
ist — eine Entscheidung, wie sie schliefilich auch jedem 
andern Gedicht den Eigenwert bestimmt. Wer den Wert 
des Stoffes vor Nachdichtung behiitet, ist zu solcher 
Entscheidung ebensowenig befugt wie einer, der den 
Unwert eines Stoffes behauptet. Da das Buch Josua 
gegen mein »Gebet an die Sonne von Gibeon« bis heute 
unbeschutzt geblieben ist, mag es dankenswert sein, 
selbstauf jene Quelle zuverweisen, bei deren Beniitzung 
ich mich gleichfalls weniger an Luther als an Leander 
van E6 gehalten habe. Die Stelle vom »Geschrei« ist 
aus den Abschnitten 5, 10, 16 und 20 des VI. Cap. be- 
zogen. Die Gegeniiberstellung soil den Nachweis meines 
Plagiats erleichtern : ich habe den Larm von dort 
genommen, wo er lebendiger ist als im berichthaften 
»Feldgeschrei« und wo er fast schon den Dialekt meiner 
Verkiirzung hat. 



5 Und wenn man des Halljahrs 
Horn bliiset, und tonet, dafi ihr 
die Posaunen horet, so soil das 
ganze Volk ein groftes Feldge- 
schrei machen ; so werden der 
Stadt Mauern umfallen, und das 
Volk soil hinein fallen, ein Jeg- 
licher stracks vor sich. 
1 Josua aber gebot dem Volk, 
und sprach: Ihr sollt kein Feld- 
geschrei machen, noch eure 
Stimme horen lassen, noch ein 
Wort aus eurem Munde gehen, 
bis auf den Tag, wann ich zu 
euch sagen werde: Machet ein 
Feldgeschrei; so machet dann ein 
Feldgeschrei. 



Und es soil geschehen, wann 
man das Jobelhorn blast, wann 
ihr den Schall der Trompete ho- 
ret; so soil das ganze Volk ein gro- 
iSes Geschrei erheben; dann wird 
die Mauer der Stadt umsturzen an 
ihrer Stelle; und das Volk soil 
hinaufsteigen, Jeder vor sich hin. 

Und dem Volke gebot Josua, 
und sprach: Ihr sollet kein Ge- 
schrei erheben und nicht horen 
lassen eure Stimme; kein Wort 
soil aus eurem Munde gehen, bis 
zu dem Tage, wo ich euch sagen 
werde: Erhebet Geschrei I dann 
erhebet Geschrei. 



153 



16 Und am siebenten Mai, da die 
Priester die Posaunen bliesen, 
sprach Josua zum Volk: Machet 
ein Feldgeschrei, denn der Herr 
hat euch die Stadt gegeben. 

20 Da machte das Volk ein Feld- 
geschrei, und bliesen die Posau- 
nen. Denn als das Volk den Hall 
der Posaunen horte, machte es 
ein grofies Feldgeschrei. Und die 
Mauern fielen urn, und das Volk 
erstieg die Stadt, ein Jeglicher 
stracks vor sich. Also gewannen 
sie die Stadt. 



Und es geschah beim siebenten 
Male, wie die Priester in die 
Trompeten stiefien, da sprach 
Josua zu dem Volke: Erhebet 
Geschrei ! denn der Herr hat euch 
die Stadt gegeben. 

Da erhob das Volk Geschrei, 
und man stiefi in die Trompeten. 
Und es geschah, wie das Volk den 
Schall der Trompeten horte, er- 
hob es ein grofles Geschrei; und 
es fiel die Mauer auf ihrer Stelle; 
und das Volk stieg hinauf in die 
Stadt, ein Jeder vor sich hin, und 
sie nahmen die Stadt ein. 



Das Geschrei ist in die folgenden Strophen iiber- 
nommen: 

Und der eifrige Gott, welcher am siebenten Taff 

der Zerstorung nicht ruht, hiefi sie vollenden, bis 

sie der besiegten Welt den Fufi auf den Nacken gesetzt 

und ein Geschrei erheben gedurft. 

Denn es ward ihneh gesagt, nicht zu erheben so lang 
Geschrei, bis ihnen gesagt, dafi sie erheben Geschrei, 
dieses hielten sie ein, dann aber gingen sie hin, 
Geschrei zu erheben wie ihnen gesagt. 

Wie das Geschrei nun erscholl, da fiel die Mauer ein, 
und wie das Volk es sah, dafi da die Mauer fiel 
auf das Geschrei, das Volk ein grofies Geschrei erhob, 
herzufallen fiber die Stadt sogleich. 

Mchts ahnliches ist bis heute ob dieser Verwen- 
dung laut geworden. 



154 



Lesarten 

Januar 1917 

Kami ein Furst in die Nachwelt mit nichts als mit den 
schonen Tigerflecken der Eroberer strahlen wollen, womit ihn die 
Timurs, Attilas, Dessalincs und andre Geifieln Gottes oder Knuten 
des Teufela uberbieten? Wie kalt geht man in der Geschichte iiber 
die unzahligen Schlachtf elder, welche die Erde mit Todesbeeten 
umziehen? Und mit welchen Fluchen eilt man vor der Krone vor- 
uber, welche die sogenannte Ajiistagen oder Blechaufsatze nur auf 
dem fortspritzenden Wasserstrahl der Fontanen, ebenso nur auf 
emporspringenden Blutstromen in der Hohe sich erhalten ! 

Der Satz aus Jean Pauls Friedenspredigt, wortlich 
so der Reclam'schen Ausgabe der »Levana« entnommen, 
dxirfte durch einen jener Druckfehler verstummelt sein, 
die dieses schwierigste aller Genies noch unwegsamer 
machen, den Dichter, der sich durch Empfindungs- und 
leider auch Bildungskonglomerate, die oft — oder viel- 
mehr »haufig« — seine Satze sind, den Strom der Phan- 
tasie staut und den Schritt, der fahig ware, seiner Vision 
zu folgen, noch durch die Angeln der Fufinoten zv 
hemmen weifi. Die Wendung: »die sogenannte Ajiista- 
^en« als alten grammatischen Usus anzusprechen, ist 
auf den ersten Blick verlockend 3 hiefie aber den ganzen 
Satz zu einem Monstrum machen, da der Vergleich 
schlecht konstruiert ware. Es bleibt wohl nichts iibrig 
als »die« durch »wie« und den Plural »sich erhalten« 
durch »sich erhalt« zu ersetzen. Jener Plural ist 
kein Druckfehler, sondern offenbar eine Entgleisung, 
da ja das Verbum von »der Krone« ? die verglichen wird, 
ausgeht und nicht von den Ajiistagen oder Blechauf- 
satzen, mit denen verglichen wird. Der Dichter war hier 



155 



offenbar durch die Nahe des Plurals »Blutstromen« 
klanglich verfuhrt. Aber so schon der Vergleich ist, 
ganz Sprache ist der Gedanke eben doch nicht gewor- 
den, wenn der bessere Klang mit dem bessern Sinn nicht 
zusammenstimmt. Jean Paul wirkt manchmal so, als ob 
die Schopfung an einem Wunder die letzte Korrektur 
versaumt hatte, etwa auch die vorletzte, und seine Nach- 
drucker haben das iibrige getan, indem sie es unterlassen 
haben. Der Schutz der Dichter gegen das Recht ihrer 
Verbreitung ist eine grauenvolle Sorge. Der deutsche 
Literarhistoriker, dem das deutsche Wort immer ein 
Fremdwort ist, ahnt nicht, selbst wenn er »Lesarten 
vergleicht«, was aus den Klassikern im Lauf jener Jahr- 
zehnte, in denen die deutsche Bildung grassiert, gewor- 
den ist. Wie sollte es da der Leser ahnen ? 

August 1924 
Sehr geehrter Herr! 

In der letzten Nummer der »Fackel« ist eine kleine Unrich- 
tigkeit unterlaufen. Dort heifit es S. 74 im Programm der Berliner 
Vorlesung vom 26. Februar : Liliencron : Die betrunkenen 
Bauern. 

Liliencron selbst betitelt den dreiundzwanzigsten Kantus von 
»Poggfred« : Die besoffenen Bauern. 

Ich mache Sie auf dieses Versehen aufmerksam, weil dadurch 
die ganze urwuchsige Titelkraft verlorengeht. 

Weidlingau, 14. Juni 1924. j n dankbarer Verehruug 

Der Fall ist nicht uninteressant, denn »unterlau- 
fen« kann da gar nichts sein, sondern alles nur beab- 
sichtigt, und die Unrichtigkeit steht vielleicht im »Pogg- 
fred«. Tatsachlich verhalt es sich so: Der Titel »Die 
betrunkenen Bauern« 9 der ja auf keinem Druckfehler 
und keinem »Versehen« beruhen kann, mufi in dem 
Text, aus dem vorgelesen wurde, vorhanden und miifite 
dort falsch gewesen sein. Dieser Text ist der der Fackel, 
in der, wie oft in Vorlesungsprogrammen angefuhrt 
erschien, das Gedicht als Manuskript veroffentlicht 
wurde. Der Kantus des »Poggfred«, in dem es spater 
erschien, war damals schon im Druck und brachte den 



156 



Titel, den Liliencron de facto ursprunglich geschrieben 
hatte: »Die besoffenen Bauern«. Die Bezeichnung ent- 
behrt im Gegensatz zur Ansicht des freundlichen Schrei- 
bers so sehr der urwuchsigen Titelkraft, dafi diese ihr 
durch keine wie immer geartete Anderung verloren 
gehen konnte, aber ganz gewifi durch die Anderung in 
»Die betrunkenen Bauern« zuwachst. Wie nun kam 
diese Anderung zustande? Weil eben das gerade Gegen- 
teil von dem, was hier gemeint wird, vorhanden istj weil 
die »tesoffenen« Bauern nur einer ganz aufierlichen 
Realistik des Exzesses, des alltaglichen Einzelfalles ent- 
sprechen, wahrend die betrunkenen Bauern dem Stil, 
dem Typus, dem Ein- fur allemal dieser unvergleich- 
lichen Trunkenheit wie an einem niederlandischen 
Gemalde gerecht werden; weil das kraftigere Wort 
schwach und leer, das schwachere stark und voll ist, 
habe ich mich seinerzeit entschlossen, Liliencron, der 
fiir stilistische Ratschlage zuganglich war, die Anderung 
vorzuschlagen. Er ging darauf ein, und in meinem Be- 
sitz ist der Korrekturabzug des Gedichtes, auf dem er 
»besoffenen« gestrichen und »betrunkenen« mit seinen 
grofien Lettern hinzugeschrieben hat. Allerdings scheint 
er die kiinstlerische Absicht, die ihm die Korrektur 
anriet, mifiverstanden zu haben, denn er schrieb in dem 

Begleitbrief : Alt-Rahlstedt bei Hamburg, 29. 10. 5. 

Hochverehrter, lieber Herr Kraus, 
ich sende mit ^endender Post die Correctur zuruck, die ausgezeich- 
net war. Gern : Die betrimkenen statt Die besoffenen Bauern. Einmal 
mufit ich schon vor Jahren in Osterreich Schmutz fur Dreck corri- 
gieren. Oh Ihr lieben zarten Osterreicher ! 

Mit alter Liebe 

Ihr Liliencron. 
Ich diirfte wohl daraufhin deutlicher expliziert haben, 
dafi ich keineswegs aus osterreichischer Zartheit die nur 
scheinbar schwachere Fassung der nur scheinbar star- 
keren vorzog und dafi ich, der natiirlich nicht gezogert 
hatte, Dreck fiir Schmutz zu setzen, hier aus Griinden 
der kunstlerischen Anschauung, und gerade um die 
ganze Fiille des Begriffes zu sichern, den schwacheren 



157 



Ausdruck als den starkern empfand und vorzog. Ganz 
gewifi gehort diese Anderung nicht in die Kategorie 
jener, die Liliencron sonst in Osterreich widerfuhren 
oder die ihm der Simplicissimus angetan hat, der ihnj 
den Titel »Die alte Hure im Heimatdorf« durch den 
Titel »Im Heimatdorf« ersetzt hat. Liliencron, der mir 
(April 1903) dieses Gedicht in Alt-Rahlstedt vorlas und 
mit Recht seine Freude an dem Titel hatte — besonders 
der Eindruck, den er damit auf die gleichf alls zuhorende 
Bahnhofwirtin machte, belustigte ihn hochlich — , war 
uber die Verstummelung, die bald darauf dem Simpli- 
cissimus beliebte, ehrlich emport. Frank Wedekind, der 
sein Lebtag unter den wirklichen oder angenommenen 
Verfolgungen der Zensur litt, ersparte lhr leider w 
einem besonders kostbaren Fall die Miihe, zu der sie 
sich der Fackel gegeniiber nie aufgerafft hatte, und 
schickte mir die moralistisch durftige Variante des 
schonen Gedichtes »Konf ession« , wonach er mit nicht 
sehr freier Stirne schwort, dafi er viel lieber eine »Dirne« 
ware, anstatt — eine Moglichkeit, von der ich leider 
erst spater erfuhr — mit freiem Schwure zu bezeugen, 
dafi er viel lieber eine Hure ware als an Ruhm und 
Gluck der reichste Mann. Er freilich hat mich nicht fur 
jenen zarten Osterreicher gehalten, zu dem er sich wohl 
des Vorschlags der Abschwachung zu versehen gehabt 
hatte, weshalb er ihm die starkere Fassung gar nicht 
erst zumuten wollte; er hat die Zartheit der Zensur be- 
dacht. Es verdriefit mich noch heute. Dafi sich aber 
Liliencron die Anderung vollig zu eigen gemacht hatte, 
beweist die folgende ruhrende Anf rage : 

Alt-Rahlstedt bei Hamburg, 5. 11. 5. 
Lieber Herr Karl Kraus, den 20. dieses Monats lese ich vor in 
Frankfurt am Main. Wurden Sie erlauben, dafi ich dort »D i e 
betrunkenen Bauer n« vortrage? Um freundliche Antwort 
bittet Ihr alter Liliencron. 

Sonst pflegen die Vortragenden nicht einmal um 
Erlaubnis zu bitten, wenn sie die Gedichte anderer vor- 
tragen wollen. 



158 



Januar 1924 

In der Fackel ist das links stehende, im Prager 
Tagblatt das rechts stehende Gedicht gedruckt worden : 



Als der erste Schnee fiel 

Von Leopold Friedrich 
Gunther von Goeckingk 

Gleich einem Konig, der in 

seine Staaten 
Zuruck als Sieger kehrt, 

empfangt ein Jubel dichl 
Der Knabe balgt um deine 

Flocken sich, 
Wie bei der Kronung um 

Dukaten. 

Selbst mir, obschon ein 

Madchen, und der Rute 
Lang' nicht mehr untertan, bist 

du ein lieber Gast; 
Dcnn .siehst du nicht, seit du die 

Erde hast 
So weich belegt, wie ich mich 

spute? 

Zu fahren, ohne Segel, ohne 

Rader, 
Auf einer Muschel hin durch 

deinen weifien Flor, 
So sanft, und doch so leicht, 

so schnell wie vor 
Dem Westwind eine Flaumen- 

feder. 

Aus alien Fenstern und aus 

alien Turen 
Sieht mir der bleiche Neid aus 

hohlen Augen nach; 
Selbst die Matrone wird ein 

leises Ach 
Und einen Wunsch um mich 

verlieren. 



Das Madchen an den Schnee 

Nach Leopold Friedrich Gunther 
von Goeckingk (um 1780). 

Von Fiete Fischer. 

Gleich einem Herzog, der in 

seine Staaten 
Zuruck als Sieger kehrt, 

empf angt der Jubel dich 1 
Der Knabe s c h 1 a g t um deine 

Flocken sich 
Als um Dukaten. 

Und mir, obschon ein Madchen, 

und der Rute 
K a u m noch untertan, bist du 

ein lieber Gast: 
Siehst du, seit du die Erde 

hast 
So weich belegt, wie ich mich 

spute? 

Zu g 1 e i t e n, ohne Segel, ohne 

Rader, 
Auf einem Schlitten 

durch den weifien Flor, 
So sanft, und doch so leicht, so 

schnell, wie vor 
Dem Wi n d e eine Flaumenfeder. 

Aus alien Fenstern, alien 

Turen 
Sieht mir der bleiche Neid aus 

scheelen Augen nach. 
Ja selbst die Muhme mufi 

ein leises Ach 
Und einen s t i 1 1 e n Wunsch 

um mich verlieren. 



159 



Denn der> um den wir Madchen 

oft uns stritten, 
Wixd hinter mir, so schlank wie 

eine Tanne, stehn, 
Und sonst auf nichts mit seinen 

Augen sehn, 
Als auf das Madchen in dem 

Schlitten. 



Und er, um den i c h mit 
den Schwestern 
mich gestritten, 

Wird hinter mir, schlank 
wie die Tanne, stehn, 

Und sonst auf nichts mit seinen 
Augen sehn, 

Als auf das Madchen in dem 
Schlitten. 



Der Name des Dichters des rechts stehenden Gedichtes 
war klein, der der Entdeckerin fett gedruckt. Die gelin- 
dere Annahme ware noch, daft die Dame mit einer 
friiheren Fassung des Gedichts ihr Spiel treiben wollte 
und unter den Beweis ihres literarischen Geschmacks 
ehifach ihren Namen gesetzt habe. Das ist aber wohl 
auszuschlieften, weil selbst ein erster Entwurf solche 
Minderwertigkeiten nicht enthalten haben kann. Aucb 
gibt sie ja ausdriicklich an, daft es sich um eine »Nach- 
dichtung« handelt. Nun versuche ein Mensch zu ergriin- 
den, welcher Teuf el eine Literatin reitet, ein vollkom- 
menes Meisterwerk herzunehmen — das sie, wenn sie 
es in ihrer Urteilslosigkeit schon fur verbesserungs- 
bediirftig halt, noch immer nicht vor der Off entlichkeit 
anzutasten hatte — und Zeile fur Zeile zu besudeln, 
mit ihr em Kitsch zu iiberziehen, ihm den einzigartigen 
Wohllaut, sein Wesen: die Empfindung des Gleitens 
durch den Schnee, einfach auszutreiben. Und doch ver- 
meint sie offenbar, all dies erst recht hineinzubringen, 
wenn sie das Fahren durch ein wdrtliches »Gleiten« 
ersetzt, als ob nicht eben das Wunder in dem Fahren 
ohne Segel, ohne Rader enthalten ware. (Man beachte das 
erstaunte Innewerden, das in dem Komma »zu fahren, 
ohne . . . .« angedeutet ist.) Und in der Muschel, die nun 
ihren Stimmungston und lieblichen Zeitcharakter fiir 
einen Schlitten eingebiifit hat. Die ganze Schlittenfahrt 
war in den Zeilen »Denn siehst du nicht, seit du die Erde 
hast / so weich belegt, wie ich mich spute<<, wahrend 
»Siehst du« eine ebenso schroffe wie dumme Frage ist, 
die das entzuckende Ubergleiten in die zweite Zeile 



160 



zerstort und damit das »weich belegt« zur niichternen 
Feststellung macht. Und welche Verwandlung von 
»durch deinen weifien Flor« in »durch den weifien 
Flor« ! Man beachte jedoch vor allem, welch emporende 
Missetat an diesem unsterblichen Hauch begangen istr 

wie vor 
Dem Westwind eine Flaumenfeder. 

Wie fest nun die Flaumenfeder dem gewohnlichen 
»Winde« standhalt. Und wie unscheinbar nun Der ist, 
der friiher »so schlank wie eine Tanne« stand! Was 
soil man mit dieser Fiete machen, die nicht nur in der 
Uberzeugung lebt, dafi sie Goeckingk verbessert hat, 
sondern auch den Mut hat, sie drucken zu lassen. Und 
macht man nichts, warum sollte sie nachstens nicht auf 
die Idee verfallen, dem Nachtlied Goethes auszuhelfen, 
etwa mit : 

Spiirest du 

Nicht den geringsten Hauch. 

Und fiir solchen Frevel, fur den »Verletzung des Autor- 
rechts« — gabe es ein solches — gar keine Bezeich- 
nung ware, gibt's keine Suhne, sondern vermutlich nocb 
Honorar in tschechischen Kronen — von einer Redak- 
tion 5 die wissen mufite, dafi das Gedicht in der Fackel 
erschienen oder hier doch von Goeckingk die Rede war 
und die, wenn sie schon kein Bedenken gegen den 
blofien Versuch der Veranderung eines vorhandenen 
Kunstwerkes hatte, eine Erkundigung nach dem Urtext 
nicht unterlassen durfte. Das Mindeste, was sie nunmehr 
zu tun hat, ist, dafi sie diesen wiederherstellt und ihren 
Lesern die Entscheidung uberlafit, ob Goeckingk der 
Unterstxitzung durch die Fiete Fischer bedurft hat. 



Januar 1924 

Das vielberufene »Zweite Sonett der Lomze Labe« 
lautet nach dem altfranzosischen Original: 



161 



O beaus yeus bruns, 6 regards destournez, 

O cliaus soupirs, 6 larmes espandues, 

O noires nuita vainement attendues, 

O jours luisans vainement retournez: 

O tristes pleins, 6 desirs obstinez, 

O terns perdu, 6 peines despendues, 

O mile morts en mile rets tendues, 

O pires maus oontre moi destinez. 

O ris, 6 front, cheueus, bras, mains et doits: 

lut pleintif, viole, archet et vois: 

Tant de flambeaus pour ardre une femelle! 

De toy me plein, que tant de feus portant, 

En tant d'endrois d'iceus mon coeur tatant, 

N'en est sur toy vole quelque estincelle. . 

Rilke hat es libersetzt und in »Worte in Versen« IV hat 
»nach dem Original und einer vorhandenen Ubertra- 
gung« — also nach der Rilkes — ein Versuch zu der 
Gegenuberstellung gefuhrt: 



braune Augen, Blicke 

weggekehrt, 
verseufzte Luft, o Tranen 

hingegossen, 
Nachte, ersehnt und dann 

umsonst verflossen, 
und Tage strahlend, aber ohne 

Wert. 
Klagen, Sehnsucht, die nicht 

nachgibt, Zeit 
mit Qual vertan und nie mehr zu 

ersetzen, 
und tausend Tode rings in 

tausend Netzen 
und alle Ubel wider mich bereit. 
Stim, Haar und Lacheln, Arme, 

Hande, Finger, 
Geige, die aufklagt, Bogen, 

Stimme, — ach: 
ein brennlich Weib und lauter 

Flammen-Schwinger. 
Der diese Feuer hat, dir trag 

ichs nach, 
dafi du mir so ans Herz gewollt 

mit alien, 
und ist kein Funken auf dich 

selbst gefallen. 



O schone Augen, Blicke 

abgewendet, 
o Seufzer, Klagen, o vergofine 

Tranen, 
o dunkle Nachte, die durchwacht 

mein Wahnen, 
o lichter Tag, vergebens mir 

verendetl 
O Trauer du, da Sehnsucht 

stets verweilt, 
o alle Ubel wider mich bereitet, 
o tausend Tode rings urn mich 

gebreitet, 
o Ewigkeit der Qual, da Zeit 

enteilt ! 
Geigenton des Leids, Musik 

im Schmerz, 
o Lacheln, Stirn und Haar, 

o edle Hand — 
zu viele Flammen fur ein armes 

Herz! 
Weh dir, der alle diese Feuer 

trfigt, 
dafi du sie an mein Leben hast 

gelegt, 
und bleibst von jedem Funken 

unverbrannt! 



162 



Solche Kleinodien zu finden und zu lieben, ist Sache 
Rilkes, ist ein Teil seiner Produktion ; das gefundene zu 
fassen, ist ihm in diesem Fall nicht so gelungen wie es 
zu vergeuden. Gelegentlich eines Vortrags hiefi es : 

Sie tragt, wie man noch horend sieht, die initialen O als eine 
Perlenkette der Tranen. In Rilkes Sachlyrik entbehrt sie dieses 
Schmucks, ist die Leidende der Liebe ein Aschenbrodel der Wort- 
gnade, sich bescheidend auf »Blicke weggekehrt«, auf »Tage 
strahlend, aber obne Wert«, und die schmerzensreiche Gewalt des 
»Tant de flambeaus pour ardre une femelleU verkummert zu dem 
schmerzhaften Kontrast: »ein brennlich Weib und lauter Flammen- 
Schwinger«. Von dieser Ubertragung angeregt, die neben dem 
Original gedruckt erschienen ist, habe ich eine andere versucht. 

Diese folgt sicherlich weniger dem Original als 
dem Bestreben, jene Harten »wegzukehren« . Felix 
Grafe, dem sonst manche Nachdichtung — auch ehedem 
fur die Fackel — gegluckt ist, hat nun — in der 
,Wage ? — den Ehrgeiz, wieder etwas von dem Weg- 
gekehrten zuriickzuschaf f en : 

Oh brauner Blicke wimpernweites Meer, 
oh heiUer Atemhauch im Strom der Tranen, 
oh schwarzer Abend, schwer von eitlem Sehnen, 
oh goldner Tage eitle Wiederkehr. 

Oh Klagen, Wunsch, oh Schwanken bin und her, 
worin vergeudet Stunden leer sich dehnen, 
oh Fangnetz, das mit tausendfaltigen Zahnen 
mich einstrickt in ein Sterben hart und schwer. 

Oh heitere Stirn, Haar, Finger, Arm und Handel 
Du Geige, Bogen, Stimme, Aufschrei, Ruf: 
Zu heifi, zu heifi fur mich armseliges Weib I 

Dich klag' ich an, der dieses Feuer schuf, 
dafi du mein Herz entzundet allerenden, 
doch ach, kein Funken sprang auf deinen Leib. 

Die Tranen sind beibehalten, aber die Perlenkette i9t 
durchbrochen. Und wo kommt nur der »Aufschrei, 
Ruf« her, dessen Inhalt ja doch nicht der folgende Vers 
sein darf, der ihren Aufschrei, ihren Ruf enthalt; 
Zu heiiS, zu heifi usw. Dieser ist die Gefuhlskonklusion 
der Erinnerungsmomente und nicht das, was die 



163 



»Stimme« spricht (die in meiner Umdichtung so wenig 
wie der Doppelpunkt vorkommt, der in ihr nur allzu 
klar gewesen ware, aber hier verhangnisvoll zweideutig 
ist). Bei Rilke sind immerhin die argen Flammenschwin- 
ger (die blofi eine Reminiszenz an den Krieg sind und 
nicht an die Liebe) an einem zusammenfassenden »ach« 
entziindet, das ungliieklich genug mit einem »nach« 
reimt. Aber fiir une femelle: »mich armseliges Weib«, 
das ist zwar dauerhafter als ein brennlich Weib, gleich- 
wohl wird auch da wieder der Empfindungston mitzer- 
stort, der eben zwar in »femelle«, aber nie in »Weib« 
enthalten ist und darum, wie immer man dieses auch 
bezeichne, doch nur in einem »armen Herzem durch- 
schlagt. Gerade weil »zu heifi, zu hei6« ihn schon hat, 
wirkt dann das Weib umso armseliger, doch anders 
armselig als es solL Rfecht verungluckt ist in der vor- 
letzten Strophe auch das »Haar«, da es in die Senkung 
geraten ist, was im Original dem erst an vierter Stelle 
stehenden »bras« widerfahrt, aber hier darum fatal ist, 
weil es im Vortrag ein Stirrihaar ergibt. (Bei Rilke, wo 
Stirn in die Senkung kommt, ist 5 s ein Stirnhaar.) Der 
Reim »Hande — allerenden« ist die Sackgasse, in der 
das nach meinem Versuch recht iiberfliissige Experi- 
ment endet; und dafi schliefilich kein Funken auf den 
Leib sprang, wirkt als diirftiges Fazit, Postfizit, Defizit. 
Gleichwohl ist auch hier eine gewisse poetische 
Befreiimg aus jener Dringlichkeit der Rilkeschen Lyrik 
gegliickt, wo seit jeher »die Liebe geleistet« wird imd 
eine Leidenschaft dem, der sie entziindet hat, es »nach- 
tragt«. (Man soil einem nichts nachtragen, aufier ein 
solches Wort in solcher Sphare.) Und es ware eine viel- 
leicht doch nicht fruchtlose Ubung, wenn alle deutschen 
Lyriker es mit diesem Sonett versuchen und mit 
meinem Versuch aufnehmen wollten. Es ware die Aus- 
fullung des Semesters einer Sprachschule, die mir 
immer vorschwebt imd in der ich mich verpflichten 
wurde, in einer Stunde den Horerii mehr von dem Ge- 
genstand beizubringen, als ihnen eine Leihbibliothek 



164 



der deutschen Literatur vermittelt, und so viel guti 
zumachen, als zehn Jahrgange deutscher Zeitungslek- 
ture an ihnen gesundigt haben. Aber es wird wohl, dank 
der anderen Arbeit, dabei bleiben, dafi ich mit solcher 
Fahigkeit prahle statt sie zu betatigen, ganz wie bei der 
Groftsprecherei, dafi ich mit dem kleinen Finger die 
Buhne fiihren konnte ? die andere mit beiden Handen 
ruinieren. 



165 



April 1926 



Hexenszenen und anderes Grauen 

Sagt, wann treffen wir drei zusammen: 

Wenn Donner krachen oder wenn Blitze flammen? 

Wenn verzischt des Schlachtb rands Funken, 
Wenn die Erde Blut getrunken. 

Eh die Sonne noch versunken. 

Wo der Ort? 

Die Heide dort. 

Dort hort Macbeth unser Wort. 

Schon ist hafilich, hafilich schon. 
Wir weichen wie Wolken und Windeswehn. 
(Sie verschwinden.) 

Schwester, sag an, was hast du vollbracht? 
Hab Saue gewiirgt bis in sinkende Nacht. 
Schwester, was du? 

War auch nicht faul. 
Ein Schifferweib hatte Pflaumen im Maul 
Und frafi und jErafi und wurde nicht satt. 
»Will fressen«, sprach ich, »an deiner Statt«. 
»Pack dich du HexeU die Vettel schreit. 
Ihr Mann ist nach Aleppo heut. 
Da schwimm ich nach in einemfort 
Und geh ak Ratte dann an Bord 
Ihn plagen, plagen, plagen! 

Ein gutes Werkl 

Ein Werk des Heils! 

Ich werde tiichtig meinesteils 

Dort nisten, necken, nagen. 

Dann sei nicht am Tag und nicht in der Nacht 

Keine Ruh, und kein Auge ihm zugemacht. 



166 



Aber meines sieht, wie die Gestalt 
Immer welker wird und runzlig und alt. 
Das Kahnlein, geht es schon nicht unter, 
Dreht es sich doch urn sich selber m unter 1 
Pflucktc ein Pfand mir furs Gelingen. 

Ei, lafi sehn, was tatst du bringen? 

Ei, es befuhlt sich weich wie Pflaumen. 

Weis' her, es wassert mir schon der Gaumen, 
Weis' her, lafi sehn! 

Eines Wuchrers Daumen. 
Ein fetter Fang, den ich mir fing, 
Ich lutschte an dem dicken Ding, 
Als er getrost am Galgen hing. 

Soil dir frommen fruh und spat. 

H6rt die Trommeln! Macbeth nahtl 

Schwestern, die durch Meer und Land 
Leichten Fuftes umgewandt, 
Macht die Runde Hand in Hand, 
Macht die Runde urn und um. 
Krumm ist grad und grad ist krumm, 
Legt den Bann und schlingt das Band I 

Bei der Bearbeitung des »Macbeth« erwies es sicb 
als notwendig, die ersten zwei Hexenszenen neu zu 
schreiben. Um das Rechte zu treffen, geniigte es, alles 
Unrechte in den verfiigbaren »Macbeth«-Ubersetzungen 
zu betrachten und zu vergleichen. Dabei ergaben sich 
Wahrnehmungen, die ein Grauen auf der dun-en Heide 
eines deutschen Sprachgefiihls verbreiteten und einer 
deutschen Shakespeare-Kultur, die sich der englischen 
iiberlegen riihmt. Das schauderhafteste Abenteuer war 
mit dem als Shakespeare-Autoritat geheiligten Gun- 
do 1 f zu bestehen, von dem man wohl sagen konnte — 
wenn man nicht insgemein anderer Ansicht ware — ? 
da6 er ein standard work gewissenhaftester Shake- 
speare-Verschandelung hervorgebracht hat. Welche 
Sorgfalt und Ausdauer doch so ein deutscher Gelehrter 



167 



(Ameise, geh zum Gundolf) verwendet, wenn es gilt, 
eine kiinstlerische Schopfung vom Sprachgrund aus zu 
verderben! Da bleibt kein Stein auf dem andern, und 
zwischen » Folio « und » Quarto « wird eine so griindliche 
Auswahl jedes echten Shakespearewortes getroffen, dafi 
zum Schlufi nicht ein echter Shakespearesatz mehr vor- 
handen ist. Eine tadellose Rohiibersetzung aus einem 
Sprachenbureau, das sie auch gleich sozusagen in Verse 
bringt. Alles garantiert sinngemafi und so, dafi auch 
nicht ein Vers mehr den Atem hat, der durch die Gnade 
Schlegels, ja selbst der untergeordneten Heifer in unsere 
Seele (ibergegangen ist. Man kann es einfach nicht aus- 
denken, dafi es eine Beschaftigung sein soil, die ein 
Rudel Philologen, Verleger, Drucker und Erzeuger 
feinsten Papieres nahrt: Worten, die nun einmal leben 
und iiber den Umkreis einer hoher gearteten Menschheit 
geflogen sind, einfach darum die Flugel auszurupfen, 
weil eben diese sich aufierlich nicht mit ihren Vorlagen 
decken. Welches Mifiverstandnis im Geiste aller Spra- 
chen, dafi die Dichtung durch das Diktionar besser auf- 
gehoben sei als in der Diktion des Nachdichters ! Als 
ware die Analogie nicht vermdge der Verschiedenheit 
der Sprachnaturen hundertmal starker vorhanden in der 
Veranderung durch einen Schlegel als in der Angleichung 
durch einen Gundolf! Der Abgrund der Banalitat, in 
die uns das Ergebnis fuhrt, ist gar nicht zu ermessen, 
und man miiftte ein Buch schreiben, umfangreicher als 
die Gundolfsche Ubersetzung, urn die Ungeheuerlich- 
keit des Vollbringens auch nur an deren emporendsten 
Beispielen darzustellen. Doch um dem Anreiz zu wehren 
und die Angst zu stillen, die Zeile fur Zeile gleich den 
nachsten Tod einer geliebten Metapher ahnend vorweg- 
nimmt, muU man schon dem Blick iiber diese Fiille von 
Barbarismen des Sprachgefuhls und der Pietat Zwang 
antun. Herr Gundolf — ein gebildeter und in Sprach- 
dingen feuilletonistisch versierter Kopf, der gewifi, 
wenn er's nicht getan hatte, iiber die Verf ehltheit solchen 
Tuns Bescheid wiifite — hat, soweit mir der eine, wich- 



168 



tigste Band Aufschlufi gibt, drei Methoden der Shake- 
speare-Verhunzung beliebt: er hat »neu ubersetzt<< — 
eine Katastrophe der Sorgfalt — , er hat »ubertragen auf 
Grand der Schlegelschen Ubersetzung« und er hat 
»Schlegels Ubersetzung durchgesehen« . Diese scheiribar 
gelindeste Form von Fleifiaufgabe qualifiziert sich als 
der gelungene Versuch, die Vorziige einer vorhandenen 
Arbeit auszumerzen und durch grobliche Fehler zu 
ersetzen, fiir die nebst einer tiefinnersten Nichtbezie- 
hung zum Wort die Berufung auf die Wortlichkeit ein- 
stehen mufi. 

Um gleich das nichtswiirdigste Beispiel zu zitieren, 
das ich, auch ein Durchseher, mit dem ersten Blick 
ergreifen konnte: im »Hamlet«, den Herr Gundolf 
leider durchgesehen hat, lauten die wunderbar epilogisch 
uberschauenden Worte des Horatio : 

Und lafit der Welt, die noch nicht wei&, mich sagen, 

Wie alles dies geschah; so sollt ihr h5ren 

Von Taten, fleischlich, blutig, unnaturlich, 

Zufalligen Gerichten, blindem Mord; 

Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, 

Und Planen, die verfehlt, zuriickgef alien 

Auf der Erfinder Haupt: dies alles kann ich 

Mit Wahrheit melden. 

Wann ware es mir je in den Traum gekommen, in den 
liberstandenen Bluttraum vom Weltende, diese erhabene 
Stelle an den Schlufi meines Norgler-Monologs zu setzen, 
wenn ich ihre grolSe Linie — von einer interpunktio- 
nellen Verschnorkelung abgesehen — auf solche Re- 
ferendarweis' abgebogen gefunden hatte: 

Und Planen schlielSlich die, verfehlt, gefallen 
Auf der Erfinder Haupt .... 

Herr Gundolf hat die Stelle » durchgesehen « , aber nicht 
gefuhlt, dafi dieses ode »schliefilich« tausendmal starker 
in dem »Und Planen « schon enthalten ist und dafi es die 



169 



Plane urn Gewicht und vokalische Write, den Riickwurf 
auf der Erfinder Haupt urn seine Kraft bringt: 

zu r u c k gef alien 
Auf der Erfinder Haupt 

Er hat jedoch sofort erkannt, dafi in einer Aufzahlung 
der Ordnung halber ausdriicklich der Schlufi anzugeben 
sei, weil sie sonst weitergehen und den Erfindern uber 
das Haupt wachsen konnte. Dieser praktischen Einrich- 
tung zuliebe mufite das »zuruck«, das die Vergeltung 
grandios abschliefit, zuriickgenommen werden. Ich 
konnte nun die Moglichkeit, dafi solches Ubersetzen 
(iiber die Dichtung) durch den Wortlaut gedeckt sei, 
nicht von vornherein ablehnen. Ware es der Fall, so 
hatte Schlegel, der ein Dichter war, hundertmal recht, 
den grofien Zug, den bei Shakespeare das »schliefilich« 
ohne ein »zuruck« bewahren konnte, durch das wortli- 
che Gegenteil wiirdig nachzubilden. Aber es stellte sicb 
heraus, welchen Begriff dieser Ubersetzer selbst von der 
»W6rtlichkeit« hat: 

And, in this upshot, purposes mistook 
Fall'n on the inventors' heads; all this can I 
Truly deliver. 

Herr Gundolf hat sich also verpflichtet gefuhlt, »zu die- 
sem Ausgang«, den Schlufipunkt, in den die Schicksals- 
linie mundet, mit einem »schliefilich« abzumachen und 
nicht einmal mit einem vorangestellten : 

Und, schliefilich, Planen . . . 

das noch einige Schlufikraft gehabt hatte. So hat denn 
nichts als das seelische Unvermogen, die von Schlegel 
gedankentreu nachgebildete, vielleicht gesteigerte Grofie 
zu spiiren, den Durchseher zu solcher Verkximmerung 
und Verodung animiert. Aber was Herr Gundolf da bei 
offenbar sorgfaltiger Durchsicht alles in Grund und 
Boden verflacht hat, lafit sich bei fluchtiger Durchsicht 
nicht festhalten.Wer an denleuchtendenSprachgebilden 



170 



Schlegels die hohere Gesetzlichkeit achtet (die iiber jede 
Kontrolle erhaben scheint), dem bleibt nur mehr die 
Vorstellung, als waren aus der Druse die Kristalle aus- 
gebrochen und nichts geblieben als der Hohlraum niit 
etwas absonderlichem Zierat, wie ihn ein respektloser 
Intellekt als Ersatz bietet. Die unvergefiliche Vision, die 
der abgehende Geist von Hamlets Vater hinterlafit: 

's ist fort. 

Wir tun ihm Schmach, da es so majestatisch, 
Wenn wir den Anschein der Gewalt ihm bieten. 
Denn es ist unverwundbar wie die Luft, 
Und unsre Streiche nur boshafter Hohn 

wird zu einer Armseligkeit, die auch den bewahrten 
dritten Vers reduziert: 

's ist fort. 

Wir krankens, wenn wir ihm in seiner H o h e i t 
Mit Anschein der Gewalt entgegenkommen. 
Denn es ist unverwundbar wie die Luft, 
Und unsre Streiche bosliches Gcneck. 

»Was tat ich«, konnte der durchaus abgehende Geist 
Herrn Gundolf fragen, »dafi du gegen mich die Zunge 
so toben lassen darfst« (oder »so roh darfst toben lassen«, 
wie es bei ihm heifit) : 

Solch ein W e r k 
Das Huld und Scliam der Sittsamkeit entstellt .... 

Bei Schlegel: 

Solch eine Tat, 
Die alle Huld der Sittsamkeit entstellt 

Und grofiartig endet es : 

o eine Tat, 

Die aus dem Korper des Vertrages ganz 
Die innre Seele reiUet, und die sufie 
Religion zum Wortgeprange macht. 
Des Himmels Antlitz gluht, ja diese Feste, 
Dies Weltgebau, mit traurendem Gesicht, 
Als nahte sich der jungste Tag, gedenkt 
i, Trubsinnig dieser Tat. 



171 



Herr Gundolf, dem »ein Werk« das zweite Mai nicht 
den Vers gefiillt hatte, halt fur besser : 

. . . o eine Tat 
Die gleichsam aus dem Leib des Bundes grad 
Die Seele ausreifk und den sufien Giauben 
Zum Wortschwall macht, des Himmels Antlitz gluht, 
Ja, diese Veste, dieser Weltbau zeigt 
Mit Trauermienen, wie vorm Jungsten Tag, 
Trubsinn bei diesem Werk. 

Und die Konigin fragt, welches »Werk« denn so laut 
briille. Eines, das Herr Gundolf zum Wortschwall ge- 
macht hat, und Hamlets Frage nnifite auch ihm gelten: 
was Mr ein Teufel bei der Blindekuh ihn so betort hat, 
dafi er just die schonsten Verse dieser Szene ersetzen 
zu mussen glaubte. Denn wahrlich, zwischen dem Trager 
von Apollos Locken und einem geflickten Lumpenkonig 
kann kein grofierer Unterschied sein als zwischen 
Schlegels und dieser Ubersetzung. Selbst die Monologe, 
deren Unantastbarkeit doch einen Kirchenfrevler ab- 
schrecken wurde, haben an den Fleifi dieses (wiihlst so 
hurtig fort?) treff lichen Restaurierers giauben mussen. 
Wie sehr bejaht man die Frage: 

1st es nicht furchtbar ? Hier der Spieler konnte 
Bei blofier Dichtung, blofiem Traum von W n t 
Nach seinem Sinn so seine Seele zwingen, 
Dafi sein Gesicht von deren Regung blaftte, 
* Sein Auge nafi, Besturzung in den Mienen, 

Gebrochne Stimme und die ganze Haltung 
Geformt dem Sinn nach! 

Aber das ist nicht einmal dem Sinn nach geformt, 
geschweige denn der Seele nach. Denn wenn es bei 
Schlegel heifit: 

Gebrochne Stimm', und seine ganze Haltung 
Gefiigt nach seinem Sinn 

so ist eben die gebrochne Stimm' koordiniert den 
anderen Darstellungsmomenten, die wie ein unmitt el- 
bares Erlebnis wirken, und nur die » ganze Haltung« , die 



172 



nach dem abschliefienden Komma alle zusammenfafit, 
ist nach dem Sinn des Schauspielers gefiigt. Von dem 
nassen Auge, den bestiirzten Mienen und der gebro- 
chenen Stimme soil nicht gesagt sein, dafi sie »dem Sinn 
nach« geformt sind; aber die Haltung des Schauspielers 
ist es in einem Mafie, dafi alle die zum Beweis aufge- 
zahlten Momente Naturfarbe haben. Doch was sind 
Herrn Gundolf vorhandene und dem Gedachtnis unver- 
lierbare Sprachwerte? Was ist ihm Hekuba? Dies: 

Geformt dem Sinn nach! Und a 1 1 das um nichtsf 

Una Hekuba I 

Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, 

Dafi er drum weinen soil ? 

Grammatisch schon mit »Nichts« beantwortet. Possier- 
lich der Anspruch, dafi irgendein deutscher Mensch, der 
Shakespeare nicht zum erstenmal empfangt. hier nicht 
mit der gegebenen Fassung des Zitats hineinfahre! Wie 
Herr Gundolf aber eine Wortreihe umgruppiert, den 
Sprachschwung lahmt und die Tirade geradezu in eine 
Retirade verwandelt, zeigt das folgende Beispiel. Wie 
machtig schliefit sich bei Schlegel der Kontrast 
zusammen : 

. . . Hatte er 
Das Merkwort und den Ruf zur Leidenschaft 
Wie ich: was wiird' er tun. Die Buhn' in Tranen 
Ertranken ... 

Bei Gundolf setzt sich die Frage, was ihm Hekuba und 
er ihr ist, gleichmafiig in die ganz anders geartete Frage 
fort: 

...Was wurd' er tun, 
Hatt e r das Stichwort und den Ruf zur W u t 
Wie ich? Die Buhn in Tranenflut ertranken . . . 

Trotz Wut nur ein Argumentieren. Bei Schlegel wiirde 
er des weitern »das allgemeine Ohr mit grauser Red 5 
erschuttern« 5 bei Gundolf fiiglich nur »mit wildem Wort 
zerreiiSen jedes Ohr«, dem der edlere Ton eingepflanzt 



173 



ist. »Denn wer ertrug' der Zeiten Spott und Geifiek 5 die 
einem solche Erneuerung antun: 

Was in dem Tod-schlaf kommcn mag a n Traumen, 
Wenn wir den Knaul des Irdischen 

abgespul t — — 

Denn wer ertruge V o 1 k e s Spott und Geifiel 

Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen konnte 

Mit einem b 1 o ft e n Pfriem? — — 

So macht Bewufitsein Feige aus uns alien, 

Und angeborne Farbe der Entschliefiung 

Wird von Gedankens Blasse angekrankelt 

"Wie die Natur Shakespeares von solcher Kunst. 
Im »L ean war es nicht die Durchsicht, die keine Nach- 
sicht gekannt hat, sondern die unerbittliche Ubersetzung. 
Die gute Arbeit Baudissins, zu deren Verbesserung mir 
fur meinen Vortrag der Ersatz durch etliche Zeilen und 
Worte vollauf genugt, die bei Vofi oder dem ungewichti- 
gern Kaufmann gelungener sind — sie besteht vor dem 
neudeutschen Philologenblick uberhaupt nicht; da 
mufite alles abgebaut und verflacht werden. Um nicht 
in eine dem Grundthema angepafite Raserei zu geraten, 
habe ich bei meiner Durchsicht der Gundolfschen Uber- 
setzung mit einigen Strophen des Narren, den zwei 
grofien Ausbriichen des Lear und ein paar andern Stel- 
len mir's geniigen lassen. Welch ein tragischer Auftakt, 
wenn der sufi-bittere Narr, dessen Herz diesen grofien 
Verfall der Hoheit mit seinen Zuckungen begleitet, die 
Frage stellt: 

Weifit du den Unterschied, mein Junge, zwischen einem 
bittern Narren und einem suften Narren? 

Und wenn er dann auf Lears Weisung: 

Nein, Bursch, lehr ihn mich 

ausholt: 

Der dir's geraten, Lear, 
Dein Land zu geben hin, 
Den stell hierher zu mir, 
Oder steh du fur ihn. 



174 



Der suiS' und bittre Narr 
Zeigt sich dir nun sofort, 
Der eine scheckicht hier, 
Den ancle m siehst du dort* 



Nun folgt: 



»Nennst du mich Narr, Junge?« 

»AIle deine andern Titel hast du weggesehenkt, mit diesem 
bist du geboren.« 

Und so weiter, bis der Narr die Bitte stellt, ihm ein Ei 
zu geben, wofiir er zwei Kronen geben werde. Herr 
Gundolf schliefit diese Bitte unmittelbar an die Auf- 
fordernng Lears an, ihn den Unterschied der beiden 
Arten von Narr zu lehren, und erklart die Weglassung 
des erschutternden Unterrichts in seinen »Anmerkun- 
gen« damit, dafi zwar »das unten ubersetzte Liedchen« 
(aus der Quarto) »die richtige Antwort scheint«, doch 
»auch die abrupte Gegenbitte des Narren« (in der Folio) 
»durchaus im Geist der Rolle, dramatisch und dichte- 
risch« sei. Das ist sie nun ganz und gar nicht und der 
Narr ware ein Narr in Folio, wenn er unter Verzicht auf 
die schone Stelle die zwei Narren durch die zwei Kronen 
illustrieren wollte. Herr Gundolf weifi aber, dafi »die 
Folio den von Shakespeare beabsichtigten endgiiltigen 
Text darstellt«, weil die Weglassungen (wie etwa diese 
zeigt) nicht blofi aus buhnentechnischem, sondern »aus 
ersichtlich dichterischem Grund kommen«. Trotzdem 
ist er hinreichend gewissenhaft, das »Liedchen« in seiner 
Dbersetzung uns nicht vorzuenthalten. Es beginnt: 

Der dirs geraten, Lear: 
»Verschenket euer Reich « 
Den bring hierher zu mir 
Und du atell dich ihm gleich. 

Wer hort nicht den Schmerz singen : 

Nie machten Narren weniger Gluck, 
Denn Weise wurden tappisch; 
Ihr bifichen Scharfsinn ging zuruck 
Und all ihr Tun ward lappisch. 



175 



Hier: 

Den Narren geht es heuer schlecht: 
Die Weisen wurden Laffen. 
Ihr Kopf sitzt ihnen nicht mehr recht, 
Sie machens wie die Affen. 

Auf die Frage Lears, seit wann er so reich an 
Liedern sei, antwortet der Narr : 

Das ward ich, Gevatter, seit du deine Tochter zu deinen Muttern 
machtest; denn als du ihnen die Rute gabst und dir selbst die 
Hosen herunterzogst, 

Da weinten sie aus freud'gem Schreck, 
Ich sang aus bitterm Gram, 
Dafi solch ein Konig spielt Versteck 
Und zu den Narren kam. 

Und bricht dann in den Wunsch aus, liigen zu lernen, 
Und nun versuche man sich vorzustellen, dafi aus solchem 
Herzen, das mit solch einem Konig empfindet, die fol- 
genden Verse aufgeschluchzt werden konnten: 

Vor Freuden weinten sie da rase h, 
Indes ich traurig sing, 
Dafi solch ein Konig spielt Haschhasch 
Und zu den Narren ging. 

»Solch ein Konig« hat von der Erniedrigung durch das 
Ekelwort angezogen; die Grofie ist dahin wie der Gram, 
der den Verlust beklagt. Nun zieht das Gewitter herauf . 
Vor dem finstern Blick Gonerils, die erschienen ist, 
schlagt sich die Wahrheit auf den Mund: 

Ja doch, ich will ja echweigen, das befiehlt mir euer Gesioht, 
obgleich ihr nichts sagt. 

Mum, mum, 

Wer nicht Kruste noch Krume bewahrt auf dem Teller, 

Und schon mud' ist des Talers, dem fehlt bald der Heller. 
(er zeigt auf Lear) 

Das ist so J ne leere Erbsenschotel 

Und nun springt der Satan los : 

Nicht dieser free he Narr allein, Mylord, 
Auch mancher eurer ziigellosen Bitter .... 



176 



Bei Gundolf : 

.... Mum, mum, 
Wer, gesattigt, Krust und Krum 
Wegwirft, gib einmal was drum. 
Das ist so 'ne ausgekernte Erbse. 

Und Gonerils hohe Niedrigkeit beginnt in solcher 
Sprachniederung : 

Herr, nicht nur dieser stets straffreie Narr, 
Auch mancher eures zuchtlosen Gefolgs .... 

Herr Gundolf hat von der Moglichkeit, ein Gewitter 
durch eine Wortstellung aufziehen zu lassen, keinen 
Hauch verspiirt. Und man versuche, sich die Majestat 
dieses Grausens zu vergegenwartigen, wenn Lears Fluch : 

Heb' deinen Vorsatz auf, wenn du geplant, 
Fruchtbar zu machen diese Kreatur! 

urn einen Fufi verkurzt, als der erniichterte Finalsatz 
hinfallt: 

Dafi dies Geschopf hier trachtig werde. 
Statt: 

Unfruchtbarkeit sei ihres Leibes Fluch! — 
Vertrockn' ihr die Organe der Vermehrung; 
Aus ihrem entarteten Blut erwachse nie .... 

aufierst sachlich: 

Schlag ihren Schofi mit Kinderlosigkeit. 

Vertrockn ihr die Organe der Vermehrung, 

Und nie entspriefie ihrem Unheils-Leib.... 

Wobei die Atemlosigkeit der Raserei hochstens durcb 
den Mangel an einem Apostroph in dem schonen 
»Vertrockn« zum Ausdruck kommt. Dafi Herr Gundolf 
nach neudeutscher Weisung, den Vorrat an Beistrichen 
zu strecken, sich diese vor jedem Relativsatz vom Mund 
abspart, macht seine Ausgabe vorweg zur Augenweide. 
(Beim Grundsatz des George-Kreises, dafi, wer die 



177 



kleinen Buchstaben nicht ehrt, der grofien nicht wert 
ist, hat er wider den Stachel gelockt) Nun aber, da Lear 
ohne ein »Du sollst, das schwor ich dirk abgegangen, 
ist der Gemutlichkeit dieser Szene noch lange kein Ende. 
Albanien, erschuttert, entscheidet sich auf die frech 
abwalzende Frage Gonerils 

Habt ihr's gehort, Mylord? 

mit einer Wendung, die die Menschlichkeit der 
Horigkeit formlich abringt: 

Bei meiner grofien Liebe, Goneril, 
Kami ich nicht so parteiisch sein — 

und die abweisende Kanaille: 

Ich bitt' euch, lafit das gut sein. 

Hier ist das Vorwort zu der Erkenntnis gesprochen: 
»0 Goneril, du bist des Staubs nicht wert . . . .«. 
BeiGundolf: 

»Habt ihx gehort, Mylord ?« 

» Goneril, ich kann nicht so parteiisch sein, 
Wie sehr ich euch auch liebe — « 

»Ich bitte, gebt euch drein « 

Wie da in den Herzen mit Wasser gekocht wird, zeigt 
sich an dem beteiligtesten, dem des Narren. Welch ein 
Uberquellen bei diesem Abgang bewahren wir im 
Gedachtnis : 

Gevatter Lear, Gevatter Lear, wart mid jiimm den Narrn mit dir, 
Die Fuchsin, die man sperrte ein, 
Und solch ein saubres Tochterlein, 
Die sollten mir am Galgen sein, 
Wenn start der Kapp' ein Strick war' meinl 
So schleicht der Narr hinterdrein. 

Dieses Hefzbrechen gestaltet Herr Gundolf folgender- 
mafien : 



178 



Gevatter Lear, Gevatter Lear, wart und nimm den Narren mit. 
Fuchsin, sitzt sie in der 
Fall, und solche Kinder 
Mufiten mir zum Schinder. 
Ein Strick tuts nicht minder. 
Der Narr geht dahinter. 

Der erste Akt, der in jeder Biihnenbearbeitung mit 
jenem Nachfluch des Getreuen fiiglich schliefit, aber 
mit solchem Firlefanz nie schliefien konnte, lafit, wie 
immer im Shakespeare-Text, dem grofien Abschlufi 
noch Beilaufiges folgen. Im Hof von Albaniens Schlofi 
wird das Zwiegesprach Lears mit dem Narren, das in 
der Auffiihrung an den Beginn des zweiten Aktes riickt, 
vom Narren mit einer Wendung zum Publikum und 
ins versohnlich Obszone beendet, wie es Beruf und Zeit- 
geschmack erfordern mochten. Keinesfalls liefie sich ein 
Vorhang herbei, sich iiber die Pointe herabzulassen, mit 
der sich Gundolf dichterisch bemiiht hat. Bei Baudissin 
reimt sich: 

Die jetzt noch Jungfer ist, und spottet mein und stichelt, 
Die bleibt's nicht lange, wird nicht Alles weggesichelt. 

Bei Kauf mann : 

.... und meines Weggehns lacht, 
Soli nicht lang Jungfer sein, wird nicht was kurz gemacht. 

Wiewohl die wahre Shakespeare-Erneuerung in solchen 
Fallen es noch weit kiirzer machen miiUte als die Folio, 
hat Gundolf gerade an diese Stelle viel Kunst gewendet: 

Die, jetzt noch Jungfer, meines letzten Worts lacht, 
Bleibts nicht mehr lang, wenn man nicht manches korz 

m acht 

Solche Praktik des Humors findet sich auch im Pathos 
zurecht. Beim Anbruch des Wahnsinns, in der grofien 
Rede vor den Tochtern, ruft Gundolf s Lear: 

O fragt nicht, was man braucht 

Wird nur dem Dasein was das Dasein braucht, 

Lebt Mensch und Vieh gleich wohlfeil 

. . . doch was man wirklich braucht — 
Gebt, Gotter, mir Geduld, es braucht Geduld! 



179 



Ferner : 



Seid ihrs, die dieser Tochter Herzen r e i z t 
Wider ihren Vater .... 



Kent im Block: 



Ganz erschopft und uberwacht, 
Nehmt wahr des Vorteils, mude Augen, nicht 
Zu schawl dies schnode Lager. 

Hier: 

Mude ganz und uberwacht 
Freut euch, ihr schweren Augen, dafi ihr nicht 
Dies schmahliche Lager seht. 

Edmund spekuliert darauf, dafi er erhalten werde, wagt 
man dem Vater, den er denunziert, wegnimmt. Man hat 
die Fanfare des Abgangs im Ohr: 

Dies sclieint ein groft Verdienst und soli mir lohnen 
Mit meines Vaters Raub, den Gutern alien: 
Die Jungen steigen, wenn die Alten fallen! 

Bei Gimdolf berechnet er: 

. . . und bringt mir ein 
Was man dem Vater — namlich alles! — kurzt. 
Der Junge steigt, sobald der Alte sturzt. 

Das erste Wort des geblendeten Gloster: 

Alles Nacht und trostlos. 
Wo ist mein Sohn Edmund? — 
Edmund, schiir' alle Funken der Natur, 
Und rache diesen Greul! 

reduziert auf : 

Nacht und Verzweiflung rings! Wo ist mem 

Edmund^ 
Edmund, schur alle Funken der Natur, 
Mach diesen Greuel wett! 

Das konnte man nicht; »rachen« will ich ihn. Die mitt- 
lere Zeile ist Herrn Gundolf gelungen, wie manche, die 
von friiher stehen geblieben ist. Aber es ist dem Klima 



180 



der Sprache eigentumlich, dafi auch der Rest einer ver- 
wusteten Landschaft aufhort, Oase zu sein. 

»Neu fibersetzt« ist, dafi Gott erbarm, auch 
»M a c b e t h« . Hier war sicherlich nicht schon das blofie 
Beginnen Frevel an Gedachtnis, Zitat und uberkomme- 
nem Sprachgut. Es gibt im Grunde keine bekannte deut- 
sche Macbeth-Vorlage, an der sich Herr Gundolf hatte 
versiindigen konnen, weder im Gestriipp der meisten 
Ubersetzungen noch im Flachland der Schillerschen 
Nachdichtung. Immerhin gibt es die Leistung Tycho 
Mommsens, die mit Beniitzung der unzulanglichen 
Arbeit Dorothea Tiecks und kleiner Bruchstiicke aus 
Schlegels Nachlafi entstanden ist. Tycho Mommsen 
nennt es in seinem Nachwort (zur Schlegel-Tieck- 
Ausgabe bei Georg Reimer) mit Recht eine der schwer- 
sten Aufgaben 

die Macbeth-Gedanken, die so kurz und unheimlich einander uber- 
zucken und iiberblitzen >vie gekreuzte Schwerter, die Macbeth- 
Sprache, in der fast jedes Wort ein DolchstoS ist 

getreu wiederzugeben. In wie hohem Mafie es Herrn 
Gundolf mifilungen ist, zeigt unter anderen Szenen und 
voir alien die Tafelszene, bei der ihm Mommsens Geist 
erscheinen miifite. Wie schon endet sie bei diesem: 

Komm, schlafen wir! Der Traum, der mich gequalt, 
War Neulingsfurcht, der harte Ubung fehlt. 
Wir sind noch jung an Taten. 

Gundolf, sicherlich auf seine Wortlichkeit gestiitzt, lafit 
den Abgang wie folgt begleiten: 

Ja, schlafen wir! Mein wilder Selbstbetrug 
Ist Neulings-furcht, noch nicht geprobt genug. 
Wir sind noch jung in Tat. 

Im Original wird wohl der Singular die Kraft des 
deutschen Plurals haben. Dafi es auf die Ubertragung 
der Aura des Wortes ankommt, auf die Erfiillung der 
andern Sprachlandschaft mit dem lebendigen Atem, 



181 



diirfte Herr Gundolf wissen; aber da er es nicht vermag, 
so wird er den Unterschied erst spiireh, wenn man ihm 
ihn vorstellt. Bei Mommsen geht Macbeth so in den 
Tod: 

Vor die Brust 
Werf ich den Hunenschild. Triff, dafi es schallt! 
Und fahr J zur Holle, wer zuerstruft: Halt! 

Das ist schon die Musik der Holle. Gebandigt von 
Gundolf: 

Vor den Leib 
-. Werf ich den Krieger-schild. Macduff, komm her! 
Und sei verdammt wer ruft »HaIt ein, nicht mehrU 

Vorher geht bei Mommsen Macbeth mit den Wbrten ab ; 

Auf, lautet Sturm! Wind, blase! Komm, Verderbenl 
Den Harnisch auf dem Rucken wolln wir sterben! 

Herrn Gundolf passiert da das Folgende: 

Auf, lautet Sturm ! Blast, Winde ! Triimmer, treib! 
So sterb ich doch mit dem Geschirr am Leib. 

In der ersten und der zweiten Hexenszene bleibt 
er hinter den anderen Ubersetzern nicht allzuweit zu- 
ruck; sie sind bei alien unmoglich. An einigen soil es 
dargetan sein. Am ertraglichsten erscheint die erste 
Szene noch bei Dorothea Tieck, deren Fassung Momm- 
sen libernommen hat: 

Erste Hexe 

Sagt, wann ich euch treffen mufi: 
In Donner, Blitz oder Regengufi? 

Zweite 

Wann der Wirrwarr ist zerronnen, 
Schlacht verloren und gewonnen. 

Dritte 

Noch vor Untergang der Sonnen. 



182 



Erste 
WoderPlatz? 

Z we it e 
Der Heide Plan. 

Dritte 
Da woll'n wir dem Macbeth nahn. 

Erste 
Ich komme, Murner. 

Alle 
Molch ruft auch; — sogleich! 
Schon ist wiist, mid wiist ist schon. 
Wirbelt durch Nebel und Wolkenhohn. 

Zu durftig zum Schicksalsprospekt und zum Vorspiel 
des kriegerischen Grausens. Die zweite Hexenszene 
(3. Auftritt des I. Aktes) bei Dorothea Tieck: 

Erste Hexe 
Wo warst du, Schwester? 

Zweite 

Schweine gewurgt. 

Dritte 

Schwester, wo du? 

Erste 

Kastanien hatt' ein Schifferweib im Schofi 

Und kaut' und kaut' und kaut': Gib mir, sprach ich. 

Pack dich, du Hexe, schrie die dicke Vettel. 

Ihr Mann ist nach Aleppo, fuhrt den »Tiger« ; 

Doch schwiram 5 ich nach im Sieb, ich kann's, 

Und als 'ne Ratte ohne Schwanz 

Komm' in sein Schiff ich Schlaue 

Und kaue, kaue, kaue. 

Zweite 
Geb' dir J nen Wind. 

Erste 
Bist lieb gesinnt. 

Dritte 
Ich den zweiten obendrein. 



183 



Erste 

All die andern sind schon me in; 
Und sie wehn nach jedem Strand, 
Jeder Richtung, die bekannt 
Auf des Seemanns Karte. 
Durr wie Heu soil er verdorr'n, 
Und kein Schlaf, durch meinen Zorn, 
Tag und Nacht sein Aug 5 erquicken; 
Leben soil wie 5 n Fluch ihn drucken 
Sieben Nachte, neunmal neun. 
Siech und elend schrumpf er ein; 
Kann ich nicht sein Schiff zernagen, 
Soll'n dock Stiirme es verschlagen. 
Schau, was ich hab\ 

Zweite 

Weis' her, weis' her. 

Erste 

Daum 'nes Lotsen, der versank 
Auf der Heimfahrt und ertrank. 

(Trommeln hinter der Szene.) 

Dritte 
Trommeln, — Ha! 



Macbeth ist da. 



Alle drei 



Schicksalsschwestern, Meer und Land 
> Basch duTcheil'nde: Hand in Hand 
Lafit uns Runden, Runden tanzen; 
Drei sind dein, und drei sind meiii, 
Und noch drei, so macht es neun. — 
Halt! — Der Zauber ist gezogen! 

(Macbeth und Banquo treten auf.) 

Diese Belanglosigkeit hat Mommsen nur stellenweise 
belebt: 

»Wo bist gewesen, Schwester?« 
»Wurgte die Sau'.« 
»Schwester, wo du?« 



184 



»Ein Schifferweib hart' in dem Schofi Kastanien, 

Und kaut', und kaut', und kaute — ,Gib mir c , sprach ich. 

^Packe dich, Hexe!' schreit das fette Scheusal. — 

Ihr Mann ist nach Aleppo fort, Herr an Bord des Tigers : - 

Doch schwimm' ich nach im Sieb mit Glanz, 

Und will als Ratte ohne Schwanz 

Da storen, storen, storen !« 

»Ich geb 5 nen Wind dir hintennach.« 

»Wie gutig, achl« 

»Meiner auch soil mit dir wandern.« 

»Und ich selbst hab all die andern. 
Wo sie wehn, die Kiisten kenn' ich, 
Jeden Punkt, um einen Pfennig, 
Auf des Seemanns Karte nenn' ich. 
Dorren soil er mir wie Heu; 
Schlaf nicht Nachts noch Tags erfreu 
Seines Auglids schwere Wucht; 
Leben soil er wie ver fluent; 
Mude Wochen, neun mal neun, 
Schwind' er, siech' er, leid' er Pein. 
Kami sein Schiff nicht untergehn, 
Soil es doch sich wirbelnd drehn. — 
Schau, was ich hab!« 

»Lafi sehn, lafi sehn.« 

»Da! 's ist eines Lotsen Daum, 
Der versank im Meeresschaum.« 

(Trommel wir bel hinter der Szene.) 

»Ha, Trommeln! Ha! 
Macbeth ist daU 

»Unholdinnen Hand in Hand, 
Eilende durch Meer und Land, 
Gehn wir so herum, herum. 
Drei Runden dein, drei Runden mein, 
Und drei dazu, so sind es neun. 
Halt! Der Bann ist aufgewunden.« 

Bei Bodenstedt geht es glatter: 

»Wann finden wir drei uns wieder ein 
In Regen, Donner und Wetterschein?« 

»Wenn das Kampfgetos vollbracht, 

Wenn verloren und gewonnen die Schlacht.« 



185 



Und: 



»A 1 so noch vor Graun der Nacht.« 

»Wo treffen wir uns?« 

»Im Heidegrunde.« 
»Dort hort Macbeth unsre Kunde.« 
»Ich komm', GraulieschenU 

»Paddock ruft.« 

»Sogleich.< 
»Schon ist haftlich, haBlich schon: 
Auf durch Dunst und Nebelhohn.« 



»Wo bist du gewesen, Schwester?« 

»Schweine zu wurgen.« 

»Schwester, wo du?« 

»Ein Schifferweib hatte Kastanien im Schofi 

Und schmatzt', und schmatzt', und schmatzt'. ,Gib mir', 

sprach ich. 
,Fort mit dir, Hexel 4 schrie die feiste Vettel. 
Ihr Mann fuhr nach Aleppo, fuhrt den Tiger: 
Im Siebe seg? ich nach, ich kann's, 
Wie eine Ratte ohne Schwanz; 
Ja, das tu' ich, das tu' ich, das tu' ich.« 

»Ich geb' dir 'nen Wind.« 
»Bist freundlich gesinnt.« 
»Auch ich geb' dir einen.« 

»AlIe andern sind die meinen, 

Und icE weiJS, wohin sie wehn, 

Alle Striche, wie sie stehn 

Auf der Seemannskarte. 

Durr wie Halme mach ich ihn, 

Schlaf soil Tag und Nacht ihn fliehn, 

Ruhelos, voll Angst und Beben 

Wie im Bannfluch soil er leben ; 

Schwere Wochen neunmal neun 

Soil er siech und elend sein; 

Darf sein Schiff nicht untergehn, 

Soli's doch Sturm und Not bestehn. 

Schau', was ich hab'.« 

»Zeig' her, zeig' her.« 



186 



»Eines Lotsen Daum ist dies, 

Den ein Sturm zum Abgrund blies,« 

»Horch, Trommeln da! 
Macbeth ist nah.« 

»D i e Schicksalsschwestern Hand in Hand, 

Schweifend iiber Meer~ und Land, 

Drehen so im Kreise sich: 

Dreimal fur dich, dreimal fur mich, 

Noch dreimal, dafi es neune macht. 

Still! der Zauber ist vollbracht.« 

Schwer zu glauben. Und nicht unheimlicher ist der aus 
Bodenstedt und Tieck-Mornmsen gezogene Zauber, den 
F. A. Leo fiir die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft 
vollbracht hat: 

»Wann treffen wir Drei uns das nachste Mai, 
Bcim Regen, Donner oder Blitzes Strahl?« 

»Wenn der wiiste Wirrwarr schweigt, 
Wenn der Schlacht Erfolg sich zeigt.« 

»D a s ist, eh' die Sonn' sich neigt. 
Wo der Ort?« 

»Die Heide dort« 
»Macbeth da zu treffen. — FortU 
»Ich komme, Graukatzchen.« 

^Paddock ruft: — Sogleich. — 
Schon ist wust und wust ist schon: 
Schwebt durch Nebel und dunst'ge Hoh'n.« 



Und: 



»Wo warst du, Schwester?* 
>Hab' Schweine vergift't.« 
»Schwester, und du?« 

»'nes Schiffers Weib, Kastanien hatt's im Schofi 
Und schmatzt und schmatzt und schmatztl ,Gib mir was', 

sag' ich: 
,Mach fort, du Hex'!' die dicke Vettel schreit. 
Ihr Mann ist nach Aleppo, fuhrt den Tiger: 
Nun geh 5 ich in 'nem Sieb auf's Meer, 
Und segl' als Ratt' ohne Schwanz hinterher, 
Ich tu's, ich tu's, ich tu'sU 



187 



»'nen Wind kriegst von mir.« 

»Da danke ich dir.« 

»Von mir kommt ein zweiter.« 

»Die andern hab' ich, dann fehlt nichts weiter; 

Und sie blasen in alle Hafen hinein, 

Und kennen jeden Winkel so klein 

Auf des Schiffers Kart'. 

Ich dorr' wie Heu ihm jedes died — 

Nicht ruht auf seinem Augenlid 

Der Schlaf bei Tage noch bei Nacht; 

Zum Fluch sei's Leben ihm gemacht: 

Schwerer Wochen neun mal neun 

Soil er keiner Ruh' sich frai'n: 

Nicht bohren darf ich ! s Schiff zu Grund, 

Doch Sturm soil's hetzen alle Stund'. 

Schaut, was ich habU 

»Lafi sehn, lafi sehn.« 

»'nes Lotsen Daumen hab' ich da, 
Der Schiffbruch litt dcr Heimat nah.« 

»Trommelschlag tont hell! 
Macbeth kommt zur Stell'lc 

»Die Zauberschwestern, Hand in Hand, 
Schwebend uber See und Land, 
So im Kreis', im Kreise ziehn: 
Dreimal dein, und dreimal mein, 
Und dreimal noch, soil's neune sein. 
Still I Der Zauber ist gediehn.« 

Auf eine kraftigere, aber auch skurrile Art war 
der Zauber bei Gottfried August Burger gediehen, 
dessen Prosaiibersetzung, unterbrochen von den Hexen- 
versen, aus der Vor-Schlegelschen Zeit und nach 
Wieland und Eschenburg die bemerkenswer teste ist. 
Auf Anregung des grofien Schauspielers Schroder ent- 
standen, ist sie eine Leistung, mit der ihr Autor sein 
»andachtiges Entzucken« an dem »grofiten Dichter- 
genius, der je gewesen ist und sein wird«, nicht gerade 
zum entsprechendsten Ausdruck gebracht hat. Er hat 
nebst andern Siinden und dem Grundiibel einer Prosa 



188 



den Konig Duncan schon vor Macbeth aus dem Wegc 
geraumt, und die Hexen lafit er es so treiben: 

»Na! sagt, wo man sich wiederfind't: 
In Donner, Blitz, o'r Schlackerwind?« 

»Wann sich's ausgetummelt hat, 
Wann die Krah am Aase kraht« 

»Daumenbreit vor Eulenflug 
Treffen wir uns fruh genug.« 

»Und wo wandern wir zu Chor?« 

»Auf der Heid', am faulen Moor.« 

»Eia! Da nick 5 ich Macbeth ein Grufichen.« 
(Wird innen gerufen.) 

»Ich komm', ich komme flugs, Graulieschen Ic 
(Wieder gerufen.) 

»Unke ruftl — GeduldchenI Flugs I — « 

»Weifi in schwarz, und schwarz in weifi; 
Heifi in kalt, und kalt in heiftt 
Das kann wips! ein winzig Wort. 
Huschl Durch Schlickerschlacker fortU 

Das ist kunstlerisch zweifellos besser als das glatte 
Geklimper, aber eben nur tauglich, eine Sturm- und 
Drangprosa des Schicksals einzufassen. 

»Wo gewest, Schwesterle?« 

»Schweine gewurgtU 

»Schwesterle, wo du?« 

»Kastanien hatt a Schiffersweib im SchoS, 

Und schmatzt 5 und schmatzt' und schmatzte dir drauf los) 

Mir auch, sagt' ich, a biasell — 

Quark dir, Tranhexe! MarschI 

Grunzte der vollwampigen Bache Russel. — 

Hu! Donner, Hagel, Mord und Gift! 

Ihr Kerl ist zur Turkei geschifft. 

Im Siebe schwimm' ich nach. — Ich kann'sl 

Wie eine Ratte ohne Schwanz. 

Mein Sixchen, das tu' ich, mein SixchenU 



189 



»Tu' das, tu' das, Nixchent 

Ich borg' auch dir a Wind darzu.« 

»SaI bist a wacker Schatzel, du!« 

»Und von mix kriegst auch noch einen.« 

»Topp I Die andern sind die meinen, 
Sind mir hold und untertant 
Wie und wo und wann sie wehen, 
Sausen, brausen, Wirbel drehen, 
WeiiS ich, trotz dem Wetterhahn. 
Hu! Ich will ihn trillen, zerren, 
Kraus, wie Heu und Hotzeln dorren! 
Nachts und Tages sonder Ruh', 
Klapp' ihra keine Wimper zu! 
Sieb'nmal sieb'n und sieben Wochen 
Soil er frieren, soil er kochen, 
Soil sich krummen, winden, wimmern, 
Achzen, krachzen und verkummern; 
Darf sein Schiff gleich nit zertrummern, 
Roll' ich's doch im wilden Meer, 
Her und hin und hin und her. 
Schau', was hier! . . .« 

»Weis' her, weis' her!« 

»Schau', a Bankrottierers Daum, 
Der sich selbst erhing am BaumU 

»HorchI es trommelt, trom-trom-trommelt! 
Der Tumult hat ausgetummelt I — 
Macbeth kommtk 

»Hui! Wir Schwestern, Hand in Hand, 
Huschen uber See und Land, 
Walzen, walzen urn und urn, 
Runde, runde, rund herum! 
Eins und zwei und drei fur dich; 
Eins und zwei und drei fur mich; 
Eins, zwei, drei, zum dritten Reihn; 
Dreimal drei rundum macht neun. 
Haiti — Der Spuk wird fertig sein.« 

Es erhebt sich hoch iiber die Gewasser der andern, aber 
doch nicht so hoch, dafi man »furchterliche Naturlaute« 
zu horen glaubt, »die eine unheimliche Begleitmusik zu 



190 



den aufsteigenden Nachtgedanken in Macbeths Seele ab- 
geben«. So sagt eine Neuausgabe, die freilich auch 
behauptet, dafi »die leidenschaftliche Glut und wilde 
Wucht des Originals« in der freien Form der Prosa weit 
besser zur Geltung komme als »in der fur die deutsche 
Sprache schwer ertraglichen Fessel des fiinffufiigen 
Jambus«. Bezoge sich der Vergleich etwa auf Schillers 
Nachdichtung, ware er mehr als berechtigt. Aber der 
wilde Realismus Burgers ist von der Welt heroischer 
Unwirklichkeit so weit entfernt wie der siifie Unnatura- 
lismus Schillers. Wenn der neue Herausgeber des Prosa- 
Macbeth (bei Trowitzsch & Sohn, Berlin) einen Ver- 
gleich der zweiten Szene des zweiten Aktes mit dem ihr 
entsprechenden Auftritt bei Burger empfiehlt und die 
Meinung kundgibt, »bei Schlegel-Tieck werde das Da- 
monisch-unheimliche, das Vibrieren der aufgepeitsch- 
ten Seele kunstlich in korrekter Metrik abgedampft und 
abgewtirgt«, wahrend es bei Burger »duster und visionar 
hervorbricht« , so hat man es schon mit einer kompli- 
zierten Einfaltigkeit zu tun. Meint er die Ubersetzung 
Dorothea Tiecks, so ist die Metrik dieses Macbeth- 
Monologs zwar korrekt, aber die Verse sind nicht gut. 
Meint er Mommsens Nachdichtung fiir die Schlegel- 
Tieck- Ausgabe, so sind deren Verse unvergleichlich 
starker als die Prosa. 



Ist dies ein Dolch, den ich vor 

Augen schaue, 
Den Griff mir zugek^hrt? Komm, 

lafi dich packen. — 
Ich hab' dich nicht, und dennoch 

seh' ich dich. 
Bist du, schrecklicher Spuk, 

ergreifbar nur 
Dem Auge, nicht der Hand? 

Bist du vielleicht 
Ein Dolch der Seele, eine falsche 

Schopfung, 
Vortretend aus dem glut- 

bedrangten Him! 



Hah I — Ist das ein Dolch da 
vor mir, der Griff gegen meine 
Hand? Her, dafi ich dich packet 
Wie? Nicht? und doch seh 5 ich 
dich immer! Verdammter Spuk! 
Bist du denn nicht fiir die Faust, 
was du furs Auge bist? Etwa nur 
ein Dolch der Phantasie, nur 
ein Dampf meines erhitzten Ge- 
hirns? — 



191 



. . . Ich seh dich noch: 
Auf Klinge dir und Kreuzheft 

perlt das Blut, 
Was erst nicht war. — NeinI 

Nichts davon ist da: 
's ist nur das Blutgeschaft, das 

so den Augen 
Sich meldet. Jetzt scheint auf der 

halben Erde 
Tot die Natur, und bose Traume 

qualcn 
Den dichtverhang'nen Schlaf; die 

Hexenzunft 
Begeht den Dienst der bieichen 

Hekate; 
Und, aufgeschreckt von seinem 

wachen Knecht, 
Dem Wolf, der heulend ihm die 

Stunde ruft, 
Schreitet der hagre Mord 

gespenstisch leise, 
Ausholend weit mit dem 

Tarquiniustritt, 
Dem Ziele zu. — Du festgefugte 

Erde, 
Hor' meinen Fufi nicht, wo er 

geht; es mocbten 
Die Steine selbst mein Wohinaus 

erzahlen, 
Und brechen in der Welt das 

grause Schweigen, 
Das jetzt ihr ziemt. — Er lebt, 

dieweil ich drohe. 
Worte sind kalter Hauch fur 

Tatenlohe. 
fEin GlOckchen lautet) 
Ich gen' und 's ist getan. Die 

Glocke ladet — 
Hor' sie nicht, Duncan! Es ist 

Todeslauten, 
Das Himmel dir und Holle kann 

bedeuten. 

Aber vielleicht sollte man nicht sagen, dafi jenes unver- 
gleichlich starker ist als dieses, weil dieses und jenes 
sich uberhaupt nicht vergleichen lassen. Die starkste 
Prosa ist hier doch nur Inhaltsangabe dessen, was dort 



.... Wie? Immer und 
immer noch da? Sogar Bluts- 
tropfen auf deiner Klinge? Die 
waren doch vorher noch nicht da ! 

NeinI es 1st nichts Wirk- 

liches. Der blutige Vorsatz mei- 
ner Seele ist's, der so die Augen 

tauscht. Jetzt scheint auf 

der einen Halfte der Welt die 
Natur tot. Teufelstraume necken 
den Schlaf hinter zugezogenen 
Vorhangen. Hexerei und Satans- 
gesindel treibet jetzt seinen Un- 
fug. Der Wolf heult; und heult 
den grafilichen schwarz-gelben 
Mord aus dem Schlaf auf. Siehel 
Auf den Zehen schleicht er mit 
langen leisen Diebesschritten sei- 
nem Vorsatz entgegen! — du 
derber, angelfester Erdball, 
drohne nicht I Hore nicht die 
Tritte dieses Ganges 1 Deine Stei- 
ne mochten ihn sonst ausplau- 
dern und unterbrechen die 
schauervolle Stille dieser Mitter- 
nachtsstunde, die mich begun- 
stigt. — Aber was droh' ich lan- 
ge? Von Drohen stirbt er nicht. 
— (Man httrt die Glocke.) Worte 
kuhlen die Hitze der Tat nur zu 
sehr ab. Fort! Drei Schritte, so 
ist es getan! (WiederdieGlocke.)Die 
Glocke ruft. — Hore sie nicht, 
Duncan! Es ist deine Sterbe- 
glocke. Sie ruft dich zum Him- 
mel, oder zur Holle. 



192 



im Vers in andrer Sphare lebt. Korrekte Metrik ate 
solche dampft und wiirgt das Bedeutende nicht ab und 
der fiinffufiige Jambus ist ihm als solcher keine schwer 
ertragliche Fessel. Schlegels Shakespeare und die Iphi- 
genie konnen zwar nicht vor, aber trotz einem Liber- 
tinertum und Berlinertum bestehen, das mit dem Ver- 
standesmafi eine Dimension der Schopfung ergreifen; 
mochte, deren Wesen eben in einer hoheren Gebunden- 
heit leben, lieben, handeln und sterben. Was sollte ein 
Macbeth in Prosa anderes beweisen als die Geringfugig- 
keit der aus dem hoheren Element befreiten und auf 
die Erde gesetzten Gedanken? Burger, der gewifi ein 
Dichter war, wenngleich er undichterisch liber Poesie 
geschrieben hat, mochte wunschen, dafi seine »armen 
Zutaten keine Bettlerflicken auf dem Shakespeareschen 
Purpurmantel sein mogen« — der Versuch als solcher 
kann mit der Region, in der diese Pracht besteht, 
liberhaupt nichts zu schaffen haben. Eine Ausnahme 
bilden die Hexenszenen, deren dritte und vierte er stark 
und mit Verzicht auf den Dialektspafi nachgebildet und 
die er um zwei wertvolle Auftritte vermehrt hat. Aber 
anschaulicher als sein Hexenzauber ist die grause Ver- 
wandlung, die Shakespeare durch den Absturz in die 
Prosa erleidet: 



>Euch fehlt die Wurze alkr 
Krafte, Schlaf.« 

»Komm, schlafen wir ! Der Traum, 
der mich gequalt, 

War Neulingsfurcht, der harte 
Ubung fehlt. 

Wir sind noch jung an Taten.« 



»Dir fehlt's an dem Bedurfnis 
aller Wesen, an Schlaf.« 

»Komm, wollen schlafen gehnf 
Mein Hauptfehler ist Furchtsam- 
keit des Neulings, den Ubung 
noch nicht abgehartet hat. In 
solchen Taten sind wir noch 
allzusehr Kinder. « 



So weltenweit nun Burgers Prosa uns von Shake- 
speare entfernt, so ist sie. in ihren kraftigeren Teilen, 
immer noch eher Shakespeare und mehr den hohen 
Mafien des Mythos angenahert als Schillers Nachdich- 
tung. Wenn es nie gelange, mit aller Ehrfurcht vor der 



193 



edlen Seele eines Dichterfiirsten zu beweisen, dafi er 
keiner war, so sollte man doch glauben, dafi es an die- 
sem riihrenden Versuch einleuchtend wiirde: Glut und 
Wut einer Hdllennacht in einem lachelnden See abzu- 
kuhlen, der zum Bade ladet, und Shakespeare in eine 
Form zu versetzen, die zwar nicht aus Lehm, aber aus 
Zucker gebrannt dasteht. Es mag ja die deutscheste aller 
Tatsachen dieses Kulturlebens sein, dafi eine Mensch- 
heit, deren Begriff von Dichtung, trotz allem Fort- 
schrittstrug in Technik und Tinte, uber ein Schmiicke- 
deinheim, uber den Geistes- und Gemutsinhalt von In- 
schriften auf Schlummerrollen nicht hinausgelangt ist, 
den hochsten Genius der Sprache in der Gestalt ver- 
korpert sieht, die den unbekannten Dichter der Helena 
und der Pandora mit dioskurischer Gunst in die Un- 
sterblichkeit mitnimmt. Wenn Liliencron in seinen Ver- 
sen an Goethe geklagt hat : 

Die Deutschen lieben 

Schiller; 

Bilderbiicher jeder Art 

— Mit Bildern, ohne Bilder 

so hat er vielleicht nicht einmal die des uoermalten 
Macbeth im Auge gehabt, der, wenngleich auf einer 
mit aufierordentlicher Theaterkenntnis eingerichteten 
Szene, Dinge tut, die die Nacht nicht schauen sollte, 
Wie die von Schiller gestrichene Szene der Lady Mac- 
duff mit der Totung des kleinen Sohnes ausgesehen 
hatte, lafit sich nicht vorstellen; aber sie hatte in dem 
sufien Zeitvertreib dieser Mordbegebenheiten auch kein 
boses Blut gemacht. Der Literarhistoriker Goedeke 
ruhmt die Einlage des Pf ortnerliedes : 

Verschwunden ist die finstre Nacht, 
Die Lerche schla^t, der Tag erwacht, ' 
Die Sonne kommt mit Prangen 
Am Himmel aufgegangen 

und so weiter bis : 

Drum freue sich, wer, neu belebt, 
Den frischen Blick zur Sonn' erhebtl 



194 



als etwas, »womit Shakespeare . . wenig zufrieden ge~ 
wesen sein mochte, umsomehr aber das Gemiit des 
Deutschen sich befreunden mufite, das in dem Kontrast 
der Schreckenstat mit dem frommen Fruhgesange des 
einfachen Menschen an der ersteren nicht unterging, 
sondern mit dem letzteren aufatmend sich wieder er- 
heben konnte«. Aber auch der schottische Edelmann 
Rosse kann da mit Anerkennung nicht zuriickhalten: 

Nun, das mufi wahr sein, Freund! Ihr fuhret eine 

So helle Orgel in der Brust, dafi Ihr damit 

Ganz Schottland konntet aus dem Schlaf posaunen. 

Eine starke Ubertreibung fur Schalmei und Flote, aber 
beides hinreichend, um wenigstens Deutschland munter 
zu machen und Gemiiter, die von der Schillerschen 
Fassung der Schreckenstat in sanften Schlummer ver- 
setzt waren, vollends zu beruhigen. Goedeke sagt: 

Auch die Shakespeareschen Hexen hob Schiller aus dem Gemeinen 
und Widerwartigen zum Furchtbaren und Grofiartigen der Schick- 
salsschwestem, wie er es der Tragodie fur allein wiirdig hielt. 

Namlich so: 

»Wann kommen wir drei uns wieder entgegen, 
In Donner, in Blitzen oder in Regen?« 
»Wann das Kriegsgetummel schweigt, 
Wann die Schlacht den Sieger zeigt.« 
»A 1 s o eh der Tag sich neigt.< 
»Wo der Ort?« 

»Die Heide dort.« 
>Dort fuhrt Macbeth sein Heer zuriick.« 
»Dort verkunden wir ihm seui GliickU 

Und nun entpuppt sich die erste Hexe als Tragerin der 
christlichen Nachstenliebe, wird jedoch von den andern 
alsbald eines Schlechteren belehrt: 

Aber die Meisterin wird uns schelten, 
Wenn wir mit truglichem Schicksalswort 
Ins Verderben fiihren den edeln Helden, 
Ihn verlocken zu Siind und Mord. 

Das klingt ganz, als ob sie's von Schiller hatte. Die dritte 

195 



widerspricht, wiewohl sie's offenbar auch von Schiller 
hat: 

Er kann es vollbringen, er kann es lassen: 
Doch er ist glucklich, wir mussen ihn hassen. 

Er hat sich's selber zuzuschreiben: 

Wenn er sein Herz nicht kann bewahren, 
Mag er des Teufels Macht erfahren. 

Doch wie soil er sein Herz bewahren, wenn der Vorgang 
sich so abspielt: 

Wir streuen in die Brust die b5se Saat, 
Aber dem Menschen gehort die Tat. 

Er hat es schwer, und das eben, wiewohl es von Schiller 
ist, kommt der ersten so unchristlich vor. Sie bittet, zu 
bedenken: 

Er ist tapfer, gerecht und gut; 
Warum versuchen wir sein Blut? 

Dafiir gibt's eine Erklarung, die jener, obgleich sie als 
Hexe aufgewachsen ist, bisher offenbar nicht zuteil 
wurde; die zwei andern sagen ihr klipp und klar: 

Straucbelt der Gute und fallt der Gerechte, 

Dann jubilieren die hollischen Machte. (Donner und Blitz.) 

Das scheint nun jener, weil sie ja schliefilich, wenngleich 
von Schiller, doch eine Hexe ist, einzuleuchten — viel- 
leicht wollte sie die andern nur in die Versuchung des 
Guten fuhren — , und sie sagt: 

Icb hore die Geistert 

Worauf dann alle einig sind: 

»Es ruft der Meister!« 

»Padok ruft. Wir kommen! Wir kommen! 
Regen wechsle mit Sonnenschein ! 
Hafilich soil schon, Schon hafilich sein! 
Auf! Durch die Luft den Weg genommen!« 

Wie furchtbar und groGartig aber bei Schiller die 
Schicksalsgottinnen entwickelt sind, zeigt sich so recht 
erst in der Veredlung der Hexenrache am Schif f ersweib 
zu einer Fischerballade, der en Held ohne jeden ehe- 



196 



lichen Umstand zu Falle kam. Die Geschichte tragt sich 
nicht auf dem Meer zu, nicht einmal am Vierwald- 
stattersee, sondern am Rand eines Bachleins, an dem 
jener safi. Wenn man es nicht weifi auf schwarz hatte, 
man wurde nicht glauben, welches Schicksal da, der 
Tragodie allein wurdig und fur das Gemut des Deut- 
schen erfreulich, dem Auftreten Macbeths als Ringel- 
reihen praludiert : 

»Schwester, was hast du geschafft? Lafi horenU 

»Schiffe trieb ich um auf den Meeren.« 

»Schwester! was du?« 

»Einen Fischer fand ich, zerlumpt und arm, 

Der flickte^ singend die Netze 

Und trieb sein Handwerk ohne Harm, 

Als besfifi er kostliche Schatze, 

Und den Morgen und Abend, nimmer mud, 

Begrufit' er mit einem lustigcn Lied. 

Mich verdrofi des Bettlers froher Gesang, 

Ich hart's ihm geschworen schon lang und lang — 

Und als er w i e d e r zu fischen war, 

Da liefi ich einen Schatz ihn finden; 

Im Netze, da lag es blank und baar, 

Dafi fast ihm die Augen erblinden. 

Er nahm den hollischen Feind ins Haus, 

Mit seinem Gesange, da war es aus.« 

Was die zwei andern Hexen zustimmend zur Kenntnis 
nehmen : 

Er nahm den hollischen Feind ins Haus, 
Mit seinem Gesange, da war es aus. 

Wenn man bedenkt, dafi es die Tjarmherzige Schwester 
der ersten Szene ist, die solches berichtet, so mu6 man 
zugeben, dafi sie in der kurzen Zeit viel gelernt und 
geleistet hat: 

Und lebte wie der verlorne Sohn. 

Liefi alien Geliisten den Zugel, 

Und der falsche Mammon, er flog davon, 

Als hatf er Gebeine und FliigeL 

Er vertraute, der Tor! auf Hexengold 

Und weifi nicht, dafi es der Holle zollt. 



197 



Was die zwei andern — denn wem sagt sie das — aus 
langjahriger Erfahrung nur bestatigen konnen: 

Er vertraute, der Tor! auf Hexengold 
Und weiB nicht, dafi es der H5lle zolltl 

Gespannt, was nun geschehen wird, lassen sie sich weiter 
erzahlen : 

Und als nun der bittere Mangel kam, 

Und verschwanden die Schmeichelfreunde, 

Da verliefi ihn die Gnade, da wich die Scham, 

Er ergab sich dem hollischen Feinde. 

Freiwillig hot er ihm Herz und Hand 

Und zog als Rauber durch das Land. 

Und als ich h e u t will voruber gehn, 

Wo der Schatz ihm ins Netz gegangen, 

Da sah ich ihn heulend am Ufer stehn, 

Mit bleich geharmten Wan gen, 

Und horte, wie er verzweifelnd sprach: 

Falsche NLxe, du hast mich betrogen! 

Du gabst mir das Gold, du ziehst mich nachl 

Und stiirzt sich hinab in die Wogen. 

Was von den zwei andern nur gebilligt werden kann, 
die doch schon gestern gewufit haben, dafi ein solcher 
Fall den hollischen Machten zugute kommt; freilich 
nicht ohne eine kleine Abweichung: 

Du gabst mir das Gold, du ziehst mich nach! 
Und stiirzt sich hinab in den wogenden Bach ! 

So iiberraschend es einer Hexe in der Macbeth-Gegend 
vorkommen diirf te, dafi ihr einer zuruf t : »Falsche Nixe, 
du hast mich betrogen !« und dafi sie selber in so kurzer 
Frist den ganzen Ablauf einer Ballade bewirkt hat, so 
findet sie sich doch in die Wirklichkeit und ruft nun 
schlicht: 

Trommelnl Trommeln! Macbeth kommt. 
Worauf alle drei einig sind : 

Die Schicksalsschwestera, Hand in Hand, 

Schwarmen uber See und Land, 

Drehen so im Kreise sich, 

Dreimal fur dich 

Und dreimal fur mich, 

Noch dreimal, dafi es Neune macht, 

Haiti Der Zauber ist vollbracht! 



198 



Wer, der ein Gemiit hat, konnte sich diesem Zauber ent- 
ziehen? Die Verse der Shakespeareschen Hekate: 

Und schlimmer noch, uns wird kein Lohn, 
Ihr dientet dem verkehrten Sohn, 
Der, trotzig und voll Ubermut, 
Sein Werk nur, nicht das eure, tut. 

lauten bei Schiller: 

Und uberdies, was ihr getan, 
Geschah fur einen schlechten Mann, 
Der eitel, stolz, wie's viele gibt, 
Nur seinen Ruhm, nicht euren, liebt! 

Was fur ein Tee dann vollends im Hexenkessel gebraut 
wird, ist nicht vorstellbar. 

Geister, schwarz, weifi, blau und grau, 
Wie ihr euch auch nennt, 
Riihrt urn, ruhrt urn, ruhrt um, 
Was ihr ruhren konnt. 

Noch weniger vorstellbar, was sich im Bann solcher 
Schicksalsmusik dann in der heroischen Welt sprachlich 
begibt. Es lafit nur das Bedauern (ibrig, dafi nicht auch 
Osterreichs Klassiker fur die reifere Jugend, der ja 
gleichfalls die Damonen eines Traums in Zucker ein- 
machte, sich an die Nachdichtung des »Macbeth« ge- 
wagt hat, eines Werkes, von dem Schlegel sagt: »Es ist, 
als ob die Hemmungen an dem Uhrwerke der 2eit 
herausgenommen waren, und nun die Rader unaufhalt- 
sam abrollten. Nichts ist der Gewalt der Darstellung in 
Erregung des Grausens zu vergleichen.« Dafi er diesem 
Eindruck die nachbildende Sprachtat schuldig blieb, ist 
ein unwiederbringlicher Verlust fur die deutsche Biihne, 
auf der Macbeth selbst in Zeiten einer heldischen Schau- 
spielkunst ein seltener Gast war. Sie hat sich, wohl ohne 
Kenntnis von Mommsens Arbeit, zumeist mit der 
Schillerschen Umdichtung beholfen, die, mit unleug- 
barem dramaturgischen Verdienst, die Szene der 
Leidenschaften mit einem sentimentalern Klima er- 
f lillte ; oder die sprachdiinne Fassung von Philipp Kauf - 



199 



mann (bei Cotta) verwendet, der fur den Anfang der 
ersten Hexenszene — bis zur Aufrollung der Gewissens- 
frage — Schillers Vorbild nicht verschmaht hat. Aucb 
sonst haben die Ubersetzer einander wie die Hexen 5 nen 
Wind gegeben, und so untief das Wasser war, auf dem 
sie ihren Spuk verrichteten, von Kaufmann hat wieder 
Bodenstedt, von diesem noch F. A. Leo geschopft. Der 
erste verfugt freilich uber Seichtheiten, die ihm nicht 
nachgeahmt wurden : 

Wenn ich 's Schiff nicht brechen kann, 
Sei gehudelt doch der Mann. 

Oder dieser Abschlufi der Tafelszene: 

»Euch fehlt die Labung der Natur, der Schlaf.« 

»Komm, lafi uns schlafen. Meine Geistestriibung 
1st Neulingsfurcht, mir fehlt nur harte Ubung. 
Wir sind noch jung in solchen Taten.« 

Es liefien sich noch etliche deutsche Macbeths heran- 
zieheh, una darzutun, dafi jede Ubersetzung Shake- 
speares durch einen Nichtdichter Unfug ist, wahrend 
der Dichter getrost mit Schiller die Nichtkenntnis des 
Originals und der englischen Sprache gemeinsam haben 
konnte, um aus einer Ubersetzung eine Dichtung zu 
machen. 

Wollte ich, fur das von Schlegel Unterlassenc, 
mich solcher Tat vermessen, ich nahme mir freilich 
nicht Gundolfs Vorlage, deren Absonderlichkeit zwar 
eine Gewahr der Wortlichkeit ist, aber darum weit mehr 
ein Versteck der Dichtung als der mittlere Kitsch der 
andern, welche einer fragwiirdigen Phantasie, aber kei- 
ner fixen Idee Spielraum Kefien, um Shakespeare zu 
entstellen. In wie hohem Grade ihm dies gelungen ist, 
dafiir bietet seine Macbeth-Ubersetzung, von mir durch- 
gesehen, die eindrucklichsten Beweise. Man lese, man 
hore — denn er will seinen Wortwert erst im Vortrag 
^rkannt sein lassen — , was er aus den ersten zwei 
Hexenszenen gemacht hat : 



200 



»Wann sehn wir drei uns nachstes Mai 
Bei Regen oder Wetterstrahl ?« 

»I s t der Wirrwarr durchgemacht, 
Gab Verlust und Sieg die Schlacht.« 

»Noch vor Abend ists vollbracht.« 

»Wo die Statte?« 

»Auf der O d.« 
»Da begegnen wir Mac b e t h.« 
»Ich komme, Grauchen.« 

»Krote ruft.« 

»Sogleich.« 

»Schon 1st wtist und wust ist schon: 
Durch Dunst und Nebel auf in die HohnU 

Das Fehlen eines Satzzeichens nach dem ersten Vers 
lafit wie bei Bodenstedt, im Gegensatz zu den andem 
Dbersetzern, nicht erkennen, dafi die Drei entweder bei 
Regen oder bei Gewitter sich treffen wollen, sondern die 
Frage scheint blofi den Zeitpunkt der Zusammenkunft 
anzugehen, zu welcher Regen oder Gewitter die libliche 
Begleiterscheinung bildet. Bodenstedt sagt : 
In Regen, Donner und Wetterschein 

und so wird deutlicher, dafi nicht gefragt werden soil, 
unter welchen Umstanden, sondern wann. Obgleich Herr 
Gundolf den Donner weglafit, ist, da ihn alle Ubersetzer 
haben, sein Vorhandensein im Original zu vermuten, 
Die Verkiirzung hat ihni aber noch lange nicht dazu 
geholfen, das »Wann« als fuhrend und den zweiten Vers 
als mitgefuhrt empfinden zu lassen. Das ware, selbst 
wenn dieser keine Alternative enthielte, also nicht die 
Ausfuhrung der Frage vermuten liefie, unmoglich. 
Wenn Shakespeare es so gewollt hat, war anders zu 
ubersetzen. Warum sollte es aber darauf , ankommen, 
wenn der deutsche Vers, der diesen Sinn vermittelt, den 
Eindruck versagt ? Weit unheimlicher als die Frage nacb 
dem Zeitpunkt der Begegnung ware die Wahl der 
Wetterart, die sie bestimmt. Diesem Gedaiiken aber 



201 



kommt keine Nachdichtung, am wenigsten die Schiller- 
sche, die ihn »in Regen« kulminieren lafit, »entgegen«, 
und die Bedeutsamkeit solchen Zeremoniells ware eben 
durch grelleres Sprachlicht und durch starkeren Sprach- 
laut, selbst unter Verzicht auf den Regen darzustellen — 
was ich ohne jede Beziehung auf das mir sprachferne 
Original versucht habe. Aber da Herr Gundolf gehort 
sein will, unternehme ein deutsches Ohr, die Antwort 
der zweiten Hexe zu erfassen. Es wird von den beiden 
gleichartig ohne »Wenn« konstruierten Bedingungs- 
satzen unfehlbar den Sinn empfangen, dafi der zweite 
der Hauptsatz ist. Also : 

Wenn der Wixrwarr durchgemacht, 
Gab Verlust und Sieg die Schlacht. 

Das ware zwar keine logische Antwort auf die Frage 
der ersten Hexe, aber da man mit solchem Anspruch ja 
an Hexen nicht herantritt, denkbar. Unmoglich kann der 
Konditionalsinn der wenn-losen ersten Zeile so stark 
sein, noch den der folgenden zu sichern, die bei jedem 
Versuch, es zu erzwingen, als Dominante ins Ohr 
schliipfen wird und nicht als koordinierte Fiigung. Wie 
vorher das »Wann« nicht ausreicht und der Nachvers 
sich selbstandig macht, so geschieht es wieder. Hier hat 
eben Herr Gundolf irgendeiner Wortgenauigkeit zu- 
liebe — alle kann er ja Leim besten Willen nicht ein- 
halten, weil er sonst wohl nie einen Vers, geschweige 
denn einen Reim fertigbrachte — , hier hat er einen 
Wirrwarr bewirkt, der nicht durchzumachen ist. Es ware 
nun gewifi drollig, zu erforschen — ich habe, fliichtig 
wie ich bin, blofi die »Hamlet« -Stelle festgestellt — ; 
ob sich im Englischen auch etwas auf Macbeth reimt 
wie die Od, die Herr Gundolf zustande gebracht hat. 
Ganz ausgebreitet ist sie schon liber der zweiten 
Hexenszene : 

»Wo warst du, Schwester?« 
»Schweine t o t e n,« 
»Schwester, wo du?« 



202 



s>Kastanien hatt ein Schifferweib im Schofi 

Und m a m p f t und mampft und mampft. Gib mir, 

sag ich. 
Marsch, Hexe, schreit das trebernfette Aas. 
Ihr Mann ist nach Aleppo, Baas des ,Tiger c . 
Ich hinterher im Siebe tanz 
Und wie 'ne Ratte ohne Schwanz 
Ich tu, ich tu, ich tu.« 

Sie entwickelt also keinen Plan, sondern berichtet im 
historischen Prasens die Ausfuhrung: Ich, nicht faul, 
hinterher. Die andern haben auch nicht Zeit, erst 
Apostrophe zu machen: 

»Ich geb dim Wind.« 

»Bist lieb Kind.« 

»Ich 'nen andern. « 

»Ich hab selbst schon all die andern, 

Die bis an die Hafen wehn 

Aller Ecken wie sie stehn 

Auf der Seemannskart. 

Durr wie Heu wird er verdorrt, 

Tag und nachtens jag ich fort 

Schlaf aus seinem Augenhaus. 

Hundeleben halt er aus. 

Schwere Wochen neunmal neun 

Siech er, welk er, schrumpf er ein. 

Kann sein Boot nicht untergehn, 

Soil sichs doch im Wirbel drehn ... 

Schau was ich hab!« 

»Zeig her, zeig herl« 

»Nahm den Daum 'nes Seemanns mit 
Der beim Heimweg Schiffbruch litt.« 

sTrommeln, Trommeln I 
Macbeth ist kommen.* 

*Unheilschwestern, Hand in Hand, 
W a 11 d r e r uber See und Land 
Gehn s o rund herum, herum, 
Dreimal dein und dreimal mein, 
Nochmals drei - — so macht es neun . . . 
Still der Zauber ist geknupf t« 



203 



Und welchen faulen Zauber hat der Wortwart des 
George-Kreises (der fiir »Heine und die Folgen« ziem- 
liches Verstandnis bekundet hat), in unterfeuilletoni- 
stischem Drange aus der dritten und der vierten Hexen- 
szene geknupft! Gerade da ist Tycho Mommsen nichts 
schuldig geblieben, bei welchem — fast wie die Schelt- 
rede der Chorfuhrerin in der »Helena« durch das Nebel- 
w&llen bricht (»Vorschnell und toricht, echt wahr- 
haftes Weibsgebild!«) — Hekate grofi anhebt: 

Hab' ich nicht recht, Altmutter, die ihr seid? 
Wie habt ihr, allzufrech, es nicht gescheut, 
Dafi ihr mit Macbeth kippt und wippt, 
An Ratselkram und Mordwerk nippt .... 

Die ersten zwei Zeilen diirften, wie ich aus der 
Ubereinstimmung der deutschen Texte schliefie, im 
Original Blankverse sein wie die beiden letzten: 

Man ruft mich, horch! Mein kleiner Geist, o schau! 
Sitzt in der Nebelwolk' und harrt der Frau. 

Und waren sie's nicht, so ware doch der Wechsel — 
wie ein zur Rede stellen zum kurz Angebundenen 
wird — von grofiem Reiz. Gundolf macht's korz: 

Hab ich nicht Grund, ihr Vetteln ihr ? 
Was, gar zu Freche, wagt ihr hier, 
Dafi mit Macbeth ihr treibt und tut 
Geheimding und Geschaft von Blut? 

Bei Mommsen die schon zitierte schone Stelle : 

Und schlimmer noch, uns wird kein Lohn, 
Ihr dientet dem verkehrten Sohn, 
Der, trotzig und voll Ubermut, 
Sein Werk nur, nicht das eure, tut. 

Bei Gundolf: 

Und schlimmer noch! was ihr getan 
War nur nach des Mifiratnen Plan 
Voll Wut und Hafi — -wie manniglich 
Wirkt er fiir euch nicht, nur fur sich. 



204 



Der Kehrreim der Hexen in ihrem vierten Auftritt lautet 
bei Mommsen: 

Alle, alle, mischt am Schwalle, 
Feuer brenn 5 und Kessel walle ! 

Noch anschaulicher bei Burger: 

Lodre, brodle, dafi sich's modle, 
Lodre, Lohe, Kessel, brodlel 

Bei Gundolf : 

Doppelt, doppelt, Sud und Strudel, 
Feuer brenn und Kessel b r u d e 1 I 

Das alles ist, trotz raren Worten und eigener Inter- 
punktion, von ungewohnlicher Banalitat und man hat 
bei Gundolf durchaus den Eindruck, als sei er bemiiht, 
dem seichten Flufi der normalen Ubertragung durch 
kunstliche Stauungen Tiefe anzudichten und dem ihm 
Nichtergreifbaren auf Ungemeinplatzen zu begegnen. 
Vergebene, aber nicht zu vergebende Miihe! Denn so 
kommt ein Shakespeare zustande, dessen aufiere 
Liickenlosigkeit die Fiille verdrangt, wahrend die wahre 
Restaurierung in der Nachbildung der Vision, des Ge- 
dankens, der Stimmungsfarbe mit den Mitteln der an- 
dern Sprache zu bestehen hatte, auf die Gefahr hin, 
selbst das Vorstellungsmaterial einer Wendung durch 
ein ganz anderes ersetzen zu mxissen. Und ware es nicht, 
da die aufiere Vollstandigkeit oder Genauigkeit der vor- 
handenen Ubersetzungen doch imraer zuganglich bleibt, 
eine Tat fur sich und verbunden mit der Tat am Wort : 
endiich fur die Buhne oder fur die vielleicht noch vor- 
handene Szene der inneren Vorstellung die endgiiltige 
Form zu schaffen, in der ein deutscher Shakespeare, 
sprachlich nur dort erneuert und verbessert, wo es 
Schlegel unterlassen hat, von Ballast und Beiwerk befreit 
erschiene? Mehr als der szenischen Fiille, die die Ein- 
richtung meines Vortrags ergibt, bedarf weder Horer 



205 



noch Leser, und die schlechteste Ubersetzung enthalt 
Verse, die in der neuen Umgebung zu starkerem At em 
kamen, ganz wie sie ihn, aus Schlegel in die diirftigere 
Landschaft iibernommen, verlieren. Wenn mir die 
Befassung mit den Ungeheuern einer irdischen Region 
einmal Raum und Ruhe liefie, Sprachwerte aus einer 
hohern zu schopfen, dann wollte ich es aus keiner andern 
tun als aus der Wunderwelt Shakespeares und durch 
kein eigeneres Erlebnis als aus dem lustvollen Gefiihl, 
es tun zu sollen ! 



206 



November 1921 



Von Humor und Lyrik 

In diesem Sommer habe ich die Gelegenheit wahr- 
genommen, die uberwaltigende Humorlosigkeit der 
deutschen Literatur von zahlreichen beriihmten Bei- 
spielen auf mich einwirken zu lassen. Das Wesen des 
deutschen Humors, dem Betrachter eine Belustigtheit 
aufzudrangen, die er selbst dann nicht mitmachen 
konnte, wenn er auch nur imstande ware, ihre Ursache 
zu ergriinden, hat sich mir am fafilichsten in Gerhart 
Hauptmanns »Jungfern vom Bischofsberg« offenbart, 
einem Lustspiel, das ich aus Furcht vor einer Enttau- 
schung am Dichter des Hannele und der Pippa seiner - 
zeit gemieden hatte und das mir nun durch das Mitleid 
mit dem Humor jenes archaologischen Fundes einer 
Wurst geradezu die Bedingungen einer Gerhart Haupt- 
mann-Tragodie zu erfiillen schien. Es war sicherlich 
kein Zufall der Wahllosigkeit, dafS ich unmittelbar vor- 
her Nietzsche, an den die frohliche Wissenschaft urn 
dieses blamierte f alsche Gelehrtentum sichtlich ankniipft 
— eine Zopfneckerei, die pedantischer und enger ist 
als alles Zopftum — , gelesen und mich an Witzen, wie 
etwa, dafi die deutsche Kultur an der »Rhinoxera« leide, 
delektiert hatte und an ahnlichem polemischen Geist, 
der nun einmal — ja, so sind sie diese Deutschen — der 
Unsterblichkeit einverleibt ist. Und mit dem Respekt- 
mangel, zu dem einen kein anderer Autor so sehr 
autorisiert wie der, der Kant einen Idioten genannt hat, 
darf auch gesagt sein, dafi ich unmittelbar darauf zu den 
hochsten Vorbildern deutschen Mifihumors vordrang, 



207 



zu den Dioskuren der Witzlosigkeit, deren Xenien ich 
bis dahin noch nicht in ihrer erschopfenden Fiille ge- 
nossen hatte. Ich fand sie in einem merkwiirdigen Band 
»Nachtrage zu Goethes samtlichen Werken, gesammelt 
und herausgegeben von Eduard Boas, Leipzig, Verlag 
von L. H. Bdsenberg 1841 «, der einfach vorbildlich ist 
fiir alle falsche Optik, durch die sich die Literatur- 
geschichte vor jeder andern menschlichen Betatigung 
auszeichnet. Es mufi wirklich so sein, dafi schon die 
blofie Moglichkeit, sich berufsmafiig mit Dingen des 
Geisteslebens zu befassen, den Menschen dahin bringt, 
das Kleine grofi und das Grofie klein zu sehen. Die 
Xenien sind ganz bestimmt nichts anderes als die Aus- 
fuhrung des Vorsatzes zweier Schriftsteller, weil sie sich 
langweilten, es darum auch andern zu tun, und sie 
hatten das Jahr ihrer Entstehung kaum liberlebt, wenn 
nicht eben zwei Namen darunter stiinden, die wie ein 
gemeinsamer Schritt vom Erhabenen zum Lacherlichen 
und doch nicht Lustigen nur dem Staunen Raum lassen, 
dafi es im geistigen Gebiet solche Verwandlungen geben 
kann. Es ist denn auch wirklich schwer, die Dioskuren 
auseinanderzuhalten und die Spuren Schillers von jener 
tieferen Humorlosigkeit, die die Satire »Gotter, Helden 
und Wieland« oder die »Aufgeregten« geschrieben hat, 
zu unterscheiden und umgekehrt. Verdriefilich ist dabei 
nicht, dafi der Schdpfer der Helena und der Pandora 
keine Heiterkeit verbreiten konnte, wohl aber dafi er es 
wollte, und erstaunlich ist, dafi es ihm gelang. Denn die 
Urteilslosigkeit der Literaturgeschichte kann sich mit 
Recht auf die Empfanglichkeit der Zeitgenossenschaft 
berufen, die von jenem Boas wie folgt vermerkt wird; 

Am 31. Oktober 1517 ward diekirchliche Refor- 
mation in Deutschland begonnen; im Oktober 1796 nahm 
die literarische ihren Anfang. Dainals schlug 
Luther seine Thesen zu Wittenberg an, jetzt erschien 
der Schillersche Musenalmanach mit den 
Xenien. Niemals zuvor hatte Einer den Mut gehabt, alle sank- 
tionierten Dummheiten so schonungslos aufzurutteln, die Heuchler 
so scharf zu geifieln. Unermefilichen Vorteil zog das 



208 



deutsche Schrifttum aus dies em Ereignis, und 
wir wollen hier einen kurzen Abrifi seiner Geschichte geben. 

— — Da erziirnten sich endlich die Leuen 
zu Jena und Weimar heftig; sie beschlossen, einmal 
furchtbar Gericht zu halten, und Schiller ging mit 
dem gewohnten Feuer darauf ein, als Goethe den Anschlag zu den 
Xenien machte. Alles Kraftlose, Gemeine, Altersmorsche und Selbst- 
suchtige sollte befehdet, jedoch die Grenze des frohen 
Humors nicht iiberschritten und alles Kriminelle ver~ 
mieden werden, damit die Musen dem Scharfrichter nicht ins Hand- 
werk fielen. So ging man denn 1 u s t i g ans Werk, und in ganzen 
Schwannen, wie Zugtauben, flatterten die bunten Epigramme 
mit der Botenfrau zwischen Jena und Weimar hin. 

— — Auch die frische, unbefangene Jugend 
jauchzte laut den Xenien entgegen, und viele derjenigen 
Lite rate n, welche verschont geblieben waren, freuten sich 
hamisch der Flamme auf des Nachbars Dach .... Die 
aber (die Dioskuren) safien lachelnd und unnahbar in ihrer Gotter- 
ruhe, machten psychologische Studien an der fieberhaften Auf- 
regung ihrer lieben Zeitgenossen, und liefien sich durch alles Gebell 
und Gewinsel nicht storen .... 

In voller Nachlebensgrofie tritt hier weniger sympathisch 
die Doppelgestalt hervor, die, schon in Marmor, 
psychologische Studien an der Erregung macht, als die 
ahnungslose Botenfrau, die mit den Epigrammen zwi- 
schen Jena und Weimar hin- und herflattern mulJte. 

Schiller schrieb den 12. Dezember 1796 an Goethe: »Ich 
werde, wenn der Streit vorbei ist, Cotta vermogen, alles, was gegeni 
die Xenien geschrieben worden, auf Zeitungspapier gesammelt 
drucken zu lassen, daih es in der Geschichte des deutschen 
Geschmackes ad Acta kann gelegt werden.« . . . 

In diese Geschichte des deutschen Geschmackes gehort 
nicht so sehr alles, was ^gegen die Xenien geschrieben 
wurde, wiewohl es ja auch trostlos genug sein mag, 
sondern das Werk selbst und die Begeisterung dafur, 
Zwar ist die frische, unbefangene Jugend jenes Zeit- 
alters, die sich somit kaum von der heutigen unter- 
schied, sofort als das Literatentum agnosziert, das sich 
hamisch der Flamme auf des Nachbars Dach freut; aber 
die Anspruchslosigkeit, die hier eine Flamme gewahrte, 



209 



zeigt, welches Minimum von Satire damals geniigt hat, 
urn den Instinkt der Schadenfreude, der dieser Zunft 
wie keiner andern eingeboren ist, in Betrieb zu setzen. 
Das Feuer hatte schon an den schlechten Hexametern 
ein natiirliches Hindernis finden miissen. Gleich das 
erste Distichon, das den »asthetischen Torschreiber« 
fragen lafit: 

Halt Passagierel Wer seid Ihr? We 6 Stand es und Charakters? 
Niemand passieret hier durch, bis er den Pafi mir gezeigt 

deutet an, dafi hier in der Tat ein grofier Widerstand 
zu liberwinden war, urn die Grenze des frohen Humors 
zu iiberschreiten, und gar nicht so uneben wie solche 
Distichen war jenes, mit dem einer geantwortet hat: 

— \S %S — — — — — W W — W O — — 

In Weimar und in Jena macht man Hexameter wie der; 

— \j \j — \J \J — — — — — w *-/ — 

Aber die Pentameter sind doch noch excellenter. 

Gewifi gehort aber in die Geschichte des deutschen 
Geschmackes mehr als solche Polemik die Art, wie der 
Literarhistoriker auf die Gegenschriften reagiert. Unter 
einem Dutzend, das er anfuhrt, bespricht er eine folgen- 
dermafien : 

10. Urian's Nachricht von der neuen Aufklarung, nebst eini- 
gen anderen Kleinigkeiten. Von dem Wandsbecker Boten. (Ham- 
burg, 1797.) 

Herr Claudius gehorte zu den Leuten, die 
den Mund gern etwas voll nehmen, und von Allem, 
was sie betrifft, recht viel Spektakel machen. So freu- 
te er sich gewifi auch innerlich fiber den Xeni- 
enangriff; denn er konnte doch eine Entgegnung schreiben, und 
die Leute sprachen nun von ihm. Zuerst berichtet Herr 
Urian den Danen fiber das neue Licht, das in Frankreich aufgegangen, 
dann schiefit er grobe, plumpe Epigrammenpfeile auf Schiller und 
Goethe ab. Nur ein witziger Vers steht unter alien: 

Der Wilhelm. 

Wie er so leidig spiel t mit Namen! 
Nennt seinen Liebling Nickel, 
Und seine Nickels Damen. 



210 



Das Xenion aber lautet: 

18. Erreurs et verite. 

Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote von Wandsbeck. 
Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den brachtest du fort! 

Dazu die Erlauterung des Herrn Boas: 

Matthias Claudius in Wandsbeck, der Ubersetzer des Buchs 
»Des erreurs et de la verite « von Marquis St. Martin, wovon jener sehr 
naiv gestand: »Dies Buch ist ein sonderliches Buch, und die Gelehr- 
ten wissen nicht recht, was sie davon halten sollen, denn man ver- 
steht es nicht. — Ich verstehe es auch nicht. « 

Claudius, der sich mithin im Gegensatz zu den zeit- 
genossischen Literaten der Plamme auf dem eigenen 
Dac*h gefreut haben mufi, hatte gewifi nicht mehr 
Humor als dem besten Deutschen von der Natur zuge- 
messen wurde, immerhin etwas weniger gewaltsamen, 
als in 413 Xenien enthalten ist. Dafi aber der Dichter 
des Abendliedes ein Reklameheld war, diese Entdeckung 
konnte nur der deutschen Literaturgeschichte gelingen, 
und dafi unter die Leute, die den Mund gern etwas voll 
nehmen, ein Literarhistoriker Claudius emreihen kann 
und nicht etwa Claudius den Literarhistoriker, gehort 
zu den Dingen, die eben nur in der deutschen Literatur- 
geschichte moglich sind. Noch im Jahre 1841 also, 
26 Jahre nach seinem Hingang, konnte liber einen Mann, 
dessen edlen Sinn jedes Wort, das er geschrieben hat, 
verbiirgt und der nicht Goethes Umfang und Grofie, 
aber tiefere lyrische Augenblicke als selbst er erreicht 
hat, in so niedrigem Ton geschrieben werden. Den Be- 
griff, den jener Boas von der lyrischen Schdpfung hat, 
offenbart er aber auch in allem, was er fur Goethe zu 
sagen hat; etwa so: 

Goethe war eine viel kunstlerischere Natur ; er beherrsc li- 
te seine Werke immer und warf nichts aufs Papier, ehe es nicht 
g 1 a 1 1 und vollendet vor seinem Geiste stand. 

Trotzdem gibt's aber Variant en bei Goethe, durch deren 
Mitteilung sich Boas ja ein Verdienst erworben hat : 



211 



— — wir belauschen den Dichter, wie er doch zuweilem 
noch glattete, oder neue Linien eingrub, und f inden dadurch 
ein Mittel, seinem hohen Bildungsgange folgen zu konnen. 

Was nun diese Varianten betrifft, so geht ihre Bedeu- 
tung dem Literarhistoriker nicht aus ihnen selbst hervor, 
sondern : 

Ubrigens bin ich gegen den Einwand gewaffnet, »dafi diese 
Varianten, sowohl in Hinsicht auf Masse als Inhalt, zu geringfiigig 
seien, um hier mitgeteilt zu werden.« 

Ein im deutschen Sprachgebiet, wo man den Wald vor 
lauter Blattern nicht sieht, wohl moglicher Einwand, 
dem Boas aber wie folgt begegnet: 

Ich denke, es reicht vollkommen hin, wenn ich darauf erwidere: Die 
Veranderungen mussen doch wohl nicht so ganz bedeutungslos sein, 
da Goethe sonst gewifi Alles gelassen hatte, wie es fruher war. 

Ohne Zweifel. Und da geschieht es dem Literar- 
historiker, der zuerst die endgiiltige Fassung von 
Wanderers Nachtlied mitteilt, dafi ihm der Drucker den 
Schlufi so hinsetzt, wie etwa der Ungar in der Anekdote 
ein Reimwort zitiert. 

IJber alien Gipfeln 

1st Ruh, 

In alien Wipfeln 

Spiirest du 

Kaum einen Hauch; 

Die Vogelein schweigen im Walde. 

Warte nur, balde 

Ruhest a u c h d u. 

Wird hier durch die Umstellung zweier Worte das Werk 
entwertet, so zeigt die Urfassung in der Tat, wie wenig 
Worte verandert werden mufiten und wie weit doch der 
Weg zu einem Gipfel deutscher Lyrik war: 

Unter alien Gipfeln ist Ruh; 
In alien Waldern horest du 
Keinen LautI 

Die Vogelein schlafen im Walde; 
Warte nur! balde, balde 
Schlafst auch du! 



212 



(Man hatte nur »Die Vogelein schlafen« erhalten 
gewiinscht.) 

Dieser Goethesche Ernst riihrt doch mit jedem 
Buchstaben an tiefere menschliche Griinde als der Ent- 
schlufi, die Grenze des frohen Humors nicht zu iiber- 
schreiten, aber auch nicht zu erreichen. Und wann ware 
dieses Gebiet von einem deutschen Geist jemals betreten 
worden? Wobei ich natiirlich mit dem denkbar grofiten 
Respekt jenen Humor aufier alien Zweifel stelle, den 
die Humorlosen als so etwas wie ein metaphysisches 
Schmunzeln iiber samtliche Schwachen der Menschheit 
definiert wissen wollen und der zwar behaglicher und 
geruhsamer, aber nicht dankenswerter ist als alle Ver- 
suche, sie mit Langeweile zu geifieln. 

Man wird schon gemerkt haben, dafi ich Humor 
mit Witz verwechsle, aber ich tue es gern, indem ich 
tatsachlich nicht weifi, was das Wesen des Humors ist, 
wenn ihm der Witz fehlt. Ich will ja nicht behaupten, 
dafi ich zur Beurteilung dieser Dinge kompetent sei, 
aber an den grofiartigsten Beispielen von deutschem 
Humor ist er mir als die Eigenart erschienen, keinen zu 
haben und fur diese menschliche Schwache ein verste- 
hendes Lacheln aufzubringen. Jean Paul, der gewifi in 
vielem vereh rungs wiirdige und trotz umfassender Bil- 
dung unbeschrankte Geist, sagt, dafi der Humor, als 
das umgekehrte Erhabene, nicht das Einzelne, sondern 
das Endliche durch den Kontrast mit der Idee vernichte ; 
es gebe fur ihn keine Toren, sondern nur Torheit und 
eine tolle Welt. Es wird wohl noch wenigen Lesern 
gelungen sein, an des Feldpredigers Schmelzle Reise 
nach Flatz diese Erkenntnis zu iiberpriifen; aber ich 
glaube, dafi der Witz unzweifelhaft daran festzustellen 
ist, dafi er im Einzelnen das Endliche durch den Kontrast 
mit der Idee vernichtet, wahrend der Humor eigentlich 
daran zu erkennen ist, dafi er durch die Ausflucht in 
das Allgemeine dieses Kontrastes gar nicht habhaft und 
seine Beziehung auf die Idee oder seine Vernichtung 



213 



des Endlichen nur glaubhaft wird, weil er nicht das 
Temperament hat, sich zu dem Einzelnen so herabzu- 
lassen, dafi es nicht mehr vorhanden ist, was diesem 
doch widerfahrt, wenn sich der Witz nur zu regen 
beginnt. Da ich infolge einer angeborenen Unzulanglich- 
keit Romane nicht zu Ende lesen kann, indem ich, der 
imstande ist, sechzehn Stunden ohne Unterbrechung und 
ohne Ermiidung zu arbeiten, schon beim geringsten 
Versuch, mir zu erzahlen, dafi Walter beim Betreten 
des Vorzimmers auf die Uhr sah, was mich so wenig 
angeht wie alles was weiter geschah, in tiefen traum- 
losen Schlaf verfalle, so sind mir sicherlich, nebst allem, 
was die Menschheit in Spannung versetzt, zahllose 
Perlen entgangen, die gesammelt ein Schatzkastlein 
deutschen Humors ergeben wiirden. Selbst die aner- 
kanntesten Abkiirzer — von Kleist, der mit einem 
»dergestalt dafi« iiber alles Unwesentliche bei der Ver- 
gewaltigung der Marquise von O. hinweggeht, bis zu 
Heinrich Mann, der uberhaupt nur jenes Wesentliche 
andeutet, das ihm die Erscheinungen sowie Hintergriinde 
des mondanen Lebens erschlossen haben — konnten 
mir's nicht leichter machen, da ich mir eben nichts 
»erzahlen« lasse und mir die letzte Lokalnotiz oder 
deren Dichtung bei Peter Altenberg stets unendlich 
mehr gesagt hat als jedes Werk einer Kunstform, die, 
wie keine andere, der Sprachschopfung entraten kann 
(um alles andern willen was nichts mit der Sprache zu 
schaffen hat, wie Bericht und Psychologie) und in deren 
unkontrollierbarer Weite die wirkende Personlichkeit 
zugunsten der Wirkung abdankt. Es scheint mir iiber- 
haupt keine andere Wortkunst zu geben, als die des 
Satzes, wahrend der Roman nicht beim Satz, sondern 
beim Stoff beginnt. Dagegen vermochte ich von der 
Lyrik nichts Hoheres auszusagen, als was mir ein 
Berliner Raseur, ungefragt aber bedankt, ins Ohr ge- 
fliistert hat: »Ja, der Bart hats in sich!« Im Dramg 
bleibt die reine Schopfung um die Notwendigkeit ver- 
kurzt, sie durch szenische Anweisungen und Behelfe fur 



214 



die reale oder vorgestellte Biihne zu erganzen. Was die 
humoristischen Vertreter der Gattung betrif ft, so mochte 
ich gestehen, dafi mich seit der Minna von Barnhelm, 
die bekanntlich ein echt deutsches Lustspiel ist, cine 
unbestimmte Furcht vor dem Genre beseelt hat, welche 
durch Freytags »Journalisten« nicht behoben werden 
konnte, so gern ich einraume, dafi es grofien Schau- 
spielern gegeben war, in den Rollen solcher Stiicke eine 
gewisse Heiterkeit zu verbreiten. Die typische Hoffnung 
der Literarhistoriker, dafi dieser oder jener Autor dem 
Publikum endlich »das deutsche Lustspiel schenken« 
werde, habe ich irnmer als eine bange Erwartung mit- 
gemacht und erlost aufgeatmet, sooft ilichts daraus 
wurde. Was Grabbe in seiner mafilos einfaltigen Schrift 
iiber die »Shakspero-Manie« (die in jeder Zeile be- 
lustigender wirkt als ein deutsches Lustspiel und zum 
Beispiel sein eigenes) gegen den Falstaff sagt, ist so 
libel nicht; »Ein Charakter, der blofi des Lebensgenusses 
wegen komisch und witzig ist«, sei »von der Grundlage 
der deutschen National-Komik, welche auch das Lustige 
unmittelbar auf Ideale bezieht und daher schon dessen 
Erscheinung als solche schatzt, weit entfernt«. Das ist 
er in der Tat. Man vergleiche nur jede Geste dieser Ge- 
stalt — die erst in der dem deutschen Publikum 
bekannten Oper »Die lustigen Weiber von Windsor« 
zur Leibhaftigkeit ihres Genies herabgekommen ist — 
mit allem, was das deutsche Lustspiel auf der Grund- 
lage der deutschen National-Komik hervorgebracht hat, 
Wann aber hatte gerade sie das Lustige auf andere 
Ideale bezogen als auf das Fressen und Saufen, hinter 
dessen Komik doch nicht die Spur eines tragischen Zugs, 
wie er jener ritterlichen Verlumpung anhaftet, wahr- 
nehmbar wird ! Siebzig Jahre ,Fliegende Blatter , die 
den Frohsinn einer Nation von deutscher Burschenherr- 
lichkeit zu deutscher Philisterschabigkeit fortgebracht 
haben, sprechen wohl ebenso viele Bande fur das Wesen 
deutscher Erlustigung : in Wort und Bild Illuminierung 
des Umstands, dafi »Humor« Feuchtigkeit bedeutet 



215 



Die Charaktere, die aus solcher Belletristik in solches 
Leben hineingewachsen sind und umgekehrt, haben mit 
dem Falstaff nicht einmal den Lebensgenuli, sondern 
blofi dessen Mittel gemeinsam; ganz gewifi nicht den 
Ertrag der Komik und des Witzes. Wenn die deutsche 
Literatur nur an das Thema des Fressens und Saufens 
ruhrt, so stellt sie die lebendige Atmosphare der Un- 
appetitlichkeit her, die die physische Zeugenschaft dieses 
Aktes zur Pein macht, und es vollzieht sich alles mit 
dem Anspruch, dafi die Aufnahme von Lebensmitteln 
an und fiir sich etwas Bemerkenswertes und Komisches 
sei. Nichts wird dem deutschen Humoristen zum gro- 
fieren Erlebnis als die Vorgange der Verdauung, und 
man erinnert sich noch, dafi eine deutsche Sangerschar 
auf einer Ozeanfahrt sich und die Leser in der Heimat 
mit nichts Besserem zu zerstreuen wufite als mit der 
gegenseitigen Beobachtung der Seekrankheit und ihrer 
Begleiterscheinungen. Dafi ein Wein gepantscht sein 
kann, ist ein Motiv, das von jeher deutsche Lustigmacher 
zu einem Grimm befruchtet hat, der in einem befreien- 
den Lachen seinen versohnlichen Ausklang zu finden 
hatte, unH der deutsche Humor macht den Saufer nicht 
zum abschreckenden Beispiel, sondern sich zum Kumpan, 
In die Kategorie solcher urwiichsigen Geistlosigkeit ge- 
hort ein Gedicht, das ich in einer deutschen Zeitschrift, 
»Die Meister«, finde, die sich die Aufgabe gestellt zu 
haben scheint, vor deren Lektiire zu warnen. Von 
Ludwig Anzengruber, den die Liberalen zum Dichter 
gemacht haben, weil er den »Pfarrer von Kirchfeld« 
geschrieben hat, und dem, da er langst keiner mehr ist, 
die Klerikalen noch seine anstandige Gesinnung nach- 
tragen, ruhrt das Folgende her, das als Muster feucht- 
frohlicher Fadaise schon ganz geschluckt werden mufi : 

Herr Wirt 

Herr Wirt, was war das nachtens fiir 
Ein gottverf luchter Tropfe? 



216 



Es schmerzt mich heute morgens schier 
Ein jedes Haar am Kopfe! 
Wie mufi die edle Gottesgab' 
Verschandet und ver hunzt sein? 
Mein Seel, was ich getrunken hab', 
Das war wohl eitel Kunstwein 1 

Ei, neb' die Hand beteuernd nicht, 
Dafi dieser Soff Natur ist. 
Man weift ja doch, verdammter Wicht, 
Dafi leicht wie Spreu dein Schwur ist. 
Ub' lieber Treu und Redlichkeit, 
Schreib's an die Etikette, 
Damit sich sachte noch beizeit 
Ein Christmensch davor rette. 

Du hattest nur wie vor und e h 

'was Kellerei betrieben 

Und dir sei anorganische 

Chemie ganz fremd geblieben?! 

Hor du, es ist doch ganz umsunst, 

Hier Liigen zu erstinken, 

's ist Kunstwein, denn 5 s ist eine Kunst, 

Von diesem Wein zu trinken. 



Von der Banalitat abgesehn, die solche Anstrengung 
braucht, urn zu solchem Einfall zu kommen, und nebst 
aller Versquetscherei ist der Reim »verhunzt sein« und 
»Kunstwein« bemerkenswert. Es 1st aber der typische 
Reim der deutschen Lustigkeit, den die von ihr Befal- 
lenen noch als Reim horen. Heine ist gewifi von anderer 
Art, da er mit etwas mehr wurzellosem Witz als urkraf- 
tigem Behagen die Herzen aller Horer zwingt. Aber 
in einer seiner Klapperstrophen, die durch die Lizenz, 
dafi sich der dritte Vers nicht reimen mufi, einer Welt 
von Frechheit Mut zur Satire gemacht haben, reimt sich 
der vierte f olgendermafien : 

Von Kollen bis Hagen kostet die Post 
Fiinf Taler sechs Groschen preufiisch. 
Die Diligence wax leider besetzt 
Und ich kam in die offene Beichais'. 



217 



Hier ist wirklich die aufterste Einheit gedanklichen lind 
klanglichen Wertes erreicht. Der Dichter hat getrost 
einen Hinweis unterlassen konnen, daft »preuftisch« 
»preuftasch« ansgesprochen werden soil, um den Reim 
zu ermoglichen. Es hatte ihm ohnedies nichts geholfen, 
da »Beichais« — man weift zuerst gar nicht, was das 
ist — leider nun einmal »Beischafi« und nicht »Beifiasch« 
ausgesprochen wird. Da kann einer nur das Dichterwort 
zitieren, daft die Diligence leider besetzt war; hei sol- 
chem Mangel an Sorgfalt fiir das Wort muft man wohl 
oder iibel in die Beichais' kommen. Aber ein Dichterohr 
merkt keinen Unterschied und eine Kultur hat von der 
Lieder sufiem Mund, der die Vorstellung »preufiisch« 
mit einer »Chaise« in Harmonie bringt, ihren Begriff 
von Lyrik abgenommen. Und ein erschrockener Wild- 
gans-Verehrer fragt mich, ob ich am Ende auch das 
Buch jener Lieder meine, das » einen Teil des deutschen 
Kulturbesitzes ausmacht«, wenn ich von einer Lyrik 
spreche, die im tiefsten Einklang mit dem, was das 
Publikum zu horen wiinscht, ihm das einsagt, was es 
aus Zeitmangel nicht selber dichtet. Er hat's erraten, 
aber ich meine es nicht nur auch, sondern auch nur es, 
denn alles weitere kommt ja davon, ist ja bereits von 
einem Publikum, das sich ausnahmsweise Zeit genom- 
men hat und unter die Literaten gegangen ist. Und um 
den, der die Rechnung ohne den Wirt Humor gemacht 
hat, beim Wort zu nehmen: wem konnte es ferner 
liegen, als mir, zu bestreiten, daft die Heine'sche Lyrik 
einen Teil des deutschen Kulturbesitzes ausmacht. 

Nicht zu ihm gehoren Couplets von Nestroy, der 
von diesem Wirt keinen Kunstwein bezieht und dafur 
auch ein sprachliches Charakterbild von Versoffenheit 
hergestellt hat, das auf festeren Beinen schwankt als die 
gesamte deutsche Lustigkeit von Goethe und Schiller 
bis Anzengruber und Hauptmann. In der Fortsetzung 
des »Lumpazivagabundus« tritt der schon ganz ver- 
kommene Knieriem mit dem folgenden Entree auf die 
Szene : 



218 



Herr Wirt, ein' saubern Slibowitz, 
Ich hab' jetzt g'rad auf einen Sitz 
Drei Hering' 'pampft in mich hinein, 
Drauf 'trunken a vier Halbe Wein, 
Hernach hab' ich ein' Heurig'n 'kost't, 
Acht Wursteln und sieb'n Seidel Most, 
Daiin frifi ich, denn das war net gnna, 
Fiinf Brezeln und ein' Kaas dazua, 
Drum mocht' ich, denn ich hab' so Hitz', 
Mich abkuhl'n mit ei'm Slibowitz. 



Hab'n Sie's schon g'hort, d a 6 s s drent b e i m 

Rab'n 

Mich heut hinausgeworfen hab'n? 

A jede Ripp' in mir hat 'kracht, 

Mein Plan zur Rache ist schon g'macht. 

Die Gast' drent hab'n mir d' Freud' verdurb'n, 

Jetzt beutl' ich z'Haus den Schusterbub'n, 

Und wenn mich j em and hier tuschiert, 

Wird heut mein Weib noch maltratiert ; 

Ich lass' gern, komm 5 ich schiach nach 

Ha us, 

Mein' Zorn an der Familli aus! 



Das wiegt natiirlich — und kein Mensch kennt es — als 
Gestalt einen ganzen Schalanter auf und ist einfach das 
Denkmal eines Volkstums. Vor solcher Vergeistigung 
des Ordinarsten wird der deutsche Humor der 
Viktualien kleinlaut. Aber gegen diese Lyrik, in der 
man nach den Schlagen, die das Weib bekommt, skan- 
dieren kann ? und gegen dieses versoffene Organ, in dem 
sich so organisch die Rache mit dem Krachen der Rippen 
zum Reim fiigt, hat halt doch auch die Loreley einen 
schweren Stand. Nebst den scharfen Spuren, die er bei 
Lichtenberg und bei Busch hinterliefi, diirfte der 
deutsche Humor, jener, der nicht von der eigenen Be- 
lustigung lebt — der Humor der Sprache, nicht der des 
»Stoffes« (Alkohols) — ganz auf Nestroy aufgegangen 
sein. Und da er in ihm konzentriertester Spiritus war 
(und nicht blofi jene Feuchtigkeit, die den deutschen 
Sinn in Laune versetzt), so ergab er auch den echten 



219 



Lyriker. Aber zum deutschen Kulturbesitz gehort das 
Bewufitsein, dafi Humor sich dann bildet, wenn der 
Wein gepantscht ist, und Lyrik, wenn sie wie eine Blume 
ist. Wiewohl sie dann doch auch nur eine Kunst- 
blume ist. 



220 



November 1921 



Uberiiihrung eines Plagiators 

Ich habe das Gedicht »Jugend« gesprochen, damit 
es als Anschauungsunterricht einem Beitrag zur Sprach- 
lehre diene. 

Unter den Lesern der Fackel sind viele Esel. Diese 
Naturanlage zeigt sich in der Beharrlichkeit, mit der sie 
Leser bleiben und die immer wieder abgelehnte An- 
naherung an unfafibare Standpunkte versuchen. Sie 
bemiihen sich auf jede nur mogliche Art ein Verhaltnis 
zu der Sphare herzustellen, die ihnen unzuganglich 
bleibt, weil die Sprache, in der hier gedacht wird, bei 
aller unbestreitbaren Ahnlichkeit der Laute eine wesent- 
lich andere ist als die ihre, und dieses Bestreben ware 
riihrend, wenn dort, wo die Potenz fehlt, nicht so gern 
versucht wurde, Ersatz in der Prapotenz zu finden. Ihr 
durchwaltendes Mifiverstandnis besteht nicht nur darin, 
dafi sie, weil sie zur Not den Sinn ermitteln konnen, 
nun auch glauben, den Zutritt zum geistigen Inhalt zu 
haben, sondern vor allem in der Vermutung, dafi ein 
geistiger Wert eben dadurch problematisch werde, dafi 
er irgendwo aufierhalb ihrer Verstandesebene beruht. 
Je intelligenter ein solcher Esel ist, umso aussichtsloser 
verirrt sich dieses Streben und Widerstreben in Gedan- 
kengangen, die nun einmal den dort nicht Beschaftigten 
verschlossen sind. Der so tiefgefiihlte Wunsch, keine 
Briefe von Personlichkeiten zu erhalten, deren miind- 
liche Ansprache zu den unvorstellbaren Dingen gehort, 
die ich aus meinem Leben ausgeschaltet habe, mufj 
eben dort vergeblich bleiben, wo eine Fiille von Dumm- 



221 



heit leider von einem Mangel an Taktgefuhl begleitet 
ist. Ich habe nicht erwartet, dafi ich, je weiter ich mich 
von dem Niveau, auf dem Meinungen gebildet und 
ubernommen werden, entferne, desto eher Ruhe haben 
wiirde. Ich wufite im Gegenteil, dafi die Intelligenz 
umso mehr gereizt wird, je diirftiger der stoffliche 
Anhalt ist, der ihr geboten wird, und ich habe mich 
darum keineswegs uber die Reaktion gewundert, die 
meine Beitrage zur Sprachlehre gefunden haben. Es war 
durchaus nicht liberraschend, dafi dieselben Leute, die 
zum erstenmal erfahren haben, was ein Reim ist, sicb 
auf der Stelle und mit dem mir abgenommenen Riist- 
zeug der Dialektik an den Versuch machen, mir zu 
beweisen, dafi jene Stelle aus »Faust«, die ich als das 
Musterbeispiel eines lebensunfahigen Versgedankens 
und eben darum als das geborene Zitat einer sprach- 
fernen Bildung hinstellte, meinem Begriff vom Reim 
vollauf entspreche. Denn sie mussen es ja besser wissen, 
Sie haben mir zwar schliefilich bewiesen, dafi ich recht 
habe, es ist ihnen gelungen, mit dem gegenteiligen Be- 
miihen, zu straucheln, und dargetan war die Moglich- 
keit, dafi ein kaum geahntes sprachliches Ungefuhl sich 
auf Verstandeswegen an eben die Probleme heranwagt, 
zu deren Losung es auf nichts mehr und nichts weniger 
ankommt als auf das Fiihlen. Aber nichts wird mich vor 
diesen Monologen schutzen, wenn es nicht einmal die 
von mir inspirierte Erhohung des Postportos vermag. 

Die Unbeirrbarkeit der Versuche also, mich zum 
Ohrenzeugen einer Opposition zu machen, fur die ich 
nicht die geringste Teilnahme aufbringe, hat nichts 
Uberraschendes. Woriiber ich aber noch jedesmal 
staunen kann, das ist die Unbefangenheit, die an mir 
satirisch gestimmt wird. Man sollte es nicht fur mog- 
lich halten, aber es gibt Leute, die Witz haben, wenn 
sie mir schreiben; einen Witz, zu dessen Vaterschaft 
ich mich mit Scham bekennen mufi und der sich mit 
echtem Kindesundank gegen seinen Ursprung wendet 
Ich weifi ja langst, dafi es nichts Abscheulicheres gibt 



222 



als meinen Stil in fremder Hand, und der Verdrufi iiber 
solches Unwesen eines angenommenen ^esens beruhigt 
sich nur bei dem Bewufitsein, dafi andere Originale aus 
dem Grande keine waren, weil die Nachahmer ihrer 
Schreibweise diese noch gefalliger ausgestalten konnten, 
wie ja jede technische Einrichtung es in sich hat, den 
verwohnteren Anspriichen der Neuzeit entgegenzukom- 
men und mit ihnen fortzuschreiten. Wenn Heine die 
Generation von Talenten, die er in die Welt gesetzt hat, 
gekannt hatte, so hatte ihn ein Gefiihl des Neides er- 
fassen miissen, dafi er es nicht so weit gebracht habe, 
wahrend mich vor meinen Nachbildnern ein Grauserj 
packt, das mich zwar mit voller Beruhigung fiir micb 
selbst erfiillt, aber doch auch mit dem Gefuhl, Schuld 
zu tragen an einer geistigen Lebensfuhrung, die den 
Leuten das Leben erschwert, ohne dazu berechtigt zu 
sein. Was mich aber gegen diese Erscheinungen, die 
ohne mich nie erschienen waren, besonders einnimmt, 
ist, dafi sie sich mit der Mission einer Landplage nicht 
begniigen, sondern auch von dem Ehrgeiz besessen sind, 
sich vor mir selbst zu produzieren, mir dartun wollen, 
dafi sie sich selbstandig gemacht haben, und sich fiir 
berechtigt halten, die Quelle zu triiben, der sie ent- 
sprungen sind. Echtbiirtig an dieser Art Satire ist blofi, 
dafi sie grinst. Denn wenn sie mir alles absehen konnten 
— die sittliche Position, deren keine andere Lebens- 
aufierung so wenig entraten kann wie die Satire, die 
Ehrfurcht vor irgendetwas, dem das satirische Opfer 
dargebracht wird, das sich selbst Verleugnen und sich 
selbst Bekennen, mangelt denen, die kein heiligerer 
Geist je als der Zeitgeist inspirieren konnte. Es ist meine 
ganze Fraglichkeit, dafi sich gerade im sumpfigsten 
Terrain die Spuren meiner Wirkung nachweisen lassen 
und dafi sich die Abhangigkeit der Generation am 
deutlichsten in der Rache betatigt, die sie dafur an mir 
nimmt. Sie tun gewifi nicht recht, mir ihre Schlechtig- 
keit zum Vorwurf zu machen, aber semper aliquid 
haeret und es wird schon etwas daran sein, dafi sie ohne 



223 



mich anders dagestanden waren, weshalb sie auch ge- 
notigt slnd, sich mit meiner Hilfe meiner zu erwehren. 
So werde ich seit Jahr und Tag mit dem mir wohl- 
bekannten Witz, den ich schon daran erkenne, daft sie 
ihn nicht haben, publizistisch und brieflich verfolgt, und 
da, gestehe ich, bin ich stets von neuem in Erstaunen 
zu setzen. 

Denn auf alle mdglichen Wallungen, die mein 
offentliches Handeln bewirken konnte, Hafi und Liebe 
und was so dazwischen Platz hat, bin ich gefafit; nur 
dafi es auf dieser Erde einen Verstand geben kann, der 
bei meinem Anblick zu Scherz, Satire, Ironie und 
tieferer Bedeutung aulgelegt wird, iiberrascht mich 
jedesmal, wie wenn ich eben erst in die Literatur ge- 
treten ware, und ich mochte schnell meinen FufS zuriick- 
ziehen, als ware ich in etwas Ahnliches getreten. Der 
Satiriker geifielt bekanntlich die Schwachen, und die 
einzige, die mir bisher mit Erfolg nachgesagt wurde, 
ist die Eitelkeit, die ja so offenkundig ist, dafi sie ein 
Leben lang alle die Markte wie die Pest meiden konnte, 
wo sie gemeinhin befriedigt zu werden pflegt. Aber jene 
Angreifer haben es nicht mehr auf meine Eitelkeit ab- 
gesehn, die ihnen vielleicht als ein schon zu populares 
satirisches Motiv erscheinen mag, fast so veraltet wie 
der Drang, in die Neue Freie Presse zu kommen oder 
weil es nicht gelang, alles niederzureifSen anstatt aufzu- 
bauen. Derlei ist der iiberholte satirische Standpunkt 
jener alteren Generationen, die langst aufgehort haben, 
mit mir f ertig werden zu wollen. Die Satire der Neueren, 
die bei aller Unreife schon fertig sind, wenn sie mit 
mir anfangen, zielt auf eine schwachere Seite meines 
Wesens, namlich auf meinen geistigen Defekt, dessen 
immer tiefer empfundenes Bewulksein mich so oft ge- 
notigt hat, bei andern Geistern Anleihen zu machen. 
Unvergessen bleibt in dieser Hinsicht mein Plagiat an 
der Apokalypse des Johannes, das ein Schriftsteller ent- 
hiillt hat, dem es tatsachlich gelungen ist, nebst meinem 
Witz auch noch eigenen zu haben. Da ich, wenn ich 



224 



den seinen hatte, langst Selbstmord veriibt haben miifite 
und es nicht tat, so war die Dauerhaftigkeit seines 
Witzes schlagend bewiesen. Wir sind beide am Leben 
geblieben, ich an meinem und er an meinem. Dem Vor- 
bild seiner eigenartigen satirischen Laune folgen nun 
seit Jahr und Tag Korrespondenten, von denen icb 
zwar nicht weifi, wie sie aussehen, es mir aber vorstellen 
kann, und jedenfalls hore ich deutlich, wie sie bei 
meinem Anblick kichern. Ich hatte mir bisher einge- 
bildet, dafi es in den Lachkabinetten dieser Welt keine 
Linie geben konnte, deren ich nicht habhaft zu werden 
vermochte, und nun stellt sich heraus, dafi ich meine 
eigenen Ziige nicht wahrgenommen habe, die zu erf assen 
eben dem scharferen Blicke vorbehalten blieb. Es gibt 
Satiriker uber mich, und wenn auch die Hiihner dariiber 
lachen mogen. Ihnen, den Satirikern, werde ich mit den 
Geheimnissen, die ich dem Wort im Vers abgelauscht 
zu haben vorgebe, kein Blimelblamel vormachen: denn 
es stellt sich einfach heraus, dafi sie dem Wort im frem- 
den Vers abgelauscht sind. Da habe ich vor gerade zehn 
Jahren, also zu einer Zeit, wo ich noch nicht wie heute 
imstande war, dir aus der Art, wie du mit der Sprache 
umgehst, zu sagen, wer du bist, und umgekehrt aus der 
Personlichkeit auf den Wert des Wortes zu schlielSen, 
da habe ich damals Verse eines jungen Lyrikers namens 
Werfel von der Oberflache einer sympathischen Gesin- 
nung Tier gewertet und meiner Leserschaft mitgeteilt. 
Darunter ein Stuck, das mir schon bald darauf als ein 
Beispiel fur die Versatilitat erschien, mit der junge 
Prager iiber den Unterschied zwischen sich und alten 
Weimaranern hinwegtauschen konnen. Dieses Gedicht 
bringt nichts von innen her mit, aber alles von aufienher, 
von fruherher, alles was das Ohr nur mitnehmen kann, 
und es verwendet jenen Rhythmus, mit dessen Hilfe 
sich am leichtesten und gewandtesten auf Goetheisch 
leben lafit. Nun habe ich selbst sechs Jahre spater das 
Gedicht » Jugend« geschrieben, dem sich tatsachlich, und 
da hilft kein Leugnen, das gleiche Versmafi nachweisen 



225 



lafit. Ein witziger Kopf , der mir eins auf die Kappe geben 
wollte, hat nun mich, der nach so vielen Jahren endlich 
hoffen konnte, liber diesen Jugendstreich sei Gras ge- 
wachsen und man werde die Ahnlichkeit nicht mehr 
merken, auf eine iiberaus drastische Art iiberfiihrt. Er 
lafit je eine Strophe jenes Werfelschen Gedichtes mit 
je einer Strophe aus dem meinen alternieren, und die 
Wirkung ist verbluffend. Wer Ohren hat, zu horen, 
wird sich ihr nicht entzieheii konnen. Der Scherz, der 
sichtlich .meine Methode an mir uben, mein eigenes 
satirisches Miitchen an mir kiihlen will, ist entsprechend 
betitelt: 

»Wel t f reundl i che« Worte in Verse n. 

Alle sind mehr als ich, 
Sofa und Steine, 
Ach, so verbleibt fur mich 
Sehnsucht alleine. 

Pocht es von altersher, 
offn' ich die Sinne, 
dafi es wie damals war', 
wo ich beginne. 

Abendlich angeschwellt, 
Will ich enteilen. 
In naher Villenwelt 
Hiigelwarts weilen. 

In truber Lebensluft 
voller Gefahren 
ahn' ich den Gartenduft 
aus fruhen Jahren. 

Ruhmlichsten Pavilion 

Will ich ersteigen. 

Nacht, sie empfanet mich schon, 

Wirtlich zu schweigen. 

Da schon die Blatter falb, 
will ich nicht saumen, 
innen und aufierhalb 
Fruhling zu traumen. 



226 



Will ohne Liebesdank 
Talhin mich spulen. 
Will nichtSj als stundenlang 
Fuhlen und fuhlen. 

,Fackel' Nr. 339/340 Seite 48. 
,Fackel' Nr. 462/471 Seite 180. 

Es ist eine satirische Art, Spreu von Weizen zu 
sondern, die sich gewaschen hat (undesvolliguberflussig 
macht zu betonen, welche der verkniipften Strophen- 
reihen dem »Weltfreund« und welche den »Worten in 
Versen« zugehort; was ja im Fall der Identitat notwen- 
dig ware). So mifitrauisch und ablehnend ich von Haus 
aus jedem Briefkuvert, das ich offnen soil, gegeniiber- 
stehe, so dankbar bin ich fiir alle Anregungen, die mir 
in das unermefiliche und immer wieder unerschlossene 
Gebiet der Sprachlehre zugeflogen kommen. Der 
anonynie Autor des sanglanten Scherzes ist jedenfalls 
einer jener Literaten, die, urspriinglich dem Kauf- 
mannsberuf bestimmt, sich ihm spater zugewendet 
haben und deren Existenz wirklich nur einem Zeitalter 
vorbehalten blieb, das zur Sprache keine andere Bezie- 
hung hat als zu den Errungenschaften, mit denen es den 
Mund voll nimmt. Er ist natiirlich auch mit allem 
intellektuellen Eifer an meiner Sphare geschaftig und 
kann die Entfernung von ihr nicht ganz verwinden. Er 
gehort zu der Jugend, die die Verehrung fur micb 
durchgemacht hat wie die Masern, er tragt sie mir nach, 
und wenn er vielleicht in meinem Auditorium sitzt, so 
verrat er sich soeben durch eine Unruhe, die dem Sitz- 
nachbarn auf fallen mull. Was ihm aber mit dieser 
Zusammenstellung gelungen ist, dafur kann sich einer 
bei ihm bedanken. Gewifi zerf alien einem heute die 
Gedichte des Weltfreunds, wenh man sie als Ganzes 
nur auf die flache Hand nimmt. Was mit ihnen aber vor- 
geht, sobald man sie in die Nahe organischen Lebens 
bringt, was sie erleiden, wenn man sie mit meinen 
Strophen so unerbittlich konfrontiert, das ist gar nicht 
zu sagen, dagegen ist die Auflosung in Atome ein fester 



227 



Aggregatzustand. Und dies, wiewohl doch auch meine 
Worte von solcher Beruhrung Schaden nehmen unci es 
sicherlich nicht gleichgiiltig ist, ob der Vorsatz, Friih- 
ling zu traumen, am Eingang einer sturmischen Lebens- 
beichte steht oder als Punkt eines Abendprogramms sich 
an den Plan anschliefit, ruhmlichsten Pavilion zu er- 
steigen. Aber man wiirde gar nicht spiiren, wie original 
solche Ausfliichte eines abendlich Angeschwellten und 
talhin sich Spiilenden sind, wenn sie nicht von meinen 
Satzen gekreuzt wiirden. Dank dem Bestreben, mich, 
den zweifellos spateren Autor, zum Nachahmer des 
Herrn Werfel zu stempeln, tritt der schon in »Heine und 
die Folgen« an einem beriihmteren Beispiel bezeichnete 
Fall von Vorahnertum ein. Die Dummheit jedoch, die 
Identitat des Versmafies fiir ein Verdachtsmoment zu 
halten, gewinnt insofern eine Grundlage, als nunmehr 
erst klar wird, wie weit das Original mit dem Rhythmus 
an noch alterem Besitz beteiligt ist. Es sei dem Schwach- 
kopf, der einen so guten Fang getan hat, und alien, die 
auf dem Niveau seiner Sprachkennerschaft stehen, 
hiemit verraten, wie aus dem Gedicht »Jugend« wirk- 
lich ein Plagiat an Herrn Werfel oder vielmehr ein 
Werfelplagiat an Goethe gemacht werden kann. Die 
erste Strophe setzt mit dem Erlebnis hastigen Ver- 
langens ein, durchaus Fruhling zu erleben: 

Da schon die Blatter falb, 
will ich nicht saumen, 
innen und aufierhalb 
Fruhling zu traumen. 

Dieser Vorsatz mag eine lyrische Alterserscheinung 
sein, wie ein anderer Schwachkopf einmal meine Lyrik 
genannt hat, aber sie wiirde damit noch immer nicht 
auf den alten Goethe hinweisen. Die letzte Strophe 
truriipft nach allem Protest gegen solches Zeitgelichter 
den Entschlufi auf, jiinger als diese Art Jugend zu sein : 

Und weil die Blatter falb, 
soil es mich laben, 
innen und aufierhalb 
Fruhling zu haben! 



228 



Als ich das Gedicht geschrieben hatte, fiel mir nun die 
undenkbare Moglichkeit ein, dafi diese letzte Strophe 
die erste ware, namlich so: 

Da schon die Blatter falb, 
soil es mich laben, 
innen und aufkrhalb 
Fruhling zu haben. 

Dann hatte sie zwar annahernd denselben Wortlaut, 
aber einen ganz anderen Gefiihlslaut. Dann ware nicht 
Hast und Trotz, sondern der Alterswunsch gefuhlt, dafi 
mich etwas »laben« moge, ganz so gemachlich und 
behaglich, wie es den jungen Prager labt, den Schlafrock 
des alten Weimaraners anzutun. Ich habe Zeugen fur 
das nach alien Seiten grausame Sprachexperiment, das 
ich damals machte und durch welches ich dartun wollte, 
dafi meine Zeilen von Werfel sein konnten, wenn sie 
dann nicht eben von Goethe waren. Denn mir war der 
Rhythmus des Werfelschen Gedichts so gut im Ohr wie 
ihm selbst, aber der meine safi mir tiefer und er war 
durch den Gleichklang mit solchem Original nicht um- 
zubringen. Die Nachbildung des Nachbildners war erst 
durch jene Umstellung erreicht, die so recht den ange- 
mafiten Gefiihlshabitus bezeichnet. Ich erkannte die 
Moglichkeit, dafi ich meine Strophe nur versetzen 
miifite, damit sie von einem andern ware, wahrend die 
seinige, wo immer sie stehen mag, von einem andern ist. 
Aber was weifi die Literatur vom Wort! Ich konnte 
hundert Hefte mit diesen Erorterungen fiillen, und 
wurde das Gefiihl fur deren Inhalt dennoch um keinen 
Zoll weiter gebracht haben. Denn nichts ist schwerer, 
als sich iiber die Sprache mit Leuten zu verstandigen, 
die sie sprechen oder gar schreiben. 



229 



Sprachlehre 

Mai 1927 
Zweifel des Lesers 

Weit entfernt von der Ansicht, dafi einem Aufsatz iiber Kon- 
junktive, Pronomina, Tempora, Kasus und dergleichen eine ange- 
regte Unterhaltung nicht abzugewinnen ware, wenn namlich der 
Aufsatz von K. K. 1st und man das Wort »Unterhaltung« in einem 
etwas edleren als dem landlaufigen Sinne gebraucht, glaube ich 
vielmehr, kaum je ein belletristisches oder polemisches Werk ange- 
regter, ja gespannter gelesen zu haben als diesen Aufsatz. In dem 
Satz nun auf Seite 79 des letzten Heftes, in dem jene Warming an 
den auf stoffliche Unterhaltung erpichten Horer enthalten ist, stent 
ein Konjunktiv imperfecti, den ich vorhin zu brauchen mir er- 
laubte, well ich eben der Ansicht bin, daft dem Aufsatz eine ange- 
regte Unterhaltung abzugewinnen ist, der mir aber im Original 
von der Lehre des Aufsatzes abzuweichen scheint, da dort doch wohl 
dem Horer ohne den Ausdruck eines Zweifels mitgeteilt werden 
soil, dem Aufsatz sei eine angeregte Unterhaltung nicht abzu- 
gewinnen. Liegt nun bei der Programmnotiz eine besondere stili- 
stische Absicht vor, die mir entgangen ist, oder habe ich den Auf- 
satz »Zur Sprachlehre« ohne Erfolg gelesen? 

Fur die Beantwortung der eben gestellten Frage wiirde ich 
ebenso dankbar sein 

(besser : »ware ich ebenso dankbar« ) 

wie fur die der folgenden: Auf Seite 38 der Nr. 751 — 756 findet 
sich in der letzten Zeile der Passus ». . . was so viel bedeutet als . . .«. 
Da man mich nun einerseits schon in der Schule lehrte, die Kon- 
junktion »als« stehe in ihrer vergleichenden Bedeutung nur nach 
Komparativen und nach dem Wort »anders« und seinen Ableitun- 
gen, andererseits aber mein Sprachgefuhl sich gegen die oben zitierte 
Wendung nicht im mirrdesten straubt, zweifle ich, ob jene Schul- 
regel iiberhaupt richtig ist. Oder stent das »als« an der zitierten 



230 



Stelle nur deshalb, weil ein »wie« statt seiner dort klanglich sehr 
hafilich sein wurde? 

(besser: »hafilich ware«) 

Zum Schlufi mochte ich noch eine Frage vorbringen: 1st 
nicht der an sich unrichtige Wustmannsche Satz »es ist nicht anzu- 
nehmen, dafi sie den Indikativ hatten gebrauchen wollen« in der 
Zitierung S. 52 Z. 15 des Februar-Heftes durch die vom Zitieren- 
den vorgenommene Umwandlung des »ist« in »sei« wieder richtig 
geworden? Ist also nicht der von Wustmann falsch geschriebene 
Satz durch die Zitierung in indirekter Rede schon so weit korrigiert 
worden, dafi man, um seine Unrichtigkeit zu erkennen, auf daa 
wortliche Zitat Z. 7 derselben Seite zuruckgreifen mufi? 

Ob ich Herrn Karl Kraus die Beantwortung meiner Fragen 
zumuten kann, weifi ich nicht. Dafi ich ihm die vollendetste und 
fur mich genufireichste Klarung meiner Zweifel zutraue, brauche 
ich nicht zu versichern. 

Schon diese richtige Anwendung von »zumuten« und 
»zutrauen«, die kein Wiener Journalist je lernen wird, 
hat eine Antwort verdient; 

14. Marz 1927. 
Wir danken Ihnen, auch im Namen des Herausgebers der 
Fackel, fur die so freundliche Ansicht Ihres Schreibens wie auch 
fur die durchaus anerkennenswerte Absicht, eine Klarung Hirer 
Zweifel zu erlangen. Sie miissen sich aber, aus gewifi begreif- 
lichen GrQnden, mit der Versicherung begniigen, dafi diese Zweifel 
sachlich nicht begrundet sind. Wenn es die Arbeit gestattet und 
ermoglicht, wird ja wohl manches, wie etwa der Fall »als und 
wie«, publizistisch behandelt werden konnen. Immerhin mochten 
wir Ihnen sagen, dafi Sie in dem Satz, der in jener »Warming<c 
steht, den rein konditionalen Charakter des Konjunktivs iiber- 
sehen haben. (Es ist ja doch eben eine Warming an solche, die 
dergleichen nicht vertragen und fur die es nicht unterhaltend 
ware, wenn sie dablieben. Auch ohne »dafi« ware der 
Konjunktiv hier richtig.) Der Wustmann'sche Satz jedoch ist 
durch die indirekte Art der Zitierung keineswegs richtiger ge- 
worden, ganz abgesehen davon, dafi der F e h 1 e r, auf den das 
Zitat hinweist, durch die Sperrung des Wortes hinreichenci 
anschaulich wird. 



231 



Mai 1927 
AIs und wie 

Dem »als« an jener Stelle folgt ein Doppelpunkt; 

ich mute ihnen zu . . was so viel bedeutet als: ich verlange von; 
ihnen 

Diese Setzung schon, die ein Wagen und Messen beinahe 
graphisch anschaulich macht, konnte den Unterschied 
effassen lehren. Wenn er in der Schule.so gelehrt wird, 
dafi »als« »nur nach Komparativen und nach dem Wort 
? anders 5 und seinen Ableitungen« zu stehen komme, so 
wird er falsch gelehrt. Richtig ist, dafi in solchen Fallen 
nicht »wie« gebraucht werden kann, »als« jedoch kann 
auch sonst gebraucht werden. Falsch ist es, zu schrei- 
ben, dafi ein Ding besser oder anders ist »wie« ein ande- 
res (wiewohl auch Klassiker manchmal nicht besser als 
so schreiben und Journalisten nicht anders »wie« so 
schreiben konnen.) Aber »als« , das einen grofieren Gel- 
tungsbereich hat als »wie«, wird auch in der positiven 
Fugung oder scheinbaren Gleichstellung der vergliche- 
nen Begriffe gebraucht werden konnen. In dem zitierten 
Fall ist es dem »wie« vorzuziehen. Gerade an diesem 
Beispiel lielSe sich der Bedeutungsunterschied auch dann 
vorstellen, wenn nicht der Doppelpunkt die Prozedur 
sinnfallig machte, die zum Ausdruck gelangen soil. 
Gewifi, wenn ich zwei begrifflich analoge Quantitaten 
verbinden will, so werde ich sie durch »wie« verbinden. 
Ich will ihre Gleichheit durch den Vergleich darstellen ; 
ein Gegehstand wiegt so viel »wie« ein anderer. Wenn 
ich aber einen Gegenstand wagen will, so wird er so viel 
»als« einen Zentner wiegen. Der Wiener Dialekt trifft 
hier den Unterschied ganz richtig: »Das macht so viel 

als wie «, wahrend er sagt, dafi ein Ding »so vie] 

wie« ein anderes wiegt. Der Vergleich als solcher ist 
durch »wie«, das Moment des Mafies durch »als« be- 
zeichnet. »Zumuten« , hiefi es, » bedeutet so viel als : ver- 
langen«. Aber bei den Journalisten bedeutet Zumuten 



232 



so viel »wie« Zutrauen. In jenem Fall sage ich, wases 
bedeutet. In diesem: dafi eines so viel wie das 
andere bedeutet; dafi die Bedeutungen verwechselt 
werden. (Es ist gehupft »wie« gesprungen. Oder, urn in 
der Sphare zu bleiben: gedruckt »wie« gelogen.) An 
jener Stelle unterstutzt der Doppelpunkt plastisch den 
Ausdruck der Messung. Die »klangliche Hafilichkeit« 
des »wie«, von der der Anfragende spricht, hat einen 
inneren Grund. Man konnte es dort nicht anwenden, es 
ware ein anderer Gedanke, namlich der; dafi icb zwei 
bereits gemessene und gleich befundene Quantitaten 
miteinander verbinden, nicht: dafi ich Mafi oder Ge- 
wicht einer Quantitat erst bestimmen will. Eine Sache 
bedeutet so viel »wie« eine andere Sache = sie bedeutet 
so viel, wie die andere bedeutet; beide bedeuten gleich 
viel. (Bezogen auf ein Tertium, mit dem beide ver- 
glichen gedacht werden.) Eine Sache bedeutet so viel 
»als« eine andere = sie bedeutet so viel als das, was die 
andere ist; sie bedeutet die andere. Dort erfolgt der 
Vergleich zweier Quantitaten, hier der der einen mit 
dem Gewicht. Hier wiirde ich sagen, dafi ich die eine 
»mit der andern vergleiche«, dort, dafi ich sie >>der 
andern« vergleiche (also Dativ ohne Proposition, zur 
Bezeichnung des vorweg Ubereinstimmenden). Der Blei- 
stift wiegt so viel wie der Federhalter (Vergleich), aber: 
der Bleistift wiegt zweimal so viel als der Federhalter 
(Messung). Eine Sache ist so gut »als« moglich: das 
heifit; dafi sie so gut ist, als e s moglich ist. Eine Sache 
ist so gut »wie« moglich: das hiefie, dafi sie so gut ist, 
wie sie moglich ist, ebenso gut wie moglich, in dem- 
selben bereits gegebenen Mafie, oder gut und moglich 
zugleich. 

Mai 1927 
Aus oder von 

Wann schliefie ich »aus« und warm »von« etwas 
auf etwas anderes ? Wenn das, worauf ich schliefien will, 
mich erst zu der Untersuchung dessen veranlafit, woraus 



233 



ich schliefien will (erst das Eingehen auf dieses be- 
wirkt), so schliefie ich »aus« diesem. Wenn aber dieses 
in seiner Erscheinung schon die Griinde enthalt und 
offenbart, aus denen ich schliefie, so schliefie ich »von« 
ihm. Mithin schliefie ich »daraus«, dafi du gestern nicht 
gekommen bist, darauf, dafi du krank bist; denn du 
kommst fast taglich und dein Nichtkommen lafit mich 
jenen Grund erschliefien. Du konntest mich aber be- 
lehren, dafi solcher Schlufi ein falscher sei und nur auf 
mich selbst zutreffen konnte, der ausnahmslos taglich 
kommt und dessen Ausbleiben allerdings nur durch 
Krankheit zu erklaren ware: dafi ich mithin nicht »von« 
meinem Verhalten auf das eines andern schliefien 
diirfe. Man konnte also auch sagen, dafi »von« den Ver- 
gleich zweier analoger begrifflicher Materien (Ich und 
Du) ausdriickt, den Weg von der einen zu der andern 
bezeichnet, »aus« jedoch die Beziehung des Grundes 
einer Handlung zu der andern Handlung als solcher, 
Wenn ich »von« einer friiheren gerichtlichen Entschei- 
dung auf eine andere schliefie, so vergleiche ich die 
beiden miteinander, obschon sie auf verschiedenen Um- 
standen beruhen mogen. Dagegen werde ich, bei gleich- 
gearteten Umstanden, eher »aus« einer friiheren Ent- 
scheidung auf eine zu erwartende schliefien. Jenes reicht 
von der einen Tatsache zur andern, dieses vom Grund 
der einen zur andern. Ursprunglich wird man wohl nur 
»aus« etwas schliefien gekonnt, namlich aus einer ge- 
gebenen Wahrheit eine Erkenntnis gezogen haben. Das 
»von«, in welchem die Erscheinung angesehen wird, 
diirftc ein Hinzugekommenes sein, wird aber dem 
Denkprozefi durchaus gerecht. Du darfst nicht aus dem 
Grunde deines Handelns auf das meine = von deinem 
auf meines schliefien. 

Juni 1921 
Nicht einmal! 

Es ware dem Menschen geholfen, konnte man ihm, 
wenn schon nicht das Auge fur die fremde Schrift, 



234 



wenigstens das Ohr fur die eigene Sprache offhen und 
ihn wieder die Bedeutungen erleben lassen, die er ohne 
es zu wisseri taglich zum Munde fiihrt. Ihn die Ver- 
lebendigung der Redensarten lehren, die Auffrischung 
der Floskeln des taglichen Umgangs, die Agnoszierung 
des Nichtssagenden, das einmal etwas gesagt hat. Wer 
weifi, ob nicht der blinde Entschlufi, kiinftig nur mehr 
dazu Zeit zu haben, wozu man keine Zeit hat, und alles 
was bisher fiir niitzlich und notwendig gait, zu ver- 
saumen, ob nicht die Zukehrung zu den geistigen Roh- 
stoffen ihm die Sorge fur die wirtschaftlichen ersparte, 
Je naher dem Ursprung, desto weiter vom Krieg. Wenn 
die Menschheit keine Phrasen hatte, brauchte sie keine 
Waffen. Man mufi damit anfangen, sich sprechen zu 
horen, daruber nachdenken, und alles Verlorene wird 
sich finden. Was das Lesen betrifft, so ist es zunachst 
gar nicht notwendig, sich von den Zeitungen, die uns 
den Weg zur Sprache wie zu aller Natur verrammeln, 
zu trennen. Im Gegenteil wird es niitzlicher sein, sie 
lesend zu durchschauen, und besser, eine Zeile des Leit- 
artikels scharf ins Auge zu fassen, als von einem Vers 
der Iphigenie die schone Ansicht abzunehmen. So ist 
es auch forderlicher, beim Sprechen nicht vorweg auf 
das bessere Sprechen zu achten. sondern das was man 
gesprochen hat, auf die Wurzel des Gedankens zuriick- 
zufuhren. Eines von hundert Beispielen, uber die man 
nachdenken kann, ist in folgendem Fall gegeben. Eine 
Frau, die besser spricht als man hierorts gewohnt ist, 
wird verlacht, weil sie auf die Frage, ob sie miide sei, 
die Antwort gibt: »Nicht einmal«. Sie denkt iiber die 
Wirkung und iiber die Wendung nach. findet, dafi diese 
entsprechend sei, ohne auf den Grund ihrer Richtigkeit 
zu kommen. Ich rekonstruiere die Situation, in der die 
Wendung starthaben konnte. Sie stellt eine Ellipse vor, 
die in sich durchaus moglich und ublich ist und nur 
komisch wirken kann, wenn der Horer an dem Erlebnis, 
das ihr zugrunde liegt, unbeteiligt ist oder es vergessen 
hat. Sie beruht auf der Pramisse einer Erwartung, die 



235 



nicht eingetreten ist. Zwei machen einen Spaziergang; 
der eine hat geglaubt, dafi seine Krafte nicht zureichen 
werden. Auf die Frage, ob er mude sei, antwoftet er; 
Nicht einmal [das, was man dooh — oder mindestens 
— erwartet hatte: dafi er ermiiden, geschweige denn 
etwa, dafi er versagen werde, ist eingetreten]. Jede 
Gedankenlosigkeit, die man spricht, war einmal ein 
Gedanke. Wenn man sich nur besinnt und sich fragt, 
ob das Gesprochene dumm sei, wird man schon wissen, 
was »Nicht einmak bedeutet. 

Mai 1927 
Zwei, deren Ansichten auseinandergehen 

Ein menschlich gesinnter Schriftsteller gibt eine 
Zeitschrift heraus, was einen gleichnamigen, deutsch 
gesinnten Schriftsteller zu der Erklarung bestimmt, dafi 
er mit jenem nicht zu verwechseln sei, auch gehe seine 
»Ansicht uber die nationale Frage«, 

trotz mancher Ubereinstimmung in anderen Dingen, von der 
seinen weit auseinander. 

Dafi also der deutsch gesinnte Schriftsteller, wie es sich 
gehort, nicht deutsch kann, ist nicht zu bezweifeln. Was 
nun den menschlich gesinnten Namensbruder anlangt, 
so sucht er es ihm auf eine Art zu beweisen, die, gleich 
allem was er schreibt, die redlichste Absicht dartut, 
aber auch wie recht er hat, seinen Widersachern, tdie 
ihm Nachahmung der Fackel vorwerfen, zu antworten, 
dafi diese unnachahmlich sei. Vorerst verwahrt er sich 
dagegen, dafi er »Ansichten zu einer Frage habe«, denn 
es gebe nur ^Antworten auf eine Frage«. Aber der 
andere hat von einer » Ansicht li b e r die nationale 
Frage« gesprochen, die man wohl haben kann, da diese 
Frage nicht zu solchen Fragen gehort, die beantwortet 
werden, sondern etwas Fragliches, eine Streitfrage, ein 
Problem bedeutet, das hoffentlich einmal gelost werden 
wird und z u dem man sich sogar mit der Ansicht stellen 
konnte, dafi es endlich einmal an der Zeit ware, die 



236 



Menschheit davon zu erlosen. Mit diesem Versuch, die 
deutschnationale Gesinnung sprachkritisch zu entwer- 
ten, ist's also nichts. Dagegen kompromittiert sie sicb 
gewifi durch die Erklarung, dafi ihre Ansicht uber die 
nationale Frage »von« der des Namensbruders »weit 
auseinandergeht« . Das empfindet auch dieser, hat aber 
leider den folgenden Plan, die Sache in Ordnung zu 
bringen : 

Und a u fie r dem kann man nur mit jemandem auseinandergehen. 
Wer von etwas auseinandergeht, der explodiert Es ist eben eine alte 
Erfahrung: Deutsch denken und Deutsch konnen ist zweierlei. 

Ganz richtig. Diese beiden Fahigkeiten gehen ausein- 
ander. Dagegen geht auch der, der explodiert, nicht von 
etwas auseinander. Ferner kann man nicht mit jeman- 
dem auseinandergehen, weil solches hiefie, dafi man 
selbst darin mit ihm iiberein ist, also gerade im Explo- 
dieren. Dem deutsch gesinnten Schriftsteller ware wohj 
nichts iibrig geblieben als zu erklaren, dafi seine An- 
sicht uber die nationale Frage und die seines mensch- 
lich gesinnten Namensbruders weit auseinander gehen. 
Was diesen betrifft, so hat er recht, sich solche Tren- 
nung gefallen zu lass en, und wenngleich er es beschei- 
den ablehnt, der Nachahmer eines »Dornes in den Augen 
der Menschheit« zu sein, so leistet er doch genug, wenn 
er, obschon in grauem Umschlag, als das rote Tuch fur 
die steirische wirkt. 

Mai 1927 
»Verbieten« und >verbitten« 

Els geht und geht halt nicht. Da rufen einander 
— nach einer Zeitung und dennoch glaubhaft — zwei 
Anwalte zu: 

»Ich verbiete mir eine solche Aufierung!« »Sie haben mir 
gar nichts zu verbietcn I« 

Das ist fast von Nestroy, wurde jedoch von dem Ge- 
richtssaalmann einer andern Redaktion, in der die 



V 



237 



»Sprachlehre« Unruhe hervorgerufen hat, wie folgt 
geandert : 

»Ich verbitte mir eine solche AufierungU »Sie haben mir 
gar nichts zu verbietenU 

Eine halbe Sache, der zweite hatte dann sagen miissen : 
»Sie haben sich gar nichts zu verbitten!« Ein unver- 
wustlicher Schmock erkannte, dafi da ein Problem sei, 
entschied aber so: 

Wie lange ist es her . . dafi man uberhaupt wegen der »ernsten 
Zeit« jedes Vergnugen verbal 

Ja, wenn man das Reden und das Schreiben durch Ver- 
bitten nnterdriicken konnte, war's auch schon ein T£r- 
folg. Ich bete, dafi es besser werde, ich bitte inn Gehor 
und biete einen Rat : zu unterscheiden und entsprechend 
abzuwandeln: bat, betete, bot; gebeten, gebetet, gebo- 
ten. Leicht ist's ja nicht, aber es wird sich lohnen. 

Mai 1927/Dezember 1925 
Zuzumuten und zuzutrauen 

ist ihnen nach wie vor nicht, dafi sie auch diesen Unter- 
schied erfassen. Da soil ein bekannter Individualpsycho- 
loge (der etwas viel Gemeinschaftsgefuhl durch Inter- 
views bekundet) geaufiert haben: 

Wir Wiener stehen in gutem Ruf , weil man uns zumutet, daU 
wir neidlos und mit freundlicher Anerkennung das Gute schatzen, 
•wo immer wir es finden. 

Da sieht man wirklich, wie beliebt wir Wiener sindr 
man verlangt von uns, dafi wir das Gute schatzen, 
und bevor wir dieses Verlangen noch erfullt haben, 
stehen wir schon in gutem Ruf. 



Ein lehrreiches Beispiel — aus der Fulle dessen, 
was das Kommiswelsch jedes ,Tages' und jeder ,Stunde' 
bietet — ist die Wendung eines Brillantenschmocks, die 



238 



Presse mute den Richtern nicht Ungerechtigkeit oder 
dergleichen z u. Wie sollte sie ? Es hiefie ja, sie ver- 
lange von ihnen nicht Ungerechtigkeit. Nun kann es 
allerdings auch eine Lage geben, in der man versichern 
mag, dafi man einem Richter so etwas nicht zumute. 
Namlich vor einer Entscheidung : wenn man etwa, 
seinen gerechten Anspruch verteidigend, sagen wollte, 
damit, also mit dem Urteil, das man durchsetzen 
mochte, mute man ihm keine Ungerechtigkeit zu. Wenn 
man jedoch sagen will, dafi man mn nicht fiir ungerecht, 
ihn keiner Ungerechtigkeit fiir fahig halte, so mufi man 
natiirlich sagen, man t r a u e ihm keine Ungerechtigkeit 
zu. Zugemutet wird die Leistung, zugetraut die 
Fahigkeit zu ihr. (»Ich mute dir zu, etwas zu tun, 
denn ich traue dir zu, dafi du es tun kannst.« Richtig 
auch: »Ich traue dir zu, dafi du etwas getan hast«, 
namlich: weil du es kannst. Die populare Unterschei- 
dung ist die ausschliefiliche zwischen einem Positiven, 
das in »zutrauen« , und einem Negativen, das in 
»zumuten« "begriffen wird. Jenes hat jedoch nichts 
mit dem Zutrauen, dem Vertrauen zu tun, blofi mit 
einem Glauben. Das andere ist ein Anmuten, ein Be- 
gehren, welchen Grades immer, wenngleich es zumeist 
etwas Minushaftes zum Objekt haben wird. Hier geht es 
vun die Handlung, dort tun die Tauglichkeit.) Aber die 
Journalisten werden alte Journalisten werden, bis sie 
diesen Unterschied erfassen, und selbst dann besteht 
keine Hpffnung. Denn sie werden immer die »Zumu- 
tiuig« abweisen, dafi sie nicht deutsch schreiben, wie- 
wohl man es von ihnen zwar nicht verlangt, sondern 
ihnen blofi zutraut. 

Mai 1927 
Es trog! 

Unsicher sind sie auch mit »trog« von triigen und 
^trug« von tragen. Da die Handlung in jenem Fall ein 
Betrug ist, der aber auch ein Ertragnis bringt, so machen 
sie es so: 



239 



Da verschwand sie aus Meran und kam Ende 1918 iiach 
Innsbruck, wo sie sich als Oberin des Meraner Klosters und als 
Nichte de& Erzbischofs von Miinchen ausgab. Das trug naturlich. 

Also Geld oder Innsbrucker? 

Juli 1931 
Die Rettung 

Der junge Springinsgeld kennt keinen Genitiv, 
denn er ist nicht der Sohn des, sondern von Moriz Bene- 
dikt, Das ware noch richtig, wie ja auch einer dieser 
grafilichen Leitartikel des Ernst Benedikt einer von 
Ernst Benedikt genannt werden kann, da er ja von ihm 
verfafit ist. (Wer vermochte es aufier ihm!) Nun sitzt 
ihm aber das »von« — von der Monarchic her — noch 
so im Gemiite, dafi er es als Zwangshandlung libt. J5s 
geht ihm »um das Schicksal von Deutschland, aber auch 
una das Schicksal von Europa«, er glaubt an »die Zu- 
kunft von Osterreich«, oder gar so: 

Hoffen wir, das Ausland werde begreifen, da6 die ,R e 1 1 u n g 
von Osterreich wichtiger ist als alle Haftungen 

Naturlich meint er als Patriot die Rettung Dsterreichs, 
aber als Stilist fuhlt er nicht, dafi er damit dem Aus- 
land die Aufgabe zugewiesen hat, uns, die es Tiier auch 
nach erfolgter Sanierung schwierig finden, von Oster- 
reich zu retten. Denn wenn auch alles Finanzielle in 
Ordnung ware, so bliebe der Zustand doch — und selbst 
wenn der Thoas in puncto Treuherzigkeit nicht mit 
Schober wetteif ern konnte — taurishaft genug und liefie 
nur noch den Wunsch ubrig: 

Und rette mich, die du vom Tod errettet, 
Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode! 

Es geht hier also, wie man sieht, um die Rettung der 
Iphigenie von Tauris, nicht um die Rettung von der 
Iphigenie auf Tauris. Und dort um die Rettung Oster- 
reichs, nicht von Osterreich. Aber man kann lang 5 Leu- 
ten zureden, die nur taurisch verstehn! 



240 



September 1930 
Einer der besten Titel 

die er je gesetzt hat: 

Geruchte fiber e i n e n Tod Schmelings. 

Hier hat die judische Zunge instinktiv, mit halbem Be- 
wufitsein um ein Problem der Sprachlehre, die Klippe 
gefuhlt in den Geriichten »iiber den Tod Schmelings« : 
da ware er namlich tot gewesen und an den Tod hatten 
sich iiberdies noch Geruchte gekniipft. Wie druckt man 
das also aus? »Geriichte von Schmelings Tod« : darauf 
verfallt doch ein Prefimensch nicht (dessen typische 
Wendung der Tod »von Schmeling« ware). Aber er 
fuhlt, wenngleich das »iiber« falsch ist, ganz richtig, 
dafi das Geriichthafte im unbestimmten Artikel zum 
Ausdruck gelangen konnte: »Woruber wird geredt?« 
(Achselzuckend) »Etwas iiber einen Tod von Schme- 
ling« .Das wollte er zum Ausdruck bringen ! 

September 1930 
Auf » Faust* hat er's abgesekn! 

Unvergefilich, wie er zitiert hat : 

so wie im »Faust« der junge Euphorion noch aus dem Abgrund die 
Mutter zu sich ruft: »Lasse mich im Totenreiche 
nicht allein!« 

So ein verliebter Tor verpufft euch Sonne, Mond und 
alle Sterne zum Zeitvertreib dem Liebchen in die Luft ? 
Keine Rede! Wie aber wiirde ein normales Gehirn, das 
die Verse nicht bewahrt hat und dessen Inhaber nicht 
Zeit hat, nachzusehen, gleichwohl jedoch frech genug 
ist sie anzuwenden, hier funktionieren ? Etwa : Mephisto 
sagt, dafi ein Verliebter Schindluder mit Sonne, Mond 
und Sternen treibt? Solches Treiben ware aufierste Ehr- 
erbietung vor der Schopfung gegeniiber dem Schind- 
luder, das in der folgenden Leitartikelstelle getrieben 
wird, deren jiidischer Tonfall kaum iibertroffen werden 



241 



konnte. Von der Heimwehr, die ihren Kampf in da? 
Heer, die Polizei und das Gendarmeriekorps hineintra- 
gen wollte, sagt er: 

Welche Verwegenheit und welche Verachtung fur die leiten- 
den Manner des Staates ! Es heifit im » Fa List « beilaufig: So 
ein verliebter Tor verschwendet Sonne, Mond und Sterne 
zugunsten der Geliebten. 

»Beilaufig« ist gut. Im Faust I ist zwar manches bei- 
laufig gesagt, aber gerade dieser Vers nicht. Er meinte, 
da er beilaufig zitierte^ naturlich: ungefahr. Aber wel- 
ches Gut von Sprache, Gedicht und Gedanken mochte 
so ein verschmockter Redaktor nicht verschwenden 
zugunsten der Zeitung ! 



242 



August 1929 



Die Neue Freie Presse erteilt Sprachlehre 

Es war nicht notwendig, dafi der deutschen 
Sprache zu dem Schaden, den sie durch die Journalistik 
erleidet, noch deren Spott zugefiigt wird. So unwahr- 
scheinlich es 1st, es hat sich begeben: die Neue Freie 
Presse erteilt Sprachlehre! Sie hat zu den Methoden, 
ihre liber die ganze Welt zerstreuten Leser noch mehr 
zu zerstreuen — sie sind nicht mehr so zahlreich wie der 
Sand am Meere — , eine neue ersonnen und fiihrt ge- 
wissenhaft eine Rubrik »25 Fragen«, auf die sie selbst 
trotz deren Albernheit ebenso viele Antworten gibt, 
nachdem sie ihr die Leser offenbar schuldig geblieben 
sind. Raffiniert Einfaltigeres als diese Fragen, deren 
wohlberechnete Anzahl schon die entsprechende Ant- 
wort in totum nahelegt, ware kaum auszusinnen. 

25. Wie lautet das deutsche Wort fur Planeten? 

Die Losung des Rebus diirfte dem Leser wohl so leicht 
gelingen wie dem Fragesteller, den ein Blick ins Fremd- 
worterbuch angeregt hat. An welchem Tage aber Lessing 
gestorben ist, zu fragen, ware doch nur dann spannerid, 
wenn die Neue Freie Presse sicher ware, dafi kein Leser 
im Brockhaus nachschlagt, sondern zu raten beginnt. 
Komplizierter ist es ja mit Anton Bruckner. Wann er 
geboren wurde, ware gewifi nicht allzu schwer festzu- 
stellen, eine Schwierigkeit entsteht aber dadurch, dafi 
erst viel spater gefragt wird, wann er gestorben ist, so 
dafi man also doppelte Arbeit hat und dazu den Ver- 
dacht, die Neue Freie Presse wolle ihre Leser nicht nur 



243 



zerstreuen, sondern auch foppen. Wenn sie nun fragt, 
wie viel Akte der »Biberpelz« hat, so konnte es ja vor- 
kommen, dafi einer das zufallig weifi, aber so ein Stre- 
ber wird er doch wohl nicht sein, mit einem Wissen zu 
prunken, das er sich durch telephonische Erkundigung 
bei seinem Buchhandler verschaffen konnte. Eine Frage 
mufite doch entweder an ein Wissen riihren, das auch 
durch kein Nachschlagewerk so leicht zu erlangen ist, 
oder jenseits des Wissens etwas problematisches be- 
treffen. (Da kame die Zahl der Akte eines Dramas 
hochstens bei den »Unuberwindlichen« in Betracht, die, 
je nach Castiglionis Verfugung, bekanntlich sowohl vier 
als drei Akte haben konnen.) Die Bildung, die ermuntert 
wird, mufi sich schon selbst strapazieren. So kann also 
vielleicht gefragt werden, »welcher Dichter den Pho- 
nographen vorausgeahnt« habe — immerhin eine 
Schmockerei, weil's nur der weifi, der's soeben gelesen 
hat — ; aber zu fragen, an welchem Flufi Lyon liegt, 
ist darum toricht, weil die Frage auch der stellen kann, 
der grade nachgeschaut hat. Fragen nun, die Probleme 
beriihren oder enthalten, waren solche sprachkritischer 
Natur. Aber da wurde sich wohl, glaubt man, die Neue 
Freie Presse hiiten, sich als ein seit siebzig Jahren 
taglich gebranntes Kind noch geflissentlich die Finger 
zu verbrennen? Mit nichten! Sprachlehre, ausgerechnet 
Sprachlehre erteilt die Matrone. Zuerst erschrickt man. 
Aber »wir mochten nicht« (wie der sachte Leitartikler 
sagt) gleich mit der vollen Wahrheit herausriicken, 
sondern vorerst den Satz zitieren, mit dem bei taglich 
unvorhergesehenen Elementarereignissen, als da sind 
Garung im Staat, Hader der Parteien, Heimwehr, 
Schneeverwehungen oder Schmonzes schlechtweg, jener 
zu beginnen pflegt: »Das erste Wort gilt der Beruhi- 
gung.« Also: sie hat's vom Wustmann! Gehen wir sanft 
und sammetig wie sie selbst vor, damit sie nicht 
erschrickt. Wie der niederosterreichische Landtag ehe- 
dem auf die Erlegung jeder Kreuzotter ein Sechserl zu 
setzen pflegte, so miifite man es demjenigen offerieren, 



244 



der einen geraden Satz nachwiese, den sie zwischen Leh> 
artikel und Impressum enthalt. (Ohne Gefahr der Ver- 
armung!) Nun, dafi man es bei der Neuen Freien Presse 
auf ihre alten Tage erleben werde, war gewifi nicht zu 
erwarten, aber es hat sich ereignet: sie, die alles kann, 
nur nicht Deutsch, gibt ihren Lesern Sprachunterricht ! 
Nebst anderen sonderbaren Interessen, die sie da hat 
und befriedigt. Wenn sie die Antwort erteilt: 

23. Baldur wurde von seinem blinden Bruder Hodur getotet 

so mag sich dem Leser in die Bewunderung ihres 
Wissens ein leichtes Staunen einschleichen, dafi ihr das 
nicht so stagelgriin aufliegt wie ihm selbst, wahrend er 
bei 

12. Der Tempel zu Jerusalem stand auf dem Berge Moria 

schon eher finden konnte, dafi es in Ordnung geht. 
Doch bei 

19. Die Sarden sind die Einwohner von Sardinian 

diirfte er insofern die Befriedigung empfinden, etwas 
zugelernt zu haben, als er bisher geglaubt hatte, es 
waren die Sardinen. Eine lohnende Frage ware nun 
— fur den ? der blofi die Antwort las — : wie da die 
Frage der Neuen Freien Presse gelautet haben mag. 
Man glaubt vielleicht: »Wie heifien die Einwohner von 
Sardinien?« Nicht doch: »Was sind die Sarden ?« Aber 
wer hatte gezweifelt? Manche Frage regt freilich die 
Phantasie an. Wenn man zum Beispiel erfahrt: 

20. Die Buchstaben K. O. bedeuten Knockout 

so wird man vielleicht auch der Entsprechung inne, dafS 
0. K. Oberkommando bedeutet. Dagegen diirfte man 
bei der Antwort 

18. Ein Meter ist grofter als ein Yard, das etwa 90 Zenti- 
meter mifit 

zu der weiteren Frage geneigt sein, ob es nicht »der« 
heifien soil und ob sie ihn nicht mit dem Meter ver- 
wechselt, der eigentlich sachlichen Geschlechtes ist und 



245 



bei dem sie sich mit dem unbestimmten Artikel aus 
dem Gedrange hilft. 

Was nun die Sprachlehre betrifft, fiir welche ich 
den Leser moglichst lange in Spannung erhalten wollte, 
so hat's die Neue Freie Presse, wie man in Berlin sagt, 
»in sich«. Aber fiir alle Falle hat sie sich doch den Wust- 
mann — der in der Hauptsache mit Recht so heifit — 
vergonnt$ um auch noch seine Mifiverstandnisse mifizu- 
verstehen und sich auf dieser gesicherten Basis mit 
Spracherkenntnissen aufzutun. Der Wustmann ist ein 
iiberaus gewissenhafter Grammatiker, der »AUerhand 
Sprachdummheiten« gesammelt hat, unter denen es ihm 
auch gelungen ist seine eigenen unterzubringen. Ein 
schrulliger Lehrmeister, der die Anweisung gibt, zu 
schreiben, wie man spricht, und dann so ziemlich alles 
zu sprechen verbietet; ein schwarmerischer Pedant, der 
mit einer Fiktion von Sprachreinheit an Stilgestaltung 
beckmessert und dem im Gestrupp der Konjunktivbe- 
griffe, worin er glatt verloren ist, etwa das Folgende 
passiert : 

Andere Verba gibt es, deren Sinn den Konjunktiv im abhangigen 
Behauptungssatz fordert, weil er nur die Ansicht der Aufie- 
rung eines andern als solche wiedergeben kann, etwa 
wahnen: Er wahnt, er sei ein reicher Mann. 

Was ist das: die Ansicht der Aufierung eines andern 
wiedergeben? Kaum durchzudenken; eher: die Aufie- 
rung der Ansicht, aber dann geniigte wohl : die Ansicht 
wiedergeben. (Oder doch: die Ansicht der Aufierung? 
Dann geniigte: die Aufierung wiedergeben.) Wie immer 
dem sein mag, wahrlich ein beweiskraftiges Beispiel, 
worin der Konjunktiv ziemlich unproblematisch durch 
die Umschreibung des »dafi« -Satzes entstanden ist ! 
Dieser Wustmann nun hat die Neue Freie Presse zu der 
Frage verfiihrt: 

7. Welche der folgenden Satzbiidungen »ist richtig; »Er be- 
hauptet, er sei krank«, oder »Er behauptet, er ware krank« ? 

Beide, liebes Kind, je nachdem! Aber sie will offenbar 
keine Frage, sondern eine Falle stellen, und ich weifi 



246 



schon, wo sie hinauswill. Dem Wustmann, der im Gebiet 
des Konjunktivs auffallend tolerant ist und nur gewisse 
Fehler streng vorschreibt, entnimmt die Schakerin die 
folgende Weisung: 

7. Man k a n n ebensogut sagen: »er behauptet, 
er sei krank « wie »er behauptet, er ware krank«. 

Man kann es auch ebenso schlecht sagen. Sie hat es vora 
Wustmann, der sich folgendermafien ausdriickt: 

Es ist ebensogut moglich, zu sagen: er s a g t, er ware krank — 
er sagt, er ware krank gewesen — er sagte, er sei 
krank — er sagt, er sei krank gewesen — er sagte, er 
ware krank — er sagte, er ware krank gewesen. 

Es fehlen noch Varianten. Aber da hat die Neue Freie 
Presse — die »behauptet« sagt, um nicht ganz abzu- 
schreiben — das Problem, das sie so wenig wie der 
Wustmann versteht, besser als er herausgestellt ; denn 
es bleibt von der Zeitform des Hauptsatzes unberiihrt. 
Doch zwischen »sei« und »ware« steckt es, und da ist es 
wohl »moglich«, so und so zu sagen, aber es kommt 
eben darauf an, was richtig ist. Wustmann, in diesem 
Punkt ungeheuer freigebig, fahrt fort: 

In der Schriftsprache ziehen viele in alien Fallen den Konjunktiv 
der Gegenwart als das Feinere vor und uberlassen den Konjunktiv 
der Vergangenheit der Umgangssprache. Venn sich aber jemand in 
alien Fallen 1 i e b e r des Konjunktivs der Vergangenheit be- 
dient, so ist auch dagegen nichts ernstliches 
einzuwenden. Wer vollends durch die Verwirrung der Tem- 
pora in seinem Sprachgefiihl verletzt wird, wem 
es Bediirfnis ist, eine ordentliche consecutio temporum 
zu beobachten, den hindert nichts, das auch jetzt noch zq 
tun. Damit wird er freilich nichts erreichen. 

Was sollte er denn erreichen? Hier scheint Wustmann, 
dessen Sprachgefiihl sonst grundsatzlich verletzt ist und 
der eine Korrektheit erreichen mochte, die der Sprache 
den Atem nimmt — hier scheint er f ormlich auf die 
Geringfugigkeit solcher »Sorgen« innerhalb der Welt- 
handel hinzuweisen. Aber der Unterschied zwischen »er 
sagt, er sei krank« und »er sagt, er ware krank« liegt 



247 



so auf der flachen Hand, dafi ihn die Neue Freie Presse, 
die ja alles »ebenso gut« sagen kann, mit Kennerblick 
als nichtvorhanden herausarbeitet. Sie weifi zwar 
nebenher : 

14. Wallenstein hiefi mit seinem Vornamen Albrecht. 

Das ist aber beiweitem nicht so wichtig wie der Kon- 
junktiv, der im »Wallenstein« vorkommt und der zur 
Klarmachung jenes Unterschieds von dem oft Bescheid 
wissenden Sanders zitiert wird: 

Mir meldet er aus Linz, er 1 a g e krank; 

Doch hab' ich sichre Nachricht, dafi er sich 

Zu Frauenberg versteckt beim Graf en Gallas. 

Hier wird, »dnrch Modus und Tempus bezeichnet«, der 
Unterschied zwischen dem, was unglaubwiirdig ist, und 
dem, was gewufit wird, einleuchtend. (Wozu nebenbei 
sowohl dem vorschreibenden Wustmann wie der ab- 
schreibenden Neuen Freien Presse zu sagen ware, dafi 
»er sagt, er s e i krank« an und fur sich natiirlich kein 
Beispiel fiir die Anwendbarkeit des Konjunktivs ist, 
weil dieser hier blofi durch die Umschreibung des »dafi« 
zustande kommt.) 

Aber die Neue Freie Presse nascht weiter. Wust- 
mann bietet: 

Bei den Hilf szeitwortern konnen, mogeni, diirfen, wollen, 
soil en und muss en, und bei einer Reihe andrer Zeitworter, 
die ebenfalls mit dem Infinitiv verbunden werden, wie heifiien,' 
lehren, lernen, helfen, lassen (lassen in den Bedeutun- 
gen: befehlen und erlauben), machen, sehen, horen und 
brauchen (brauchen im Sinne von mxissen und diirfen), ist schon 
in f ruher Zeit das Partizipium der Vergangenheit, namentliich 
wenn es vor dem abhangigen Infinitiv stand (der Rat 

hat ihn geheiften gehen), durch die Infinitivform ersetzt worden 

Schliefilich drang an Stelle des Partizips der Infinitiv vollstiindig 
durch, besonders dann, wenn der abhangige Infinitiv unmittel- 
bar davor stand 

(namentlich bei dieser und besonders bei der verkehrten 
Stellung — hier stimmt schon etwas nicht in der 
Entwicklung) 



248 



und so sagte man nun allgemein: ich habe ihn gehen heifien, ich 
habe ihn tragen mussen, ich habe ihn kommen lassen, ich habe ihn 
laufen sehen, ich habe ihn rufen horen, er hat viel von sich reden 
machen . , du hattest nicht zu warten brauchen. (Bei »brauchen« 
darf naturlich »zu« beim Infinitiv nicht fehlen.) 

(Diesen Zusatz allein sollte die Neue Freie Presse ad 
notam nehmen, hauptsachlich fur den Salten, der imraer 
»daran« vergifit und glaubt, dafi man »zu« niclit setzen 
braucht.) Wustmann meint nun des weiteren, nur diese 
Form sei heute richtig, und empf iehlt sogar : 

wix hatten diese Schuld . . auf uns lasten fuhlen 

Aber ich hatte sie auf mir lasten gefiihlt, wenn ich je 
so geschrieben hatte. Was Wustmann vorschreibt, 
stimnit fiir die reinen Hilfszeitworter (wie »konnen«, 
»lassen«), keineswegs jedoch fiir die »andern Zeit- 
worter« wie »horen«, »sehen« und »machen«. Selbst bei 
jenen, gewifi aber bei diesen wird die stilistische Not- 
wendigkeit den Gebrauch bestimmen, Es wird schon ein 
Unterschied sein zwischen »Er hat viel von sich reden 
machen« und »Er hat viel von sich reden gemacht«, 
manchmal ein so grofier wie zum Beispiel zwischen 
meiner Wirksamkeit und der eines Pen-Prasidenten. 
Aber »Horen« und »Sehen« vergeht einem vor dem 
Diktat, mit dem iiber diese »Hilfszeitworter« verfiigt 
wird. Wustmann betitelt das Kapitel »Singen gehort oder 
Singen horen?« Naturlich beides, je nachdem! Etwa: icb 
habe jemand zuerst etwas sagen horen, dann etwas 
singen horen (nicht gerade den Walter von der Vogel- 
weide). Wenn ich aber in die Oper ginge, so hatte ich 
es mir selbst zuzuschreiben, denn ich hatte Herrn 
Piccaver den Lohengrin singen gehort. Ins Theater 
nimmt man kein Hilf szeitwort mit, sondern einen Opern- 
gucker, denn da kommt es aufs Sehen an; ich hatte 
Herrn Reimers so gern den Lear spielen g e s e h e n, aber 
er tut's nicht mehr. Diese Form schliefit meine eigene, 
willentlich gesetzte Handlung ein (ich unterwurfe mich 
ihr), eine Wahrnehmung mit Absicht, nicht blofi mit 
Bewufitsein. Das Wahrnehmen ist hier betonter als das 



249 



Wahrgenommene. Ich habe die Neue Freie Presse in 
sprachlicher Gegend oft und oft straucheln sehen; 
ohne dafi ich besonders hinsah, ich kam halt so dazu, 
(Gleichwohl ware selbst hier die Partizipform nicht 
unrichtig.) Doch als ich sah, wie sie Sprachlehre erteilte, 
da habe ich aufgepafit und habe sie hineintolpeln ge- 
sehen; die Kontrolle war meine Absicht, das Sehen 
meine Handlung. Denn sie hat wahrlich die Kiihnheit, 
zu fragen: 

6. Warum ist es falsch zu sagen : »Herr M. hat vie] 
von sich reden gemacht« ? 

Aber es ist gar nicht falsch. (Wenn sie vielleicht Herrn 
Moissi meint.) Nur die Antwort ist falsch. Die Sprach- 
lehrerin schreibt den Wustmann folgendermafien ab, 
hort hort, seht seht: 

6. Es ist falsch, zu sagen: Herr M. hat viel von 
sich reden gemacht, weil Zeitworter, die wie »machen« mit 
dem Infinitiv verbunden sind, ihr Partizipium der 
Vergangenheit, namentlich wenn es h i n t e r dem abhan- 
gigen Infinitiv stent 

(sie hat bereits die erste der Wustmannschen Stellungs- 
vorschriften umgedreht) 

diesem angleichen. Man sagt also richtig: Herr M. hat viel von sich 
reden machen, ebenso wie es heifien m u 6 : » Wir 
haben ihn kommen lassen, singen horen, laufen sehen. « 

Also doch Moissi; da klart sichs in beiden Richtungen 3 
beides ist richtig: ich habe ihn den Hamlet spielen 
gesehen, da hab ich ihn singen horen. Dafi aber 
»machen« platterdings »mit dem Infinitiv verbunden« 
ist, ist eine Pointe fiir sich. Jene hat sich, wie man sieht, 
die Arbeit leicht gemacht: sie hat das Wustmann'sche 
Verfahren wesentlich vereinfacht und seine Vorschrift 
noch apodiktischer wirken machen, aber sie hat uns 
dafiir glauben g e m a c h t, es sei von ihr. ( »Etwas lauten 
g e h 6 r t oder lauten h 6 r e n ?« Hier bleibt das Problem 
offen. Vielleicht doch »gehort« : mit dem Willen zum 
Wustmann, nur^ohne Verstand.^ Nun mochte ich ihr zur 



250 



Sanierung ihrer Administration so viele Groschen wiin- 
schen, als sie schon gegen die Kegel verstofien hat und 
noch verstofien wird, die sie hier aufstellt und gegen die 
zu handeln sie fiir »falsch« erklart. 1st das nicht bereits 
der Gipfel der Perversitat? Man stelle sich vor, dafi 
weiland die Madame Rosa eine Voxschrift erlassen hatte, 
dafi man sich salonfahig zu benehmen habe! 
Aber jene hat noch andere Sorgen: 

21. Welcher Fehler ist in folgendem Satz enthalten: »Der 
Zuziehung von Fachmannern wird es nicht bedurfen, zumal in der 
Liter atur einschlagige Werke genug vorhanden sind« ? 

Man ist gespannt. Nur ich nicht, der schon weifi, was sie 
da plant: 

21. Der Fehler in dem Satz: »Der Zuziehung von Fach- 
mannern wird es nicht bedurfen, zumal in der Literatur einschlagige 
Werke genug vorhanden sind«, liegt in dem Gebrauch von » zumal «> 
das ein Adverb ist, als Konjunktion. Es mufi richtig heifeen : 
.... nicht bedurfen, zumal d a usw. 

»Da« fallt mir sehr viel ein, vor allem: Da legst di 
nieder. Oder: Sie soil sich nichts antun! Oder wie der 
Chor in der »Grofiherzogin« imraer wiederholend fragt: 
»Was hat sie denn?« (bis es sich zuspitzt: »Was fehlt der 
Fiirstin, mir will scheinen, als quale sie ein grofier 
Schmerz«). Mit einem Wort 5 man kann auch konsta- 
tieren: Ihre vielen Bekannten werden erstaunt sein, zu 
erfahren, dafi die Neue Freie Presse erteilt Sprachlehre. 
(Zumal sie erst siebzig wird.) »Der Fehler in dem Satz« 
liegt vor alleni in dem Gebrauch von »als Konjunktion« 
statt »als einer Konjunktion«. Denn dort wirkt sie als 
Nominativ und wird von der Neuen Freien Presse woh] 
auch dafur gehalten. Sanders hat ja in seine »Haupt- 
schwierigkeiten« — an denen er manchmal scheitert — 
als Beispiel fiir fehlerhafte Apposition ihre Wendung 
auf genommen : 

Die Berufung Liebigs als aufierordentlicher Professor .... 

Aber das macht nichts, die meisten Sprachlehrer spre- 
chen die Sprache, die sie lehren, nur unvollkommen, 



251 



geben einem auf Schritt und Tritt Probleme auf, die 
interessanter sind als diejenigen, die sie grade nicht 
losen konnen, und tappen in Theorie wie Praxis an der 
Sprache vorbei. Der Neuen Freien Presse, von der nicht 
zu vermuten war, dafi sie Neigung zu dem Beruf habe, 
mochte man den Titel furs Abendblatt empfehlen: Lafit 
die Sprachlehre aus dem Spiele! (Oder auch: Gebts 
Ruh!; und daran einfach die Aufforderung kniipfen; 
»Schau'n Sie, dafi Sie herauskommen!) Im Ernst, 
was hat sie angewandelt ? Was treibt sie »da« ? Wirklich 
Sprachlehre? Von Wolf en, die Kinder rauben, war ein- 
mal zu lesen : sie »trieben ihr loses Spiek . Wie hat sie 
es so weit gebracht? Wer hat ihr den Floh ins Ohr 
gesetzt? Nun ja, selbstverstandlich, »der Zuziehung von 
Fachmannern wird es nicht bedurfen, zumal in der 
Literatur einschlagige Werke genug vorhanden 
sind« I Vor allem der Wustmann I Dem sie nicht nur die 
Lehre, sondern auch wortwortlich das Beispiel ent- 
nommen hat (9. Auflage, S. 87). Nun, wo er recht hat, 
hat sie recht! Aber dafi in einer wenngleich noch so 
bedauerlichen Sprachentwicklung die »zumal« -Kon- 
struktion ohne »da« bald so richtig sein wird, wie »so- 
lange« und »insofern« ohne »als«, oder »indem«, »nach- 
dem« und sogar »trotzdem« ohne »dafi« — es diirfte 
so wenig zu bestreiten sein wie die perf ekte Schamlosig- 
keit einer Journalistik, die einen »Fehler« riigt, dem 
man, wenn man sich die Miihe der Kontrolle nahme, 
hochstwahrscheinlich in ihrer nachsten Spalte begegnen 
wurde und ganz bestimmt tagtaglich als dem geringsten 
aller Fehler, die sie macht, fortan begegnen wird. Was 
hatte Jesus, der zu den Schriftgelehrten und Pharisaern, 
den »verblendeten Leitern«, sprach, dafi sie »Mucken 
seigen und Kamele verschlucken« — was hatte er erst 
zu den Schriftgelehrten, Pharisaern und verblendeten 
Leitern der Neuen Freien Presse gesagt ! Und wie konnte 
sie, die in sprachlichen Unehren grau geworden ist, so 
auf Abwege geraten?Ichgebe ihr Pleinpouvoir, »zumal« 
ohne »da« zu konstruieren, nebst dem ausdriicklichen 



252 



Versprechen, dafi ich in dem Punkt immer ein Auge 
zudriicken werde und zwar das heitere. Wenn sie aber, 
die auf dem Gebiete des Nichtschreibenkonnens schon so 
viel hat von sich reden machen, die Sprachlehre, deren 
sie bedarf, auch erteilen mochte, dann kann man nur 
entweder sagen, sie sei krank — oder ihr mit ihr 
antworten : 

8. Homerisches Gelachter bedeutet starkes, aiihaltendes 
Lachen. Nach Homer, der die Gotter ein »unansl6schliches Gelach- 
ter« anheben lafit. 

Es durften die altesten Abonnenten der Neuen Freien 
Presse sein. 



253 



Aus »Vorlesungen tiber Kunst < 
Von John Ruskin 

Es steht fest und ist keinem Irrtum und keiner Ausnahme 
unterworfen, dafi die Kunst einer Nation der Ausdruck ihres ethi- 
schen Zustandes ist. 

Der Ausdruck, nicht aber die Wurzel oder die Ursache. Man 
karin sich nicht zu einem guten Menschen singen oder malen. Man 
mufi ein guter Mensch sein, um singen oder malen zu konnen, dann 
wird die Farbe oder der Ton das Beste in ihnen vollenden. Und das 
auch wollte ich Ihnen nahelegen, als ich in meiner ersten Vorlesung 
sagte: Horen'Sie vor allem darauf, dafi kein Kunstunterricht Ihnen 
niitzen konnte, sondern eher schaden wiirde, wenn er nicht in etwas 
noch Tieferem wurzelte als alle Kiinste. Denn nicht nur mit der 
Kunst, deren Gesetze Ihnen zu zeigen meine Aufgabe ist, verhalt 
es sich so, sondern auch mit jener, die alle Menschen uben und die 
zu lernen Sie hauptsachlich hierher gekommen sind — mit der 
Sprache. 

Die Hauptfehler unsercr Zivilisation sind auf die Annahme 
zuruckzufiihren, daft eine edle Ausdrucksweise ein durch Grammatik 
und Betonung erlernbarer Kunstgriff sei, da sie doch nur der sorg- 
faltige Ausdruck eines richtigen Gedankens ist. Alle Vorzuge einer 
Sprache wurzeln in der Moral. Sie wird deutlich, wenn der Sprecher 
wahrhaftig sein will, klar, wenn er mit Wohlwollen und dem 
Wunsche spricht, verstanden zu werden, kraftvoll, wenn er ernst 
ist, anmutig, wenn er Sinn fur Rhythmus und Ordnung besitzt. Die 
Sprache hat keine Vorzuge, die sich durch Kunst lernen lassen, Ich 
mochte die Bedeutung einer der erwahnten Eigenschaften naher 
erlautern. Man kann das Wort eines Menschen wirklich nur dann 



254 



verstehen, wenn man sein Temperament versteht. Ebenso wird einem 
andern unsere Ausdrucksweise eine fremde Sprache bleiben, wenn 
er unsere Natur nicht versteht, und diese Tatsache macht die Kunst 
der Sprache vor alien andern Kunsten zum vornehmsten Werk- 
zeug eines wahrhaft gebildeten Menschen. Die Bedeutung eines 
Wortes grundlich verstehen, heifit die Natur des Geistes verstehen, 
der es gepragt hat. Das Geheimnis der Sprache ist das Geheimnis 
des Mitempfindens, und ihr ganzer Zauber ist nur den edelsten 
Naturen zuganglich. Deshalb auch sind die Grundgesetze einer 
schonen Sprache durch eine aufrichtige und gutige Sprache fest- 
gelegt worden. Nach den Gesetzen, die die Aufrichtigkeit gegeben 
hat, kann man spater eine falsche, anscheinend schone Sprache 
ableiten, doch ist jede solche Aufterung, sei es in der Rede oder in 
►der Poesie, nicht nur ohne dauernde Kraft, sondern sie zerstiirt 
auch die Prinzipien, die sie sich zu Unrecht angeeignet hat. Solange; 
unsere Worte unserem Glauben entsprechen, so lange kann sich 
die Kunst der Sprache veredeln. In dem Augenblick, da sie nach 
aufierlichen Grundsatzen geformt wird, wird sie flach und ist keiner 
Entwicklung mehr fahig. Diese Wahrheit ware langst allbekannt 
geworden, ware nicht in den Zeiten vorgeschrittener akademischer 
Wissenschaft stets die Neigung erwacht, die Aufrichtigkeit der 
Meister einer Sprache zu bezweifeln. Wer in der Schreibweise eines 
alteren Autors anmutig zu schreiben gelernt hat, wird leicht 
glauben, daft auch dieser in der Manier eines andern geschrieben 
habe. Ein edler und richtiger Stil ist bis jetzt aber immer nur aus 
einem aufrichtigen Herzen hervorgegangen. Wer seinen Stil bilden 
will, darf keinen Schriftsteller lesen, der nicht wirklich meinte,. 
was er sagt. Nur von einem solchen Menschen kann jemals ein 
wahrhaft grofier Stil ges chaff en werden. Finden Sie einen Mann, 
der eine neue, bedeutende Art zu schreiben hat, und Sie haben den 
Verkundiger neuer Wahrheiten oder aufrichtiger Leidenschaft 
gefunden. Ihre ganze Methode, zu lesen, wird so eine beschleunigta 
und vertiefte sein, denn da Sie wirklich uberzeugt sind, der Autor 
meine, was er sagt, werden Sie umso sorgfaltiger zu wiirdigeh 
suchen, was er sagt. — 

Von noch grofterer Wichtigkeit ist es, zu wissen, daft jede 
Schonheit, die sich in der Sprache einer Nation verkorpert hat, 
bedeutungsvoll fur die inner sten Gesetze ihres Wesens ist. Wenn 



255 



das Wesen eines Volkes streng und mannhaft ist, seine Verkehrs- 
formen ernst und hoflich, sein Sinn auf gerechte Taten gerichtet, 
so wird seine Sprache notwendigerweise eine grofie sein. Ruck- 
wirkend ist es daher nicht moglich, dafi eine Sprache edel ist, 
deren Worte nicht wie Trompetentone zum Handeln rufen. Jede 
grofie Sprache befiehlt grofie Dinge. Ihr Atem ist Inspiration, und 
man kann nur lernen zu sprechen, wie grofie Leute sprachen, wenn 
man wird, wie sie waxen. 



256 



Januar 1924 



Zwei Dichter 

Zum Zweck der deutschen Kiinstlerhilfe wurden 
im Unterrichtsministerium belegte Brotchen gegessen 
und zwar von den prominentesten christlichsozialen 
Wahlern b eider Konfessionen, die Spesen dieses »Routs« 
fur die Notleidenden Deutschlands hatten die Notlei- 
denden Osterreichs zu bezahlen und fraglich bleibt, ob 
mehr Geld fur jene hereingekommen ist als er diesen 
gekostet hat. Die Unappetitlichkeit solcher Wiener Ver- 
anstaltungen wird freilich durch die Geschmackigkeit 
der hiebei aufgebotenen Kunst wettgemacht und wie 
stets fiel auch diesmal von der Muse des Anton Wild- 
gans ein Gustostiickl ab, das unter dem Titel »Save our 
Souls !«, von ihm personlich serviert, das Fest einleitetc, 
Mein Ratefreund sagt dort, wo er schon sichtlich die 
Zuge unseres Kanzler-Pralaten annimmt, beruhigend : 

Wir sind versorgt, das ist in guten Handen, 
es liefert una die Wildgans den Prolog. 

Das Vertrauen dieses Vaterlands in seinen Dichter — 
man spricht in solchen Fallen von einem Nachfahren 
Grillparzers, der seinerseits schon ein Nachfahr war — 
ist unerschutterlich und selbst dort, wo Gelegenheit die 
schlechtesten Reime macht, nicht umzubringen. Sie alle 
sind nun einmal im Banne eines Dichters, von denen und 
vor denen da gesagt wird : 

Die Menschen, die gekommen, alle sie 
Rief eine Kunde auf . erschiitternd wie 



257 



namlich durch Flut und Wut der aufgewiihlten See der 
Notruf eines Schiffs in Todesweh. Da gilt es, nicht zu 
saumen. 

Denn u n s r e Sprache ist es, die es sagt ! 
Denn unser Blut ist's, das in Seenot klagt! 

Aber wenngleich Save our Souls eigentlich nicht unsre 
Sprache ist, so droht doch auch dieser eine Katastrophe, 
Zum Beispiel: 

Wann immer Unheil auf ein Volk ein b r i c h t, 
Dann halten fest der Ordnung Damme nicht. 

Man sieht wirklich, wie 

Verzweiflung ubersturzt mit grausem Schwall - < 
Die Wehre und verwiistet uberall. 
Gesetze knicken ein wie sprodes Schilf, 
Und jeder denkt: Nun helfe, was da h i 1 f t ! 

Gemeint sind natiirlich die Sprachgesetze, nach denen 
es entweder »dieWehr« oder »dasWehr« gibt und den 
Plural »die Wehren«, und jeder denkt: Nun reime, was 
da reimt, selbst wenn das Schilf so sprode ist, dafi es 
weit und breit kein »Schilft« gibt und man doch auch 
nicht gut einen Indikativ »hilf« bilden kann. Gewifi, 
Schulmeisterei gegeniiber einem Dichter, aber diesem 
mufi man schon seine Hausarbeiten korrigiert zuriick- 
geben. Denn er macht es so: 

Das ist die Zeit, da sich der Einzelne 
Hinwegsetzt fiber's allgemeine Weh. 

Und wie sehr es dem Einzelnen, der es doch tadelt, an 
jeglicher dichterischen Anschauung gebricht, zeigt er so; 

Da gilt nur, wer die rohern Fauste ballt, 
Der Finger, der nach fremdem Gute krallt; 
Der Fuft, 

Nun mufite wohl aus der konkreten Sphare des Fufies 
eine Analogie zu dem, was dem Finger eigentumlicb 
ist, kommen. Der Fufi: 

der flink einher ist nach Gewinn, 

258 



Aber was hat der Fufi in seiner Funktion als Fufi mit 
Gewinn zu tun, er ware denn der Zinsf ufi ? Statt dessen 
konstruiert der Dichter eine andere Anschauung: 

Der Ziffernmund, der plumpe Sachensinn; 
Und die Gemeinheit, die ziun Himmel schreit, 

Was tut die? 

Geht frech am Tag und wird gebenedeit I 

Aber im Hause des Benedikt soil man nicht anziiglich 
werden. Freilich meint Herr Wildgans etwas ganz 
anderes, namlich die Entente. 

Denn immer noch, wenn Machtbegier und Hafi 
Verschworen sich zum groften Aderlafi, 
Wenn Krarnerneid und Gotzendienst am Geld 
In dieser Welt ein Blutbad angestellt, 

(Gott strafe England, welches das Ultimatum an die 
Mittelmachte geschickt hat, save our souls, und mir san 
ja eh die reinen Lamperln) 

Dann zahlt die Rechnung frevelhafter Tat 

Der Tater nicht, der ihren Vorteil hat I 

Wie sollte er ? Sondern wer ? 

Der Arme und der Edle zahlen 9 i e, 
Das traumende, versaumende Genie... 

Also nicht England, Frankreich, Rufiland und Serbien, 
sondern die deutschen Kunstler, gegen die sie Krieg 
gefuhrt haben und zu deren Gunsten jetzt ein Rout 
stattfinden mufi. Ein deutlicher Fingerzeig zur Losung 
des Kriegsschuldproblems, da die Armen und Edlen, die 
traumenden und versaumenden Genies in den Entente - 
staaten schon aus dem einfachen Grunde nicht hungern, 
weil solche dort nicht vorhanden sind, wahrend es 
wieder in den Staaten der Mittelmachte keine Schieber 
gibt. Doch so weit, dafi die deutsche Seele stirbt, wird 
es nicht kommen, und Wildgans trostet: 

Noch lebt die Liebe, ohne die das Wort 
Des Menschen i s t ein schnoder Lautakkord. 



259 



Und dafiir, dafi es nicht zum schnoden Lautakkord 
werde, sorgt schon Wildgans, der ihn durchaus ver- 
schmaht, indem er etwa die deutsche Seele, »die vom 
Geiste gluht«, mit dem Reime beruhigt: 

Und ob sie auch in grimmer Not auf s c h r e i t, 

Noch ist es Zeit, wenn auch die hdchste Zeit ! 

Diese ausgebildete Reimkunst f iihrt dann zu dem f ol- 
genden Mifiverstandnis : 

Deutschland, du Schiff, umgraust von Sterbens Hauch, 
Wir kommen, kommen schon ! Und sind wir auch 
Em Hauflein nur, ein schwaches Aufgebot — 

Das heifit also — da ja der Gedanke eines Verses im 
Reim gipfeln mufi, wenn dieser nicht Kinkerlitzchen, 
Geklapper, Lautakkord sein soil — : obschon wir wie 
i ih r nur ein Hauflein sind (so wird die Hilf e umso leich- 
ter gelingen). Wir kommen schon mit Rout und Reim. 
Es ist das Kennzeichen des Dilettanten, dafi, wenn die 
Indignation den Vers macht, das im Satz nebensach- 
lichste Wort (wenn auch) den Reim fangt; dafi gedank- 
lich Unbetontes in die Vershebung und Betontes in die 
Senkung kommt : 

Noch sind wir nicht so elend, dafi uns nicht 
Die grofire Not auf r u f t zur Bruderpflicht. 

Die Not, die aufruft, aufschreit, das Unheil, das 
ein b rich t — das ist nun einmal so bei jenen, die da 
glauben, ein durftiger Gedankeninhait werde gebunden 
besser ins Ohr geliefert, Es ist wahrlich jene Liebe, bej 
der sich nie priift, was sich bindet, und darum ist's aucb 
nicht fur die Ewigkeit. Wie ganz und gar im Gegensatz 
zu meiner Definition des Reims : 

Er ist das Ufer, wo sie landen, 
sind zwci Gedanken einverstanden 

die kiirzlich ein Schweizer Kritiker sogar den Ausge- 
suchtheiten der George, Rilke und — also Werfel ent- 
gegengehalten hat. Wenn der Reim aber das Ufer ist, 
wie erstaunt mag sich dort gar alles finden, was auf 



260 



einer Wildgansfeder hingeweht wurde, etwa »der Ein- 
zelne« und das »allgemeine Weh«, die noch nie einver- 
standenwaren und nun nicht wissen, was sie miteinander 
anfangen sollen. Er setzt sich daruber hinweg, recht hat 
er. Gewifi, es geschieht zum wohltatigen Zweck der 
deutschen Kunstlerhilfe, aber der Einzelne erscheint da 
nicht minder bemitleidenswert als der allgemeine Zu- 
stand, und man mochte — durch das sprode Schilf 
hindurchdringend — ihm, der offenbar ein deutscher 
Kiinstler ist, helfen, ein Gedicht zu machen. 



Das Hochstmafi dessen, was sich die Ringstrafie 
unter einem solchen vorstellt, diirfte ihr der literarische 
Sonntag der Neuen Freien Presse erfullt haben, der ihr 
»Der Bildner. Meudon, Maison Rodin 1913« von Stefan 
Zweig brachte. Frisch gepfliickt aus dem Insel-Verlag, 
und schon »Meudon, Maison Rodin« kiindigt an, was da 
an erlesener Schmockerei zu erwarten ist. 

Der grofte Meister ist mude und alt. — 

Beginnt das Reimfeuilleton und fiihrt den Vorsatz aus, 
eine schier nicht zu bandigende Fxille von impressioni- 
stischen Adjektiven, wie sie zwischen 1910 und 1920 
uber die Zeitungsstrange schlugen, hinters Reimgatter 
zu sperren. Da ist ganz jenes sich Beziehen und Betun, 
das seit den Zeiten, wo sie wie eine Blume war, die 
Dinge nicht hinstellt, wie sie sind, sondern wie wenn sie 
waren. Von Rodins Statuen heifit es: »sie sind«. Aber 
man erfahrt nicht, wie sie sind, sondern nur: sie sind 
wie. Die Literaturbackfische von heute schreiben schon 
wieder ganz anders, die konnen schon ballen. Zweig 
kann nun auch so, und plotzlich tut er sogar alles von 
sich und geht auf die Sprache selbst zuruck. Er hat 
einmal von mir gehort, dafi ein als Vers isoliertes Wort 
von eigenster Kraft sein kann. Das macht er nun. Der 
alte Meister geht durch die Sale. 



261 



A b e r weifi, 

Ein funkelnder Kreis, 

Umstehn ihn die Statuen und strahlen von Lichtl 

Das Rufzeichen ist zugleich Hinweis und Strahl. 

Sie riihren sich nicht, sie regen sich nicht, 
Sie spuren sich nicht, sie bewegen sich nicht. 

1st das nicht eine Plastik, die die Rodin'sche noch libera 
trifft? Aber jetzt: 

S tumm 
was tun sie da? 

Ruhen sie aus in unendlichem R u h m. 

Ein Reim mufi gewifi nicht rein sein, urn gut zu sein, 
Aber so unrein aufien und innen darf er nicht sein, und 
man kann schon sagen, dafi auf einem oderen Gemein- 
platz als diesem Ruhm Statuen noch nie gestanden sind. 

Ein Lacheln verloren im marmornen Mund, 
Stehen sie da, die grofien Trophaen 
Verschollener Siege, gemeisterter Zeit, 
Gefrorne Kristalle Unendlichkeit. 

Jeder Kristall wieder ein Brillant aus dem Kastchen 
jenes Schmocks, der noch nicht die Idee hatte, sie in 
Reime gefafit zu prasentieren. 

Wie ein Durstender beugt er sich uber den Stein 
In den Bnwmen verschollener Jahre hinein. 

Das ist so recht der Moment, wo man ahnlich wie bei 
Hans Miillers gferosteten Erdapfeln das Wasser im 
Munde der freilich idealer orientierten Leser der Neuen 
Freien Presse zusammenlaufen sieht. Sie sind iiberzeugt, 
dafi dieser Zweig ein grofier Dichter ist. 

Aber f remd 

Stehen die Statuen ira Totenhemd. 

Sie ehren ihn nicht, sie wehren ihni nicht, 

Sie atmen nur Schweigen, sie leben nur Licht. 

Hier ist etwas passiert, es miifite heifien: »Sie weben 
nur Schweigen« , dawaren jene auf dem Kopf gestanden, 
namlich die Leser der Neuen Freien Presse, nicht die 
Statuen. Diese hingegen: 



262 



Wortlos gereiht 

Stehn sie in ihren weifien Gewandern 
Unberuhrt von Vergehn und Verandern 
Jenseits der Zeit. 

Zweig ist tief . Und was er fur Perspektiven hat : 

S t a d t e erstanden und andre verdarben, 
Gesichter f ielen aus Formen und Farben, 
Geschlechter erwuchsen, Geschlechter verbliihten, 
Menschen wurden zu Masken und Mytheri, 
Alles ward in der mitleidlo&en 
Muhle der Jahre zerstaubt und zerstofien — 
Nut sie in ihren erstarrten P o s e n 
Dtirfen im rastlos Wandernden ruhn, 
Weil sie ilir Wesen ewig zu Ende tun. 

Ja, Stadte und Gesichter haben das eine gemeinsam, 
dafi sie verf alien, wahrend Marmor — ; Man soil ein 
lyrisches Kunstwerk so wenig rationalistisch anfassen, 
wie Zweig das Rodins. Sonst konnte man einwenden, 
dafi erst nach 1913 in Frankreich Stadte verdorben und 
erstanden sind, dafi im Krieg auch ein Werk von Rodin 
hatte zugrunde gehen konnen, dafi zu solchem Tiefsinn 
der Betrachtung iiber die Dauerhaftigkeit der Dinge, 
die aus Marmor sind, nicht so sehr der Kunstwert als 
das Material berechtigt, dafi aber selbst dieses der ver- 
sehrenden Wirkung der Zeit ausgesetzt ist und dafi man, 
wenn sie von Volltreffern verschont bleiben ? ganz den- 
selben Gedanken vor den Werken Ambros Beys haben 
kann. Und ist es uns denn nicht, als ob unter den ver- 
klarenden Handen Zweigs die Werke Rodins zu eben 
jenen wurden oder giinstigsten Falls zu denen eines 
Kiinstlerhausbildners ? 

Gestalteter Stein ist starker als Zeit! 

ruft Zweig 

Und selig erkennt er das grofie Licht 
Ob seinen Gestalten: Unsterblichkeit. 

Namlich Rodin. Was konnte iiber die Dauerhaftigkeit 
von Kundmanns Pallas Athene Starkeres gesagt werden? 
Ein ganzer Heller'scher Buchladen von Impressionen 



263 



vermag iiber den echten Kitsch dieser Lyrik nicht hin- 
wegzutauschen: 

Da lachelt der Meipter zum erstenmal, 

Seit er stumm vor den Steinen steht. 

VonLichtund Schweigenorgelt der Saal, 

Und sein Herz braust mit in dem grofien Choral. — 

Wie im Gebet, 

Hebt er die Hande, 

Die all dies getan, 

Und sieht sie ? die eigenen, ehrfurchtig an. 

»Zum erstenmal, seit er . . .« ist eine schlichte Kon- 
statierung. Doch auch wenn die Gestalten nunmehr 
»hinglanzen dnrch die stiirzende Stunde«, so konnen 
solche Literaturneuheiten nichts daran andern, daft es 
der alteste Dreck ist, also aus einem Material gestaltet, 
das nicht lange vorhalten diirfte. Nur einmal findet sich 
ein Sprachgedanke, der zumal mir etwas zu sagen hat; 
Rodins Gestalten, die einst in seinen Handen x^wie 
zitternde, unf lugge Vogel waren« , sind nun »eine 
niederverlorene Engelschar, 

Die Gott anschweigt mit marmornem Munde.« 

Alle Vogel sind schon da: »es schweigt mich an 
wie eine Sage«. Und ich denke, dafi hier, wiewohl nur 
in einem Zimmer mit Photographien an der Wand, der 
Raum zwischen dem Verganglichen und dem Andern 
von Gedanken erfiillter ist und das Wort bleibender, als 
wenn Zweig durch Meudon, Maison Rodin schreitet. 



264 



Sprachlehre 

Mai 1927 
Oberfracht 

Es gibt einen Wunsch, eine Erlaubnis, eine Pflicht, 
eine Fahigkeit, etwas zu tun. Was da aber schreibt, hat 
den Wunsch, es tun zu »wollen«, leider auch die Er- 
laubnis, es tun zu »diirf en« , raafit sich f erner die Pflicht 
an, es tun zu »miissen«, und hat so ganz und gar nicht 
die Fahigkeit, es tun zu »konnen« . Bei einer Forderung 
schwanken sie, ob ihr Inhalt noch extra durch ein 
»sollen« oder »miissen« auszudriicken sei. Kommen 
dazu Konjunktivschwierigkeiten, so quetscht sich der 
Stilist der Neuen Freien Presse wie folgt aus: 

In der ,Arbeiter-Zeitung' wird berichtet, der Biirgermeister habe die 
Forderung erhoben, dafi die Bankabteilung . . rasch liquidiert verden 
a o 1 1 e und dafi auch die Beziige der leitenden Funk tion are eine 
Schmalerung erfahren m u s s e n. 

Eher eine Bank, der man Pleonasmus nachsagen kann. 
Zunachst: wenn es »solle« heiften soil, so mufi es »miifi- 
ten« heifien (wegen der Unkenntlichkeit des Konjunk- 
tivs im Prasens), wenn es aber »m(issen« heifien sollte 
(also indikativisch gedacht ware), so mxifite es »soll« 
heifien. Sodann ist die Unterscheidung »sollen« und 
»mussen« falsch und nichts als ein Gegacker. Es rmifite 
entweder heifien : »rasch liquidiert werden und auch die 
Bezuge . . eine Schmalerung erfahren sollten« (oder 
sollen), oder es sollte heifien: »rasch liquidiert werden 
und auch die Bezuge . . eine Schmalerung erfahren 
mufiten« (oder miissen). Sodann ware auch dies bedenk- 



265 



lich, da der Inhalt der Forderung weder durch ein 
Sollen noch durch ein Miissen bezeichnet werden mufi, 
sondern blofi durch das, was geschehen soil oder mufi, 
bezeichnet werden soil. Der Biirgermeister kann zwar 
sagen : Die Bankabteilung soil liquidiert und die Beziige 
mussen geschmalert werden, aber er stellt die Forde- 
rung, daft jene liquidiert (werde) und diese geschmalert 
wurden (wegen der Unkenntlichkeit des Konjunktivs hn 
Prasens start: »werden«). Allenfalls, wenn der Inhalt 
der Forderung sehr stark hervortreten soil, darf das 
Sollen oder das Mussen ausgesprochen sein, aber damj 
besser im Indikativ als im Konjunktiv. (Wie nach einem 
Doppelpunkt kommt gleichsam der Fordernde zu Wort.) 
Mit Recht ware also zu fordern, daft die Satzbildung 
liquidiert werde und der Pleonasmus eine Schmalerung 
erfahre, aber nicht, daft jenes geschehen solle und dieses 
geschehen musse. Denn das ware eben jene Uberfracht, 
mit der der Journalismus reist, well inm das einfache 
Gepack zu schwer ist. 

Mai und Oktober 1925 
Sprachlehre fttr die Nationalbank 

Eine Karte an den Verlag der Fackel : 

eine Krone zwei Kronen 

ein Schilling zwei Schillinge 

Dafi man dem Sprachlehrer K. K. das sagen mufi! lustra- 
ieren Sie den Setzerlehrling! 

Die Antwort des Verlags: 

Wir senden Ihnen Ihre nicht nur torichte, sondern 
auch in ungebuhrlichem Ton gehaltene Karte zuriick. 
Es fallt uns schwer, Ihre Entriistung iiber den Plural 
»Schilling« auf dem Umschlag, selbst wenn er falsch 
ware, nachzufuhlen, wir mochten Ihnen aber fur alle 
Falle nebst einer Belehrung auch die Beruhigung er- 
teilen, daft der Plural »Schilling« richtig ist, und richtig 
bleibt, wiewohl die Nationalbank Noten auf »Hundert 
Schillinge« ausgegeben hat. D i e s e r Plural ist der in- 



266 



korrekte, auch wenn Sie durch den auftrumpfenden 

Hinweis auf den ganz anders gearteten Fall der »Krone« 

den andern fiir den falschen halten. Auch ohne diesen 

Hinweis glauben wir Ihnen natiirlich gern, dafi der 

Plural von Schilling an und fur sich »Schillinge« lautet, 

und wenn Sie die einzelnen aufzahlen, werden es schon 

solche sein. Aber der Summe auf dem Unischlag der 

Fackel liegt eben eine bessere sprachliche Berechnung 

zugrunde als Ihrem Tadel, der sich auf das torichte 

Argument der »Krone« stiitzt. Sie wiirden natiirlich 

auch »eine Strecke von 100 Meter«, ein »Gewicht von 

zehn Zentner« fiir falsch halten, dagegen ein Haus 

fiinf S 1 6 c k e hoch sein, eine Temperatur zehn Grade 

haben, einen Trupp aus fiinf zig Mannern bestehen 

lassen, eine Lange von drei Fufien (oder Fiifien) und 

vier Z o 1 1 e n (Zollen) ausmessen, etliche L a i b e Brot 

oder Fasser Bier und Mafie Wein verbrauchen u. dgl. 

mehr. Aber Sie wissen eben nicht, dafi es mit dem Plural 

von diesen und alien MafSen seine besondere Bewandt- 

nis hat. Warum die Elle, die Meile, speziell aber die 

Krone, bei der noch die andere gegenstandliche Vor- j^ 4&t£ 

stellung mitwirkt, eine Ausnahme bildet, dar iiber ^^ ^ - 

mogenJSie sich^ mit Ihrem Sprach^ efiih l unterTuflten. Mt^/is^ ; 

Wir wollen Ihnen nur 'die TefsicKerung erteilen, daft 

Sie getrost im Plural mit »Pfund«, »Taler« und 

»Pfennig« und ganz ebenso auch mit »Schilling« rech- 

nen konnen, ohne sich iibervorteilt fuhlen zu miissen, 

und Sie werden diese Rechnungsart bei den besten deut- 

schen Klassikern finden. Was der »Sprachlehrer K. K.«, 

dem Sie natiirlich gar nichts »sagen miissen« und 

mindestens das, was Sie nicht wissen, in einem andern 

Ton zu sagen haben, mit einer Bemerkung auf dem 

Umschlag, ob sie nun wohl erwogen wurde oder ein 

Versehen ist, zu schaffen haben soil, durfte auch Ihnen 

— bei einigem Nachdenken — unverstandlich sein. Aber 

er verantwortet mit dem Verlag der Fackel den Plural 

»Schilling«, welcher entgegen der von Ihnen und sogar 

von der Nationalbank vertretenen Ansicht beibehalten 



267 



wird. Ihr Rat, den »Setzerlehrling« zu instruieren — 
der einer humorig laienhaften Vorstellung von der Ent- 
stehung der Druckwerke entspringt — , wird also nicht 
befolgt werden. Dagegen hoffentlich unser Rat an Sie, 
sich kiinftig, wenn Sie schon glauben, uns aus Ihrem 
Mangel an Sprachgefuhl einen Vorwurf machen zu 
miissen, wenigstens einer anstandigeren Form zu be- 
dienen. 

* 

Ich hatte einen Esel sich in die letzte National- 
bank setzen lassen, weil er nicht gewufit hatte, wie der 
Plural von Schilling lautet, und darob den Lehrer 
tadelte. Die ganze Klasse hat sich gebessert: 

Das Bundesministerium fur Finanzen gibt bekannt, dafi 
nach eingeholten Sachverstandigengutachten 
die Wahrungsbezeichnung>>Schilling« in der Mehrzahl und in Ver- 
bindung mit einer Grundzahl nicht abzuwandeln ist, wenn 
sie als zusammenfassende Wertbezeichnung und nicht als Bezeich- 
nung einer Mehrzahl bestiramter Miinzen gebraucht wird. Die Mehr- 
zahl hat demnach »Zehn Schilling« zu lauten, wenn es sich 
una die Angabe einer Summe handelt, dagegen »Zehn Schil- 
ling e« , wenn eine Mehrheit bestimmter Munzstucke be- 
zeichnet werden soil. Im Gebrauch der Amter und Behorden wird 
kiinftig nach diesem Grundsatz vorgegangen werden. 

Viel hab ich ja im osterreichischen Leben^nicht erreicht, 
Aber ichjialt^es halt mit dem C^a pent w — nicht mit 
"dSn^Her den Hobel'hinlegte, sondern dem, der eine 
Brille ohne Glaser trug und, darob befragt, die Antwort 
gab: »Besser is schon wie gar nix«. 

Oktober 1925 
Sprachlehre fur das Elektrizitatswerk 

Sie senden wieder einmal Herrn K. K. eine Mahnung (angeb- 
lich noch unbeglichene S 5.72 zu bezahlen) mit der Drohung, seine 
Anlage vom weiteren Strombezuge »zur Abschaltung zu 
bringen«. Ein fur allemal beehren wir uns Ihnen mitzuteiien, 
dafi, wenn kunftighin ein Betrag noch unbeglichen sein sollte, der 
Grund darin zu suchen ist, dafi Sie entweder keine Rechnung ge- 



268 



schickt oder die Buchung des bezahlten Betrages unterlassen haben. 
Der Betrag S 5.72 ist von tins am 5. Mai bezahlt worden. Wir 
mochten bei dieser Gelegenheit nicht versaumen, Sie darauf auf- 
merksam zu machen, daft weit empfindlicher noch als das ange- 
drohte »zur Abschaltung bringen« der Gebrauch dieser Redensart 
ist, und Ihnen empfehlen, auf Ihrer Mahnkarte kunftig einfach zu 
sagen, daft Sie eine Anlage vom weiteren Strombezuge »abschalten« 
werden. »Zur Abschaltung bringen« kann man eine Anlage uber- 
haupt nicht, da diese selbst nichts abzuschalten hat. Dagegen konnte> 
man allerdings einen Stromabnehmer, der unausgesetzt fiir be- 
glichene Betrage mit der Abschaltung bedroht wird, zu einer solchen 
bringen. Namlich zu dem Ersuchen, sie endlich vorzunehmen, und 
zu dem Entschluft, zu jener Petroleumbeleuchtung zuruckzukehren, 
deren Bezahlung niemals mit solchen, vor allem sprachlichen, 
Schwierigkeiten verbunden war. 

Soweit die Androhttng der sachlichen Grundlage 
entbehrte, hat sich das Elektrizitatswerk korrekt ent- 
schuldigt; was das Sprachliche betrifft., mufi die nachste 
abgewartet werden. Bis dahin mogen Sprachschiiler 
dariiber nachdenken, wartun ahnlichen Formen, wie ^ « I 
»eine Methode zur Anwendung bringen« oder »einen - ? 
Plan zur Ausf uhrung« mc^sderart J^geinafiesjan- ^ Iaa^J^ 
Jiaftet. Doch sei ihnen, um Unheil zu verhuten, der thJ^ Jt ^ e ff 
Fingerzeig gewahrt, dafi hier etwas wie eine komple- ^^ tftt*<&<+ . 
mentare Handlung, ein schon begrifflich Einbezogenes, ,, /fc ^^ 
dazu Gehoriges »zum Ausdruck gebracht« wird, nicht fy <- 

aber, wie dort, etwas AuiSerliches und dem Zweck der *****/* <****< 
»Anlage« keineswegs Zukommendes. Gleichwohl sind 
alle diese Formen in einem tieferen Grunde inkorrekt 
Anwendung, Ausfuhrung, Abschaltung sind Aktivbe- 
griffe: sie kommen von Tatigkeitswortern, die die 
Tatigkeit dessen ausdriicken, der es tut, und nicht den 
Zustand der Sache, der es geschieht. Der kann wohl 
»zum Ausdruck gebracht werden«, da »Ausdruck« den 
Inhalt einer passiven Vorstellung hat. Ich kann inich 
zur Ausfuhrung eines Planes bringen, den Plan nur zum 
Ausgefiihrtwerden. Das ist zum Gluck unterlassen wor- 



269 



den: eine Anlage wurde nicht zur Abschaltung gebracht, 
von der man wohl sagen konnte, da6 sie »dem Schutze 
des Publikums empfohlen« ist (da doch bei elektrischem 
Licht Sprachlehre getrieben wird). Wenn nicht wieder 
jener Kommunalausdruck bedeuten mochte, dafi die 
Anlage bestimmt sei, das Publikum zu schutzen. (Was 
freilich in gleichem Mafie der Fall ist.) 

Marz 1925 
Brauchen 

Lawrence, The University of Kansas 
1. Februar 1925 

Im voraus bitte ich um Entschuldigung, daS ich wieder mit 
einem Zweifel an Sie herantrete. Ich lese soeben zum so-uruL-so- 
vielten mal in dem Fackelheft Nr. 632 — 639, und finde auf Sejte 78, 
Zeile 3 — 4, folgende Stelle, die mich beunruhigt: 

braucht dieses Bescheidwissen nur auf drei Buchstaben in der 

Mitte verzichten . . . 
auf Seite 73 aber stent: 

oder man sbraucht sich nicht erinnern«, wie Herr S. zu 
sagen pflegt. 

Da ich nicht Deutscher, auch nicht deutscher Abstammung bin, ist 
meine sprachliche Unsicherheit vor der Fackel schon etwas leichter 
erklarlich als die der meisten ihrer Leser; doch scheint mir zwischen 
den beiden angefiihrten Fallen kein formaler Unterschied zu be- 
stehen, und da ich nicht annehme, daft im ersten Zitat ein Druck- 
fehler vorliegt — daft ein »zu« zwischen den zwei letzten Worten 
von seinem Platz verschwunden ist — , und noch weniger an eine 
Entgleiaung Ihrerseits glaube, sondern vermute, dafi die Wendung, 
wie sie eben steht, beabsichtigt ist (denn meinem Gehor nach hat sie 
einen durchaus richtigen Klang — vielleicht weil » braucht « und 
» verzichten « so weit voneinander getrennt liegen? — , wiihrend das 
»braucht sich nicht erinnern« einen grafilichen hat), so weifi ich 
mir anders nicht zu helfen, als dafi ich mich wieder einmal an Sie 
wende. Sooft ich die Stelle auch schon gelesen habe, heute fallt siet 
mir zum erstenmal auf, und ich frage mich vergebens, warum sie, 
trotzdem so etwas »nicht geht«, so gut klingt. Mit grammatikali- 
scher Vernunft komme ich der Losung nicht nahcr, denn in Bprach- 
lichen Dingen (selbst in den muttersprachlichen) bin ich ganz und 
gar auf mein Ohr angewiesen (welches mich wohl manchesmal im 
Stich lafit). Jedenfalls weifi ich nicht wie ich zu dem ganz passablen 
Englisch gekommen bin, das ich heute schreibe (ohne jedoch 
Schriftsteller von Beruf zu sein), wenn nicht durch das Deut^ch 



270 



der Fackel, das so entscheidend und so glucklich auf die Scharfe 
meines Gehors gewirkt hat. 

Wie bei dem liber das Weltmeer geflogenen 
Apostroph — dessen Problematik, wie Znschriften von 
nicht weither beweisen, manchem Schwachkopf ein 
Lacheln entlockt hat — hat der Leser in Kansas selbst 
die Losung des Zweifels gefunden, ohne ihrer sicher zu 
sein. Er fuhlt nicht nur, sondern bezeichnet den Unter- 
schied der Falle ganz richtig; und er nehme dazu ; dafi 
an jener Stelle der Infinitiv mit »zu« dreimal hinter- 
einander gesetzt ware (zu verzichten . . . zu verlassen . . . 
anzutreffen). Mehr als fur »facere« gilt fur »scribere« 
das Non est idem ? si duo, das sich hier schon zum Quod 
licet Jovi auswachst. An und fur sich ist »brauchen« 
ohne »zu« keineswegs falsch — das wurde nie behaup- 
tet — , es gibt Falle, in denen es sogar vorzuziehen ist, 
eben wenn sich die »zu« haufen oder wo eine mehr 
mundartliche Farbung oder die Veranschaulichung des 
abgekiirzten Vorgangs intendiert ist, was ganz gewifi bei 
der dargestellten Sphare (Verzicht auf drei Buchstaben 
im Wort »Bescheidwissen« ) der Fall war. 

Oktober 1925 
Alte und neue Formen 

In der von ihm selbst veranlafiten Zusammenkunft mit den 
Vertretern der Presse hat er sich als ein ganz moderner Mensch 
erwiesen und ist gar nicht weiter erstaunt gewesen, dafi eine 4urch 
vielfache Geruchte beunruhigte Offentlichkeit Aufklarungen 
wunscht; ist keinen Moment verdrossen gewesen, Antworten und 
Auskunfte zu erteilen uber die Ve'rwaltung nationaler Guter, die 
seiner Obhut anvertraut sind. Als ich vor etwa zwanzig Jahren den 
damaligen Direktor der damals kaiserlichen Gemaldegalerie in einer 
Reihe von Artikeln ersuchte, dem Verdorren dieses Museums Einha.lt 
zu tun, schweigte er und ruhrte sich nicht. Er war }a. u^ k. 
Beamter eines k. k. Hofinstitutes und fuhlte sich nur seiner vorge- 
setzten Behorde verantwortlich. 

Da ist unserm Salten, der auch im Stil der alten Chroni- 
ken zu Hause ist wie uberhaupt in jedem aufier dem 
eigenen, ein Fund gegliickt; man braucht nicht immer 



271 



Jargon schreiben. So wenig deutsch kann er naturlich 
nicht, dafi ihm nicht das Imperfekt »schwieg« vertraut 
ware, aber er hat irgendwo das alte »schweigte« ge- 
funden, und dieses schien ihm aparter. Er weifi gar 
nicht, wie richtig seine Wahl war. Die seltene Faktitiv- 
form bedeutet namlich »schweigen machen«, und das 
ist der alten Staatsmacht mit der Presse hin mid wieder 
gelungen. (Adelung: »es geschehe nun auf welche Art 
es wolle, durch einen Befehl, durch Griinde, durch 
Befriedigung des Verlangens.«) Wenn nicht, schwieg sie, 
wahrend die heutige, die Journalisten als Vorgesetzte 
anerkennend, ihnen Rede steht. Die Formen haben sich 
also immerhin gearidert. Nur nicht die meinigen im Ver- 
kehr mit der Presse: ich stehe ihr immer noch dann 
Rede, wenn sie diese nicht horen will, und sie mochte 
mich nach wie vor schweigen, aber es gelingt ihr nicht 
einmal, mich totzuschweigen. 

Mai 1926 
Pretiosen 

Stefan Zweig, heute einer der reprasentativen 
Schmuser der europaischen Kultur, wiirde es niir un- 
moglich machen, in der Seichtheit seiner tiefen Satze 
nicht zu versinken, wenn ich mir in muhevoller Praxis 
nicht doch eine gewisse Fahigkeit der Resistenz erwor- 
ben hatte, um mir's an der Stelle geniigen zu lassen, 
auf die mein Blick gerade fallt. 

Dreifiig, ja vierzig Jahre iibt und vertieft Sigmund Freud seine 
Methode und hatte er die tausend und aber tausend Beichten dbr 
ihm anvertrauten Seelen in der Schrift festgehalten, es gabe kein 
Buch der Welti iteratur, das ihm dokumentarisch gleichte. 

Hier kann man nur sagen: Aufgewachsen bei Opitz! 
Da6 »gleichen« schwachformig gebraucht wird, diirfte 
seit solchen Olims Zeiten, der die Welt noch ohne Neue 
Freie Presse geschaut hat, nicht der Fall und selbst 
damals nicht liblich gewesen sein. Es kann hier aber 
auch ein solcher Hang nach sprachlichen Pretiosen mit- 



272 



gespielt haben, der nicht die abgestorbene Form er- 
greift, sondern eine vorhandene, wenngleich seltene, in 
ihrer Bedeutung mifiversteht und fur was Kostbares 
halt. Dann ware Herrn Zweig dasselbe passiert wie 
Herrn Salten, der auf einmal »schweigte«, weil er diese 
Form in einer Auslage gesehen hatte, ohne zu wissen, 
dafi sie so viel bedeutet als: schweigen machen, be- 
schwichtigen, also die Tatigkeit, die man gegenuber 
Schwatzern anwendet. »Gleichen« (gleichte, gegleicht) 
ist ein ebensolches Faktitivum wie schweigen (schweig- 
te, geschweigt) und bedeutet — im Gegensatz zu »glei- 
chen, glich, geglichen« = gleich sein — so viel als gleich 
machen, glatten, in Dbereinstimmung bringen. Eher 
kann das Faktitivum »schweigen« stark abgewandelt 
werden (ich schwieg ihn)^ als schweigen im Sinn von 
»nicht sprechen« schwach. Und das Faktitivum »glei- 
chen« hat in Zusammensetzungen durchaus die starke 
Abwandlung, so dafi die Tatigkeit des Gleichmachens 
dann nicht anders konstruiert wird als die Eigenschaft 
des Gleichseins. Es wird also »verglichen« : wenn ich 
nicht eine Sache als solche gleich mache (glatte) 
oder reale Dinge in Dbereinstimmung bringe (Miinzen, 
Gewichte), sondern wenn ich eine Sache einer andern 
gleich stelle oder sie an ihr messe; doch kann 
sie auch als solche »beglichen« oder »ausgeglichen« 
werden (wobei allerdings mit einer vorgestellten For- 
derung oder Rechnung verglichen wird). Nur im rein 
mechanischen Sinn wird etwas »gegleicht« ; aber selbst 
da »angeglichen«. Herr Zweig hat also irgendwo 
»gleichte« in der selteneren Bedeutung gefunden und 
diese mifiverstanden, oder vielleicht doch die abgestor- 
bene, niemals lebendige Form fiir seinen reporterhaft 
normalen Sinn gewahlt. Jedenfalls gedachte er sich mit 
etwas Kostbarem zu schmiicken. — Diese Beobachtung 
ist naturlich nur eine Kleinigkeit, eine von jenen, mit 
denen ich mich abgebe; aber sie scheint doch hin- 
reichend Raum zu gewahren, dafi man in ihr das Format 
eines Kulturessayisten unterbringe. Wenn so einer hin- 



273 



schreibt, dafi einem Buch keines der Weltliteratur 
»gleichte«, so glaubt er schon mit einem Fufi in ihr zu 
sein. Ans der wievielten Hand jedoch selbst die schein- 
bar korrekten Fiigungen ihm zugekommen sind, lafit 
sich leider nie feststellen. Meiner Methode geniigt ein 
Zweig, um einen Wald von Federn zu sehen, die da vor- 
gearbeitet haben. Aber das ist es eben, was der Zeitungs- 
leser braucht. Die Biirgerschaft zwischen Berlin und 
Wien sieht sich durch die Emil Ludwig und Stefan 
Zweig mit der denkbar grofiten Zeitersparnis in die 
Weltliteratur eingefiihrt, und die Folge ist, dafi solche 
Leute dann fiir Paris und London selbst schon zu ihr 
gehoren. Sie machen dem Leser die Lucke, aus der seine 
Bildung besteht, wohnlich und behaglich, schmucken sie 
mit Urvater Hausrat, neuzeitlichem Zierat und sonsti- 
gem Unrat, und heben den Zeitgenossen liftartig auf 
ein Niveau, das er unten nur zu betreten braucht, um 
oben zu sein. Der Lift war auch nicht immer oben, aber 
es gelingt ihm immer wieder, und technische Hinder - 
nisse sind unschwer ausgegleicht. 

Oktober 1926 
Kleiner Erfolg 

Ein Leser aus Cassel schreibt : 

Vielleicht interessiert den Herausgeber der Fackel das fol- 
gende Zitat, als Beweis fur die Tatsache, dafi vor 70 Jahren ein 
mittlerer Ubersetzer besser um die deutsche Sprache Bescheid wufite, 
als heutigen Tags ein beliebter Feuilletonist: 

Geschichte der Girondisten v. A. v. Lamar tine. Nach der 
3. franz. Auflage iibersetzt von Wilhelm Schottlen. Siebenter 
Band. Stuttgart, Rieger'sche Verlagsbuchhandltuig 1851: 

»Dieser junge Mensch war Camille Desmoulins, der 
inconsequent in seinem Mitleid, wie in seinem Hasse, sich in jseiner 
bald verruchten, bald knabenhaften Leichtfertigkeit den Thranen 
hingab, wie er das Blut herausforderte. Mit Gleichgiiltigkeit oder 
Verachtung hielt ihn die Menge zuriick und schweigte ihn 
wie ein Kind.« 

Hier ist, was Stilgeckerei bei einem Literaten ware, ein 
Stilmittel beim wahren Erzahler ge^vorden: der Prosabericht wachst 
zu einer Ballade. 



274 



Aber da ich von Salten nicht schweigte, so gleichte es 
mir ganz und gar nicht, bei dieser Gelegenheit an Zweig 
voriiberzugehen und nicht auch seinem pretium affecta- 
tionis ein besseres Vorbild darzubieten. Die Anfangs- 
zeilen der letzten Strophe der liebenswiirdigen »Elegie 
an einen Mops« von Moritz August Thummel enthalten 
das von jenem mifiverstandene Faktitivum; 

Wie hast du, guter Mops, nicht meiner Stirne Falten, 
Sah ich dem Grillenspiel der deinen zu, gegleicht ! 

Aber ich bin Pretiosenrauber. Zu den »kleinen Erfol- 
gen« , mit denen ich kiirzlich renommiert habe, kann ich, 
einem Geriicht zufolge, die Tatsache zahlen, dafi sich 
Herr Zweig entschlossen hat, in dem Nachdruck seines 
Freud-Aufsatzes, der im Jahrbuch fur Psychoanalyse 
erfolgt, die rare Form durch die richtige zu ersetzen. 
Wenn man die beiden Fassungen vergleichte, wiirde 
man finden, dafi es nunmehr kein Buch der Weltlitera- 
tur gibt, welches dem Werke Freuds gleichkame, 
was ja in der Meinung iibertrieben sein mag, aber im 
Ausdruck richtig ist. Ob Salten sich zu einer analogen 
Anderung entschlossen hat, dariiber schweigte das Ge- 
riicht. 

Oktober 1925 
Falsches Lob 

D. — anders, begreif ich wohl, als sonst in Bubi- 
kopfen malt sich in diesem Kopf die Welt — : 

Ludwig Fulda hat die Ubersetzung Ibsens bewerkstelligt: 
pointierte Verse, Fuldasche Reimuberraschungen, 
die gar nicht an Ubersetzung denken lassen. Man 
glaubt ein Original zu horen. Der f remde Passagier 
sagt zu dem mit den Wellen ringenden Peer: »Die Furcht hat Sie 
zu fruh gepackt, man stirbt nicht mitten im funften Akt . . . .« 

Nicht ganz so grolJ ist die Fuldasche Reimiiberraschung 
fur den, der an Christian Morgensterns Ubersetzung 
denkt und eben dieses Original zu horen glaubt: 

Getrost, mein Freundl Ich habe Takt; — 

Man stirbt nicht mitten im funften Akt. 



275 



Dagegen hat P. — den man freilich in der Umgebung 
von Wiener Kritik so wenig nennen wie er zu ihr ge- 
horen sollte — wieder unrecht, wenn er meint, dafi die 
Form »geschmelzt« ein tadelnswertes Fuldasches Origi- 
nal sei und nicht vielmehr ein alter, guter, hier der 
einzig richtige Gebrauch. S. ware in solchen Fallen ge- 
witzigt und hatte geschweigt. 

Januar 1917 
Falscher Tadel 

Ich bin wohl kein Freund der Neutoner, die es aus 
Unfahigkeit zum alten Ton sind. Und was ich ihnen am 
meisten veriible, ist, dafi sie den schmutzigsten Be- 
sitzern des gesunden Menschenverstandes dazu ver- 
helfen, recht zu haben, und dafi man sich die Hande 
abwischen mufi, weil einem das Malheur zugestofien 
ist, mit so was eine Ansicht zu teilen. Um der Plattheit 
des Herrn Blumenthal zu entgehen, sturze ich mich dann 
kopfiiber in die schwindelnde Tiefe eines neuen 
Lyrikers. 

Wie ein Fruhlingslied von Theodor Daubler aussieht, wissen 
wir nun. Seine Winter lieder sind nicht besser geraten. Uber einem 
dieser Lieder strahlt das Wort »Schnee«. Durch die Erinnerung 
singen mir die Verse Platens : »Leicht ertragt mein Herz des Winters 
Flockenschnee, weil ich Blutenschnee des Lenzes ahne.« Mit so 
einfachen Klangen begniigt sich unser Dichter nicht. Seine Schnee- 
flocken sind Silberbienen und setzen sich »sehr stumm« auf welke 
Blatter. Kann man stummer als stumm sein? Der Schnee Theodor 
Daublers ist es imstande. Er kann auch noch andere Kunststiicke, 
Er wirbelt nicht blofi, er »schwirbelt« auch — 
und er wurde zweif ellos auch z i r b e 1 n und girbeln, wenn es von 
ihm verlangt wird: denn was tut nicht ein gutmiitiger Schnee fur 
einen Dichter, der Neutoner von Beruf ist? Vielleicht lehrt er uns 
bald, daft es nicht blofi einen Wirbelwind, sondern auch einen 
Schwirbelwind gibt, und daft der Mensch nicht bloft eine Wirbel- 
saule hat, sondern auch eine Schwirbelsaule. 

Herr Blumenthal ist vom Schwirbel bis zur Zeh 
ein Sprachkenner. Nur mufi er noch zulernen, dafi es 
einen Schwirbel, wenn auch nicht im Sinn von Scheitel, 
so doch im Sinne von Taumel, Schwindel wirklich gibt. 



276 



Herr Daubler hat da gar keinen Schwirbel gemacht, 
sondern ein altes Wort ganz gut gesetzt. »Schwirbeln« 
heifit — wie jener im SandeTS nachlesen kann — : sich 
wirbeln, drehn, taumeln. Dem Schnee soil vermutlicb 
mehr als das physikalische Wirbeln, auch die Empfin- 
dung des Taumelns zugeschrieben werden; lautlich ist 
es, indem sich Sch mit wirbeln verbindet, eine anschau- 
liche Darstellung des Treibens, eine recht schneehafte 
Abdampfung des Wirbelns. Herr Blumenthal hat Pech. 
Denn »Zirbeln« gibt's auch und es bedeutet dasselbe, 
wie auch sogar »zwirbeln«, das es gleichfalls bedeutet 
und das die Scherzhaftigkeit zu erfinden vergessen hat, 
Nur »girbeln« gibt's nicht. Aber den Blumenthal gibt's. 
Er konnte mit der hochsten Lyrik genau so verfahren 
wie mit jener, die er gerade angefafit hat und deren 
Einzelfall eben darum meines Schutzes sicher sein kann, 
so gefahrlich mir auch der geistige Typus erscheinen 
mag. Was weifi ein Berliner Witzonkel von diesen 
Dingen und was gehen sie ihn an ? Der Blumenthal ver- 
halt sich zur Lyrik wie der Blumenthal zu einem 
Blumental. Wobei das Trostlose ist, dafi man ihn noch 
mit h schreiben soil und dieses nicht mehr! 

November 1922 
Metaphern 

Uber ein Shakespeare -Worterbuch schreibt in der 
Neuen Freien Presse ein Herr, der mit dem Wort auf 
einem so beschaffenen Fufi steht: Shakespeares Welt 
sei eine Insel der Seligen, die »jeder verlangenden Hand 
ihre goldenen Friichte reicht«. 

Allerdings auch ein Eden mit e i n i g e n Baumen der Erkenntnis, 
von denen es mehr als genug harte Nusse zu brechen 
gilt. 

Abgesehen von der Schwierigkeit der Vorstellung, dafi 
es etliche Biiume der Erkenntnis gibt und dafi es Nufi- 
baume der Erkenntnis sind, kann man von einem sol- 
chen zwar Niisse »brechen«, namlich pfliicken, aber fur 



277 



die Schwierigkeit dieses Brechens ist es vollig irrelevant, 
ob sie mehr oder weniger hart sind. Eine »harte« Nuft 
brechen kann nur heifien: sie auf brechen, nachdem sie 
schon vom Baum gebrochen ist. Das meint er aber nicht, 
sondern er meint, dafi es die Friichte vom Baum der 
Erkenntnis zu brechen »gilt«, was wieder darum seine 
Schwierigkeit hat, weil es ja verboten ist. Item, er 
meint, es gelte, die Niisse von den Baumen zu brechen, 
Sie aufbrechen ist erst das nachste, was zu geschehen 
hat. Denn: 

Dafi ein Forscher, der wie ein wetterfester und s c h a r f t 
augiger Fahrtensucher den Wegen Shakespeares zu fol- 
gen gewohnt und gewillt ist, auch zahlreiche dieser harten Nusse 
zu entkernen vermag, davon zeugt fast jede Seite in Kellnera 
letztem Buch. 

Natiirlich : es gehorte noch keine Kraft dazu, die harten 
Nusse vom Baum zu pfliicken, jetzt erst, beim Ent- 
kernen, mul! sie sich an der Harte bewahren. Warum 
einer aber dazu ein wetterfester und scharfaugiger 
Fahrtensucher sein mufi und was ein solcher iiberhaupt 
im Paradies zu suchen hat, mag jener wissen, dessen 
Wege noch unerforschlicher sind als die Shakespeares. 

Oktober 1925 
Die Handelssprache 

Aus einem Prospekt: 

Liebe gute Eltern! 

Wollet Ihr Euren Buben 

wollet Ihr Euren Knaben 

gut und billig bekleiden dann bitte ich hoflich urn Ihren gesch. 

Besuch. 

Selbst vom entlegensten Bezirke wenn sie 

kommen, ist es Ihr Vorteil. 

Aus dem Begleitbrief : 

Als geburtiger Franzose und (angesichts derartiger Sprach- 
ausartungen 1 e i d e r) naturalisierter Usterreicher, erlaube ich mir 
Ihnen den beiliegenden Prospekt zu uberreichen, dessen Erfolg in. 
Paris eine Serie von Maulschellen ware, die der Verfasser von den 
lieben guten Eltern, die dort immerhin noch etwas auf ihre Sprache 
halten, empf inge. 



278 



Selbst vom entlegensten Bezirk wenn sie kamen, 
ware es sein Nachteil. Aber wer wollte an das Wiener 
Merkantilleben mit Forderungen der Sprachreinheit 
herantreten? Wem sollte das Farbengebriille dieses 
Plakatwesens noch das Gelalle dieser Texte horbar 
machen? Der deutsche Charakter einer Stadt ist ihr 
Lebtag noch nicht an der Sprache, die sie spricht, 
erkannt worden. Doch die in Wien gesprochene und 
geschriebene, mit diesem Kauderwelsch des Verkehrs, 
diesem Rotwelsch des Handels und dem Deutsch der 
Zeitung, ist so geartet, dafi man sich wundert, wie der- 
gleichen auch nur ein Verstandigungsmittel zwischen 
den Wienern bilden kann. 

August 1929 
Schdne Aussichten 

Gelesen habe ich ja noch nie eine Zeitung — wer 
weifi, vielleicht kame ich hinter die Vorziige — ; aber 
wohin der Blick nur fallt, nimmt er wahr, dafi sie von 
puren Analphabeten gemacht wird. In keiner Sprache 
wird ja so schlecht gesprochen und geschrieben wie in 
der deutschen und in keiner deutschen Region wieder 
so schlecht wie in der osterreichischen. Wien erleidet 
insoferne das Schicksal Babels, als der Herr daselbst 
verwirret hatte eines einzigen Volkes Sprache. Oft 
denke ich mir, wie eine Nation, die so auf die Fremden 
angewiesen ist, mit der Verponung fremder Sprachen 
auskommen kann und ob es denn mit gebrochenem 
Deutsch allein auf die Dauer gelingen konnte, sich zu 
verstandigen. (Wozu noch die Eigenheiten der Landes- 
brauche kommen, die, an und fur sich unverstandlich, 
ihren besonderen Ausdruck haben. Ich stelle niir eine 
Englanderin vor, an die ein Zahlkellner mit dem Wort- 
gebild heranstiirmt, dem nicht einmal zu entnehmen ist, 
ob es Frage oder Botschaft bedeutet, und das die Ele- 
mente der Gnade, des Geschmacks und des Willens zu 
der ratselhaften Formel vereinigt: »Gnadigste schon 
was Sisses befohlen — «. Wo in der weiten Welt gibt es 



279 



dergleichen und wie konnte die perfekteste Kenntnis 
des Deutschen mit Zuhilfenahme von Worterbiichern 
da zureichen?) Das Merkwiirdige ist, dafi die Einhei- 
mischen einander verstehen; offenbar gelingt es, indem 
jeder weifi, was der andere nicht meint. Die Journalisten 
nun scheinen sich irgendeinmal auf den ruchlosen 
Grundsatz »Schreibe, wie du sprichst« festgelegt zu 
haben und nehmen ihn wortlich. Was da herauskommt 
— da sie also faktisch schreiben, wie sie sprechen — , 
ist ja toll, aber es ware noch ertraglich, wenn sich nicht 
auch die Konsequenz ergabe: »Sprich, wie du schreibst«, 
indem namlich dann die Leser so sprechen, wie die Jour- 
nalisten schreiben. Und da jetzt auch alle Leser schrei- 
ben, so ist das, was schon Wirklichkeit ist, gar nicht 
mehr vorstellbar. Die Landessprache ist das Kauder- 
welsch, welches freilich durch die verschiedenen Arten 
des berufsweise gesprochenen Rotwelsch verzerrt wird 
und dessen reiner Charakter nur noch in der Amts- 
sprache erhalten scheint. Der Umsturz hat auch die 
sparlichen Uberbleibsel von Normen einer Syntax auf- 
gelost und man kann wohl sagen, dafi seit der Los- 
trennung von den anderen Nationen in Osterreich nicht 
mehr deutsch gesprochen wird. Leider scheinen es auch 
die Setzer verlernt zu haben, die in der Monarchic noch 
das Grobste, was ihnen die Redakteure lieferten, zu 
beseitigen gewohnt waren und nur in Zeiten passiver 
Resistenz einen Artikel, wie er war, erscheinen liefien. 
Auf die Art haben schliefilich die Redakteure manches 
gelernt und es ging zur Not. Ich glaube kein Redaktions- 
geheimnis zu verraten, wenn ich der Vermutung Aus- 
druck gebe, dafi alles was jetzt erscheint von den 
Lesern geschrieben ist, die es freilich von den Redak- 
teuren gelernt haben. In der Neuen Freien Presse be- 
ginnt zum Beispiel ein Geburtstagsartikel folgender- 
mafien: 

Seine vielen Bekannten werden erstaunt sein, zu erfah- 
ren, dafi Mittwoch wird Professor Dr. Felix 
Ehrenhaft funfzig Jahre alt. 



280 



Kami sein, es handelt sich urn eine sogenannte »Ver- 
hebung«, auf die sich die Stilisten des Tages immer aus- 
reden (als ob's ihnen wer geschafft hatte, den Beruf 
zu ergreifen); aber dann mauschelt eben schon die 
Maschme, was doch nur ein Fortschritt und kein Wun- 
der ware. Interviewt wird — im Neuen Wiener Journal 
— f olgendermafien : 
Was ist das Neue, was Sie zurzeit beschaftigt? 

Namlich Herrn Zuekmayer; was ja ebenso wissenswert 
ist wie jede der Antworten, die immer dieselben pro- 
minenten Nichtskonner gleichzeitig auf die Fragen 
erteilen miissen, woran sie arbeiten, wohin sie aufs Land 
gehen und wie sie sich das Jenseits vorstellen. (Woran 
sie arbeiten, beunruhigt mich weniger als die anderen 
Plane, die ich genau beobachte, urn die eigenen danach 
einzurichten ; mit dem Landaufenthalt gelingt's mir 
immer, mit dem Jenseits hoffe ich durchzurutschen, 
ohne dem Schauspieler zu begegnen, der in einer und 
derselben Nummer erklart hat, dafi ihn das Dampfrofi 
nach Ostende zu bringen habe, wo er was von Gilbert 
singen wird, und dafi er kampfen, leiden, tragen wolle, 
denn es drange ihn zum Vater, dessen ausgesetzte Sonne 
wir alle sind.) Was nun mich zurzeit beschaftigt, ist 
nichts Neues, sondern das Alte, das mich immer be- 
schaftigt hat: die Lage des Deutschen in Uster- 
reich, das seit der Zeit, da es noch eine Lage der Deut- 
schen in Osterreich gab und infolgedessen eine Nieder- 
lage, darniederliegt. »Verhoben« ist da gar nichts, son- 
dern es kommt eben davon, dafi sie grade Michel sind, 
die schreiben, wie ihnen der krumme Schnabel gewach- 
sen ist. In der Neuen Freien Presse tut sich wieder das 
Folgende: 

Dann soil er i h m beim linken Arm gepackt und ihm zuge- 
rufen haben: »Schau'n Sie, dafi Sie h e r a u s kommenU Als 
schliefilich der Postbeamte gegen ein solches Vorgehen 
unter Hinweis auf eine eventuelle Meldung unter Dienst- 
eid hinwies, soil Dr. Busson ihm zugerufen haben: »Sie Bol- 
schewistU 



281 



Also was hat der Postbeamte eigentlich getan? Nein, 
so schlecht sprechen die Leute doch nur, wenn sie 
schreiben, und man kann, nehmt alles in allem, sicher 
sein, dafi der fliichtigste Blick, der heute eine Zeitungs- 
kolumne streift, die Erfahrung bestatigen wird: mag 
der private Ausdruck im deutschen Sprachbereich den 
Tiefstand der Verkommenheit erreicht haben, er stellt 
neb en der publizistischen Moglichkeit noch immer eine 
rhetorische Kunstleistung dar. Was offentlich gesagt 
wird, ist nur mehr gelallt, gekotzt, ausgeworfen aus 
Maulern, die ratselhafter Weise die Bestimmung haben, 
taglich zum Volke zu reden. Der miindliche Sprach- 
gebrauch hat den Vorsprung erst wertzumachen, und 
da steht freilich zu befurchten, dafi die Juden im 
Kaffeehaus mit der Zeit so sprechen werden, wie die 
in der Zeitung schreiben. Die Christen in den Amtern 
nicht anders, nur noch verscharft durch die Angewoh- 
nung dessen, was sie in der Reichspost und in der »Dotz« 
lesen. An eine Heimwehr fur sprachliche Belange haben 
die Troglodyten bisher noch nicht gedacht. Schlechthin 
unvorstellbar, wie in der Gleichzeitigkeit des tech- 
nischen Fortlaufs nach funfzig Jahren die deutsche 
Rede (inklusive der jiidischen) beschaffen sein wird, 
Wenn nicht eine Diktatur — anderer Art, als sie sich 
der Herr von der Alpinen Montangesellschaft denken 
mag, der in jenem Fall die babylonische Verwirrung 
der einen Sprache heraufbeschworen hat — , wenn keine 
Diktatur mit dem Schwindel der Prefifreiheit tabula 
rasa macht und das Handwerk unter die Drohung der 
Prugelstrafe stellt, dann wachst eine Welt von Analpha- 
beten heran, die nicht mehr imstande sein werden, die 
Zeitung zu lesen, sondern nur noch, fur sie zu schreiben. 

Oktober 1925 
Der Leser schreibt 

Deutsche Sprak, schwere Sprak. Ein Leser 
schreibt uns: Ein Wiener Abendblatt schreibt in einem Bericht uber 
einen Unfall eines Schauspielers : »Der Kunstler schwebt aufier Le- 



282 



bensgefahr.« Es ist gewifi erfreulich, dafi der Kiinstler demnach 
einem besseren Jenseits fernbleiben wird und ihm die 
letzte Ehre unerwiesen lassen kann. 1st es aber unurn- 
ganglich notwendig, dafi die Wiener Blatter von Leu- 
ten geschrieben werden, die sicb in der deut- 
schcn Sprache nicht zurechtfinden oder sollte es 
nicht doch umganglich unnotig sein? 

Das konnte man allerdings fragen, und der 
Sprachunterricht sollte nicht unerwiesen bleiben oder 
(wenn dies wegen der Wiederholung von »bleiben« 
mifilich ware) nicht unerwiesen gelassen werden. Bis 
dahin sollen Zeitungen nicht drucken, was Leser schrei- 
ben, selbst wenn diese an Gedrucktem mit Recht 
Anstofi nehmen. 



283 



Mifideutungen 

Mai 1926 
Da steh* ich nun, ich armer Tor! 

Im Volkstheater aber geht der Vorhang auf, und es sitzt ein 
alter Herr bei schlecht beleuchtetem Pult und deklamiert: »Habe 
nun, ach, Philosophies, oline dafi jemand wiifite, warum er das just 
dem Publikum erzahlt . . . Und warum bei solch trockenem Wetter 
plotzlich der serflehte Geist « um den » Faust « schwebt, ein Geist 
freilich, der sofort seine Theaterkunst verrat, indem 
er falschlich deklamiert: »Du gleichst dem Geist, den du b e - 
greif st« (start dafi er schaudernd sagte: »Den du begreifst«), 
Begreifen sie uberhaupt? Beide begreifen nichtl 

Und Herr Liebstockl, der sich doch sogar ein Doktorat 
zugelegt hat? Begreift er, dafi er den Vers nicht be- 
griffen hat und mit seiner oden Betonung nur dann 
recht hatte, wenn der Vers nicht lautete: »Du gleichst 
dem Geist, den du begreifst, nicht mir!«, sondern 
». . . den d u begreifst, nicht i c h!« Naturlich waren (was 
aber weder jener noch der Schauspieler begreifen und 
treffen wurde) beide Worte zii betonen, das heifit: das 
zweite zu betonen und das erste nicht unbetont zu 
lassen. Dem aufieren Sinn der Stelle geniigt aber der 
Schauspieler mit der ausschliefilichen Betonung des 
zweiten, und »falschlich« hat nicht dieser deklamiert, 
sondern Herr Liebstockl kritisiert. Etwas nicht begrei- 
fen, ist schliefilich jedermanns Recht, aber einem andem 
daraus einen Vorwurf zu machen ist das Vorrecht des 
Kritikers. Herr Liebstockl, dem der Geist wirklich nur 
schaudernd sagen konnte: »den du begreifst«, hatte 
besser getan, sich mit der Zitierung von »Habe nun, ach ! 



284 



Philosophie« zu begniigen. Diese Stelle kennt er griind- 
lich, bis zu den Worten: »heifie Doktor gar«. 

Mai 1927 
Handel mit Sprachgut 

Es gibt wenige Motive der Fackel, die noch nicht 
von deren Lesern mifiverstanden worden waren, und 
alien Bitten zum Trotz erfolgt, damit es immer wieder 
dargetan sei, die Zusendung von Zeitungsausschnitten 
und sonstigem Material, das im Fall der Tauglichkeit 
ja noch unerwiinschter ist, aber zumeist doch nur die 
Unzustandigkeit des satirischen Blickes dartut, der da 
in meiner Vertretung die Welt betrachten zu sollen 
glaubt. Von einem solchen wohlmeinenden Heifer wird 
mir, sichtlich mit Anknupfung an das Motiv der ge- 
schandeten deutschen Sprachdenkmaler, der Prospekt 
eines Violinsaitenerzeugers zugesandt, der die Verse von 
dem Strengen mit dem Zarten, dem Starken und dem 
Milden nebst dem Ergebnis des guten Klanges verwen- 
det und behauptet, dafi die Herstellung nach seinem 
Verfahren »auf Grundlage des Sinnes obigen Zitates aus 
Schillers Glocke beruht«. Das wird von einem Ruf- 
zeichen eskortiert, in der sicheren Uberzeugung : da gibt 
es einen guten Fang. Aber uneben daran ist nichts als 
die falsche Zitierung des ersten Wortes: »Wo« statt 
»Ob« das Sprode mit dem Weichen sich vereint zum 
guten Zeichen, also die Gleichstellung mit der folgenden 
Konstruktion »Denn wo das Strenge usw.« (w r ahrend es 
im Original doch die Ausfuhrung von »Priift mir das 
Gemisch« bedeutet und nicht die Ursache des » guten 
Klangs«). Ein sprachliches HeiUgtum nun ist die ebenso 
beruhmte wie leere Stelle mit der— schlecht verteilten — 
dreifachen Antithese der analogen Begriffe und Formen 
(das Sprode, das Strenge, das Starke gegen das Weiche, 
das Zarte, das Milde) keineswegs ; ihrer gemeia- 
platzigen Sinnigkeit hat sie eben die Popularitat zu 
verdanken, die sie langst der satirischen Verwendung 
preisgegeben hat. Das darf mit aller Ehrfurcht vor dem 



285 



hohen Menschentum des Versifikators solcher Lehr- 
meinungen, die schon Jean Paul aus dem Bereich des 
Dichterischen entfernt hat, gesagt werden. Sicherlich 
lafit sich jedoch ernsthaft, ohne Blasphemie und sogar 
mit einem hinzutretenden Etwas von einer neuen 
Sinnigkeit dem Werk der Saitenerzeugung das Rezept 
beischliefien, das dem Glockengufi den guten Klang 
sichert. Der Fall, wo zitiert und nicht variiert wird, ist 
durchaus nicht dem Erdreisten jener zahllosen Kate- 
gorien von Koofmichs und Vereinsmeiern gleichzu- 
stellen, die in Goethes »Uber alien Gipfeln« frohgemut 
den diversen Interessendreck einsetzen. Es handelt sich 
auch nicht um Schuhwichs oder Margarine, und daft, 
wenngleich in geschaftlicher Absicht, fur ein Musik- 
instrument gelten soil, was fur die Glocke gilt, ist weder 
an und fur sich unwiirdig noch der fatalen Gelaufigkeit 
jener Verse unangemessen. Es ware selbst nichts 
dagegen einzuwenden, wenn ein Verschonerungsverein 
Goethes Verse, wie sie sind, zur Anpreisung einer Wald- 
landschaft in seinen Prospekt aufnahme; greulich ist 
eben nur, dafi jede ulkige Handlersorte nach der Reihe 
aufsagt, wo jeweils Ruh 5 , namlich Pleite ist und was du 
derzeit kaum spiirest aufSer dem Gestank, den sie 
zuriicklafit. Was der Einsender , der es sicherlich 
besser gemeint als gedacht hat, in dem Prospekt iiber- 
sah, ist weit arger: die eigene Sprache des Handlers. 
Fur den weichen Klang seiner Saite, der durch eine 
»Bindung zwischen Darm und Metall«, also wirklich 
durch so etwas wie die zitierte Paarung entsteht, mag 
er sich getrost auf Schiller berufen; aber nur im deut- 
schen Sprachgebiet ist es moglich, dafi eine Reklame 
in grofien Lettern einen Titel f iihrt wie diesen : 

A. B.'s nach neuem Verfahren hergestellt e n und temperiert e n 
Original G und C Saiten fur Streicher. 

Die vollige Hemmungslosigkeit, mit der die deutsche 
Zunge deutsches Sprachgut behandelt und just dort, wo 
es einen guten Klang geben soil: wo von »Ton- und 



286 



Quintenreinheit« , von »andauernder Tonschonheit« die 
Rede ist — das ist das einzig Bemerkenswerte, das Um 
und Auf der nationalen Frage und hierin ist offenbar 
der eigentliche Riickhalt eines Volkes, das bald keine 
Sprache mehr haben wird, um der Welt zu beteuern, 
dafi es nicht untergehen kaxin. 

Oktober 1925 
Der Ton 

Davon gar nicht zu sprechen, dafi einen solchen Brief, 

aus dem der Byzantinismus geradezu herausstinkt, wohl ein Monar- 
chist, bei dem der Schwachsinn das Gefuhl ist, schreibt, den »Ton« 
aber uberhaupt niemand nachahmen kann; wer vermochte emen Satz 
zu konstruieren wie den Schlufisatz: »Ihre Majestat wird auch Ge- 
legenheit geben, in allernachster Zeit von ihr auch zum personlichen 
Vortrag empfangen zu werden« ? Der Monarchist, den die Exkaiserin 
ein uberirdisches Wesen dunkt, vermag den »Gedanken«, dafi sie 
bereit ware, den monarchistischen Agitator demnachst zu empfan- 
gen, in dieser alien grammatischen Regeln baren, nur auf »Ehr- 
erbietung« bedachten Form auszudrucken ; erfinden lafit sich derlei 
uberhaupt nicht . . . 

Und wenn der Brief hundertmal echt war, gerade der 
»Ton« konnte die Annahme rechtfertigen, dafi er er- 
funden sei. Warum sollte den Ton »iiberhaupt niemand 
nachahmen konnen« ? Dann ware uberhaupt keine Zeile 
in den »Letzten Tagen der Menschheit« von mir, wo zu 
den Dokumenten aller Spharen auch aller Sprache ge- 
sprochen wird. Und der zitierte Satz spottet ganz und 
gar nicht aller grammatikalischen Regeln — das gute 
Beispiel einer solchen hat wohl ein Druckfehler durch 
den Dativ unvorbildlich gemacht — ; er ist gramma- 
tisch ganz richtig und es handelt sich vielmehr um 
das Problem eines Stils, dem durch die getreue Erfiil- 
lung der dargestellten Sphare geradezu das Regulare 
gelingt. Der majestatische Wahn, der solchen Ausdruck 
findet, mag absurd, der »Gedanke«, den er ausdriickt, 
lacherlich sein. Aber die Distanzierung, die beabsichtigt 
ist: dafi also die Majestat nicht etwa Gelegenheit hat, 
jemand zu empfangen, sondern Gelegenheit gibt, von 
ihr empfangen zu werden, so dafi der. dem es bevor- 



287 



steht, in weiterer Passivitat verharrt — dies gerade ist 
ganz entsprechend bewaltigt. Die Majestaten schreiben 
eben so oder lassen so schreiben und der Stil ist jjut, 
wenn auf ihre Art gesagt wird, was gesagt sein soil. Und 
nichts lafit sich eher erfinden oder nachbilden — von 
dem, der das Ohr hat — als die Besonderheit einer 
Sphare, und umso leichter, je absurder sie ist und je 
mehr sie als solche von der gesellschaftlichen Norm 
absticht. Die Echtheit der Wendung ist kein Beweis fur 
die Echtheit des Briefes. Da wurde ich eher noch glau- 
ben, dafi den Satz, der an der gleichen Stelle zu der 
Meldung vom reichen Kindersegen einer sachsischen 
Familie zu lesen war: 

c h o 1 1 jal Die doitsche Famulje, das deutsche Gemut 
sie sind doch zuu sufi! 

ein echter Sachse geschrieben hat. 



288 



Juni 1921 



Bei den Tschechen und bei den Deutschen 

Meinungen, Richtungen, Weltanschauungen — es 
kommt doch zuerst und zuletzt auf nichts anderes an 
als auf den Satz. Die ihn nicht konnen, fangen beim 
Lebensinhalt an, welchen sie infolgedessen nicht haben 
und welcher da ist, wenn der Satz gelingt. Es wird kaum 
je einen Autor gegeben haben, dem Stofflicheres, Wirk- 
licheres, Zeitlicheres abgenommen werden konnte als 
dem, der meine Schriften geschrieben hat, und doch 
habe ich mich mein Lebtag urn nichts anderes als um 
den Satz geschoren, darauf vertrauend, dafi ihm schon 
das Wahre liber die Menschheit, liber ihre Kriege und 
Revolutionen, liber ihre Christen und Juden, einfallen 
wird. Wenn man es las, war es Politik. Wenn man liest, 
was ich davon halte, ist es Fart pour Fart. Das kommt 
da von, dafi man weder jenes noch dieses versteht, und 
davon kommt, dafi alle Kritik, aller Widerspruch und 
aller Einwand von »Widerspriichen« an mir abgleiten 
mufi, von mir nur beachtet und gefurchtet wie alles, 
dessen Stumpfheit mich anregt und das mich betrifft, 
auch wenn es mich nicht meim\ Ob es nun so ist, dafi 
mich der Stoff iiberwachst oder ob ich an der Unmog- 
lichkeit, ihn zu bestreiten, wachse; und in welche Be- 
ziehung man mich immer zu dieser Wirklichkeit setzen 
will, und ob meine Feinde glauben, dafi ich Miicken 
seige und Kamele, so grofi wie sie, verschlucke: ich 
bleibe ihrer Kritik unerreichbar, weil ich weder dies 
noch jenes tue, sondern Satze schreibe. Weil das bisher 
in der deutschen Literatur noch so selten der Fall war 



289 



und ganz gewifi nie mit solch erschopfender Ausschliefi- 
lichkeit des Interesses an dem, was den Beruf des Schrift- 
stellers ausmacht, so sind es die Leser nicht gewohnt, 
es verwirrt sie und sie sprechen darum, da sie ja doch 
von etwas sprechen miissen, so gem von etwas anderm, 
was mit dem Beruf des Schriftstellers gar nichts zu tun 
hat, und legen ihm dessen Erfullung als Marotte und 
das Bewufitsein um dessen Erfullung als Eitelkeit aus. 
Denn nichts verstehen die Menschen weniger, uber 
nichts staunen sie mehr, als dafi der Schriftsteller es 
mit dem Wort, der Maler es mit der Farbe zu schaffen 
haben mochte; dafi sie Erlebnisse haben mochten, die 
nicht das geringste mit dem eigentlichen Gegenstande 
zu schaffen haben, also mit einer Gerichtsverhandlung 
oder mit einer Madonna. Sie mafien sich in diesen 
Dingen ein Urteil aus dem Grunde an, weil ja, soweit sie 
in der Anordnung der Worte und der Farben den 
Gegenstand erkennen, doch wirklich so etwas wie die 
Gerichtsverhandlung oder die Madonna herauskommt, 
und dies eben gibt ihnen das Recht, diese und jene zu 
agnoszieren. Anstatt der Kunst dankbar zu sein, dafi sie 
einen den Gegenstand verkennen lehrt, »stehn sie hier 
auf ihrem Schein« . Wiirden sie einen Satz so oft lesen als 
er erlebt wurde, so wiirden sie den Gegenstand nicht 
mehr sehen, den sie beim einmaligen Lesen eben noch 
erkennen. Die von mir sagen, dafi ich einen guten Sti] 
schreibe, wissen das sicher nur vom Horensagen; denn 
in Wahrheit ist fur sie noch nie ein schlechterer ge- 
schrieben worden. Die Erlaubnis, auf Druckfehler auf- 
merksam zu machen, hat dies in einer umfassenden 
Weise offenbart. Man konnte aus den Fallen, wo ein 
Sprachwert als Druckfehler angezeigt wird, einen 
Roman der wildesten Abenteuer des Geistes, also eine 
Sprachlehre machen. Es »juckt« mich in den Fingern. 
(Auf diese Begegnung einer faustischen mit einer jiidi- 
schen Nuance in einem Vokal haben etliche Leser von 
»Literatur« als auf einen Druckfehler aufmerksam 
gemacht.) Stil kann man getrost als das definieren, was 



290 



der Leser nicht versteht. Denn er ist schon dadurch, 
dafi er die Sprache spricht. der Fahigkeit iiberhoben, 
sie zu horen. Er ist und bleibt auf nichts anderes ein- 
gestellt, als dafi der Autor die Meinung, die er als der 
vermutlich Kliigere haben konnte, ihm sage, die Gegen- 
meinung oder alles ironisch Gemeinte in Gansefiifichen 
setze, und wenn er dazu noch einen Gedanken hat, den 
der Leser von ihm nicht erwartet, auf diesen durcb 
einen Gedankenstrich schonend vorbereite, damit er 
ihm nicht entgehe. Dafi Stil nicht der Ausdruck dessen 
ist, was einer meint, sondern die Gestaltung dessen, was 
einer denkt und was er infolgedessen sieht und hort; 
dafi Sprache nicht blofi das, was sprechbar ist, in sich 
begreift, sondern dafi in ihr auch alles was nicht ge- 
sprochen wird erlebbar ist; dafi es in ihr auf das Wort 
so sehr ankommt, dafi noch wichtiger als das Wort 
das ist, was zwischen den Worten ist; dafi dem, der im 
Wort denkt wie ein anderer in der Farbe und wieder ein 
anderer im Ton, es nicht nur die Welt aufmacht, son- 
dern sie auch wechseln lafit, wenn jenes da steht oder 
dort; dafi nicht immer nur eine Mehlspeise, sondern 
manchmal auch ein Gedicht ein solches sein kann, ja 
sogar eine Prosazeile, und dafi weit hinter dem Begreif en 
des Sinns eine Letter ein Gedanke sein konnte : 
solcherlei geht dem Leser so wenig ein, dafi er vor dem 
klarsten Abbild jenes Erlebnisses, in dem nur die Ver- 
bindung von Sprachlichem und Stofflichem ein Ratsel 
bleibt, strauchelt und den Satz, der alles was in ihm 
enthalten ist sich selbst verdankt und sich darum von 
selbst versteht, mifiversteht. Der intellektuelle Ehrgeiz, 
das »verstehen« zu wollen, was nur empfunden werden 
darf, um aufgenommen zu werden, was nur gesehen 
und gehort werden mufi, wie es empfunden wurde, 
spielt, vom Dummkopf aufwarts, beim Lesen die ver- 
hangnisvollste Rolle. Was die Verstandesmafiigkeit aber 
am schlechtesten kapiert, ist die Ironic, die sie heraus- 
fordert. Da sie sich um keinen Preis wiedererkennen 
will, so wird das einfache Hinausstellen dessen, was sie 



291 



denkt, die ironische Wiederholung ihres Motivs, bei ihr 
am wenigsten verfangen. Sie wird es fiir die Meinung 
des Autors halten. Ein Satz hat vor ihr nie ein Gesicht, 
er lacht nicht, er spielt und schielt nicht, er zwinkert 
nicht, sondern er hat die Meinung, die er hat, wenn man 
ihn aus der psychischen Situation, in der er steht, 
herausschneidet. 

Einer der ergiebigsten Falle, die mir je unterge- 
komraen sind, ist der f olgende : Da hat einmal, vor dem 
Krieg, eine jener deutschen Lese- und Redehallen, der en 
Mitglieder weniger lesen und mehr reden als unbedingt 
notwendig ist, an einen deutschen Dichter, der zeitweise 
wirklich einer war, eine jener Kundgebungen gerichtet, 
die zwar flamruen und ziinden konnen, der en Pathos 
aber durch den Humor, den es verbreitet, zugleich ge- 
loscht wird. Sie sprach davon, dafi Zorn und Emporung 
uns die Feder in die Hand driicke, uns, »auf deren 
Fahnen die Freiheit des Geistes und der Wissenschaft 
geschrieben steht und die wir in einem Lande leben, wo 
Hafi und Heuchlertum gar manche hafiliche Erfolge zu 
zeitigen vermochten«. Die Geschichte spielt also in 
Prag: wo »wir wissen, was es bedeutet, wenn falsche 
Unterwiirfigkeit und launische Willkiir ungebardiger 
Hoflinge die Wahrheit in den Staub zu zerren vermag. 
Doch zu herbstem, bitterstem Ingrimm wachst unser 
Unmut, wenn — «. Ich fuhr dazwischen. Gerhart Haupt- 
mann war — man sollte es nicht fiir moglich halten, aber 
es ist Tatsache — der »zuriickgezogenste Dichterfurst« 
genannt worden, kurzum, es war ein Deutsch, das schon 
ohne alle Bomben auf Niirnberg ein Kriegsgrund war 
und vor dem es jede Sau im deutschen Lande, jedoch 
nicht dessen Burger graust: die Sprache derer, die zwar 
deutsch fiihlen, aber nicht konnen. Ein Lebenszeichen 
jener durch Not und Tod unverwischbaren Couleur, 
die darum noch heute, of f entlich oder privat, in Waldern 
oder in Vereinen, auf Anstandsorten oder aufierhalb, 
dem Vaterland zuspricht, dafi es ruhig sein mag, aber 
selbst nichts dazu tut, sondern im Gegenteil Larm 



292 



macht. Die rote Kappe auf dem Kopf, das schwarze 
Brett vor und den weifien Terror im Kopf, war diese 
Geistigkeit in Prag durch den freisinnig-judischen Ein- 
schlag wesentlich gemildert, wenngleich in derPhraseo- 
logie unverkiirzt. Ich habe nun, da ich — in kriegs- 
ferner Zeit — mit dem zuriickgezogensten Dichter- 
fursten das Schicksal teilte, eine Einladung zu einem 
Vortrag vor solchem Auditorium zu bekommen, alle 
Elemente jenes sittlichen Pathos auf meinen Fall be- 
zogen und geschrieben: 

Auch ich habe dort einmal einen Vortrag gehalten und ich 
weifi, was es bedeutet, wenn Jugend, die nicht falscher, nur echter 
Unterwurfigkeit fahig ist, mich in der Pause um hundert Auto- 
gramme bittet, meinen Namen in das goldene Buch des Vereins 
eintragt, mich stiirmisch zu einem zweiten Vortrag auffordert, und' 
wenn dann die Freiheit des Gcistes zaghaft wird, zurtickweicht, sdch 
davonschleicht wie die Burger in »Egmont« und sich nicht traut, 
den zweiten Vortrag zu veranstalten, weil der zweitzuriickgezogenstei 
Dichterfurst, der Hugo Salus, etwas dagegen hat und weil deutsch 
gesinnte Jiinglinge in einem Lande, wo Hafi und Heuchlertum — 
bei den Tschechen — gar manche Erfolge zu zeitigen ver- 
mochten, auf die Gefahr aufmerksam gemacht wurden, dafi es ihnen 
in der Karriere schaden konnte. 

Und nun rate man, bei welcher der beiden Natio- 
nen — bei den Tschechen oder bei den Deutschen — 
mir diese Bemerkung in meiner Karriere schaden 
mufite. Bei den Deutschen? Nein, »bei den Tschechen« ! 
Denn ich hatte den Zwischensatz doch offenbar hin- 
geschrieben, um mich bei den Deutschen beliebt zu 
machen und nur ja zu betonen, dafi ich ihnen Ha6 
und Heuchlertum keineswegs vorwerfen wolle. Wofiir 
ja schon das Lob der deutschgesinnten Jiinglinge 
spricht, die in einem Lande, wo die Tschechen sich so 
heuchlerisch gebarden, sich in geistigen Angelegenheiten 
um ihre Karriere besorgt zeigen. Dieses »bei den Tsche- 
chen« nun sollte mein Charakterbild, nicht mehr von 
der Parteien Hafi und Gunst verwirrt und nicht mehr 



293 



in der Geschichte schwankend, sondern ganz eindeutig 
als das eines ausgesprochenen Tschechenfeindes iiber- 
liefern, und schon vor dem Krieg hat es diese Mission 
erfullt, indem es einer aus eben jener Geistesmitte in 
einer Hochschulzeitschrift den Tschechen denunziert 
hat mit dem eingestandenen Zwecke, zu verhindern, 
dafi die tschechische Presse fiirder Notiz von mir nehme. 
Und nach dem Krieg, als ich, auf das kurze Gedachtnis 
meiner Prager Kenner spekulierend, mich an die Tsche- 
chen anbiedern wollte, wurde es mir (vielleicht von der- 
selben Feder) als Dokument entgegengehalten. Es war 
mein eigener Text, ja mein eigener Druck, den ich 
wiedererkennen mufite, die Stelle war angestrichen und 
der Absender hatte an den Rand geschrieben: »K. K. 
der jetzige Tschechenfreund!«. DafJ es mir wenigstens 
nicht gelange, mich liber diesen krassesten meiner 
Widerspruche hinwegzuschwindeln. Gelingt es mir aber 
trotzdem, so wiirde ich doch meinem Schicksal nicht 
entgehen, da ja kiinftig jeder Leser mir nun die Seite 
angestrichen ins Haus schicken konnte, auf der ich 
soeben zugegeben habe, dafS ich mich eines krassen 
Widerspruchs schuldig machte. (Und doch wieder von 
dem Lande gesprochen habe, wo die Tschechen sich so 
heuchlerisch gebarden.) Da hiilfe mir dann nichts mehr, 
Aufier, ich kehre zu der Methode alterer Ironiker zuriick, 
deren beifiender Spott auch dem Minderbemittelten 
zuganglich war, indem sie sich einen Setzerlehrling 
hielten, der ihnen mit einer Anmerkung in die Rede fiel, 
ei ei oder hi hi machte, guck guck oder schau schau, und 
der in diesem Falle todsicher ausgerufen hatte : »Bei den 
Tschechen ? Soil wohl : Bei den Deutschen heifien ? Anm. 
d. Setzerlehrlings« . Ich glaubte mit zwei Gedanken- 
strichen mein Auslangen zu finden. Einer ware mehr 
gewesen. Dieser, oder der Setzerlehrling, oder irgendeine 
Bitte an den Leser, mich nicht mifizuverstehen, da ich 5 s 
ja nur ironisch meine, und dieser bohmische Lowe sei 
gar kein Lowe, sondern blofi eine Retourkutsche gegen 
die Deutschen — so irgendwas, oder Gansefufichen und 



294 



Eselsohren, alles, nur nicht die Sprache selbst, es hatte 
mich vor jedem Mifiverstandnis bewahrt oder ich hatte 
rmr wenigstens bei den Tschechen nicht geschadet, 
welche zwar nicht Deutsch verstehen, aber immerhin 
doch besser als die Deutschen. 



295 



Das Wort 
Von H. de Balzac 

»Oft habe ich kostliche Reisen gemacht«; erzahlte er mir . . . 
»auf einem Wort durchschiffte ich die Abgrtinde der Vergangen- 
heit, wie ein Insekt an einen Grashalm geklammert mit dem 
Strom treibt. Von Griechenland ausgehend kam ich nach Rom und 
durchschritt den weiten Raum der Neuzeit. — Welch schones Buch 
konnte man schreiben tiber das Leben und die Abenteuer eines 
Wortes! Zweifellos tragt es die verschiedenartigen Eindriicke der 
Ereignisse, denen es gedient hat, mit sich; je nach dem Ort hat 
es verschiedene Gedanken erweckt; wirkt es aber nicht noch grofier, 
wenn man es von dem dreifachen Gesichtspunkte der Seela, des 
Korpers und der Bewegung aus betrachtet? Es anzuschauen, abge- 
zogen von seinen Verrichtungen, seinen Wirkungen und seinen 
Taten, kann einen das nicht in ein Meer von Reflexion versenken? 
Sind nicht die meisten Worte gefarbt von dem Gedanken, den sie 
aufierlich darstellen? Welches Genie hat sie geschaffen? Und wenn 
so viel Verstand notig ist, um ein Wort zu erschaffen — wie Alt 
mag dann die menschliche Sprache sein? Die Zusammenstellung 
der Buchstaben, ihre Formen, das Gesicht, das sie einem Wort 
geben, zeichncn genaue Bilder — je oiach dem Charakter eines 
Volkes — von unbekannten Wesen, deren wir uns erinnern. Wer 
kann uns philosophisch erklaren, wie ein Gefuhl zurn Gedanken 
wird, der Gedanke zurn Wort, das Wort zum hieroglyph is chen 
Ausdruck, die Hieroglyphen zum Alphabet, das Alphabet zur 
geschriebenen Redekunst, deren Schonheit in einer Folge von 
Bildern beateht, welche die Rhetoren klassifiziert haben und die 
gleichsam die Hieroglyphen des Gedankens sind? 



296 



Sollte nicht die antike Gestaltung des menschlichen 
Gedankens in den der Tierwelt entnommenen Formen die ersten 
Zeichen beeinflufit haben, deren sich der Orient fur seine Schrift- 
sprache bediente? Und mag sie nicht auch einige traditionelle 
Spuren in unseren modernen Sprachen zuriickgelassen haben, die 
sich alle zusammen in die Uberbleibsel des Urwortes der Volker 
geteilt haben, jenes majestatischen und feierlichen Wortes, dessen 
Majestat, dessen Feierlichkeit im selben Mafie abnehmen wird, wie 
die Gesellschaft altert; dessen Schall, so sonor in der hebraischen 
Bibel, so schon noch in Griechenland, immer schwacher wird mit 
dem Fortschritt unserer sukzessiven Zivilisationen. 1st e& dieser 
antike Geist. dera wir die versteckten Mysterien jedes mensch- 
lichen Wortes verdanken? Steckt nicht in dem Wort »wahr« eine 
Art phantastischer Redlichkeit? Findet man nicht in dem kurzen 
Laut, den es fordert, ein vages Bild der keuschen Nacktheit, der 
Einfalt des Wahren in jedem Ding? Diese Silbe atmet eine undefi- 
nierbare Frische. Ich habe die Formel eines abstrakten Gedankens 
als Beispiel genommen, da ich das Problem nicht durch ein Wort 
deutlich machen wollte, das es zu leicht verstandlich macht, wie 
das Wort »Flug«, wo alles zu don Sinnen spricht. Und ist es nicht 
mit alien Worten so ? Alle tragen den Stempel einer lebendigen Macht, 
die ihnen die Seele verliehen hat und die sie ihr wiedergeben 
durch die Mysterien einer wundersamen Aktion und Reak tion zwi- 
schen Wort und Gedanken. Denkt man dabei nicht an einen Lieb- 
haber, der von den Lippen seiner Geliebten eben so viel Liebe trinkt 
als er ihr mitteilt? Allein durch ihre Physiognomie beleben die Worte 
in unserem Gehirn die Wesen, denen sie als Bekleidung dienen, Wie 
alle Geschopfe haben auch sie nur ein Feld, wo ihre Gaben voll 
wirken und sich entwickeln konnen. Aber dieses Them a tragt viel- 
leicht eine ganze Wissenschaft in sichU 



297 



Juni 1921 



Die Wortgestalt 

Als das starkste Beispiel, wie im hingestellten Wort 
zugleich eine Situation mit ihrem ganzen Hintergrund 
dasteht und der sie beherrschende Charakter mit alien 
Schauern, die von ihm in alle Entwicklung und dra- 
matische Fortsetzune ausgehen, schwebt mir eine Stelle 
aus dem Schlufi des III. Teils von Heinrich dem 
Sechsten vor. Wie viele Menschen gibt es, die Biicher 
lesen, und wie wenige diirften wissen, dafi solch eirj 
Wert den vielen unerschlossen ist! Mir ist im ganzen 
grofien Shakespeare nichts bewufit, das sich dieser Wir- 
kung, von einem Wort bewirkt, an die Seite stellen 
liefie, wiewohl wahrscheinlich die deutsche Sprache 
daran mitgewirkt hat. Es steht am Beginn von Glosters 
blutiger Laufbahn und offnet gleichsam das Hollentor 
der Richard-Tragodie. Von den drei Briidern hat soeben 
Konig Eduard Margarethas Sohn durchstochen, Gloster 
sticht nach, Clarence folgt. Da Gloster auch die Mutter 
umbringen will, mahnt Eduard ab : Wir taten schon zu 
viel. Wahrend sie in Ohnmacht fallt, wird Gloster von 
einem Entschlufi gepackt: 

Clarence, entschuld'ge mich bei meinem Bruder. 
In London gibt's ein dringendes Geschaft: 
Eh ihr dahui kommt, sollt ihr neues horen. 

Clarence. 
Was? Was? 

Gloster. 
Der Turm! der Turm! (ab) 



298 



In der nachsten Szene — Zimmer im Turm — wird 
dann Heinrich, mit einem Buch in der Hand, abgestochen 
von einem, »der nichts weifi von Mitleid, Lieb ? und 
Furcht« und der »Zahne im Kopf bei der Geburt hatte«, 
»The tower! the tower !« konnte nicht so das Schrecknis 
malen oder es mag an dem Grausen des Rufs die Vor- 
stellung der Lokafitat ihren Anteil haben. Dieses »Der 
Turm! der Turm!« ist ein uniiberbietbarer Eindruck. 
Wie wenn darin einer safie, der einem unerbittlichen 
Glaubiger sein Blut schuldet. Und doch zugleich wie 
eine Mahnung an die Blutschuld dessen, der ihn beruft, 
richtet der Turm riesengrofi sich auf. Dieser Richard 
aber weifi, was seine Pflicht ist. Nachdem man die 
Konigin abgefuhrt hat, fragt Eduard, wohin er ver- 
schwunden sei. 

Nach London, ganz in Eil, und wie ich rate, 
Ein blutig Abendmahl im Turm zu halten. 

Da kann Eduard nicht umhin, der Tuchtigkeit dieses 
Bruders, der ein Mordskerl ist, Gerechtigkeit wider- 
fahren zu lassen: 

Er saumt nicht, wenn was durch den Kopf ihm fahrt. 

Der Turm aber steht da und wenn seine Vorstellung 
noch ein anderes Bewufitsein zuliefie, wiirde man sich 
fragen, was alle Theaterdekorationen der Welt vor 
diesem Wortbau eines Wortes vermochten. Wie dieser 
ungeheuren Fiigung ein Monstrum in Merischengestalt 
entspringt, wird erst — im Unterschied zweier dramati- 
schen Abgange — die ganze Macht wie Ohnmacht des 
Wortes sinnfallig, wenn man dem offenen Hollentor 
jenes Rufs das dem Mephistopheles verschlossene ent- 
gegenhalt: wie dort das Wort vermag, was hier Worte 
versaumen. 

Doch in der Goethe'schen »Pandora« : der Wort- 
brand in der Feuerbotschaft der Epimeleia, der Chor 
der Krieger, Annaherung und Entfernung des ersehnten 
Trugbilds in den casurversunkenen Versen des 
Epimetheus — es miifite, immer wieder, auf solche 



299 



Wunder darstellend hingewiesen werden. »Wenn nacb 
Iphigeniens Bitte urn ein holdes Wort des Abschieds der 
Konig 5 Lebt wohP sagt, so ist es, als ob zum erstenmal 
in der Welt Abschied genommen wiirde und solches 
,Lebt wohl!' wiegt das Buch der Lieder auf und hundert 
Seiten von Heines Prosa.« (Heine und die Folgen.) Das 
Geheimnis der Geburt des alten Wortes: niemals noch 
hat »die Stunde« so geschlagen, niemals noch wahrte 
ein Atemzug so die Ewigkeit wie in den vier Zeilen 
von Claudius 5 »Der Tod« ; nie stand ein Wald so schwarz 
und still, nie stieg der weifie Nebel so »wunderbar« wie 
in dem »Abendlied«. In der neueren Wortkunst mochte 
ich dem »Tibetteppich« Else Lasker-Schiilers einen das 
iiberhaupt nicht Vorhandene uberragenden Rang ein- 
raumen. Meine eigenen Schriften gebe ich als Gesamt- 
heit her fiir einige Stellen, in denen das, worauf es 
ankommt und wozu iiberall der Weg beschritten ist, 
mit einer fast den eigenen Zweifel besiegenden Unab- 
anderlichkeit erfiillt scheint. Es sind, von aufien besehen, 
Beispiele anderer Art als jene, wo ein Turm, ein Wald, 
ein Brand, ein Gewebe schon als die Wortkulisse den 
Prospekt der Phantasie stellen. Aber weil die eigentliche 
Schopfung die Materie der Vorstellung iiberwindet und 
ihr selbst die Schonheit, die der Geschmack ihr absieht, 
nichts anhaben konnte, so beweist sich die Symbolkraft 
der ^ewachsenen Worte ebenso dort, wo sie eine Realitat, 
wie dort wo sie einen gedanklichen Vorgang bezeichnen : 
alles ist so erst im Wort erlebt, als ob es vorher und 
aufierhalb nicht gedacht werden konnte, und glaubte 
man auch, dieser Gestalt hinterdrein eine Meinung ab- 
zugewinnen wie jener einen Bericht. Worte, die schon 
alien moglichen Verrichtungen und Beziehungen gedient 
haben, sind so gesetzt, dafi sie das Ineinander ergeben, 
in welchem Ding und Klang, Idee und Bild nicht ohne 
einander und nicht vor einander da sein konnten. Wie 
dort ein Turm, ein Wald nicht war oder erst von diesem 
den Inhalt empfangt, den er nicht hatte, so ist etwa das 
Wesen des Reimes als das »Ufer, wo sie landen, sind 



300 



zwei Gedanken einverstanden« , nun erst zugleich horbar 
und sichtbar geworden. Auch hier ware der Materialwert, 
wenngleich nur der angewandten Vorstellung, eher jener 
Reiz, liber den die eingeborne Kraft der Sprache hin- 
wegmufi. Was sie von aufienher fertig bekommt, ver- 
wandelt sie doch erst wieder in das Wort an sich und 
sie verschmaht durchaus jene Voraussetzungen von 
Gefuhl und Stimmung, die der gewohnliche Leser eben 
darum fur wesentlich halt, weil er sie als seine eigene 
Leistung, als sein Mitgebrachtes wiedererkennt. Was die 
Sprache aus sich selbst vermag, erweist sie im Satz einer 
Glosse, wo jenen die Beziehung auf den mitgebrachten 
Anlafi bef riedigt, so gut wie im Vers, wo er seine Empf in- 
dung zu agnoszieren glaubt. Die aufiere Verstandigung 
ist das Hindernis, das die Sprache zu (iberwinden hat. 
Wo es ihr erspart bleibt, ist die Daseinsfreude, die sie 
sich selbst verdankt, reiner. Ich mochte, was sie sich in 
jenem hochsten Sinne der Eitelkeit »einbildet«, um es 
zu haben, an einer Strophe dartun, an der sich auch jenen, 
die es nicht spiiren, wie kaum an einem andern Beispiel 
das Sprachwesen anschaulich machen lafit: die Moglich- 
keit des unscheinbarsten Wortes, das nur je einer 
Aussage gedient hat, sich zur Gestalt zu erheben. Es ist 
die Strophe des Gedichtes »Verlobnis«, in der die 
Paarung der Geschlechter zu tragischer Unstimmigkeit, 
als Mission des Weibes und als Funktion des Mannes, 
Wortgestalt erlangt hat: im Infinitiv der weiblichen 
Natur und im Finalsatz der mannlichen, in der beruhen- 
den Fiille und im entweichenden Rest. 

Und seine Armut flieht von dem Feste, 
dafi sie nicht an der Fiille vergeh 5 . 
Weibsein beruht in Wonne una Weh. 
Mann zu sein rettet er seine Reste. 

Welche Hast, die eben noch sich raffend Zeit hat, 
den Burger in Ordnung zu bringen, verrat da schnode 
die Natur, die eingebettet ruht zwischen diesen rapider? 
Versen der fliehenden Armut und der geretteten Reste, 
Wonne und Weh sollen sie nicht lyrisch verklaren, darin 



301 



ist scheinbar etwas von der vorausgesetzten Schonheit, 
die der Laie fur den Wert nimnit. Sie sollen die Pole 
des weiblichen Wesens bezeichnen, und dafi sie im 
eigenen W alliterieren, ist ihr Gedanke. Nun aber wird 
die Wesenhaftigkeit der geschlechtlichen Natur ihrer 
Zweckhaftigkeit gegeniibergestellt: Fiille und Haltung, 
Entsagen und Versagen, Sein und zu sein — um wie 
viel langer wahrt doch dieses » Weibsein« , das verkiirzte, 
als dieses »Mann zu sein« ; wie bleibt jenes, verfliichtigt 
sich dieses und wie durftig, wie weltabschliefiend, wie 
»zu« ist diese Partikel, die in ihrer Zielstrebigkeit nocb 
kaum je so zur Anschauung gebracht war. Und wenn er 
langst dahin ist, sieht man noch Weibsein in Wonne und 
Weh beruhn. Die schonen Stimmungen, die die Dichter 
von je haben und in eine Form kleiden, die sich vor den 
Leuten sehen lassen kann ; die Lebensinhalte der neueren 
und ihre Eigenart, sie nicht ausdrucken zu konnen : das 
mag ja alles ungleich wertvoller und preiswiirdiger sein. 
Aber auf dem Nebengebiet, wo ganz ungestort vorn 
Geschmack der Welt die Sprache etwas mit dem Ge- 
danken vorhat, mufi so etwas doch etwas zu bedeuten 
haben. 

Wie wenig sie hiebei auf die Stofflichkeit Bedacht 
nimmt, deren vorhandener Reiz, sei es als Gefuhlston sei 
es als Meinungswert, ihr nur ein Hindernis bietet und 
nicht die Hilfe, der das Worthandwerk seine ganze 
Existenz verdankt, soil noch an zwei dramatischen Bei- 
spielen gezeigt sein, deren materielle Sphare viel weiter 
als ihre geistige von dem Standort jenes Turms entfernt 
liegt. Bei Nestroy, einem jener seltenen Autoren, die den 
vielen, die sie kennen, unbekannt sind, gibt es winzige 
Zwischenszenen, wo ein Satz uber die Biihne geht und 
mit einer Figur ein Milieu, eine Epoche dasteht. La6t 
sich etwas Eindringlicheres, Zeitfarbigeres denken als 
jene Frau von Schimmerglanz, gefolgt von dem Bedien- 
ten in bordierter Livree, die nur mit der Weisung : 

Sage er ihm: Neint 

302 



ins Leben tritt (nachdem der ehrsiichtige Holzhacker 
mit der Frage, ob Euer Gnaden vielleicht um a Holz 
gehn, sich genahert hat), und die, wie sie aufgetaucht 
war, majestatisch wieder am Horizont verschwindet — 
eine Fata morgana fur den geblendeten Blick, der ihr 
folgt, um sich dann mit einem »Das ist fatal !« in die 
nuchterne Wirklichkeit zu schicken. Ich mochte be- 
haupten, dafi diese Gestalt. die sich die vier Worter, 
die sie zu sprechen hat, abringen mufi, eben vermoge 
dieser Leistung von tieferher ins Buhnendasein eingeholt 
ist als eine abend-, aber nicht raumfullende Ibsenfigur, 
und dafi auch jener Bediente mit seinem auf Stelzen 
nachschreitenden : 

Nein, wir nehmen's vom Greisler 

— wie nur ein standesbewufiter und fachertragender 
Peter hinter Juliens Amme — ein ganzes Stuck Leben 
und Landschaft bedeutet, weil hier schon der Wortgeist 
verrichtet hat, was sonst in szenischer Ausfiihrung erst 
mit schauspielerischen Mitteln bewirkt werden miifite. 
Und wenn in meiner Travestie »Literatur« die Kluft 
vorgestellt wird zwischen jener ehrlicheren Generation, 
die den Kommerz noch im Kommerz, zu der jiingeren, 
die ihn schon im Geist betatigt, so konnte sie als die 
weiteste Entfernung von einer neuzeitlichen Schwindel- 
welt nicht zu besserer Anschauung gebracht werden als 
in dem »entfernten Verwandten«, der von seinem Spiel - 
tisch nur manchmal einen erstaunten Blick in das 
Geistesleben tut und auf das Absurdum des leibhaftigen 
»Waschzettels« mit der Frage reagiert: 

Sie, wer sind Sie eigentlich, Sie Asisponem? 

Wie der gesunde Menschenverstand richtet sich diese 
Verstandnislosigkeit vor einem papierenen Scheinwesen 
auf, von dem sie dumpf ahnt, dafi es auf einem Umweg 
zu dem gleichen Lebensvorteil gelangen will. Die 
Stimme klingt von weiter her als dieser Verwandte ent- 
fernt ist — man glaubt die Luftlinie zu sehen. Hier ist 
die Unmoglichkeit, dafi diese zwei Daseinsformen in 



303 



demselben Weltraum vorkommen, als die Moglichkeit, 
dafi sie in demselben Kaffeehaus vorkommen, in einem 
Naturlaut, der nach beiden Polen zuriickschlagt, greif- 
bar geworden. Gleichwohl diirften nicht wenige Leser 
meinen, dafi die Wirkung der Stelle vom Jargonwort 
als solchem bestritten sein wollte, und sie, je nach Ge- 
schmack, komisch oder trivial finden. Die Korperhaftig- 
keit des Wortes, an dem man gemeinhin nur die eine 
Dimension der Aussage erkennt, ist immer in einer Un- 
scheinbarkeit gegeben, die erst dem Blick, der uber den 
Sinn hinauslangt, die tiefere Beschaffenheit darbietet, 
die Geschaffenlieit, die Wortgestalt. 



304 



Juni 1921 



Ein Faust-Zitat 

Der sprachliche Tiefgang der Faust-Welt wird 
erst zum Wunder, wenn man ehrfurchtslos genug ist, 
die Schichten dieser Schopfung zu unterscheiden und 
manches, was sich im Himmel begibt, als mit den vor- 
handenen Mitteln der Erde bewerkstelligt zu erkennen. 
Was der Rhythmus in oft nur beilaufiger Verbindung 
mit dem Gedanken vollbracht hat, mufi dem Abstieg 
zu den Muttern alles Sprachdaseins erst den Wonne- 
schauer vorbereiten. Eine sprachkritische Durchfor- 
schung des ersten Teiles wiirde dem Worterlebnis 
zwischen Faust und Helena, dem der Reim entspringt, 
keinen allzu bedeutenden Vorlauf beistellen, vielmehr 
ergeben, dafi hier die Sprache noch die Mittellage 
zwischen orphischem Lied und einer mit ungeheurer 
Sinnfiille begnadeten Operette behauptet. Man konnte 
aber auch weiterhin vielfach diese Distanz nachweisen 
und etwa spiiren, dafi das Ende des Mephistopheles, 
der sich in ein diirftiges Epigramm iiber sein Erlebnis 
fliichtet, der nirgendwohin abgeht und dessen Verlegen- 
heit nur darin gestaltet ist, dafi an ihr weder die Biihne 
noch die Sprache mehr teilhat — ein grofier Aufwand 
ist vertan — , vielleicht nicht spater als sein Anfang 
entstanden sein mag. So grofiartig die Wortkunst den 
Anblick des Blamierten hergestellt hat, dem die Engel 
die hohe Seele weggepascht haben und der erkennen 
mufi, dafi er schimpflich mifigehandelt habe, so weit 
iiber Gebiihr jammerlich steht er in den Schlufiversen 
da (Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding der Klug- 



305 



erfahrne sich beschaftigt), die seiner Hilflosigkeit, 
einen Ausweg zu finden, eben noch mit einem Miilreim 
gerecht werden. Welche Konsequenz er aus der Torheit 
ziehen wird, die seiner sich am Schlufi bemachtigt 
und von der mis blofi gesagt wird, dafi sie nicht gering 
ist, davon wird uns nicht einmal eine Ahnung, geschweige 
denn eine Anschauung. Dieses undramatische Ende, das 
auf der Szene keine gute Figur, sondern einen schlechten 
Satz zurucklafit und das der Sprechgestaltung schlecht- 
hin unzuganglich bleibt, ist hinreichend durch das 
Fehlen jeder szenischen Anweisung bezeichnet. Nach- 
dem das Verschwinden der Unterteufel von ihm selbst 
mit tuigeheurer Plastik dargestellt worden ist, kann er, 
der versaumt hat, ihnen in die Hollenflucht nachzu- 
stiirzen — etwa nach der Verwunschung der sieghaften 
Engel — , weder abgehen noch zuriickbleiben, er ist ein- 
fach nicht mehr vorhanden xmd wir miissen ihm aufs 
Wort glauben, dafi er vernichtet ist. Ein »(ab)«, das 
nach einem Epigramm nicht moglich ist, wiirde allzu 
deutlich machen, dafi dem Dichter die Figur entglitten 
ist, wie ihr selbst jene Seele, und dafi er eben statt eines 
Schlusses Schlufi gemacht hat. Es ist natiirlich ein und 
dasselbe Versagen, das in der Sprache wie im drama- 
tischen Atem fiihlbar wird; und das wahrscheinlich 
vielen Stellen im »Faust« die Gemeinverstandlichkeit 
gesichert hat. Denn die Gelaufigkeit und moge sie aucb 
nur die Beilaufigkeit sein, ist eben die Qualitat, die erst 
die Zitierbarkeit ermoglicht und der zuliebe man dem 
Dichter selbst ein Wunder wie den viergeteilten Chor 
des »Helena«-Aktes verzeiht. Dafi eine Zeile von diesem 
wie auch von der »Pandora« oder von Gedichten wie 
»An Schwager Kronos« hundert »Habe nun, ach!«- 
Monologe aufwiegt, das wird sich deutschen Lesern 
allerdings nie beweisen lassen, denn die geistigen An- 
gelegenheiten haben es an sich, dafi zwar der, der's ver- 
mag, in ihrem Gebiete klarere Beweise fiihren kann als 
es jedem andern mit greifbaren Dingen moglich ist, dafS 
aber jene, die nur zwischen solchen leben und die Kunst 



306 



fur deren Aufputz halten, den Beweisen so verschlossen 
bleiben wie dem Wert, dem sie gelten. Die »Faust«- 
Bildung hat festgestellt, dafi die Zeile »Ein grofier Kahn 
ist im Begriffe auf dem Kanale hier zu sein« lacherlich 
sei und nicht, wie man ihr vergebens dartun wiirde, er- 
haben, und umgekehrt ware es aussichtslos, die literar- 
historische Seele (iberzeugen zu wollen, dafi nicht einma] 
das, was sie in einen Vers von ihrer eigenen Schonheit 
hineintut, darin vorhanden sei. 

Immerhin mag an einem Beispiel dargetan werden, 
wie einem Wort oft die Fhigel mit Nachsicht der Flug- 
kraft zuwachsen und wie sie es iiber deren Mangel hin- 
wegheben. Dort, wo noch nicht der Zwang der Wort- 
schopfung vorwaltet, der den rationalen Sinn so hart 
bedriickt, und wo zwischen Gestalt und Gehalt noch der 
Spielraum of fen ist, in dem er sich am wohlsten fiihlt, 
kann das tiefere Sprachgefiihl die fehlende Ver- 
dichtung geradezu als Unstimmigkeit erfassen. Ein Fall, 
an dessen Fehler sich eben das Wesentliche, welches 
fehlt, darlegen lafit und der damit auch der Erkenntnis 
des Reimes dient als der Funktion, Schall oder Gedanke 
zu sein, ist das beriihmte Zitat: 

Verzcih, ich kann nicht hohe Worte machen, 
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhohnt; 
Mein Pathos brachte dich gewifi zum Lachen, 
Hatt'st du dir nicht das Lachen abgewohnt. 

Gott und die Engel sind vorweg und mit Recht auf 
die gleiche Stufe der Empfanglichkeit gegeniiber dem 
Nichtpathos des Teufels gestellt. Mephistopheles bittet 
den Herrn um Vergebung dafur, dafi er nicht hohe 
Worte machen konne, und wenn ihn um dieses Mangels 
willen auch der ganze Kreis verhohnt. Wohl treten in 
der Plastik des »ganzen Kreises« zunachst die Enge] 
hervor, denen ja als Jugend und Gefolge die Lust, den 
Teufel zu verhohnen, zugetraut werden kann. Aber Gott 
selbst, wenngleich er wahrscheinlich nicht hohnt, wird 
gebeten, die Unfeierlichkeit nicht iibel zu nehmen; denn 
es gebiihrt sich ja, vor ihm hohe Worte zu machen, und 



307 



er wiirde auf den Mangel an Pathos vielleicht nicht so 
schrill, aber doch auch negativ wie die Engel reagieren, 
Er wiirde vielleicht nicht hohnen, aber dafi er lachen 
konnte (wenn er noch konnte), wird ihm im nachsten 
Vers bestatigt, und etwas anderes als iiber den TeufeJ 
lachen, tut ja der »ganze Kreis« , in dem Gott schliefilicb 
inbegriffen ist, auch nicht. Mephistopheles hat kein 
Pathos und bekennt sich dazu auf die Gefahr hin, im 
Himmel lacherlich zu erscheinen. Aber hatte er Pathos : 
so brachte es »dich« — es ist also derselbe Partner wie 
in den ersten zwei Versen — »gewifi zum Lachen«, 
Das heifit: »erst recht«. Damit ist Gott in der Wirkung, 
die das Nichtpathos des Teufels auf ihn haben konnte, 
so sehr mit den Engeln identifiziert, dafi man ihn, pein- 
lich genug, fast hohnen sieht. Hatte ich Pathos, wiirdest 
du, der mich wegen des Mangels verhohnt, erst recht 
lachen. Dies und nur dies kann der Sinn sein. 

Und nun beachte man zunachst, welche Unmog- 
lichkeit eines Reims entsteht, der doch phonetisch einer 
ist und als solcher in einem Gedankenraum, wo die 
Spharen »hohe Worte machen« und »lachen« zur 
Deckung gelangen sollen, geradezu das Beispiel der 
Naturhaftigkeit vorstellen konnte. Denn reimen kann 
sich nur, was sich reimt ; was von innen dazu angetan ist 
und was wie zum Siegel tieferen Einverstandnisses nach 
jenem Einklang ruft, der sich aus der metaphysischen 
Notwendigkeit worthaltender Vorstellungen ergeben 
mufi. Andernfalls ist der Reim nichts als eine Schall- 
verstarkung des Gedachtnisses, als die phonetische Hilfe 
einer Aufierung, die sonst verloren ware, als das Orna- 
ment einer Sache, die sonst keine Beachtung verdient, 
einWortemachen, ohne das man vielleicht lachen wiirde. 
Der klanglich unreinste Reim kann wertvoller sein als 
der, dem kein auUerer Makel anhaftet, und alle Reim- 
theorie, die ihn daraufhin priift, ob man ihn »verwen- 
den« diirfe, ist kunstfernes Geschwatz, das auch die 
Dichter, die solchen Unfugs gelegentlich fahig waren, 
auf dem Niveau des Publikums zeigt, welches von der 



308 



Lyrik nichts weiter verlangt, als dafi sie ihm die 
Gefiihle, die es ohnedies hat, in Erinnerung bringe. Die 
Qualitat des Reims, der an und fur sich nichts ist und 
als eben das den Wert der meisten Gedichte ausmacht, 
hangt nicht von ihm, sondern durchaus vom Gedanken 
ab, welcher erst wieder in ihm einer ist und ohne ihn 
etwas ganz anderes ware. Der Reim ist keine Zutat, 
ohne die noch immer die Hauptsache bliebe. Die Ver- 
bindlichkeit, die in diesem Verhaltnis vorwaltet, ist 
darin besiegelt, dafi ein und derselbe Gedanke je nach 
dem Reim so verschieden sein kann wie ein und derselbe 
Reim je nach dem Gedanken. 

Seicht oder tief, voll oder schal. (»Wie jede Sehn- 
sucht, die ihn rief « — »wie der Empfindung Material« : 
ich konnte, was immer ich dariiber zu sagen wiifite, nur 
mit den Reimen meines Gedichts »Der Reim« sagen. 
Doch sei dort unter dem Material der Empfindung ihr 
Wert verstanden, der den Wert des Reims verburgt, 
nicht ihr Stoff. Denn Herz und Schmerz kdnnen den 
starksten und den schwachsten Reim ergeben und in der 
trivialen Sphare, wo »die Tageszeitung der erdensichern 
Schmach Verbreitung« bedingt, ersteht er so vollgultig 
wie in jenen »weitern Fernen«, wo es ein »staunend 
Wiedersehn mit Sternen« gibt. Der Reim entspringt wie 
nur Euphorion der Gedankenpaarung und er kann von 
den besten Eltern sein, wenn diese auch noch so niedrig 
wohnen. Denn tief genug unter der Region, wo der Seele 
Philomele antwortet, und in einer Niederung, die vor 
faustischen Versen zu beziehen blasphemisch anmutet, 
spielen sich die Coupletworte ab, die ich den sich und 
uns, seinen und unsern Jammer uberlebenden Franz 
Joseph singen lasse : 

Was sind denn das fur Sachen? 
Bin ich nicht Herr im Haus? 
Da kann man halt nix machen. 
Sonst schmeilk er mich hinaus. 

Und doch ist es reinste Lyrik, denn im ausgeleiertsten 
Reim ist hier das kraftlose Wollen einer Person, einer 



309 



Epoche, einer Gegend, mit der faulsten Resignation 
zweimal konfrontiert und die Gestalt rait allem Hinter- 
grund aus der Sprache geschopft. Sachen und machen, 
Haus und hinaus bewahren den Ursprung des Reims und 
jene ganze Wirkung, deren die Trivialsprache so gut 
fahig ist wie die Musik der Spharen. Ich konnte, zur 
Emporung aller Sprach- und Moralphilister, noch weiter 
gehen und bescheiden abtreten vor einem Epigramm, 
das ich einmal an einer Wand gefunden habe, die den 
vulgarsten Spielraum des menschlichen Mitteilungs- 
bediirfnisses, die anonymste Gelegenheit des Drangs 
nach Publizitat vorstellt und der Volkspoesie jenen Ab- 
und Zutritt lafit, der den dort Beschaftigten nicht ver- 
boten ist. Nichts von der gereimten Unflatigkeit, die, 
vom genius loci eingegeben, sich auf die Bestimmung 
des Aufenthalts bezieht und mit ihrer fertigen Technik 
weit eher dem Gebiet der Bildungspoesie zugehoren 
diirfte, sondern die naive Roheit in sexualibus, die die 
Gelegenheit benutzt und es sich nicht versagen kann, das, 
was ein kultivierteres Gefuhl umschreibend gern in jede 
Rinde einschnitte, auf jede Planke zu setzen, ja sich 
eine solche ohne derartige Zutat uberhaupt nicht vor- 
stellen konnte. Der erotische Gedanke aber, dessen 
tragische Sendung, die Menschheit zu offenbaren und 
zugleich vor ihr selbst verborgen zu sein, sich in solcher 
notgedrungenen H-eimlichkeit symbolhaft abzeichnet, 
hat die Macht, noch auf seiner niedrigsten Stufe zum 
Gedicht zu werden. Keine Riicksicht auf die Anstands- 
bedenken aller Ausgesperrten, nur das Grauen vor 
einem stofflichen Interesse, dessen Unzustandigkeit vor 
der Kunst ich doch eben dartun will, verhindert mich, 
den genialsten Reim, das vollkommenste Gedicht hie- 
herzusetzen, das je in deutscher Sprache entstanden ist, 
von einem Kretin oder Tier gelallt, der oder das in 
dem unbewachten Moment ein Genie war. Vollkommen 
darum, weil es, als der biindigste Ausdruck der gemein- 
sten, allgemeinsten Vprstellung von erotischem Gliick, 
in einem beispiellosen Zusammenklang der Spharen 



310 



nur aus drei Worten besteht und weil der Sexualwille 
mit diesem »Ist gut« noch nie so ein fur allemal ein 
Diktum gefunden hat, gegen das es keinen Einwand und 
iiber das hinaus es keinen Ausdruck gibt. Da kann man 
wirklich und in jedem Sinne nur sagen, dafi das kein 
Goethe geschrieben hat, und er selbst ware der erste 
gewesen, es zuzugeben.) 

Im Goetheischen Zitat nun haben die Spharen, die 
nach der Deckung im Reim verlangen, die Eignung, 
eben in der Antwort von Lachen auf Machen befriedigt 
zu sein, in der Beziehung von gemachtem und verlachtem 
Pathos sich gepaart zu fiihlen. Trotzdem ist es ein 
schlechter, weil durch eine begriffliche Stoning erniich- 
terter, ein leergewordener Reim. Das ist vom Element 
»verhohnen« bewirkt, dessen Dazwischentreten das 
Lachen als Begriffsparallele in Anspruch nimmt. Das 
»Lachen« konnte seine voile Reimkraft nur bewahren, 
wenn es als eine vom Verhohnen vollig unterschiedene 
Reaktion zur Anschauung kame. Dafi dies nicht der Fall 
ist, beweist der offenbare Sinn. Dieser Naturreim des 
biindigsten Einverstandnisses ist dadurch, dafi der zweite 
Gedanke im »gewifi« kuhniniert imd das »Lachen« blofi 
im Schlepptau des Sinnes mitgefiihrt wird, vollstandig 
entwertet. Es ist iiberhaupt kein Reim mehr, sondern 
blofi ein schwaches Echo des »Machen« , das der Erinne- 
rung durch einen Nachklang ein wenig besser aufhilft 
als etwa ein »Spotten«. Da nun der Gedanke im Reim 
kulminieren oder dort noch erlebt sein mufi, um ihn zu 
lohnen und von ihm gelohnt zu werden, so ist man ge- 
wohnt, in diesem Vers nicht das »gewifi«, sondern das 
»Lachen« zu betonen: ohne jede Verbindung mit dem 
Sinn des Ganzen und vermoge der naturlicnen Anzie- 
hung des Reimes, aber eben darum, weil »gewifi« hier 
eine zu schwache Bekraftigung ist, um mehr als das 
»Lachen«, um die ganze Beziehung zum verlachten 
Nichtpathos zu tragen. »Mein Pathos brachte dich gewifi 
zum Lachen« : da ist »gewifi« nur eine Bestatigung der 
Wirkung des Pathos (»sicherlich«) und durchaus nicht 



311 



die Steigerung im Vergleich zur Wirkung des Nicht- 
pathos (»vollends«). Es stiitzt nur das Lachen bei Pathos 
und soil doch dessen Wirkung im Vergleich zu der des 
Nichtpathos hervorheben. Es hat alle Eignung, die Zeile 
zu isolieren, und der vom Sinn verlangten Beziehung 
auf den vorangegangenen Vers konnte eben nur mit der 
Prothese »vo!lends« (oder metrisch: »erst recht«) auf- 
geholfen werden. Der Schauspieler des Mephistopheles, 
der selbst sein ganzes Nichtpathos zusammenraffte, wird 
das »Lachen« nicht fallen lassen, sondern einfach nicht 
umhin konnen, es zu betonen: reimgemafi und sinn- 
widrig. Der Vers als solcher ist, vom Schicksal des Reims 
abgesehen, erst ein Vers, wenn nicht »gewifi«, sondern 
»Lachen« betont ist, andernfalls ist er nichts als argu- 
mentierende Prosa. Geschieht es aber, wie der Vers 
gebietet, so lost sich die Beziehung zu den voraufgegan- 
genen Versen: das »Lachen« ist eine ganz andere 
Reaktion als das »Verhohnen« und indem im »Pathos« 
doch ein Gemeinsames vorhanden bleibt, verwirren sich 
die beiden Begriffsreihen. Aber nur durch die vdllige 
Loslosung des dritten von den ersten zwei Versen, die 
keinen Sinn librig lafit, ist wieder ein Anschlufi des 
vierten mdglich. Nur wenn »Lachen« betont, als Neues 
gesetzt wird, kann fortgesetzt werden: Hatt'st du dir 
nicht das Lachen abgewohnt. Nur dann ist das »Lachen« 
in der vierten Zeile keine Wiederholung, sondern eine 
Verstarkung. Fallt es in der dritten Zeile zu Boden, wie 
der Sinn des Ganzen verlangt, so ist der Anschlufi der 
vierten unmoglich. Es rriufite denn eine Pause nach der 
dritten erlebt sein, in der sich der Sprecher auf die 
Zunge beifit: Ah was red ich da vom Lachen, du kannst 
ja gar nicht mehr lachen. Dieses Zwischenspiel ware 
auch durch einen Gedankenstrich nicht dargestellt und 
ist im gegebenen Versraum mit sprachlichen Mitteln 
liberhaupt nicht zu bewaltigen. Wenn die vierte Zeile 
nicht wieder nur argumentierende Prosa sein soil, so 
verlangt sie die voile Betonung des »Lachen« in der 
dritten; sonst ware das der vierten entwurzelt und nur 



312 



so zu prosaischer Begriffsausfiihrung hingesetzt. Sollen 
aber beide Zeilen ein Gedicht ergeben, so hort jede 
Verbindung mit den ersten beiden auf. Wufite 
Mephistopheles vorweg, dafi der Herr sich das Lachen 
abgewohnt hat, so wiirde dieser Gedanke wieder jenen 
aufheben, mit dem er die Wirkung seines Nichtpathos 
bezeichnet. Er kann doch nicht sagen, dafi Gott sich das 
Lachen nur gegeniiber solcher Haltung abgewohnt hat, 
die ihn »erst recht« zum Lachen reizt : mindestens lacht 
er also iiber die andere. Wieder ein Beweis, dafi, um den 
Anschlufi an den vierten Vers zu ermoglichen, »gewifi« 
unbetont, »Lachen« betont sein mufi. Er ist nur moglich, 
wenn »gewifi« so viel wie »sicherlich« bedeutet. Alle 
Elemente der Sprachgestalt sind vorhanden, aber zer- 
streut, und man beachte, wie rein der Gedanke in dem 
vom zweiten Vers befreiten Reimpaar zur Geltung 
kommt. Wobei freilich, im unmittelbaren Reim auf 
»Worte machen«, der Hauptton, der auf »Worte« liegt, 
die voile Deckung ein wenig beeintrachtigen mufite, was 
gerade durch die Einmischung des verkiirzten Verses 
repariert wird ; wenn er nur nicht als Ganzer den Reim- 
gedanken aufhobe. Er tritt dazwischen mit der doppel- 
ten Funktion, sich zugleich nach oben und nach unten 
anzuschliefien, indem das »verhohnt« sowohl dem 
Nichtpathos entspricht wie das Lachen vorbereitet, das 
dem Pathos entsprechen soil. Ist dies aber gegen die 
Natur des dritten Verses gelungen, so hangt der vierte 
in der Luft. Denn dafi der Teufel im kosmischen Raum 
desVersgeistesfreiziigigsei, kann er nicht beanspruchen, 
und gerade der Dialektik ist es verwehrt, iiber die 
Sprache hinaus zu sprechen. Die vier Gedankenreihen ; 
Pathos, Nichtpathos, Lachen. Nichtlachen hatten eben, 
um ineinander zu greifen, mehr als vier Verse 
gebraucht. Es ist aber nicht einer jener gesegneten Falle, 
tausendfach in Goethescher Sprachtiefe vorfindlich, wo 
gedankliche Fiille die Ubersicht erschwert, vielmehr 
bedeutet die Kurze die Beilaufigkeit, bei der der hand- 
greifliche Sinn keineswegs zu Schaden kommt. 

313 



Als ich mit meinem akustischen Spiegel »Literatur« 
daran ging, dem weltfreundlichen Ohr des nachtonenden 
Faustlings den Schall beriihmter Verse einzupflanzen, 
deren Sinn zugleich die Schlinge war, in der sich dfer 
Wortbetrug abfangen liefi, da war es merkwiirdig, wie 
sich jene Stelle, die sich durch das Motiv eines aus- 
gelachten Pathos so sehr der Verwendung zu empfehlen 
schien, stilistisch dagegen straubte. Schliefilich jedocb 
f anden die Teile ihre sprachlogische Verbindung, der 
Reim seine Auffullung, und die Satire lachte sich mit 
der folgenden Variante ins Faustchen: 

Er kann bei Gott auch hohe Worte machen, 
doch kommt der Tag, wo ihn seiii Kreis verhohnt, 
sein Pathos bringt sie dann gewifi zum Lachen, 
sobald sie merken, daiS es vorgetont. 

Konnte, urn eine von der Literaturwelt nicht durch- 
schaute, jedoch geforderte Usurpation der hochsten 
geistigen Sphare zu brandmarken, kein Faustwort ent- 
heiligt werden ? so durfte sich jenes die Zurichtung wohl 
gefallen lassen. In solche Beziehung gebracht, ist das 
Lachen »gewifi« an seinem Platz. 



314 



August 1920 



Druckfehler 

Die Freigabe des Briefschreibens zur Mitteilung 
von Druckf ehlern hat Folgen wie diese : 

Ich mochte mich keiner UnbescheidenJieit schuldig machen 
und hatte es auch niemals zu dem Einfall, geschweige denn zu dem 
Entschlufi gebracht, das Wort an Sie zu richten, wenn Sie nicht in 
der letzten Nummer der ,FackeV ausdriicklich betonen wiirden, dafi 
es Ihnen erwiinscht sei, durch Ihre Leser auf etwaige Druck- 
fehler aufmerksam gemacht zu werden. In dieser Nummer (546 
— 550) sind es auf Seite 80 die 1. Verszeile: »auf dem sie sitzt, ist 

fanz rosinfarben,« die 8.: »ist sie; und ihrer mich verwundernd« und 
ie 7. von unten: »das Fleisch der Machtigen, der Totschlager« s die 
sich, wie mir scheint, dem Rhythmus des 5 fufiigen Jambus nicht 
ganz fugen. 

Verzeihen Sie mir die Taktlosigkeit und Anmafiung, welche 
nach meinem Gef uhl d o c h darin liegt, wenn man aus welchem 
Anlafi immer, und nun gar aus einem solchen, einem seit langem 
ehrfurchtig geliebten Geist nahe zu treten wagt. 

Eine Leserin. 

Man sollte nicht. Denn man ist ersucht worden, 
Druckfehler mitzuteilen, nicht aber Stilfehler, als die 
man Stilvorziige zu erkenncn glaubt. Wenn sich die 
zitierten Verse im Ohr der Leserin dem »Rhythmus des 
5 fufiigen Jambus« nicht ganz fugen, so dfirf te das Ohr, 
aufien sicherlich wohlgebildet, die Schuld tragen und 
nebenbei eine Ordnungsliebe, die darauf besteht, dafi 
jeder Sfiifiige Jambus auch seine 5 Fufie habe. Wer 
wird denn so anspruchsvoll sein. Nun ja, denkt offenbar 
der Ordnungssinn, bei einem Tausendfiifier komiiit's 
nicht drauf an und man zahlt da auch nicht immer nach, 
aber beim jambischen Vers sieht man's auf den ersten 
Blick, wenn ein Fufi fehlt. Das ist richtig, aber es ist im 



315 



Titel nichts versprochen worden und wenngleich die 
Fiille der Sfufiigen Jamben die Leserinnen verwohnt 
haben mag, so sollten sie doch nichts dagegen haben, daft 
ein solcher einmal auch 4 fufiig ist und etwa noch eine 
Schleppe von zwei schwachbetonten Silben nachzieht. 
Das hangt namlich gar nicht vom Verfasser ab, der sicb 
des Mangels bewufit ist, da er zur Not bis fiinf zahlen 
kann, sondern ausschliefilich vom Jambus, der sich nicht 
strecken will oder vielmehr nicht kann, indem er, der 
Not gehorchend nicht dem eignen Trieb, sich ausschliefi- 
lich der psychischen Situation der Zeile anpafit, welche 
eben einer mechanischen Auffiillung (die ja ein Kinder- 
spiel ware) widerstrebt. Der Leser, der den Wert dieser 
Verkiirzung 

ist sie; und ihrer mich verwundernd 
sah ich sie. 

nicht erkennt, das Erlebnis dieser Verwunderung nicht 
spurt, die fur zwei Silben den Atem aussetzt und die 
Pause horbar macht; sondern mit einer Einschiebung 
(etwa: lautlos mich verwundernd) befriedigt ware, 
dem ist auch die »Ehrfurcht« schwer zu glauben, die 
doch in jeder Zeile der Fackel, Vers oder Prosa, nichts 
anderes als eben solche Leistung erkennen mufite. 

Und die Haul des Tiers, 
auf dem sie sitzt, ist ganz rosinfarben 

Wo fehlt's da zum »Rhythmus«, wenn doch jede 
Silbe den Ton oder Nichtton hat, den sie nach Vers und 
Worthandlung verlangt ? »Rosinf a r b i g« etwa hatte 
schon, zugunsten des starkern Tons, auf das Bild ge- 
druckt. Wer zwingt die Leserin, einen vierfxifiigen Jam- 
bus mit zwei schwachbetonten Nachsilben funffufiig zu 
skandieren und dann ungehalten zu sein? Tausend Verse 
bei Shakespeare wiirden sie unglucklich machen : 

Wohl war einst der Tag, 
Wo mir der kleine Arm, dies gute Schwert 
Den Ausgang schaffte durch mehr Hindernis 
Als zwanzigmal dein Zwang. 



316 



(Das betonteste Wort »mehr« ist in der Senkung.) 
Aber man fande auch vier-, drei- 5 zwei- oder sechs- 
fufiige Jamben in Fiille; und ihrer sich verwundernd. 
Oder sollten sie gewollt sein? Stellt das Beispiel 
eine Harte der Ubersetzung vor? Nun, solche Harten 
machen sie so einzigartig, mit diesem »Hindernis« und 
allem Einklang des Gedankens mit der Unregelmafiig- 
keit. Aber Goethe ist nicht ins Deutsche iibersetzt und 
doch wagt Iphigenie schon auf der zweiten Seite, was 
sich dem Rhythmus des Sfufiigen Jambus nicht ganz 
zu fiigen scheint: 

Den du, die Tochter fordernd, a n g stigtest 
und bald drauf: 

Die schonen Schatze, wohl er h a 1 ten hast; 

oder: 

Geniefit. lafit das lang' erwar tete 

Also ganz rosin farben. Und noch mehr Beispiele f iir 
vollig unbetonte, j ambus widrige Nachsilben: 

Denn unertraglich mufi dem F r 6 h lichen 

oder: 

In deinem Schleier selbst den S c h u 1 digen 

oder : 

Und deine Gegenwart, du H i m m lische 

spricht Orest 5 der sich gar einen 2 fiifiigen Jambus er- 
laubt: 

Wie gahrend stieg aus der Erschlagnen Blut 

Der Mutter Geist 

Und ruft der Nacht uralten Tochtern zu 

Der Mutter Geist. Aber der braucht auch Raum. Wenn's 
nicht ein Druckfehler ist. Und sogar einen l 1 / 2 fufiigen 
Jambus wagt er: 

zwischen uns 
sei Wahrheit! 

Aber die braucht eben noch mehr Raum. 

317 



Orest, ich bin's I Sieh IphigenienI 

Wenn sie nicht Iphigenien sagt, so stimmt's vielleicht 
doch mit dem Vers 

Das Fleisch der Machtigen, der Totschlager 

Weil man nicht Machtig e n und Totschlag e r be- 
tonen kann, soil's nieht den vollen jambischen Klang 
haben? (Warum sollen solche nicht hart tonen?) Wahr- 
scheinlich wiirde nur die klagliche Zeile: »Das Fleisch 
von alien Grofien, alien Mordern« das Ideal des Blitz- 
blankverses erreichen. Doch diirfte sich selten genug 
ein Gedanke erleben, der sich ihm anpafit, ohne blofi 
die Kurzlangweile auszufiillen. Was aber die Leserin 
— die ja gewifi von der allerreinsten Absicht geleitet 
war und die ich nur belehre, weil das Mifiverstandnis 
im Tief em zugunsten des Aufiern typisch ist — was sie 
verf ehlt hat, ist nicht, dafi sie fur verb esserungsbediirf tig 
halt, was sie nicht versteht oder nicht empfuidet; auch 
nicht, dafi sie es aufiert (solcherlei gibt's alle Tage); 
sondern dafi sie, bei denkbar grofimiitigster Erweiterung 
des Begriffs »Druckf ehler« , meint, ich hatte die Leser 
gebeten, mir mitzuteilen, was sie stilistisch auszusetzen 
haben. Denn daft der Drucker an jenen Versen schuld 
sei, kann sie ja im Ernst nicht glauben. Die Hilflosigkeit 
dessen, der solche Verse schreibt, reicht aber nur bis 
zum Erscheinen, und wenn er bis dahin bereit war, jede 
Leserin zu fragen, ob sie dies oder jenes Wort passender 
finde, weil er ihr dafiir, in diesem Stadium, weit mehr 
Kompetenz einraumt als sich selbst (und sogar mehr 
Kompetenz als sich selbst in jedem Stadium in Bezug 
auf Damenhute), so kann naturlich von einer Dankbar- 
keit fur nachtraglicheGutachten keineRede sein. Ich will 
nicht den harten Selbstvorwiirfen, die sie sich wahrend 
der Tat machte, zustimmen, aber ich glaube doch, dafi 
jede Leserin gut tate, ehe sie schreibt: Ich mochte nicht, 
aber ich tu's doch, oder: Wiewohl ich weift, dafi Sie, tu 
ich es — sich zu besinnen und es doch nicht zu tun. Und 
wenn sie das Gefiihl, mir nahegetreten zu sein, nunmetir 



318 



in verstarktem Mafie haben spllte, so kann sie sich davon 
befreien, indem sie dem Zentralverband fur Kriegs- 
beschadigte hundert Kronen liberweist, eine Spende, die, 
als Strafporto fur den Absender jedes an mich adressier- 
ten Schreibens, mir alle willkommen machen wird, und 
waren sie unsympathischer als dieses. 

Etwa dieses : 

Euer Hochwohlgeboren ! 

; Bezugnehmend auf die Notiz in der letzten ,Fackel 6 , 
wo Sie Ihre Le&er auf fordern, Sie auf Druckfehler und Sonsti- 
g e s aufmerksam zu machen, teile ich Ihnen folgendes 
mit : 

Seite 79, 4. Zeile ist kein einwandfreier Vers. Uber das 
Wort »Feuer« stolpert man. 

Seite 80, 1. Zeile: detto »rosinfarben« ist falsch! 

Seite 80, 23. Zeile: Man kann nicht »fress e t« sagen. 

Vielleicht nehmen Sie diese Mitteilung zur Kenntnia 
und andern fur eine 2. Auflage die betreffenden Zeilen. 

In treuer Ergebenheit 

Eine g e n a u e Leserin, 

Die glaubt es also wirklich, mit ihrer Modistin zu 
tun zu haben; und sie ist genau. Rosinfarben steht aucb 
ihr nicht zu Gesicht. Das, woriiber man stolpert — hier 
sind wir bei Robes — kann nicht geandert werden. Sie 
solFs tragen und sie wird schon sehn, dafi es geht. (Oder 
ist sie, weil die Verse nicht blitzblank geputzt sind, in 
ihren Hausfrauengefiihlen verletzt? Darauf wiirde die 
Kritik der Stelle »Fresset das Fleisch« hindeuten.) Hier 
ware leicht geholfen, man konnte ja »Feu ? r« machen. 
Aber da wiirde sie schon spiiren, dafi es nicht brennt. 
Wahrend, wenn Hagel mit Feuer und Blut gemengt 
wird, dem Unmafi der Naturerscheinung die iiber- 
zahlige Silbe sehr wohl entspricht. Ich meine das im 
Ernst und wiirde in einer Stilschule darlegen, welche 
Einheit gerade in jenen Fallen erreicht ist, an denen 
sich der platte Begriff vom iDichten stofit. Aber sie 
spxirten doch nichts, und wenn es gelange, eben das, was 



319 



sich nicht erklaren lafk, hundertmal zu beweisen. Ware 
sonst die Ausmessung eines Verses wie : 

Kommt, sammelt euch zu Gottes grofiem Mahl! 
Fressetdas Fleisch dcrKonige, der Feldherrn 

moglich? Man kann also nicht »fresset« sagen. Als ob 
man gezwungen ware und als ob einem andern als dem 
armen Intelngenzhirn vor dem grofieren Zwang dieser 
Posaime so viel Besinnung bliebe, nach der Vorschrift 
zu skandieren! Soil da wirklich noch gesagt sein, dafi 
der Atem des Verses jede Moglichkeit glatter Bildung 
verzehrt ; dafi sich eine solche gar nicht einstellen konnte 
inid andernfalls vorweg abzuweisen war? Es lafit sich 
nur immer wieder mit der Shakespeare-Ubersetzung 
und mit Goethe dieser Armut zu Hilfe kommen, die da 
glaubt, dafi ein Gedicht aus Versftifien besteht. 

Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen 

heifit's gleich zu Beginn der »Iphigenie« ? wiewohl hier 
kein Pathos den Auftakt erzwingt. Notwendiger ver- 
schiebt sich: 

O wie beschamt gesteh' ich, daft ich dir 

und gleich die Fortsetzung: 

Mit stillem WiderM 7 illen diene, Gottin, 
Dir meiner Retterin! 

Oder: 

J a, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann 



Und rette mich, die du vom Tod errettet, 

A u c h von dem Leben hier, dem zweiten Tode ! 

»Auch von dem Leben« ? Aber es ist vollig gleich- 
gultig, ob die zweite Silbe an und fur sich so betonbar 
ist wie »Fress e t« unbetonbar. Es kommt nur darauf an, 
dafi die erste entgegen dem jambischen Charakter 
betont werden darf, weil sie mufi. 

Der mifiversteht die Himmlischen, der sie 
B 1 u t gierig wahnt 



320 



Z w a r die gewalt'ge Brust und der Titanen 

Kraft voiles Mark 

Zuletzt, 
Bedarf's zur Tat vereinter Krafte, dann 
Ruf ich dich auf , und beide schreiten wir 
Mit fiber 1 e g ter Kuhnheit zur Vollendung. 

Ganz antijambisch sind in der letzten Zeile die ersten 
drei Silben unbetont. Nur zwei vollbetonte Silben, die 
dritte und zehnte, hat die Zeile : 

Hat den Ruck kehrenden statt des Tri umphs 

Welcher Blodsinn kame bei vorschriftsmafiiger Beto- 
nung hier zustande: 

Und deine Gegenwart, du Hirnmlische, 

Drangt s i e nur s e i t warts und verscheucht sie nicht 

und welche Groteske in dem ersten Beispiel aus 
»Iphigenie« : 

Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen 

Und was geschieht hier : 

Lafi m i c h! Wie Herku I e s will ich Unwur d'ger 

Nennst d u Den deinen Ahnherrn, den die Welt 

(Urn die jambuswidrige Betonung und liberhaupt den 
Sinn des ersten »den« durchzusetzen, niitzt Goethe die 
Moglichkeit, das Demonstrativum mit grofiem D zu 
schreiben.) 

Lands 1 e u t e sind es ? und sie haben wohl 
oder: 

Kommt! Es bedarf hier schnellen Rat und Schlufi 

Das ware nicht von Goethe, sondern von Girardi. Jener 
betont aber antijambisch — und vielleicht wird hier 
doch iiberall das Minus als Plus spurbar — : 

Bringst du die Schwester zu Apollen hin 

F i e 1 Troja ? Teurer Mann, versichr 5 es mir 

Denk' an dein Wort, und lafi durch diese Rede 

H u 1 f reiche Gdtter vom Olympus rufen — — 
Ant worte, wenn er sendet und das Opfer 



321 



Vor satzlich angefacht, mit Hollenschwefel — - — 
Kommt denn der Menschen Stimrae nicht zu euch ? 

Nein, zu den Skythen nicht. Aber 

Sind wir, was Gotter gnadig uns gewahrt, 
U n glucklichen nicht zu erstatten schuldig? 

Wir sind's. Und nichts konnten wir fur eine zweite 
Auflage andern als den Vorwitz, der die erste mifiver- 
steht (und selbst das konnen wir nicht). Aber um wieder 
auf die Modistinnen zu kommen — Shakespeare braucht 
man nur auf zuschlagen : 

»Zeichne dies Muster ab.« »Ei 5 woher kam dies?« 

Es ist ja falsch! Und Lear ruft den Elementen zu: 
Rass 1 e nach Herzenslust! SpeF Feu e r, flu t e Reg e nl 

Eine Zeile, in der so ziemlich alles zu Bemangelnde vor- 
kommt, sogar das Feuer, iiber das man stolpert, imd vow 
der Traufe kommt man in den Regen. Da ist denn doch 
die Zeile, die in eben jenem Heft der Fackel steht, 
exakter : 

Eine der unangenehmsten Begleiterscheinungen der Fackel 
sind ihre Leser. 

Da ist um keine Silbe zu viel. »Leserinnen« ware nicht 
hineingegangen. Aber sie waren einbezogen. Denn sie 
machen nicht nur »auf Sonstiges aufmerksam«, sondern 
sie erdreisten sich sogar zu behaupten, sie seien dazu 
aufgefordert worden. Alles in allem: 200 Kronen fur 
den Zentralverband der Kriegsbeschadigten I 



322 



Juni 1921 



Schicksal der Silbe 

Wien, 28. August 1920. 

Hochverehrter Herr Kraus! 

Es liegt mir fern, die auf Seite 7 der letzten »FackeI« abge- 
druckte Kritik einer Leserin verteidigen zu wollen, aber mich 
schmerzt der Zweifel, ob nicht die zu ihrer Widerlegung angefuhr- 
ten Zitate einer guten Saehe dadurch einen schlechten Dienst 
leisten, dafi sie den Kern eines an sich gewifi unberechtigten Tadels 
nicht ganz treffen. Es scheint mir namlich zwischen den Vers- 
schlussen »rosinfarben«, »Totschlager« und: »Hindernis«, »angstig- 
test«, »erwartete«, »Frohlichen«, »Schuldigen«, »Himmlische«, 
»Iphigenien« ein Unterschied zu bestehen, der den Wert dieser 
Zitate als Belegstellen fur »rosinfarben« una »Totschlager« einiger- 
maiSen verringert. Die angefuhrten Verse von Shakespeare und 
Goethe schKefien durchwegs nach einer betonten Stanimsilbe mit 
zwei tonlosen Nebensilben, von denen die letzte — - besonders im 
Vers — ■ unwillkurlich doch einen ganz schwachen Ton (im Verhalt- 
nis zur vorletzten) erhalt, da bei aufeinanderfolgenden Nebensilben 
Tonhohe und Tonstarke wellenformig ab- und zunehmen. Das 
Schema dieser Versschlusse ware etwa : n_ w ^ . In den Wortem 
»rosinfarben« und »Totschlager« sind aber die beiden letzten Silben 
nicht gleichwertig, sondern die vorletzte Silbe tragt als Stammsilbe 
einen deutlichen Nebenton: n_ j_ w . Daher kann die letzte Silbe 
keinen noch so schwachen Nebenton auf Kosten der vorletzten 
Silbe erhalten. 

Ich erlaube mir, nochmals hervorzuheben, dafi mein Bedenken 
keineswegs die von jener Leserin beanstandeten Verse, sondern nur 
die Anfuhrung der Belegstellen betrifft. 

In aufrichtiger Verehrung 



323 



Motto: 

»Die unangenehmste Begleiterscheinung 
grofier Menscnen ist ihre Uberhebung iiber 
die kleinen.« 

Maria Worth, 6. Okt. 1920. 

Geehrter Herri 

Die Aufklarung, die Sie zwei Leserinnen in der »Fackel« 
Nr. 551 unter »Druckfehler« S. 7, erteilen, beruht auf einem Irrtum, 
Sie nennen den Vers der »Apokalypse« : 
Und die Haut des Tiers, 
Auf dem sie sitzt, ist ganz rosinfarben 
[Fackel 546—550, S. 79, letzte Zeile] 
einen 4 fiifiigen Jambus mit 2 schwachbetonten Nachsilben. Dies 
trifft zwar fur Ihre Beispiele zu, etwa bei Goethe: 

Denn unertraglich muf& dem Frohlichen 



wobei die Nachsilben »lichen« zwar schwach, aber immerhin doch 
mehr den Ton auf der 2. Silbe haben. 

Der Vers » rosinfarben* hat aber folgendes Tonbild: 

Auf dem sie sitzt ist ganz rosinfarben 
1 2 3 4 5 

Hier ist im Versende » rosinfarben* die e r s t e der schwach- 
betonten Nachsilben: -farben betont, in den von Ihnen angefuhrten 
Beispielen dagegen blofi die z w e i t e Silbe. 

Sowohl Ihre Skandierung wie die der Leserinnen ist eine 
falsche, der Vers stellt nicht den 4 fiiGigen Jambus dar, sondern 
die eigenartig wunderbare Wirkung, durch das mitgeteilte Erlebnis 1 
vollauf gerechtfertigt, mag sie auch bloft skandierenden Lesern 
mififallen, Kegt blofi darin, dafi sich eine Silbe »sin« Ober zwei 
Verstakte erstreckt. Sie geht von der Hebung des vierten Jambus- 
fu&es in die Senkung des funften fiber. Mit »f ar-« wird der Ton, 
wenn auch schwach, aber immerhin doch wieder gewonnen, mit der 
tonloscn Endsilbe »ben« verklingt der Vers. 

Die von Ihnen angefuhrten Beispiele konnen mit diesem 
Vers keineswegs in eine Parallele gezogen werden — sie sind klang- 
lich vollkommen regehnafiig. 



324 



Mag diese Richtigstellung auch an sich unbedeutend sein, 
angesichts der Ausfuhrlichkeit, mit der Sie die Einsenderinnen, zum 
Teil unrichtig, belehrten, schien sie mir nicht uberflussig. 

Sie haben hiedurch bewiesen, dafi der Kunstler fiber sein 
Kunstwerk hinaus nicht Interpret seines Erlebens sein kann. 

Mit grofker Hochachtung 

Was hier — in der Hauptsache — vorgebracht 
wird, ist ebenso richtig wie falsch, und nichts ware ver- 
lockender als zu zeigen, daft solches im Sprachgebiet 
moglich ist, wobei sich auch beweisen mag, daft der 
Kunstler iiber sein Kunstwerk hinaus ein weit besserer 
Interpret seines Erlebens sein kann als der Metriker, 
der recht hat. Denn die Wissenschaft versagt dort, wo 
sie sich anstellt und anstellen mufi, von dieseni Erleben 
losgeloste Materialwerte in ihrer Unveranderlichkeit zu 
behaupten. Wenn ich mich zur Verteidigung einer 
Stelle, die auch die Meinung der Briefschreiber als un- 
anfechtbar oder gar als ein Plus an Wert gelten lafit, 
solcher Belegstellen aus Goethe und der SchlegePschen 
Ubersetzung bedient habe, die sie ihnen nicht zu belegen 
scheinen, so hatten sie doch versuchen miissen, hier auf 
ein Gemeinsames zu kommen, das heifit zu priifen, ob 
ich nicht ein Gemeinsames darstellen wollte, bei dem 
dann graduelle Unterschiede der Geltung ohne Belang 
waren (da sich ja bei eindringenderer Lektiire gewifi 
noch passendere Stellen finden liefien, solche oder mehr 
von solchen, wo eine an und fur sich stark betonte Silbe 
mit tiefer Absicht in die Senkung gerat). Denn daft 
»farb« in farben als Stammsilbe starker ist als »lich« 
in lichen, das wird mir doch wohl kaum entgangen sein. 
Aber wenn angenommen wird, daft von zwei tonlosen 
Nebensilben die letzte »besonders im Vers, unwillkxirlich 
doch« einen Ton erhalt (wiewohl dieses »en« gar nichts 
zum Gedanken beitragt), so konnte ja — besonders im 
Vers — auch der Willkiir, die eine an und fur sich so 
starke Silbe wie »farb« zu einer unbetonten macht, 
etwas von einer Notwendigkeit eignen. Aber davon ganz 



325 



abgesehen, erscheint die Anwendbarkeit jener Beispiele 
schon darin begriindet, dafi ja gegeniiber einer Kritik, 
die nur skandiert und wenn's nicht klappt, skandaliert, 
doch nicht der Wert, sondern nur das Recht der 
Anomalie durch den Hinweis auf andere Anomalien, nur 
ihre Moglichkeit, nicht ihre Besonderheit dargetan 
werden sollte. Und dafi, selbst wenn in »Frohlichen« der 
Ton wieder ein wenig ansteigt, vor jenem Horizont eben 
diese Verse mangelhaft waren (weil man ja eben doch 
nicht »frohlichen« sagt), und dafi sie es nur nicht sind, 
weil sie von Goethe sind, dariiber diirfte wohl kein 
Zweifel bestehen. Da ich aber gewufit haben mag, dafi 
eine Stammsilbe wie »farb« an und fiir sich einen star- 
keren Ton hat als die zweifellos ganz nichtige Silbe 
»lich« 5 so mufi ich doch wohl gemeint haben, sie hatte 
ihn in meinem Wortmilieu verloren. Denn wenn sie ihn 
nicht verloren hat, so miifite wenigstens die erste Zu- 
schrift die Konsequenz jener banalen Kritik haben, den 
Vers fur mangelhaft zu halten. Es ware denn, dafi sie 
zu meiner Entschuldigung vorbrachte, worauf ich selbst 
schon hingewiesen habe: dafi es im sogenannten fiinf- 
fufiigen Jambus weder auf die funf Fiifie noch durchaus 
auf den Jambus ankommt, dafi vielmehr — einzig bei 
diesem Versmafi — die Andeutung seines Characters 
geniigt, ja dafi oft die Abweichung der Kraft des Verses 
zugute kommt (Schlegel: »Rassle nach Herzenslust, spei 
Feuer, flute Regen!«). Der andere Einsender recht- 
fertigt die Unregelmafiigkeit zwar als einen Wert, 
welchen ich mir aber nicht zuerkennen lassen konnte, 
aus dem einfachen Grunde, weil ich ihn geradezu fur 
eine Minderung des Wertes halte, der ihr tatsachlich 
zukommt. Ehe ich nun den Interpreten meines Erlebens 
dariiber aufklare, mochte ich beiden das Zugestandnis 
machen, dafi ich damals tatsachlich vorwiegend Verse 
zitiert habe, an denen — den Forderungen von Leserin- 
nen zuwider, die auf blitzblank eingearbeitet sind — die 
Verwendung unbetonter oder schwachbetonter Silben als 
Hebung gezeigt werden kann (die letzte in »Frdhlichen«), 



326 



Darin schien die Analogie der letzten in »rosinfarben« 
gelegen, und nichts bliebe zu beweisen, als dafi der Vers 
mit dieser Unebenheit fertig wird, weil die vorletzte 
ton- wie jambusgemafi in der Senkung steht. Vielleicht 
war es irrefiihrend, jene zu belegen statt diese zu ver- 
teidigen. Dafi es hier blofi auf das Recht jeder jambischen 
Anomalie ankommen sollte, ging umso deutlicher aus 
solchen Zitaten hervor, in denen die zweif ellos am stark- 
sten zu betonende, gedanklich wichtigste Silbe als kurze 
verwendet wird, wie in: 

Den Ausgang schaffte durch m e h r Hindemis 
Als zwanzigmal dein Zwang. 

Oder: 

Der mifiversteht die Himmlischen, der sie 
B 1 u t gierig wahnt 

Noch starker : 

Kraft voiles Mark 

Oder: 

Hat den R ii c k kehrenden 

Nun sind dies ohne Zweifel Falle, wo an sich staxk- 
betonte Silben auch an der Stelle, wo das Versmafi die 
Kiirze verlangt, stark gesprochen werden miissen, wo 
aber eben die Jambuswidrigkeit dem Vers die Fulle 
gibt. Eine Silbe kommt in die Senkung, ohne darum in 
die Versenkung zu geraten. Auch diese Falle unter- 
scheiden sich von dem meinen, indem hier gerade durch 
die gedanklich richtige Betonung die Auflosung des 
jambischen Charakters erfolgt, wahrend bei mir eine 
an sich betonte, aber in der Zusammensetzung ent- 
wertete Silbe sich ihm anpafit, die erst wenn sie den 
Ton hatte, der von ihr falschhch verlangt wird ? 
(rosin far ben) den Jambus so alterieren wxixde, wie es 
bei Goethe tatsachlich geschieht (den R ii c k kehrenden). 
Aber wird hier nicht auch die Verwandlung an sich 
starkbetonter Silben in unbetonte oder schwachbetonte 
an dem Schicksal der Stammsilbe »kehr«, »gier«, »voll« 



327 



ersichtlich? Diese Verwandlung vollzieht sich zugleicb 
mit der Abweichung vom jambischen Charakter, der 
nur gewahrt bliebe, wenn »Ruck<c, »Blut«, »Kraft« 
falschlich unbetont waren. In »rosinfarben« ist mehr 
der Jambus als die Stammsilbe anerkannt und es wird 
sich erweisen, dafi sie von Natur hinreichend schwacb 
war, urn sich in seine Kxirze zu fugen, so dafi ich von 
der Erlaubnis, »farb« jambuswidrig zu betonen, weil 
es eine Stammsilbe ist, keinen Gebrauch machen konnte. 
Auch mufi ich leider die freundliche Erklarung ab- 
lehnen, dafi sich die Silbe »sin« uber zwei Verstakte 
erstrecke und in die Senkung des fiinften Fufies iiber- 
gehe, so dafi »far« eigentlich dessen Hebung sei und 
»ben« nur die elfte Silbe, die dem Jambus als sechstes 
Rad so haufig nachhangt. Es war durchaus nicht so 
erlebt: 

auf dem [ sie sitzt | ist ganz | rosi | -in far | ben 

Sondern anders. »ro s i -in« (das keine Dehnung, sondern 
Brechung ware) bedeutet das Erldschen der Farbe, 
vollends durch die Ermoglichung des »far-ben«. Die 
Farbe ist nur in »ro s i n farben« erhalten. Wenn oben 
der Versbeginn »Kraftvolles Mark« jambuswidrig dak- 
tylisch gesprochen wird, so ware das Schicksal der an 
sich so vollen Silbe »voll«, die tonschwach wird, aber 
auch in der Hebung mit Recht versinkt, zur Analogie 
heranzuziehen. Wohlverstanden, nicht was die Versmafi- 
widrigkeit, sondern was die Tonverwandlung anlangt, 
die ja dem Versmafi gerecht wird. Es ist aber eben die 
Verwandlung, die mit »farb« vor sich geht. Wenn die 
Einsender zwischen die9er und dem »sin« die Relation 
von betonter zu uberbetonter Silbe walten lassen, so 
wollen wir getrost die zwischen einer schwachbetonten 
und einer betonten annehmen. Es scheint hier ja immer 
die Gefahr zu bestehen, dafi eine Verwechslung an und 
fur sich betonter Silben mit den im Wort, dieser mit 
den im Vers betonten in die Debatte spielt, und man 



328 



denke, wie schwierig eine solche wird, wenn eben der 
Wechsel, den der Silbenton durch das Milieu erfahrt, 
ihr eigentlicher Gegenstand ist. Vielfach verwirrt in der 
Enge terminologischer Behelfe, mag sie schliefilich Er- 
kenntnisse fordern, die man vorweg nicht bestreitet und 
immer schon anerkannt haben mochte, bevor sie erst 
jenes Ratsel herausstellen, zu dem sich in Dingen der 
Sprache alle Klarheit auflost. Denn wie nur der mit der 
Sprache »umgehen« kann, der am weitesten von ihr 
entfernt ist, so wird, je naher man ihr kommt, das 
Gefiihl der Befremdung zunehmen und mit ihm der 
Respekt. Was zur Not mit dem Satz zu gelingen scheint, 
scheitert an dem Wort, und einer Silbe auf den Grund 
zu kommen, konnte schon den Kopf kosten, weshalb 
auch nicht vorausgesetzt werden soil, dafi Leute, die 
ihn zwar nicht haben, aber behalten wollen, Zeit und 
Lust an solche Untersuchungen wenden. 

Dafi das Wort im Vers vielfache Abenteuer zu 
bestehen hat, wird dem nicht gesagt sein, der es als totes 
Instrument handhabt, und dafi die Silbe im Wort allerlei 
Einbufie erleidet, brauchte dem Andero eigentlich nicht 
erst an Beispielen bewiesen zu werden. Warum aber 
sollte sich gerade die Silbe »farb« diesem ProzefS wider- 
setzen, wo doch alles danach angetan ist, sie ihm zu- 
zuf iihren ? So sehr, dafi sie sogar wieder die Verstarkung 
der Endsilbe »en«, ganz wie in »Frohlich e n« , zulafit 
und wenn sie dazu doch zu stark ware, mit ihr eben 
»zwei schwachbetonte Nachsilben« bildet. Man denke 
nur: »farb« so entfarbt, dafi dieses Ende moglich ist! 
Und doch ist es so, und dies hat es einzig und allein der 
Kraft des »rosin«, das alles »farbene« an sich zieht, zu 
danken. Denn es spottet der Tonregel und brennt wie 
die leibhaftige Orientsonne. Und damit waren wir bei 
dem Problem selbst, das eben als im Bereich des Sprach- 
geistes liegend von der sprachwissenschaftlichen oder 
metrischen Untersuchung — auf betonte Stammsilben, 
nach denen keine weitere Betonung mehr moglich sei — 
liberhaupt nicht beriihrt wird. Was in einem Vers betont 



329 



und was unbetont ist, entscheidet nicht das Gewicht der 
Silbe als solcher, sondern das Gewicht der Anschauung, 
das ihr in der Zusammensetzung und vollends in der 
Verbindung der Worte bleibt und vom Gedanken zuer- 
kannt wird; entscheidet Art und Fiille der Vorstellung, 
die mit ihr ubernommen ist; entscheidet das nachste 
Wort so gut wie das voraufgehende und wie die Luft 
zwischen den Worten, wie alle Aura, die una dieses, 
jenes und urn alle umgebenden Worte spielt: entscheidet 
der Gedanke. Da kann es denn wohl geschehen, dafi die 
starkste Silbe, ja das starkste Wort vollig tonlos wird, 
von allem, was sonst leer ware, libermeistert. 

In diesem Zusammenhang erscheint wohl ein Vers 
betrachtenswert, der in Beer - Hofmanns »Jaakobs 
Traum« (wo schon im Titel eine betonte Stammsilbe 
vorkommt) zu finden ist. Es sei hier xiber die gedank- 
liche Bedeutung einer Dichtung nicht geurteilt, die die 
Bestimmung des auserwahlten Volkes etwa als die eines 
schwergepruften Vorzugsschiilers deutet, welchen Gott, 
um ihm seine Gunst zu bezeugen, immer wieder durch- 
fallen lafit: ein Gott, der durch einen priigelpadagogi- 
schen, fast sadistischen Dreh beglaubigt wird, ohne den 
der wahre Genufi schliefilicher Herrlichkeit dem Be- 
gliickten so wenig erreichbar ist wie dem Beghicker: 
»Ich will ja nur, mein Sohn, mich dir so tief verschul- 
den, / Dafi ich — zur Siihne — dich erhoh'n vor alien 
darf!« Es ist gewifi ebenso interessant, dafi Gott das 
siifie Geheimnis dieser Methode dem Partner offenbart, 
wie dafi er sprachlich ein rein zivilrechtliches Verhalrnis 
start des »sich a n einem verschulden« setzt, wobei f rei- 
lich die Scheu vor dem Bekenntnis, dafi Gott sich an 
Menschen versiindigen konne, mitgewirkt haben mag. 
Sie wagt sich immerhin zu dem Ausspruch vor, dafi Gott 
sich fur das, was er seinem Volk antut, eine »Suhne« 
auferlegt und dieser Siihne zuliebe die Tat begeht, und 
es ist natiirlich in sich selbst unmoglich und ein Begriffs- 
zeugma trubster Art, Gott nicht nur unter dem Mafi 
einer menschlichen Ethik und als deren abschreckendes 



330 



Beispiel zu denken, sondern eben aus einer ethischen 
Anschauung, die vom Verhaltnis der Menschen zu Gott 
bezogen und in ihm verwurzelt ist, das Verhaltnis Gottes 
zu den Menschen darzustellen. Es soil auch nicht die 
dichterische Kraft der Verse, die auf solchem Gedanken- 
grund gesprossen sind, gewertet, hochstens erwahnt 
sein ? dafi sie manchraal doch bedenklich an die Sprache 
der Neuzeit erinnern, indem ihre Sprecher zum Beispiel 
»daran« vergessen haben, dafi sie eigentlich alte Juden 
sind. Alles in allem ist diesen Versen weniger der Ur- 
sprung schopferischer Gnade als jener ehrenwerten 
Gesinnung abzumerken, die sie ins Weltall projiziert, 
wenngleich sie sich in der Proportion so gefahrlich ver- 
mifit. Ohne zur Siihne dafiir vor alien erhoht zu sein, 
ist dieser Dichter doch durch die redliche Miihe, die er 
an seine Arbeit wendet, vor den andern auserwahlt, und 
wer ware berufener, fur Jaakobs Traum zu zeugen als 
einer ? der jeweils sieben Jahre um die Muse geworben 
hat, und mogen es auch nicht die sieben fettesten 
gewesen sein. Und die Betriebsferne, in der solch eine 
Leistung zustande kommt, zeugt fur ihn selbst, wie auch 
die nicht verkennbare Spur eines redlichen Willens, dem 
Wort nahezukommen. Eines ist darin enthalten, das, 
wenngleich es kein Kunstwerk ist, ganz gewifi seinen 
Autor wissend und bemuht zeigt um den Punkt, worin 
Gedanke und Wort (oder Nichtwort) sich zu ratsel- 
haftem Ineinander verketten (oder verschlingen), 
Schlichter Dilettantismus wiirde den Vers nicht wagen, 
an dessen Ende es heifit: 

wohin Wort nicht mehr dringt. 

Eine starkere Stammsilbe als »Wort« ist nicht denkbar 
und sie ist hier doch so eingesunken, dalJ das »Nicht- 
mehrhindringen« seine ganze Anschaulichkeit (im Nicht- 
horbaren) eben von dieser Ausloschung des Wesent- 
lichsten empfangt. Wobei es gewifi fragKch bleibt, ob 
die Artikellosigkeit von »Wort«, diese Leibhaftigkeit 



331 



des Wortes, nicht ausschliefilich zu dessen Verstarkung 
gereichen darf und ob iiberhaupt die Verneinung seiner 
Wirksamkeit durch die Versetzung ins Unbetonte ei> 
reichbar und moglich ist ; ob das Nichthoren so gestaltet 
sein kann, dafi das Nichtgehorte auch nicht mehr gesehen 
wird, und eih Verlust noch fiihlbar ist, wenn mit dem 
Wert auch dessen Anschauung verschwindet. Zu 
sprechen ist es nicht, weder bei volliger, dem Metrum 
angepafiter Versenkung von »Wort« noch bei erneut 
ansetzender Hebung, der doch wiedeT das »nicht mehr 
dringt« alle erstrebte Anschauung zum Opfer brachte, 
(Durch die Tonhebung ware es das Muster einer kaum 
zu bewaltigenden Jambuswidrigkeit, doch indem sie dem 
»Wort« als dem Vorgestellten den Ton zuweist und als 
dem Nichtgehorten die metrische Kiirze, ein merkwiir- 
diger Versuch, dem zweifaltigen Erlebnis zu entsprechen. 
Ich hatte aus dem Gedachtnis zitiert. Ein Blick in den 
Text zeigt, dafi die Tonhebung, die der Autor so oft 
durch das primitive Mattel des Sperrdrucks gegen das 
Versmafi durchsetzen will, tatsachlich nicht beab- 
sichtigt ist. Im Gegenteil sperrt er, urn nur ja die 
Entwertung von »Wort« zu sichern, das »nicht«. Im 
gegebenen Wortmaterial ware ja vielleicht: »wo Wort 
nicht hin mehr dringt« eine Moglichkeit, die das 
Wesentliche der Entfernung und die Entfernung des 
Wesentlichen ghicklicher paaren wiirde.) Immerhin ein 
lehrreicher Beleg fiir die Ansicht, dafi ein kiinstleri- 
scher Wille auch die vollige Tonverwandlung nicht 
scheut und dafi er sich fast mehr an dem Wagnis als 
am Gelingen beweist. 

Denn was kiimmert es den Gedanken, dafi eine 
Silbe als Stammsilbe einen »deutlichen Nebenton« hat? 
Sie hat ihn eben nicht mehr. Sie ist eben nicht mehr 
»betont«. Nur die rationalistische Ansicht, die sie aus 
dem Gefiige herausnimmt, wird den Ton reklamieren, 
ihn vor Gericht stellen; und mit Recht, denn wenn die 
Silbe einmal draufien ist, so hat sie ihn zu haben. Aber 
sie hat ihn nur fiir die Wortf orschung und nicht fiir die 



332 



Sprache. Jene wiirde, da »farb« ja unter alien Umstan- 
den Stammsilbe ist, etwa nicht den geringsten Unter- 
schied zwischen »farben« und »farbig« wahrnehmen; 
und doch liegt so viel dazwischen, dafi, wenn es »rosin- 
farbig« hiefie, wirklich blofi die Moglichkeit bestiinde, 
das »sin« iiber zwei Verstakte zu erstrecken, da »farb« 
tatsachlich betont ware. Nur eben, dafi »rosinfarbig« das 
sehlechtere Gedicht ist, und dafi man das »sin« auch 
uber vier Verstakte dehnen konnte, ohne die Farbe, auf 
die es ankommt, zu gewinnen. Sie gewinnt ihre Kraft 
durch das schwache »farben«, wahrend das starkere 
farbig und das scheinbar unveranderte »rosin« zu- 
sammen nicht mehr als ein zusammengesetztes Wort 
ergeben. In »farben« und in »farbig« ist die Silbe gleich 
stark; aber in diesem tritt die Farbe aufierlich hervor, 
jenes, erst in der Zusammensetzung mit der Farbe mog- 
lich und wirksam, ist der Hintergrund, auf dem sie in 
Erscheinung tritt. Es ist sonderbar wie alles, was sicb 
durch die Sprache begibt, aber es ist so und es ist; es ist 
eben wunderbar. Bei einer Farbe, die weniger Farbe hat, 
wih'de sich »farben« mehr zur Geltung bringen, wie 
etwa bei »turkisfarben« , »opalfarben«, wahrend rubin- 
oder rosinfarben ganz gefahrliche Farben sind und so 
gell und grell brennen, dafi das »farben« selbst ver- 
loschen und verstummen mufi. Dem Einwand, dafi eben 
der Vokal der Endung »in<< diesen Prozefi bewirke, 
kann nur mit der Versicherung begegnet werden, dafi 
dies ganz richtig ist und dafi die Sprache schon gewufit 
haben wird, warum sie diese Farben so ausklingen lafit, 
Ich konnte es zwar nicht beweisen, wohl aber be- 
schworen, dafi kein Wort anders aussieht als sein Inhalt 
klingt und dafi jedes so schmeckt wie es riecht. Wenn 
ich meine, dafi die letzten zwei Silben in dem Wort 
»smaragdfarben« mehr Ton und mehr Farbe behalten, 
weil sie weniger an die ersten abgeben miissen als in 
dem Wort »rosinfarben« , und wenn man mir darauf 
antwortet, dafi eben der Wirbel.der Konsonanten den 
Tonfall hemme und dadurch »farben« selbstandiger 



333 



werde als dort wo es einer starkeren Anziehung durcb 
die vorangehende Silbe ausgesetzt ist, so mochte icb 
mich, ohne dabei gewesen zu sein, auf den ersten Mund 
berufen, der »Smaragd« gesagt hat, als das erste Auge 
ihn sah, und gar nicht anders konnte als ihm diese Kon- 
sonanten abzusehen, diese Farbe abzuhoren. Und konnte 
das Kind anders, wenn ihm die Verbildung von Gene- 
rationen nicht die dichterische Kraft verkummert hatte, 
Anschauungen zu Lautbildern zu formen? Jedes Wort 
ist urspriinglich ein Gedicht und was den Vollbegriff 
des Dings umfafit, ist ihm nur abgelallt. Ware es anders 
und ware die Sprache wirklich das, wofur die Menschen 
sie halten, ein Mittel, sich nicht mit der Schopfung, 
sondern iiber sie und uber sie hinweg zu verstandigen 
und dadurch zu solchem Einverstandnis zu gelangen, 
das jegliche Zwietracht bedeutet, so ware es gleich 
besser, sich jener Konventionen, jener akustischen 
Stenogramme zu bedienen, die auf einem Kongrefi be- 
schlossen werden, damit ein grofierer Umkreis von 
Menschheit des Segens teilhaftig werde, vom Erlebnis 
der Natur entfernt zu sein. Solange aber Sprache keine 
Verabredung ist, wird sie dem Geist noch aufbewahren, 
was sie dem Verstande vorenthalt, und wenn jener 
wissen wollte, warum der Purpur den Ton auf der ersten 
Silbe hat, so brauchte er nur den Purpur zu befragen, 
Aus dieser Eigentumlichkeit, die eben von seiner beson- 
deren Farbe kommt, ergibt sich, dafi wenn er sich mit 
dem Wort »farben« zusammensetzt, dieses wieder auf- 
tont und also aufleuchtet; denn es hat Raum zur Ent- 
wicklung, wahrend es an die in der letzten Silbe betonten 
Farbnamen alles abgibt. Wie auch ahnlich, wenngleich 
nicht so selbstlos an die einsilbigen (in »goldfarben« 
etwa durfte eher eine Verteilung statthaben). Ein Bei- 
spiel dafiir, welcher Kraft es in jener andern Verbin- 
dung f ahig ist, ist Gerhart Hauptmanns 

La£t fenerfarbne Falter fiber ihr 

am malachitnen Grfin des Estrichs schaukeln. 



334 



Hier kann wahrlich nichts betonter sein als »farb«, wie- 
wohl doch schon »feuer« genug brennt. Solchen Schick- 
salen ist das Wort, ist selbst die Silbe ausgesetzt. Je 
mehr ich »farb« in »rosinfarben« betonen wollte und 
wenn ich dafur auch »rosin« endlos dehnte, desto blasser 
wiirde dieses, jenes, beides zusammen, Doch »sin« ist 
nicht als gedehnt (oder gar gebrochen), sondern nur als 
gell eindringender Ton gedacht : dann verschwindet alles 
weitere von selbst und zu Gunsten des Sinn-Eindrucks, 
der erreicht werden soil. 

Und wenn wir schon in diesem Turnier mit Silben- 
stechen und mit Haarespalten befangen sind — keinen 
stolzeren Sieg, keinen grofieren Gewinn kann es geben 
als in solchem — , dann sollen auch gleich »Totschlager« 
den Ausgang fordern. Daran lafit sich vielleicht noch 
besser dartun, wie problematisch der absolute Tonwert 
einer »Stammsilbe« ist, mit dem schon vor dem Vers- 
gedanken der tagliche Hausbrauch fertig wird. Wievie] 
von den urn ein Wort gelagerten Vorstellungen in den 
Gedanken eingeht, davon allein hangt seine Tonwertig- 
keit ab. Ganz aufierhalb des Versgefuges ist in »Tot- 
schlager« die ganze Kraft der Vorstellung schon von der 
Silbe »Tot« absorbiert, ohne jede Rxicksicht darauf, dafi 
die zweite Silbe eine Stammsilbe vorstellt, die in dem 
Verbum »schlagen« noch von ausschlaggebender 
Wichtigkeit ist. Nur in einer einzigen Bedeutung wachst 
dieser Stammsilbe eine Kraft zu, die sogar der Starke 
der Silbe »Tot« gleichkommt: in der Bezeichnung der 
Waffe, die »Totschlager« heifit, wo »schlager« real er- 
lebt ist, »Tot« nur ein Ornament, das den moglichen 
oder erstrebten Effekt der Waffe verherrlicht. Wer 
wurde bei »Tondichter« behaupten, hier habe der 
Dichter den Ton? In »Schriftsteller« ist »stell« zweifel- 
los eine an und fur sich betonte Stammsilbe, aber sie hat 
auch nicht die Spur eines Eigenlebens mehr, da alle 
Vorstellung der Schrift und nicht dem Vorgang ihres 
»Stellens« eignet; zum Unterschied von »Schriftfuhrer« 
und vollends von »Schriftsetzer«, wo alle Vorstellung, 



335 



also auch alle Betonung dem »Setzen« angehort, so sehr, 
daft das »Setzen« (im Gegensatz zuin Fuhren und gar 
zum Stellen) schon zureicht, urn die Tatigkeit sichtbar 
zu machen. Es konnte also am Schlufi eines jambischen 
Verses weit eher der halbwertige »Schriftsteller« als der 
vollwertige »Schriftsetzer« stehen (wiewohl dieser durcb 
die Hilfe, die er jenem angedeihen laftt, mit der Zeit 
auch an Position einbufien wird). Oder nehmen wir, urn 
in der Sphare der Literatur zu bleiben, das Beispiel 
»Einbrecher«. Gewifi hat die Silbe »brech« eine Kraft, 
in der ja das Handwerk als solches ursprunglich beruht 
Trotzdem wird die Anschauung nur von der Silbe »Ein« 
regiert als von dem »Eindringen« ins Haus, wohin einer, 
um ein Einbrecher zu sein, ja auch ohne Zerstorung 
gelangen kann. »Einschleicher« dagegen, wo das Wort 
mit der Vorstellung noch kongruent ist, wiirde eine Ent- 
wertung der Stammsilbe keineswegs zulassen. (Ebenso- 
wenig »Ausbrecher«, woran die Vorstellung der un- 
mittelbaren Kraftanwendung des Gefangenen haftet. Er 
bricht aus dem Kerker, jener gelangt in das Haus.) 
Welche Tonverschiebung — an und fur sich und wie erst 
fur die Position im Satz- oder Versbau — ein Wort 
durchmachen kann, zeigt es, wenn es zugleich einen 
Beruf und einen Namen bedeutet. Wahrend etwa in 
»Buchhandler« mehr die Vorstellung des Buches, in 
»Buchbinder« mehr die des Bindens lebendig ist, kommt 
diesem als Namen weder die eine noch die andere Vor- 
stellung mehr zu, wodurch sich die Betonung der Silbe 
»Buch« nur automatisch als der fuhrenden ergibt. Der 
Name ware am Schlufi des zehnsilbigen jambischen 
Verses eher moglich als die Berufsbezeichnung. Ist in 
einem Namen wie »Goldberger«, der vielleicht noch die 
Vorstellung von Goldbesitz weaken kann, auch nur die 
Spur einer Anschauung goldener Berge oder des Bergens 
von Gold, wo von er sich herleiten mag, vorhanden? 
Nicht einmal im Wiener Tonfall, der sich auf der 
zweiten Silbe solcher Komposita auszuruhen pflegt. Wo 
trotz der begrifflichen Kluft zwischen Wort und Wort 



336 



die aufiere Betonung identisch ist, wiirde natiirlich ein- 
zig und allein von der Vorstellungsfulle, die der Silbe 
innewohnt, die Entscheidnng abhangen, welchen Ton sie 
im Vers empfangt. (Wer die Relativitat des Silbenwerts 
leugnet, solange sie ihm unvorstellbar ist 5 braucht vor 
allem nur an das Vernichtungswerk erinnert zu werden, 
das der jeweilige genius loci an dem Vorstellungsinhalt 
von Strafiennamen geleistet hat. Es gibt gar keinen Ort, 
der vom Sprecher so entfernt ware wie die seinem 
Namen assoziierte Vorstellung von dessen urspriing- 
lichem Sinn. Wenn der Wiener liberall an den Franz 
Joseph gedacht hatte, am Franz Josephskai hat er es 
bestimmt nicht getan, und nie waren ihm auf dem 
Schottenring die Schottenpriester eingefallen, selbst 
wenn er eben noch in der Schottengasse sich ihrer viel- 
leicht erinnert hatte. Der in der Gonzagagasse behiitete 
Name diirfte dem Chef einer Inkassogesellschaft eignen 
und die Zelinkagasse, an die man wieder vor dem 
Zelinka-Denkmal nicht denkt, nach einem Engrossisten 
benannt sein. Hat jemand schon einmal in der Karntner- 
strafie an das Land Karnten gedacht, wenn nicht auf 
dem Umweg von der Sunde zur Aim, wo es keine gibt? 
Bei der Vorstellung des Bisambergs wiirde man eher 
vermuten, dafi es dort Moschustiere gibt als dafi das 
Wasser dort einmal bis am Berg gestanden ist, wahrend 
das osterreichische Gehor bei Vorarlberg eher ein Radl 
iiber den Berg gehen hort, als dafi es sich ein vor dem 
Arlberg gelegenes Land vorstellt.) Es hangt alles davon 
ab, ob die Silbe dem erlebten oder dem gebrauchten 
Wort angehort, ob noch Vorstellungsmark oder nur ter- 
minologische Kruste vorhanden ist. In »Ausrufer« als 
einer Umschreibung fur Sensationsjournalist hat »ruf« 
(analog in »Marktschreier« i ) keinen Ton mehr, wohl aber 
dort, wo die reale Vorstellung eines, der soeben etwas 
ausgerufen (auf den Markt geschrieen) hat, das Wort 
bildet. Und die schopferische Kraft, die hi^r am Werk 
ist — im Ausdruck dessen, was erlebt wird — , ist keine 
andere als die. die den Vers bildet. Hier konnte sich 



337 



freilich der Einwand melden, dafi im echten Gedicht 
das Wort doch immer neu erlebt und wenn die Erlosung 
aus der Erstarrnis nicht mehr moglich ist, die Worthiilse 
eben keinen Platz findet. Das ist so richtig wie falsch,, 
und unbedingt wahr bleibt nur, dafi der Dichter wie die 
Zeugenschaft des lebendigen Worts so auch die seines 
Absterbens hat, womit aber keineswegs gesagt ist, dafi 
er nicht gerade da schopf erisch wiirde. Wie er ein neues 
Wort (was mit aller Verachtung des prinzipiellen Neu- 
getones gesagt sei) nur so ins Dasein bringen wird, dafJ 
es die Dagewesenheit schon mitbringt, und wie er das 
alte so setzen kann, als ob es just ins Leben getreten 
ware, mufi es ihm auch gelingen, das tote Wort so tot 
sein zu lassen, wie es die Sphare gebietet, und ist die 
Erstorbenheit der Welt sein Erlebnis, dann hat er keine 
Phrase verwendet und keine jener Redensarten, die ein 
Ornament des Sprachgebrauchs und ein Aussatz der 
Kunst sind. Wo keine Vorstellung mehr ist, kann eben 
dies fur die Wortwahl entscheidend sein und das Ver- 
blafiteste von eindringender Bildkraft. Der Dichter er- 
lebt das Wort im Zustand der Wirksamkeit, die es in 
der Zeit hat, und er ware keiner, wenn es im Gedicht 
lebloser ware als in der Zeit. Darum bewahrt das echte 
Gedicht auch die Fahigkeit, den Vorstellungsgehalt des 
Wortes durch die Schaden und Veranderungen eines 
Gebrauchs hindurch, der der Sprache ihre Jahresringe 
ansetzt, indem er die Assoziationskraft abschwacht, vol] 
zu erhalten, wenngleich das so konservierte Wort nicht 
mehr die Macht hat, auf&erhalb des Gedichts zu wirken. 
Alle hier angefuhrten Beispiele fur Tonkraft und deren 
Veranderlichkeit verstehen sich als Vorstellungsinventar 
nur vom Gesichtspunkt der Erbschaft, die die Gene- 
ration angetreten hat. Fur die Kunstfahigkeit des Worts 
entscheidet nichts aufier der Fahigkeit des Kiinstlers; 
alt oder neu, tot oder lebendig, edel oder trivial, deutsch 
oder fremd — das Wort ist nie das, was es gilt, sondern 
was es im Gedicht wird, nicht wie es aussieht, sondern 
wo es steht. Doch auch aufierhalb des Gedichts ist ein 



338 



und dasselbe Wort ein verschiedenes Gedicht. Es kann 
hausgebacken und hausbacken sein : zu Haus erschaf f en, 
besser als gewohnliches Backerbrot, oder niichtern, 
prosaisch wie nur alles was im Umlauf ist. (Aber wie ich's 
hier sage, verschranken sich Ding und Metapher. Betont 
wird das »Haus« eben dort sein, wo der Ausdruck die 
Gewdhnlichkeit bezeichnet; im realen Geback auch das 
»backen«.) Wie »altbacken« ist eben in diesem die Vor- 
stellung, die einmal neu war! Auch die Stammsilbe 
»voll« kann sich nicht immer auf ihre Bedeutung ver- 
lassen. In »kraftvoll« hat sie nicht melir die Kraft, die 
der ersten Silbe zukommt. Wie anders in »drangvoll«, 
wenngleich sich diese gedrangte Fiille beiweitem nicht 
mit jener vergleichen lafit, die »los« in »kraftlos« be- 
wahrt, wahrend es wieder in »rastlos« mehr an die 
fuhrende Silbe verliert. Man beachte die Wertverschie- 
bung, die zwischen »wertvoll« und »wertlos« vor sich 
geht. Hier wie in »kraftvoll« ist der Positivbegriff nur 
eine Fortsetzung der Kraft, in »kraftlos« mufi sich der 
Negativbegriff gegen sie durchsetzen. Er ist deshalb so 
wenig »tonlos« wie in diesem selbst. »Stimmittel« und 
»StimmIage« : sollte an und fiir sich »mitt« nicht wenig- 
stens so stark sein wie »lag« ? In Wahrheit wiegt jenes 
nichts im Vergleich zu diesem. Klar entscheidet die 
gedankliche Leistung, die das Wort zu jenem, mit dem 
es zusammengesetzt ist, beitragt. »Stimmittel« ist mehr 
als »Stimmlage« , aber das »Mittel« fuhrt begrif f lich der 
Stimme nichts hinzu, die »Lage« alles : denn die Stimme 
ist schon das Mittel, aber hat erst die Lage; Stimmittel 
ist nur eine Determinierung der Stimme als akustischen 
Werts, also eine begrif fliche Fortsetzung, Stimmlage ist 
fast eine Definition. Fiiglich konnte man wohl jenes 
Wort, aber nicht dieses daktylisch setzen. (Und schon 
gar nicht »Stimmfarbung« , wiewohl es doch meine 
Stammsilbe hat.) Ahnlich: »Parkmauer« und »Park- 
gitter«. Jene konnte begrifflich der Park selbst sein, der 
demnach den Ton tragt. Sie unterscheidet sich sogleich 
von andern Mauern. »Parkgitter« wird nicht von andern 



339 



Gittern unterschieden, sondern von allem andern, was 
zum Park gehort. Hier tritt — in Verbindung mit 
Park — ausschliefilich die Vorstellung des Gitters her- 
vor 5 so wenig es sich als solches von anderen Gitterp 
unterscheiden mag. Darum konnte wohl die Parkmauer, 
aber nicht das Parkgitter synekdochisch fiir »Park« ge- 
braucht werden; es ist und bleibt ein Bestandteil, also 
ein Teil, der nicht furs Ganze stehen kann. In »Blut> 
gierig« ist so viel von Blut und so wenig von Gier mehr 
vorhanden, dafi es in jenem Vers der Iphigenie nicht 

jambusgemafi heifien kann: Blutgierig wahnt . 

Lage ihm aber nicht blofi die Abstraktion des Gottes, 
der Blutopfer fordert, sondern die Anschauung eines 
Sadisten, der sich am Blut berauscht, zugrunde, so ware 
diese Betonung oder Mitbetonung im Vers wohl mog- 
lich. Fast ware es bei »geldgierig« der Fall, wo noch 
der personliche Anteil des Gierigen gespiirt wind. 
Solange der »Blutdurstige« nicht das Blut trinkt, ist 
seine Stammsilbe nicht ernst zu nehmen und nur das 
Blut, das er vergiefit, betrachtlich. »Blutriinstig« wurde 
die Senkung der zweiten Silbe nur in der gebrauchlichen 
aktiven, also in der falschen Bedeutung des Blut- 
diirstigen vertragen, in der das Wort eine Redensart ist, 
jedoch nicht in der richtigen passiven des Verwundeten, 
an dem noch rinnendes Blut sichtbar ist. Stammsilbe da 
und dort — wenn sie verwelkt ist, der Begriff pflanzt 
sich schon seinen Ton. Wo kame er hin, wenn man nicht 
»unge8cheut« mehrsilbige Worter setzen diirfte, um 
gerade jene Silbe fallen zu lassen, die etymologisch den 
Ton hat? 
Ungescheut will ich es wagen, dies Wort dort so zu 

betonen 
und zu negieren den Rest, der sich die Scheu noch 

bewahrt. 
Wenn aber einer es scheut, weil »scheut« ihm mehr 

imponiert hat, 
klappt's mit der metrischen Scheu, aber er ist nicht 

gescheut 



340 



Wiewohl es sicher von alien Zuschriften, die ich 
— mit und ohne die trostlose Berufung auf »Druck- 
fehler« — in Sprachdingen je empfing, die weitaus 
wurdigsten und anregendsten gewesen sind. 



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April 1927 



Der Reim 



Er ist das Ufer, wo sie landen, 
sind zwei Gedanken einverstandeiu 



Hier sind sie es: die Paarung ist vollzogen. Zwei 
werden eins im Verstandnis, und die Bindung, welche 
Gedicht heilk, ist so fur alles, was noch folgen kann, zu 
spiiren wie fur alles, was vorherging; im Reim ist sie 
beschlossen. Landen und einverstanden : aus der Wort- 
umgebung stromt es den zwei Gedanken zu, sie ans ge- 
meinsame Ufer treibend. Krafte sind es, die zu einander 
wollen, und miinden im Reim wie im Ku6. Aber er war 
ihnen vorbestimmt, aus seiner eigenen Natur zog er sie 
an und gab ihnen das Vermogen, zu einander zu wollen, 
zu ihm selbst zu konnen. Er ist der Einklang, sie zu- 
sammenzuschliefien, er bringt die Spharen, denen sie 
zugehoren, zur vollkommenen Deckung. So wird er in 
Wahrheit zu dem, als was ihn der Vers definiert: zum 
Ziel ihrer spracherotischen Richtung, zu dem Punkt, 
nach dem die Lustfahrt geht. Sohin gelte als Grundsatz, 
dajS jener Reim der dichterisch starkste sein wird, der 
als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- 
oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen, sei 
es, dafi sie kraft ihrer Naturen, gleichgestimmt oder 
antithetisch, zu einander streben, sei es, dafi sie nun erst 
einander so angemessen, angedichtet scheinen, als waren 
sie es schon zuvor und immer gewesen. Ist diese Mog- 
lichkeit einmal gesetzt, so wird der Weg sichtbar, wie 
es gelingen mag, dem Reim eine Macht der Bindung zu 



342 



verleihen, die jenseits des bisher allein genehmigten 
Kriteriuras der »Reinheit« waltet, ja vor der solche An- 
spriiche iiberhaupt nicht geltend gemacht werden konn- 
ten. Denn nicht das Richtmafi der Form, sondern das 
der Gestalt bestimmt seinen Wert. Den Zwang zum 
Reim bringt innerhalb der Bindung des Verses nicht 
jede dichterische Gestaltung, die diese auferlegt, er 
kann sich aber, wie am Ende einer Shakespeare -Schle- 
gel'schen Tirade gleichsam als das Fazit einer Gedan- 
kenrechnung ergeben, worin die Angleichung der dar- 
gestellten Spharen ihren giiltigen Ausdruck findet. Der 
ganzen Darstellung formlich entwunden, dem gegen- 
seitigen Zwang, der zwischen der Materie und dem 
Schopfer wirksam ist, lebt er in einer wesentlich anderen 
Region des Ausdrucks als das aufierliche Spiel, das er 
etwa in einer diirftigen Calderon-Ubersetzung oder gar 
in einem Grillparzerschen Original vorstellt. Die Not- 
wendigkeit des Reimes mufS sich in der Uberwindung 
des Widerstands fuhlbar machen, den ihm noch die 
nach&te sprachliche Umgebung entgegensetzt. Der Reim 
mufi geboren sein, er entspringt dem Gedankenschofi ; 
er ist ein Geschopf, aber er ist kein Instrument, be- 
stimmt, einen Klang hervorzubringen. der dem Horer 
etwas Gefiihltes oder Gemeintes einpragsam mache. 
Die gesellschaftliche Auffassung freilich, nach der der 
Dichter so etwas wie ein Lebenstapezierer ist und der 
Reim ein akustischer Zierat, hat an ihn keine andere 
theoretische Forderung als die der »Reinheit« , wiewohl 
dem praktischen Bediirfnis auch das notdiirftigste Ge- 
klingel schon geniigt. Aber selbst eine Kritik, die liber 
den niedrigen Anspruch des Geschmackes hinausgelangt, 
ist noch weit genug entfernt von jener wahren Erkennt- 
nis des Reimwesens, fur die solches Niveau iiberhaupt 
nicht in Betracht kommt. Wenn man den ganzen Tief- 
stand der Menschheit, iiber den sie sich mit ihrem tech- 
nischen Hochflug betriigt, auf ihre damonische Ahnungs- 
losigkeit vor der eigenen Sprache zuriickfuhren darf , so 
mochte man sich wohl von einer kulturellen Gesetz- 



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gebung einen Fortschritt erhoffen, die den Mut hatte, 
die Untaten der Wortmifibraucher unter Strafsanktion 
zu stellen und insbesondere das Spiefiervergniigen an 
Reimereien durch die Priigelstrafe fur Tater wie fiir 
Geniefier gleichermafien gefahrvoll zu machen. 

Entnehmen wir dem Reim »landen — einverstan- 
den« das Reimwort »standen« als solches, wobei wir uns 
denken mogen, dafi es als abgeschlossene Vorstellung 
den Sinn eines Verses erfulle. In dem Mafi der Voll- 
kommenheit, wie hier die aufiere Paarung (landen — 
standen) in Erscheinung tritt, scheint die innere zu 
mangeln, die das tiefere Einverstandnis der beiden Ge- 
danken voraussetzt. Im Bereich der schopferischen Mog- 
lichkeit — jenseits einer rationalen Aussage, die sich 
mit etwas Geklingel empf ehlen lafit — wird kaum ein 
Punkt auftauchen, wo »landen« und »standen« Gemein- 
schaft schliefien mochten. Doch nicht an der Unter- 
schiedlichkeit der Vorstellungswelten, welche in der 
aufieren Ubereinstimmung umso starker hervortritt, soil 
die Minderwertigkeit eines Reimes dargetan sein. Viel- 
mehr sei fuhlbar gemacht, wie durch die Verkiirzung 
des zweiten Reimworts, gerade durch eine Prazision, 
die den reimfuhrenden Konsonanten mit dem Wort- 
beginn zusarnmenfallen lafit, das psychische Erlebnis, 
an dem der Reim Anteil hat, verkummert wird. Wider- 
standslos gelangt der Reim zum Ziel der aufieren 
Deckung, mer, wo jede Reimhalfte isoliert schon bereit- 
steht, sich der anderen anzuschmiegen. Wie lieblos 
jedoch vollzieht sich dieser Akt! Denn es ist ein eroti- 
sches Erfordernis, dafi eine der beiden Halften sich von 
ihrer sprachlichen Hiille erst lose oder gelost werde, 
um die Paarung zu ermoglichen, hier die zweite, die 
von der reimwilligen ersten angegangen und genommen 
wird. Dieser, der auf die eigene Wortenergie angewie- 
senen, obliegt es, das Hindernis zu iiberwinden, das ihr 
jene durch eine Verkniipfung mit ihrer sprachlichen 
Region entgegenstellt. Man konnte gleicherweise sagen, 
dafi die Liebe keine Kunst ist und die Kunst keine 



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Liebe, wo nichts als ein voriibergehendes Aneinander 
erzielt wird. Setzen wir den Reim »landen« und »sicb 
fanden«, so ware schon ein Widerstand eingesehaltet, 
dessen Uberwindung dem Vorgang eine Lebendigkeit 
zufuhrt, die das Reimwort »fanden« als solches in der 
Beriihrung mit »landen« entbehrte. Nun ermesse man 
erst den Zuschufi, der erfolgt, wenn die eine Reimhalfte 
niit einer Vorsilbe, gar mit zweien behaftet oder mit 
einem zweiten Wort verbunden ist. Welch einen Anlauf 
hat da die andere zu nehmen, um trotz der Hemmung 
solcher Vorsetzungen zum Reimkorper selbst zu ge- 
langen! Welche »Kraft« stofit, ungeachtet der Leiden, 
an »Leidenschaft« I Nur dort, wo die gedankliche 
Deckung der Spharen schon im Gleichmafi der Reim- 
worter vollzogen ist, wie bei »landen — - stranden« , mufi 
aus der Wortumwelt nicht jene Fordernis erwartet 
werden, die der Reim dem Hrndernis, dem Zwang zur 
Eroberung verdankt, wiewohl auch hier ein »landet — 
gestrandet« als der starkere Reim empfunden werden 
mag und es sonst erst aller rhythmischen Moglichkeit 
und umgebenden Wortkraft bedurfen wird, um der 
gefalligen Glatte entgegenzuwirken, die das Ineinander 
der Reimpartner gefahrdet. Wem es eine Enttauschung 
bereiten sollte, zu erfahren, dafi Angelegenheiten, von 
denen er bisher geglaubt hat, sie wiirden von einer 
»Inspiration« besorgt, dem nachwagenden Bewufitsein, 
ja der Willensbestimmung zuganglich sind, dem sei 
gesagt, dafi ein Gedicht im hochsten Grade etwas ist ; 
was »gemacht« werden mufS (es kommt von »poiein«); 
wenngleich es natiirlich nur von dem gemacht werden 
kann, der »es in sich hat«, es zu machen. Man mag sicb 
sogar dazu entschliefien, man braucht keiner andern 
Anregung ein Gedicht zu verdanken als dem Wunsch, 
es zu machen, und innerhalb der Arbeit kdnnen dann 
jedes AVort hundert Erwagungen begleiten, zu deren 
jeder weit mehr Nachdenken erforderlich ist als zu 
samtlichen Problemen der Handelspolitik. Sollte es 
wirklich vorkommen, dafi ein Lyriker barhaupt in die 



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Natur stiirzen mufi, um seinen Scheitel ihren Einwir- 
kungen auszusetzen und eigenhandig erst den Falter 
zu fangen, den er besingen will, so hatte er diesen um- 
gaukelt, er ware ein Schwindler, und ich wiirde mich 
aufierdem verpflichten, ihm auch den Trottel in jeder 
Zeile nachzuweisen, die durch solche Inspiration zu- 
standegekommen ist. 

Betrachten wir weiter den Fall, von dem als einem 
Beispiel und Motto diese Untersuchung ausgeht — wo- 
bei wir ganz und gar den Sinngehalt des einzelnen Reim- 
worts ausschalten wollen — , so wiirde also das Hochst- 
mafi der aufieren Deckung: landen — standen dem 
niedrigsten Grad der dichterischen Leistung vorstellen, 
den hoheren: landen — verstanden, den hochsten: lan- 
den — einver standen, weil eben hier mit einem durcb 
den Silbenwall gehemmten und mithin gesteigerterj 
Impetus das Ziel der Paarung erreicht wird; weil der 
Reim einen starkeren Anlauf nehmen mufite, um starker 
vorhanden zu sein. Er mufke sich sogar den Ton der 
Stamm- und eigentlichen Reimsilbe erobern, der auf die 
erste der beiden Vorsilben abgezogen war, und es bleibt 
eine geringe Diskrepanz zuriick, dem Ohr den 
Einklang reizvoll vermittelnd: nicht unahnlich dem 
asthetischen Minus, das dem erotischen Vollbild zugute 
kommt, ja von dem allein es sich erganzen konnte. Das 
Merkmal des guten Reimes ist nebst oder auch jenseits 
der formalen Tauglichkeit zur Paarung die Moglichkeit 
der Werbung. Sie ist in der wesentlichen Bedingung 
verankert: vom Geistigen her zum Akt zu taugen. Denn 
die Deckung der Spharen mufi mit der der Worte so 
im Reim vollzogen sein, dafi er auch losgelost von der 
Wortreihe, die er abschliefit, das Gedicht zu enthalten 
scheint oder die aura vitalis des Gedichtes spiiren lafit, 
Der Reim ist nur dann einer, wenn der Vers nach ihm 
verlangt, ihn herbeigerufen hat, so dafi er als das Echo 
dieses Rufes tont. Aber dieses Echo hat es auch in sich, 
den Ruf hervorzurufen. Die zwei Gedanken miissen so 
in ihm einverstanden sein. dafi sie aus ihm in den Vers 



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zuruckentwickelt werden konnten. Herz — Schmerz, 
Sonne — Wonne: dergleichen war urspriinglich ein 
grofies Gedicht, als die verkurzteste Form, die noch den 
Gefuhls- oder Anschauungsinhalt einschliefien kann.Wie 
viel sprachliches Schwergewicht miifite nunmehr vor- 
gesetzt sein, urn dem Gedanken die Befriedigung an 
solchem Ziel zu gewahren! Doch eben an der Banalitat 
des akustischen Ornaments, zu dem das urspriingliche 
Gedicht herabgekommen ist, gerade am abgeniitzten 
Wort kann sich die Kraft des Kiinstlers bewahren: es 
so hinzustellen, als ware es zum ersten Male gesagt, und 
so, dalS der Geniefier, der den Wert zum Klang er- 
niedrigt hat, diesen nicht wiedererkennt. Die Vor- 
stellung, daft der Reim in nichts als im Reim bestehe, 
ist die Grundlage aller Ansicht, die die lesende und 
insbesondere — trotz ihren tieferen Reimen — die 
deutschlesende Menschheit von der Lyrik hat. Er ist ihr 
in der Tat blolS das klingende Merkzeichen, das Signal, 
damit eine Anschauung oder Empfindung, eine Stim- 
mung oder Meinung, die sie ohne Schwierigkeit als die 
ihr schon vertraute und gelaufige agnosziert, wieder 
einmal durchs Ohr ins Gemut eingehe oder in die 
Gegend, die sie an dessen Stelle besitzt. Da Kunst ihr 
liberhaupt eine Ubung bedeutet, die nicht nur nichts 
mit einer Notwendigkeit zu schaffen hat, sondern eine 
solche geradezu ausschliefit — denn sie mochte dem 
Aufputz ihrer »freien« Stunden auch nur die Allotria 
seiner Herstelhmg glauben — , so vermag sie vor allem 
dort nicht iiber f ormale Anspriiche hinauszugelangen, wo 
horbar und augenscheinlich die Form dargebracht ist, 
um ihr das, was sie ohnehin schon weifi, zu vermitteln: 
am Reim. Wie der Philister den letzten Lohn der 
erotischen Natur entehrt und entwertet hat, so hat er 
auch die Erfullung des schopferischen Aktes im Reim 
zu einem Zeitvertreib gemacht. Wie aber der wahrhaft 
Liebende immer zum ersten Male liebt, so dichtet der 
wahrhaft Dichtende immer zum ersten Mai, und reimte 
er nichts als Liebe und Triebe. Und wie der Philister in 



347 



der Liebe asthetischer wertet als der Liebende, so aucb 
in der Dichtung asthetischer als der Kiinstler, den er 
mit seinem Mafie mifit und erledigt. Daraus ist die 
Forderung nach dem »reinen Reim« entstanden, die 
unerbittliche Vorstellung, dafi das Gedicht umso besser 
sei, je mehr's an den Zeilenenden klappt und klingt, 
und der Hofnarr des Pobels umso tuchtiger, je mehr 
Schellen seine Kappe hat, bei noch so armhchem Inhalt 
dessen, was darunter ist. 

In dieser Vorstellung hat das erotische Prinzip der 
Uberwindung des Widerstandes zum Ziel der Gedanken- 
paarung keinen Raum. Da gilt nur das aufSere Mafi und 
eben diesem, welches fern aller Wesenheit blofi nach 
dem Schall gerichtet ist, wird auch der Mifireim ge- 
niigen. Umgekehrt wird die Erfassung des Reims als 
des Gipfels der Gedankenlandschaft zwar auch dem 
verponten »unreinen Reim« solche Eignung zuerkennen, 
aber umso hellhoriger alles abweisen, was nur so klingt 
wie ein Reim, oder klingen mochte, als ware es einer, 
Und solche Sachlichkeit darf auch vor den Lakunen 
eines Dichtwerks, und ware es das grofite, nicht halt- 
machen. Wie wenige deutsche Ohren werden das Ge- 
rausch vernommen haben, womit der Mephistopheles 
seinen dramatisch so fragwiirdigen Abgang vollzieht 
und worin die Torheit, die seiner sich am Schlufi 
»bemachtigt« — mit einer Klaglichkeit des Ausdrucks, 
die fast der Situation gerecht wird — einer Erfahren- 
heit antwortet, die sich »beschaftigt« hat. Wenn das 
teuflische Mifilingen hier nur durch einen MiUreim ver- 
anschaulicht werden konnte, so ware solches immerhin 
gelungen. Doch liefie sich das Kapitel der Beilaufig- 
keiten, mit denen dichterische Werte besat sind und 
deren jede ein Kapitel der Sprachlehre rechtfertigen 
wiirde, in der deutschen Literatur gar nicht ausschopf en, 
Betrachtlich in diesem Zusammenhange dxinkt mir die 
Erscheinung eines Dichters wie Gottfried August Burger, 
der aufier starken Gedichten eine ungereimt philistrose 
Reimlehre geschrieben hat — welche als literar- 



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historisches Monstrum dem polemischen Unfug Grabbes 
gegen Shakespeare an die Seite gestellt werden kann — , 
nebst dieser Theorie aber auch wieder Reime, die es mit 
seinen abschreckendsten Beispielen aufzunehmen ver- 
mogen. Von irgendwelcher gedanklichen Erfassung des 
Problems weit entfernt und mit einer Beckmesserei 
wiitend, die ziemlich konsequent das Falsche fur richtig 
und das Richtige fur falsch befindet, begniigt er sich, 
die »echt hochdeutsche Aussprache« als das Kriterium 
des Reimwertes aufzustellen. Somit diirfe sich nicht nur, 
nein, miisse sich Tag auf sprach, Zweig auf weich, Pf lug 
auf Buch, zog auf hoch reimen. Welcher Toleranz 
jedoch sein Ohr fahig war, geht daraus hervor, dafi er 
den MiiSreim des gedehnten und des gescharften Vokals 
zwar tadelt, aber, wo es ihm darauf ankommt die Un- 
gleichheit der Schlufikonsonanten zu verteidigen, das 
Beispiel »Harz und bewahrt ? s« als tadellosen Reim gel- 
ten lafit (anstatt hier etwa »Harz und starrt ? s« heran- 
zuziehen). Nachdem er aber »drang und sank« in die 
Reihe der »angefochtenen Reime « gestellt hat, »deren 
Richtigkeit zu retten« sei, erklart er kaum eine halbe 
Seite spater, »am unrichtigsten und widerwartigsten« 
seien die Reime g auf k und umgekehrt, und nimmt da 
als Beispiel : »singt und winkt« . Wozu wohl gesagt wer- 
den mufi, dafi, wenn der grundsatzliche Abscheu vor 
solchen Reimen schon eine unvermutete Ausnahme der 
Sympathie zulafit, diese doch weit eher dem Prasens- 
Fall gebiihrt als dem andern, weil dort die Gleichheit 
der Schlufikonsonanten den Unterschied von g und k 
deckt, wahrend er bei »drang« und »sank« of fen und 
vernehmbar bleibt. Wird doch vom feineren Gehor 
selbst der zwischen lang (raumlich, sprich lank) und 
lang' (zeitlich, sprich lang) empfunden und eben darum, 
wo die Form »lange« nicht vorgezogen wird, durch den 
Apostroph bezeichnet: die Bank, auf die ich etwas 
schiebe, reimt sich also auf lang, solang 5 sie die Metapher 
bleibt, der die raiimliche Vorstellung zugrunde liegt ; sie 
liefie sich jedoch, in die Zeitvorstellung aufgelost, nicht 



349 



so gut auf lang 5 reimen (hochstens im Couplet, wo die 
Musik die Dissonanz aufhebt, oder zu rein karikaturisti- 
scher Wirkung wie bei Liliencron: »Viere lang, zum 
Empfang«). Auf lang reinit sich Bank, auf lang' bang, 
1st es also schon ein Mifigriff, den Reim »drang und 
sank« zu empfehlen, so ist es vollig unbegreiflich, dafi 
er als die Ausnahme von einer Unmoglichkeit gelten 
soil, die ein paar Zeilen weiter mit dem durchaus mog~ 
lichen »dringt und sinkt« belegt wird. Das Wirrsal wird 
noch dadurch bunter, dafi der Reimtheoretiker neben 
solches Beispiel als gleichgearteten Fehler das Monstrum 
»Menge und Schenke« setzt und neben dieses wieder 
den zweifellos stattbaften Reim »Berg und Werk«. 
Dafur ergeben ihm, in anderem Zusammenhang, »Molcb 
und Erfolg« eine tadellose Paarung zweier Vorstellungs- 
welten, deren Harmonie ihm offenbar so prastabiliert 
erscheint, dafi er den Schritt vom Molch zum Erfolch 
vielleicht auch dann guthiefie, wenn die Aussprache ihm 
ein besonderes Opfer auferlegte. (Wiewohl mit jenem 
ein Dolch oder ein Strolch, im Sinne des Strengen mit 
dem Zarten oder des Starken und des Milden, einen 
bessern Klang gabe.) Doch wahrend er eben fur das »g« 
auf dem echt hochdeutschen »ch« besteht und solchen 
phonetischen Problemen zugewendet ist, macht er sich 
iiber eine innere Disposition des Worts zum Reim, also 
iiber das worauf es ankommt, nicht die geringsten Ge- 
danken, und wenn ich mich bei einer Methode, der nur 
das entscheidend ist, worauf es nicht ankommt: das 
nebensachlich Selbstverstandliche oder das ungewichtig 
Unrichtige, uberhaupt aufhalte, so geschieht es, um an 
dem Exempel eines Dichters die allgemeine Unzu- 
standigkeit des Denkens iiber den Reim anschaulich zu 
machen. Wie dieser Burger, so denkt jeder Burger iiber 
die Dichtkunst, ohne doch gleich ihm ein Dichter zu 
sein. Er hat natiirlich ganz recht mit der Meinung, dafi 
der Reim des gedehnten und des gescharften Vokals 
keiner sei. Wenn aber »Harz« und »bewahrt's«, so un- 
fa equem sie es schon von der Natur ihrer Vorstellung 



350 



aus haben, zu einander finden konnen, dann mochte 
man doch fragen, warum »so unrein und widerwartig 
als moglich« Falle wie »schwer und Herr«, »kam und 
Lamm« sein sollen. Und vor allem, wieso denn eine 
Widerwartigkeit, die sich ergibt, »wenn man gescharfte 
Vokale vor verdoppelten Konsonanten und gedehnte vur 
einf achen auf einander klappt« , unter anderen Beispielen 
. durch solche darzustellen ware wie : »siech und Sticln , 
»Flache und brache«, »Sprache und Sache«. Wo ist da 
bei aller Unterschiedenheit im Vokal die zwischen einem 
verdoppelten und einem einf achen Konsonanten? Aber 
von diesem Wirrwarr abgesehen und von unserm guten 
Recht, hier die Reimmoguchkeit zu verteidigen, beweist 
insbesondere der Versuch, »Sprache und Sache« als 
einen Fall von Unreinheit und Widerwartigkeit hinzu- 
stellen, nichts anderes als die Weltenferne, in der 
sich solche Doktrin vom Wesentlichen einer Sphare halt, 
die sich hier schon im Material des gewahlten Beispiels 
beziehungsvoll erschliefit. Denn man diirfte wohl nicht 
leugnen konnen, dafi zwischen Sprache und Sache eine 
engere schopferische Verbindung obwaltet als zwischen 
»Harz und bewahrt 5 s« (Reimpartner, denen nachgeriihmt 
wird, dafi sie fur jedes deutsche Ohr »vollkommen 
gleichtonend« seien), ja als zwischen Molch und Erfolch, 
Und beinahe mochte ich vermuten, dafi es im Kosmos 
iiberhaupt keinen ursachlicheren Zusammenhang gibt 
als diesen und auch keinen anderen Fall, wo gerade die 
leichte vokalische Unstimmigkeit den vollen Ausdruck 
dessen bedeutet, was als Zwist und Erdenrest einer tief- 
innersten Beziehung, eines Gegeneinander und zugleich 
Ineinander vorhanden bleibt und einen Reim, der von 
Urbeginn da ist, noch im Widerstreit der Tone beglau- 
bigt. Die strengste Verponung des vokalischen Mifireims 
wird bei nur einigermafien gedanklicher Anschauung 
eben diesen Ausnahmsfall zulassen und ihn nicht mit 
dem Schnelligkeitsmesser in der Hand in die Reihe der 
Mifibildungen wie »schamen und dammen« , »treten und 
betten« verweisen. Aber Burger, der das Gesetz, dafi g 



351 



wie ch auszusprechen sei, als Grundlage der Reimkunst 
statuiert, ist im Vokalischen unerbittlich und will sogar 
naturhafte Verbindungen wie »Tranen und sehnen«, 
»sehnen und stohnen« , »Blick und Gliick« hochstens als 
»verzeihliche Reime« gelten lassen. Warum er jedoch 
in dieser Reihe auch an »Meer und Speer« Anstofi 
nimmt, ist wieder ratselhaft. »Ein Dichter von feineni 
Ohr«, sagt er, werde »zumal in denjenigen lyrischen 
Gedichten, worin es auf hochste Korrektheit angesehen 
ist, sich erst nach alien Seiten hin drehen und wenden, 
und nur dann nach solchen Reimen greifen, wenn gar 
kein Ausweg mehr vorhanden zu sein scheint«. Trotz 
allem Anteil, den ich dem Wollen und Erwagen an der 
Erschaffung des Verses einraume und wiewohl ich es 
fur die eigentliche Aufgabe des Dichters halte, sich nach 
alien Seiten des Wortes hin zu drehen und zu wenden, 
so mochte ich mir den Prozefi doch weniger mechanisch, 
weniger als den einer Ansehung auf hochste Korrektheit 
vorstellen, vielmehr glauben, dafi die Formgebunden- 
heit zwar kein Mifilingen verzeihlich und keine Rela- 
tivitat begreiflich macht, dafi aber der scheinbar und 
von aufien gesehn minderwertige Reim dem Gesetz der 
gleichen Notwendigkeit folgt wie alles andere und dafi 
sich eben Blick auf Gliick und Tranen auf sehnen selbst 
dann reimen miifiten, wenn sie es nicht diirften und 
nicht an und fur sich unbedenkliche Reime waren. Aber 
Beispiele fur mangelnden Wohlklang sind diesem Ono- 
matopoieten, Wortmaler, Dichter des »Wilden Jagers« 
und Vortoner Liliencrons plotzlich wieder Reime wie 
»achzen und krachzen« (wo doch der Mifiklang der 
Reimworter keinen Mifiklang des Reimes ergibt), und in 
derselben Kategorie »horcht und borgt« (wiewohl man 
ja »borcht« sagen mufi und es an anderer Stelle aus- 
driicklich verlangt wird), und dann ein Reim — einen 
bessern findst du nicht — wie »nichts und Gesichts«, 
»Die Gesetze wenigstens des feineren Wohlklangs« er- 
scheinen ihm beleidigt durcb mannliche Reime wie »lieb 
und schrieb«, wenn sie allzunahe beieinander vor- 



352 



kommen, und in ebensolchem Falle durch weibliche wie 
»heben und geben« ? »lieben und trieben«, »loben und 
toben« ; denn ein wichtiges Erfordernis des Wohlklanges 
sei »Mannigf altigkeit der Schlufikonsonanten« . Da kaim 
man nur die Inschrift auf dem Teller zitieren, den man 
in deutschen Hotelportierlogen haufig angebracht sieht; 
»Wie man's macht, ist's nicht recht«, ohne dafi einem 
gesagt wiirde, wie man's recht machen soil, insbesondere 
urn die Mannigfaltigkeit der Schlufikonsonanten bej 
weiblichen Reimen herbeizufuhren. Dagegen zeigt sicb 
der Unerbittliche befriedigt von Reimen auf »bar, sam, 
haft, heit, keit, ung« : an ihnen — namlich als mann- 
lichen Reimsilben, welche »voll betont sein miissen« 
— sei »in dieser Riicksicht nichts auszusetzen«, also 
wenn sich etwas auf »Erfahrenheit« reimt — aber nicht 
etwa Zerfahrenheit, was insbesondere in diesem Zu- 
sammenhang ein richtiger Reim ware, sondern zum Bei- 
spiel: »Tapferkeit«. (Was schon fast an die fran- 
zosische Allreimbarkeit hinanreicht, und in Burgers 
»Lenore« reimen sich sogar Verzweif e lung und Vor- 
sehung.) Weniger taugen ihm die Ableitungssilben 
»ig« und »ich« , noch weniger »en« (das ware allzu fran- 
zosisch) : so sind ihm »HuIdigen und Grazien fur 
mannliche Reime nicht tonend genug«. 
Eine Einsicht, die ihn f reilich nicht gehindert hat, gerade 
diese beiden Worter fur tauglich zu halten, sich in der 
»Nachtfeier der Venus« auf einander mannlich zu 
reimen: 

Sie wird thronen; wir Geweihte 
Werden tief ihr huldig e n. 
Amor thronet ihr zur Seite, 
Samt den holden Grazien. 

Wie man da uberhaupt zu einem »mannlichen Reim« 
kommen kann, ist unvorstellbar, aber Burger hat sogar 
nichts dagegen, dafi man »Tapferkeit und Heiter- 
keit« reime, und vielleicht hat er es irgendwo getan, 
Mit nicht geringem Selbstbewufitsein findet er nach all 
dem : »es tate not, dafi das meiste« , was er da vom Reim 



353 



gesagt habe, »Tag fiir Tag durch ein Sprachrohr nacb 
alien zweiunddreifiig Winden hin sowohl den deutschen 
Dichtern als auch den Dichter- und Reimerlingen zu- 
gerufen wurde. Wie? Auch den Dichtern? Jawohl!« 
Denn es argere weit mehr »wenn ein so guter Dichter, 
als z. B. Herr Blumauer, ein so nachlassiger Reimer ist« , 
als wenn es sich um einen ausgemachten Dichterling 
handle. Von der gleichen Empfindung fiir einen weit 
grofieren Dichter beseelt, hatte diesem ein kritischer 
Zeitgenosse eine Reimtheorie vorhalten rmissen, wenn- 
gleich nicht die von Gottfried August Burger, an die er 
sich leider doch zuweilen gehalten hat. Nur zu begreif- 
lich die Bescheidenheit, mit der er sie »Kurze Theorie 
der Reimkunst fiir Dilettanten« betitelt. Es diirfte der 
perverseste Fall in der Literaturgeschichte sein, dafi ein 
wirklicher Dichter wie ein Schulfuchs, dem die Trauben 
des Geistes zu sauer slnd, von diesen redet, vollig 
ahnungslos, in Aussprechschrullen verbohrt (vom »Ach- 
ton« und »Ichton« des ch, den das g habe) und auf alien 
falschen Fahrten pedantisch. Ernsthaft spricht er, wenn- 
gleich ablehnend. von einem »Vorschlag«, der gemacht 
worden sei, »wegen unserer Armut an Reimen blofi 
ahnlich klingende Reimworter gutzuheifien« , und im 
Allerformalsten bleibt er mit der Erkenntnis befangen, 
dafi »dem Dichter, der seine Kunst, seine Leser und sich 
selbst ehrt und liebt, wie er soil, auch das Kleinste keine 
Kleinigkeit ist« . Nur ein Schimmer einer naiven Ahnung 
vom Wesentlichen taucht auf, wenn er mahnt, abge- 
brauchte Reime wie Liebe, Triebe, Jugend, Tugend 
zwar zu meiden, »ohne jedoch hierin gar zu angstlich 
zu sein. Die Schonheit des Gedankens mufi man dariiber 
nicht aufopfern«. Es konne »sehr oft mit sehr alten und 
abgedroschenen Reimen ein sehr neuer und schoner Ge- 
danke bestehen, und wenn dies ist, so vergifit man des 
abgenutzten Reimes vollig«. Hier ist immerhin an das 
Geheimnis geriihrt, dessen Enthiillung ergeben wiirde, 
dafi es auf nichts von dem ankommt, was da durch ein 
Sprachrohr nach alien zweiunddreifiig Winden hin den 



354 



Dichtern hatte beigebracht werden sollen und was 
hof f entlich kein Radio nachholen wird : weil das Problem 
eben darin liegt, dafi zwar noch immer Liebe und Triebe 
ein Gedicht machen konnen, aber nicht die Grazien, 
denen wir huldigen. 

Einen Verdrufi wie iiber Herrn Blumauer kann 
man, wie gesagt, Burger nachempfinden, und selbst iiber 
noch bessere Dichter. Derartige Grazienreime sind ja 
die Schiller locke einer ganzen ^ersten Periode«, gerade- 
zu die Geistestracht des Stadiums, wo sich »zitterten« 
auf »Liebenden« reimt und »Segnungen« auf »Wieder- 
sehn«. Daneben ist es schon ein Ohrenschmaus, wenn 
sich »Bluten« zu »hienieden« findet und dergleichen 
mehr, was Burger auf das mifiachtete, von der »echt 
hochdeutschen Aussprache« abweichende Schwabisch 
hatte zuruckfuhren miissen, wenn er es sich nicht selbst 
geleistet hatte. Dort gehen »Werke« von geringer dich- 
terischer Hohe und »Berge« von Pathos eine Paarung 
ein. an der der Theoretiker Burger freilich sogar im 
Singular Anstofi nimmt. Aber noch in der »dritten 
Periode« ist Fridolin — in einem der peinlichsten Ge- 
dichte, deren Ruhm jemals im Philisterium seinen Reim 
fand — »ergeben der Gebieterin«. Und gleich daneben 
finden sich doch, wieder zwischen Plattheiten, die tierr- 
Hchen Verse von den dreimal dreiliig Stufen, auf denen 
der Pilgrim nach der steilen Hohe steigt (dessen Reim 
auf »erreicht hier gar nicht stort und Burgers Anspriiche 
befriedigt), und so etwas wie die Gestaltung des 
Drachenkampf es : »Nachbohrend bis ans Heft den Stahl« , 
Doch was reimt sich nicht alles im »Faust«, was sich 
nicht reimt! Nicht aufien und, schlirmrier, nicht innen, 
Um es darzutun, bediirfte es keineswegs einer so schwie- 
rigen Untersuchung wie der des »Faust-Zitats« ( : hohe 
Worte machen — Lachen 5 ), die ich einmal vorgenommen 
habe. Doch jene andere, durch die Zusammenziehung 
der Praposition fragwiirdige Stelle, von der damals die 
Rede war, wird gern unvollstandig zitiert, namlich; 
»Vom Rechte, das mit uns geboren«. Und zwar mit dem 



355 



Recht, das der jenige hat, der die Stelle nicht genau kennt 
und der wonl einen durchaus organischen Reim auf 
»verloren« angeben wiirde, wenn man ihn nach dem 
Wortlaut befragte. Der Vers lautet aber: ». . . das mit 
uns geboren ist«, und den Reim bildet nicht etwa ein 
vorauf gehendes »verloren ist« , sondern die Vorzeile geht 
mannlich aus: 

Weh dir, dafi du ein Enkel b i s t ! 
Vom Rechte, das mit uns geboren i s t, 
Von dem ist leider nie die Frage. 

Nun ware hier zwar eine Deckung der Spharen 
»geboren« und »Enkel« gegeben, aber sie tragen zura 
Reime nichts bei, welcher vielmehr im vollig aufier- 
lichen Einklang des Hilfszeitworts mit dem leeren Zeit- 
wort besteht. Wohl waren in einer Antithese von Wesen- 
heiten auch »bist« und »ist« reimkraftig, hier haben 
jedoch die Reimpartner uberhaupt keine andere Funk- 
tion als die, ihren Vers grammatisch abzuschliefien, 
»bist« enthalt noch etwas, aber im »ist« hat kein 
Gedanke Raum. Dichterisch entsteht ein weit grofierer 
Def ekt als durch den Mifiklang der Reimlosigkeit : wenn 
etwa » geboren ward« stiinde. Es ist einer jener un- 
zahligen, auch bei Klassikern nicht seltenen Falle, wo 
die Dberfliissigkeit des Reims durch die Erkenntnis 
haridgreiflich wird, dafi er keiner Notwendigkeit ent- 
springt, ja der triigerische Klang bereitet dem Gehor, 
das die Vorstellung der Wortgestalt vermittelt, ein 
argeres Mifibehagen als wenn die Stelle blofi aufierlich 
leer geblieben ware. Das Recht, das eine falsche Reim- 
theorie auch dem »guten Dichter« gegeniiber betont, 
darf eine, die auf das Wesen dringt, vor dem besten 
nicht preisgeben, und Goethe selbst, der im »Faust« wie 
das All auch die eigene sprachliche Welt von der 
untersten bis zur hochsten Region umfafit, hatte aus 
dieser in die Beilaufigkeiten nicht mehr zuriickgefunden, 
worin ein Nebeneinander von Sinn und Klang etwa das 
Zitat, aber nicht die Gestalt sichert. Von solchen Bei- 
spielen hatte Helena in jener bedeutenden Szene, wo 



356 



der Reim als ein Vor-Euphorion der Wortbuhlschaft 
entspringt, ihn nimmer gelernt. Wie erschliefit sich dort 
— »die Wechselrede lockt es, ruft's hervor« — sein 
innerstes Wesen! 

Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen, 
Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt, 
Ein andres kommt, dem ersten iiebzukosen. 

Und diese Liebe macht den Vers, und dann ist auf die 
Frage der Helena 

»So sage denn, wie sprech' ich auch so sch5n?« 

auch gleich der Reim da: 

»Das ist gar leicht, es muG vom Herzen gehn. 
Und wenn die Brust von Sehnsucht uberfliefit, 
Man sieht sich urn und fragt — « 

»Wer mitgenie6t.« 

Und sie lernt es, bis sich an seine Frage, wer dem 
»Pfand« der Gegenwart Bestatigung gibt, der unver- 
gleichliche Ton der Liebe schmiegt: »Meine Hand«, 
Aber ihr Ohr ist erfiillt von dem unerhorten Erbieten 
des Lynkeus, der mit den Worten davonsturmt: 

Vor dem Reichtum des Gesichts 
Alles leer und alles nichts 

also mit eben dem grofiartigen Reim, den Burger als ein 
Beispiel in der Reihe derer anfiihrt, die »nicht fiir wohl- 
klingend geachtet werden konnen«, weil sie »sich zu 
weit von dem reinen Metallton entfernen«, indem »der 
Vokal durch die Menge der iiber ihn her stiirzenden 
Konsonanten erstickt wird«. Solche Laryngologenkritik 
hat jenes Beispiel ja nicht erlebt, wo die Erstickung des 
Vokals durch die uber ihn her stiirzenden Konsonanten 
die Gewalt des Reims bedingt, die in dem ganzen 
Lynkeus-Gedicht horbar wird als der reine Metallton 
der Liebespfeile, von denen Faust sagt: 

Allwarts ahn' ich uberquer 
(iefiedert schwirrend sie in Burg und Raum. 

Konnte es denn eine absolute Asthetik des Reimes geben, 
abgezielt auf die Klangwurdigkeit dessen, was sich 



357 



zwischen Rachen, Gaumen und Lippe begibt und was 
doch, mochte es an und fur sich noch so »unrein« 
wirken, in die so ganz anders geartete Tonwelt des 
Kunstwerkes eingeht? Und ergibt sich nicht als das ein- 
zige Kriterium des Reims: dafi der Gedanke in ihm 
seine Kraft bewahrt bis zu dem Zauber, den an und fur 
sich leer en Klang in einen vollen, den unreinen in einen 
reinen zu verwandeln? So sehr, dafi der Reim als die 
Bliite des Verses noch abgepfliickt fur das Element 
zeuge, dem er entstammt ist. In dem Sinne namlich, 
dafi das Gedicht auf seiner hochsten Stuf e den Einklang 
der gedanklichen Spharen im Reim mindestens ahnen 
lassen wird. Ein Schulbeispiel fur das Gegenteil bei 
vollster lautlicher Erfiillung bildet ein Reim Georges in 
einem auch sonst verungliickten Gedicht (»Der Stern 
des Bundes«): 

Nachdem der kampf gekampft das feld gewonnen 
Der boden wieder schwoll fiir frische saat 
Mit kranzen heimwarts zogen mann und maat: 
Hat schon im schonsten gau das fest begonnen 

Von allem orthographischen und interpunktionellen 
Hindernis abgesehen: nur lesbar und syntaktisch zu- 
ganglich, wenn man sich die Imperfekta der Mittelverse 
— welche unmoglich von »nachdem« abhangen konn- 
ten — als eingeschaltete Aussage zwischen Gedanken- 
strichen denkt. Aber welch einen Mifireim bedeutet 
dieses »Maat« (Schiffsmaat, Gehilfe); welche Uber- 
raschung fur die Saat, die doch von Natur hochstens 
auf Mahd gef a6t ware. Wie wenig sind hier die zwei Ge- 
danken einverstanden und wie anschaulich fiigt sich das 
Beispiel in das Kapitel der Beilaufigkeiten, »mit denen 
dichterische Werte besat sind«. Und wie blinkt dieser 
Reim doch vor Reinheit! Ein asthetisches Gesetz ware 
dem Vorgang der Schopfung, der im poetischen Leben 
kein anderer ist als im erotischen — und wundersam 
offenbart sich diese Identitat eben in der Wortpaarung 
zwischen Faust und Helena — , eben nicht aufzuzwingen. 



358 



Etwas anderes ist es, von den Kraften auszusagen, die 
da am Werke sind; und ganz und gar ohne den An- 
spruch, sie dort, wo sie nicht vorhanden, verleihen zu 
konnen. Der Nutzen einer solchen Untersuchung kann 
fiiglich nur darin bestehen, dafi den Geniefiern des 
Dichtwerks der Weg zu einer besseren Erkenntnis und 
damit zu einem Genufi hoherer Art gewiesen wird. Und 
der Einblick in das, was im Gedankenraum der gebun- 
denen Sprache das Wort zu leisten vermag, wird sich 
gewifi einer Betrachtung des Reimes abgewinnen lassen 
als der Form, die in Wahrheit den Knoten des Bandes 
und nicht die aufgesetzte Masche bedeutet. 

Wenn wir Lyrik nicht dem Herkommen gemafi als 
die Dichtungsart auffassen, die die Empfindung des 
Dichters zum Ausdruck bringt — was doch jeder lit era - 
rischen Kategorie vorbehalten bleibt — , sondern als die 
unmittelbarste Dbertragung eines geistigen Inhalts, 
eines Gefuhlten oder Gedachten, Angeschauten oder 
Reflektierten, in das Leben der Sprache, als die Gabe, 
das Erlebnis in der andern Sphare so zu verdichten, als 
ware es ihr eingeboren, so wird sie alle Gestaltxing aus 
rein sprachlichen Mitteln vom Liebesgedicht bis zur 
Glosse umfassen. Einmalig und aus dem Vor-Vorhande- 
nen geschopft ist jede echte Zeile, die in diesem Bereich 
zustande kommt, aber nicht dem Rausch (welcher viel- 
leicht die Grundstimmung ist, die den Dichter von der 
Welt unterscheidet), sondern dem klarsten Bewufitsern 
verdankt sie die Einschopfung ins Vorhandene. Und 
zwar in dem Grade der Bindung, die ihr Rhythmus und 
VersmafS auferlegen, deren eigenste Notwendigkeit zu 
ergreifen doch vorweg nur dem geistigen Plan gelingt 
Andere Spriinge als den einen, den die Rhodus-Moglich- 
keit gewahrt, versagt die gebundene Marschrichtung 
des Verses. Je starker die Bindung, desto grofeer die 
sprachliche Leistung, die innerhalb der gegebenen Form 
— und die »neue« ist immer nur der Aus weg des Un- 
vermogens — den psychischen Inhalt bewaltigt. Der 
Verdacht einer rein technischen Meisterung auf Kosten 



359 



des sprachlichen Erlebnisses wachst mit der Kompli- 
ziertheit der Form, wahrend die Enge des Rahmens die 
wahre Bindung bedeuten wird, in der sich ein originaler 
Inhalt entfaltet. In dieser Hinsicht kann ein >>Gstanzl« 
kimstvoller als eine Kanzone sein. Wenn eine meiner 
zahlreichen Zusatzstrophen zur Offenbach'schen Tiro- 
lienne lautet: 

Ungleichheit beschlossen 
hat die Vorsehung wohl. 
Nicht alle Genossen 
hab'n a Schlofi in Tirol 

so ist in die Nufischale von 24 Silben mit dem Zwang 
zum Doppelreim die ihm entsprechende Gegensatzlich- 
keit einer ganzen Sphare eingegangen, und die grofie 
Schwierigkeit solcher Gestaltung liegt noch in dem Er- 
fordernis, dafi sie von der Leichtigkeit der Form ver- 
deckt sei. Eine Erleichterung, die von der Musik ohne- 
weiters verantwortet wiirde, ware jene hier wie sonst 
iibliche Beschrankung der Reimkorrespondenz auf den 
zweiten und den vierten Vers, welche mir aber dermafien 
widerstrebt, dafi ich auch die Grundstrophe mit dem 
typischen Text, der doch nur den Anlafi zu lustigem 
Geblodel und Gejodel bietet: 

Mein Vater is a Schneider 
A Schneider is er, 
Und wann er was schneidert, 
So is' mit der Scner' 

durch die so naheliegende Wendung verbessert habe: 

Und macht er die Kleider. 

Ohne die musikalische Unterstiitzung jedoch empfinde 
ich den Vierzeiler, der erst in der Schlufizeile die Ver- 
gewisserung der Harmonic bringt, formlich als die 
Beglaubigung jenes Dilettantismus, der von Heine ins 
Ohr der deutschen Menschheit gesetzt wurde, und seine 
satirische Leier als ein Gerausch, weit unertraglicher 
als der Gassenhauer, der im Hof gespielt wird 5 wahrend 



360 



man Musik macht. Mithin ganz als die, die hier ge- 
meint ist: 

Mifitonend schauerlich war die Musik. 
Die Musikanten starrten 
Vor Kalte. Wehmiitig grufiten mich 
Die Adler der Standarten. 

Es ware ja in den meisten dieser Falle — besonders in 
»Deutschland, ein Wintermarchen« — auch kein Gedicht, 
wenn es durchgereimt ware. Aber hin und wieder hinkt 
sogar der eine Reim, auf den diese ganze rhythmisch 
geforderte Witzigkeit gestellt ist, wie das von mir schon 
einmal hervorgehobene Beispiel dartut: 

Von Kollen bis Hagen kostet die Post 
Funf Thaler sechs Groschen preuBisch. 
Die Diligence war leider besetzt 
Und ich kam in die offene Beichais'. 

Selbst wenn man also aus irgendeinem unerfindlichen 
dialektischen Grund »preufiesch« sagen durfte, hatte 
die Beischas dermafien geholpert, dafi ihrem Passagier 
gar ein »preuschefi« nachklang. (Akustisch etwas plau- 
sibler wird der — nur in einer beriihmten Satire mog- 
liche — Reim : »Wohlf ahrtsausschufi — Moschus« , zwar 
nicht durch einen Mauschus, aber imnierhin durch einen 
Oschufi.) Wenn's ebener geht imd der Reim gliickt, ist 
er in seiner Vereinzelung doch nur die Schelle, mit der 
die Post nach Deutschland lautet und zu der sich dem 
Reisenden, wie heute zum Geratter der Eisenbahn, eine 
Melodie einsteRen mochte. Ich verbinde mit solchen 
Versen mehr noch als die akustische eine gymnastische 
Vorstellung, eine, die ich der Erfahrung verdanke, dalJ 
wenn man im Finstern eine Treppe hinuntergeht, die 
letzte Stufe immer erst die vorletzte ist. In der Heine - 
Strophe (deren Vorbild geschicktere Nachahmer ent- 
fesselt hat) glaubt man in der dritten Zeile auf fester? 
Reim zu treten, tritt damm ins Leere und kann sich sehr 
leicht den Versfufi verstauchen. Wenn's gut abgeht, ist 
man nach der vierten Zeile angenehm liberrascht. Da 
sich jedoch immer von neuem diese Empfindung ein- 



361 



st ellt, so stellt sich auch die einer lastigen Monotonie 
ein, welche von der Durchreimung eines satirischen 
Kapitels kernes wegs zu befurchten ware, weil der Reim 
dann eher als Ausdrucksmittel wirkte, als Selbstver- 
standlichkeit und nicht immer wieder als Draufgabe auf 
eine skandierte Prosa. So aber erweist er nicht nur seine 
Uberfhissigkeit, sondern auch seinen Mangel. Denn was 
sich da vor jedem sonstigen Eindruck dem Leser auf- 
drangt, ist das Gefiihl, daft der Verfasser sich's noch 
leichter gemacht habe, als er's ohnedies schon hatte. Ist 
das Reimen nur eine Handf ertigkeit, dann zeigt sich dies 
vollends an der geringeren Leistung. Und umsomehr 
dann, wenn von Gnaden des Zufalls plotzlich doch ein 
Reim hineingerat, der das System verwirrt und den 
Leser erst recht auf das aufmerksam macht, was der 
Verfasser sonst nicht getroffen hat. 

Konig ist der Hirtenknabe, 
Griiner Hiigel ist sein Thron; 
Uber seinem Haupt die Sonne 
Ist die grofte, goldne Kron'. 

Mit aller Diirftigkeit im vorhandenen und im nicht- 
vorhandenen Reim fast etwas Geschautes — das sich 
dann leider in die Schakerei fortsetzt von den Kava- 
lieren, die die Kalber sind und sich, da sie den dritten 
Vers fiillen, nicht auf die Schafe reimen, welche blofi 
Schmeichler sind. Dann vollends niedlich, aber doch 
durchgereimt : 

Hofschauspieler sind die Bocklein; 
Und die Vogel und die Kiih', 
Mit den Floten, mit den Glocklein, 
Sind die Kammermusici. 

Warum geht's denn jetzt? Gewifi, dieser Reim, der sich 
per Zufall gefunden hat, ist — im Gegensatz zu Kiih' 
und Musici — nicht einmal unorganisch; umso organi- 
scher der Mangel, ihn nur ausnahmsweise eintreten zu 
lassen, da doch gerade in diesem Gedicht die Kontrast- 
elemente des Landschaftlichen und des Hofischen^ so 
billig die Erfindung sein mag, durchaus den Wechsel- 

362 



reim erfordern wiirden und erlangen mxifiten. Abge- 
sehen von der Ungerechtigkeit einer Weltordnung, in 
der die Kiihe Kammermusiker, wahrend die Kalber 
Kavaliere sind, und weggehort von einem Konzert, das 
die Vogel, deren Floten doch nnr eine Metapher sind, 
mit den Kiihen auffiihren miissen, die wirkliche Glock- 
lein haben, freut man sich, diese zu horen, denn sie sind 
ein unerwarteter Einklang mit den Bocklein, welche, 
ausgerechnet, Hofschauspieler sein dxirfen. Im weiteren 
aber bleibt man wieder nur auf den Schlufireim ange- 
wiesen, den man umso lieber gleichfalls entbehren moch- 
te. Ja, durch eine Entfernung dieses Aufputzes liefie sich 
die sprachdiinne Strophe im Nu kraftigen. Man machc 
einmal den Versuch und setze statt des Endreims ein 
beliebiges Wort zur Erganzung des Verses, selbst ohne 
Riicksicht darauf, ob es dem Sinn gemafi ware, und die 
reimlose Strophe hat schon etwas von einem Gesicht und 
Gedicht. (Nur soil man es nicht gerade mit dem Kehr- 
reim in »Deutschland« versuchen: ,Sonne, du klagende 
FlammeP, der, wenngleich blofJ »der Schlufireim des 
alten Lieds« , hier doch dichterisch empfunden und ver- 
bunden ist.) Wenn ich solchen Eingriff ohne Riicksicht 
auf den Inhalt empfehle, so spreche ich freilich als einer, 
der es vermag und gewohnt ist, die Sprachkraft und 
Echtburtigkeit eines Verses jenseits der Erfassung des 
Sinns, den ich geflissentlich wegdenke, zu beurteilen, 
fast aus dem graphischen Bild heraus. Heines Reim 
schliefit einen Sinn ab, kein Gedicht. 

Man wird es vielleicht doch nicht als eitel auslegen, 
dafi ich unweit von Beichais' und Moschus mich selbst 
zitiere, aber es kann sehr wohl eine Reimlosigkeit geben, 
die eben als solche Gestalt hat, und die drei einleitenden 
Gedichte des VII. Bandes der »Worte inVersen« sind 
Beispiele fur die verschiedenartige, immer stark hervor- 
tretende Funktion einer ungereimten (letzten) Strophen- 
zeile. In dem Gedicht »Die Nachtigall« betont und 
sichert sie, an den Wechselreim anschheftend, den Vor-" 
rang der Vogel vor den Menschen : 



363 



Ihr Menschenkinder, seid ihr nicht Laub, 
verweht im Wald, 
ihr Gebilde aus Staub, 
und vergeht so bald! 
Und wir sind immer. 

Diese Gegenuberstellung ist durch zwei weitere Strophen 
(»Wir weben und wissen«, »Wir lieben Verliebte«) 
fortgefiihrt, bis, entscheidend, nur noch der Vorrang 
— schliefilich auch vor den Gottern — zum Ausdruck 
gelangt, immer aber dank der Besonderheit des letzten, 
hinzutretenden Verses, der die Besonderheit der Er- 
scheinung zusammenfafit. In »Imago« ist solche Ab- 
sonderung durch den Nichtreim vom ersten zum vierten 
Vers bewirkt: 

Bevor wir beide waren, 

da haben wir uns gekannt, 

es war in jenem Land, 

dann schwand ich mit dem Wind. 

Hier ist der Nichtreim die Gestalt dieses Schwindens; 
»und immer war ich fort«, »ich gab mich ubexall«, »die 
Welt hat meinen Blick«. Dann dient er dem Kontrast, 
die Bindung an eben diesen Verlust zu bezeichnen 
(welchem Wechsel auch die begleitende Melodie gerecht 
wird): 

In einen Hund verliebt, 
in jede Form vergafft, 
mit jeder Leidenschaft 
ist mir dem Herz verbunden. 

Von da an bleibt die Isolation eben diesem Verbunden - 
sein vorbehalten: »und nennest meinen Namen«c, »ir> 
deineru Dank dafiir«, um endlich sein Beharren bis zur 
Verkimdung der Schopf erkraf t zu steigern : 

Und reiner taucht mein Bild 
aus jeglicher Verschlingung, 
wie du aus der Durchdringung 
der Erde steigst empor. 

In »Nachtliche Stunde«, wieder absondernd, gehort die 
ungereimte letzte Zeile dreimal der Vogelstimme, die 



364 



das Erlebnis der Arbeit iiber die Stuf en der Nacht, des 
Winters und des Lebens begleitet: 

Nachtliche Stunde, die mir vergeht, 
da ich's ersinne, bedenke und wende, 
und diese Nacht geht schon zu Ende. 
Draufien ein Vogel sagt: es ist Tag. 

Seine Stimme ist die Eintonigkeit: widerstreberid dem 
Einklang. Der erlebten Monotonie ist die des Ausdrucks 
gemaii, die nur die bange Steigerung zulafit: »Draufien 
ein Vogel sagt: es ist Fruhling<<, »Draufien ein Vogel 
sagt: es ist Tod«. Man ermesse aber die ungewollte 
Monotonie, den Greuel einer Odigkeit, die entstiinde, 
wenn in diesem Gedicht die Schluftzeile in einem Reim 
auf »vergeht« abwechselte. Doch vor der Moglichkeit 
solcher Abwechslung sichert es der durchwaltende Wille, 
hier nur wiederholen und nicht einklingen zu lassen ; der 
einzige Reim, aus dem es besteht, dreimal gesetzt; 
»wende — Ende« gibt die ganze Triibnis des Gedankens, 
welcher die Dissonanz: Tag, Friihling, Tod entspricht 
Indem es dreimal dieselbe Strophe ist, an der sich nichts 
verandert als die einander entgegengestellten Zeitmafie 
von Nacht zu Tod, ist eine solche Einheit von Erlebnis 
und Sprache erreicht, eine solche Eintonigkeit aus dem 
Motiv heraus, dafi nicht nur der Gedanke Form gewor- 
den scheint, sondern die Form den Gedanken selbst 
bedeutet. 

Hat hier also die erlebte Eintonigkeit ihre Gestalt 
gefunden, so bewirkt die Reimlosigkeit innerhalb der 
epigrammatischen Strophe eine Monotonie, die der vor- 
gestellten Gegensatzlichkeit alle Kraft des Eindrucks 
nimmt. Der Vers ist eine Welt, die ihre Gesetze hat, und 
die Willkiir, die in ihr schaltet, hebt mit den Gesetzen 
die Welt auf. Mit der reimlosen dritten Zeile lafit sie sie 
in das Nichts vergehen. Der Dilettant ist des Zwanges 
ledig, dem sich der Kunstler unterwirft, um ihn zu 
bezwingen: das Ergebnis wird hier freier und miiheloser 
sein als dort. Ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, 
schlechte Verse zu machen. Wenn ich fur solche Vor- 



365 



stellung Heine anfiihre, den fur seine Folgen verant- 
wortlich gemacht zu haben, mir eben diese nicht ver- 
zeihen konnen, so beziehe ich mich auf sein Typisches, 
das die Ausnahme derjenigen (spaten) Gedichte selbst- 
verstandlich macht, in denen nicht die klingende Be- 
gleitung eines Sentiments oder Ressentiments ins Gehor, 
sondern ein wortdichter Ausdruck des Erlebnisses ins 
Gefiihl dringt. In der typischen und popularen Heine- 
strophe, welche ich gegen eine Welt des journalistischen 
Geschmacks fiir die Pandorabiichse des Kunstmifiver- 
standes und der Sprachverderbnis erklare, ist der Reim 
so wenig gewachsen wie der Nichtreim, jener uberfliissig 
und dieser nur notwendig aus Not. Er liefie sich ver- 
heimlichen durch die Zusammenlegung je zweier Verse 
zu einer Langzeile, in der die Casur den Nichtreim er- 
setzt : die geistige Gestalt wurde sich durch solchen Ein- 
griff, der an Organischem unmoglich ware, kaum ver- 
andern, aber die Leier, die diese Form so gelaufig 
macht, auch wenn's blofi einmal dazu klingelt, ginge 
verloren. Wie zwischen Trochaus und Jambus, Dakty- 
lus und Anapast nicht der Zufall entscheidet, §o 
bestimmt er auch nicht die Vers-Einteilung. Man ver- 
suche die hier empfohlene Operation an meinen Versen 
»Traum« , die ich mit dem Selbstbewufitsein, das kunst- 
kritische Untersuchungen sachlich fordert (so anstofiig 
es im sozialen Leben sein mag), nun der Heinestrophe 
entgegenstelle, weil sie das Beispiel sind fiir eine orga- 
nische Moglichkeit, die dritte Zeile reimlos zu gestalten. 
Denn eben dieser Mangel ist hier Gestalt: 

Stunden gibt es, wo 
mich der eigne Schritt 
ubereilt und nimmt 
meine Seele mit. 

Dieser kurze Schritt ubereilt den Laufer so, daB er den 
aufhaltenden Reim nicht brauchen konnte, er jagt jenen 
fiebrig in der Welt des Traums als eines vorlebendigen 
Lebens, durch alle Wirrsale und Seligkeiten von Kind- 
heit und Liebe. Es ist alles jah, unvermittelt, abgehackt, 



366 



durch die Vereinigung je zweier Kurzzeilen ware dieses 
Tempo aufgehoben und der Vers vernichtet; denn seine 
Wirksamkeit besteht darin, dafi hinter ihm keine Casur 
steht, sondern ein Abgrund, iiber den er himiberjagt, 
Dagegen ware wieder das Gedicht »Jugend« mit einem 
reimlosen dritten Vers ein unvorstellbares Gerassel; eine 
der Schwingen ware gebrochen, auf denen der Flug in 
das Erlebnis der Kindheit geht. Diese Funktion des 
Reims oder Nichtreims darf natiirlich nicht so verstan- 
den werden, daft sie an jeder Strophe nachweisbar sein 
fflufi. Eine Unterbrechung der Linie, ausdrucksmafiig 
schon gesichert, lafit nicht etwa einen plotzlichen 
Wechsel des Ausdrucks zu. Gerade die Hast, die im 
»Traum« tatig ist, gibt einem Innehalten die vollere 
Anschauung : 

Staunend stand ich da 
und ein Bergbach rinnt 
und das ganze Tal 
war mir wohlgesinnt. 

In der langen Dehnung dieses Tals (mit alien umgeben- 
den »a«) ist fast der Reim auf »da« bewirkt, der in 
anderer sprachlicher Landschaft wirklich eintreten 
miifite. Dann geht es wieder rapid: 

Und der Wind befiehlt, 
damit leichtbeschwingt 
alles in der Luft 
heute mir gelingt. 

»Immer heifier wird's« nun auf dieser Bahn, bis sie in 
den Ruhepunkt miindet: 

War' mein Tag vorbeil 
Wieder umgewandt 
kehrt' ich aus der Zeit 
in das lichte Land. 

Noch in die Ruhe tont es von dem eiligen Schritt. 

Und hier ist auch ein Beispiel fur die Kraft des 
Reimes, zu dem zwei Partner von ungleicher Quantitat 
gepaart sind: umgewandt — Land. (»Quantitat« nicht 



367 



als Lautmafi: der Silbenlange oder -kiirze, sondern als 
Mafi der Grofie des Reimwortes.) Nur dafi es hier der 
erste Partner ist, der sich voii der Fessel der Vorsilben 
losen mufi, um die Paarung zu ermoglichen. Aber 
konnen wir ims ihn als den aktiven Teil vorstellen und 
dafi der andere sich dem schon geschwachten Partner 
ergebe? Aus dem Phanomen der Einheit, das der Reim 
bedeutet, wird die erotische Tendenz auch in umge- 
kehrter Richtung vorstellbar; man erkennt, dafi die 
Eroberung immer von dem Teil ausgeht, der begrifflich 
starker erfullt ist. In dem Beispiel also, mit dem die 
Untersuehung einsetzt, vom ersten Gedanken: »landen«, 
hier aber (wo es in der Tat »umgewandt« ist) vom 
zweiten: »Land«. Hier ist es die Vorzeile, die die 
starker e Belastung, die Nachzeile, die das grofiere Ge- 
wicht hat. Selbstherrlich wirkend, hat sie so viel Atein 
und Widerstand zwischen den Wort en , dafi sich das 
letzte nicht so leicht ergeben wurde: darnm kommt, 
anders als im ersten Beispiel, ihr die Eroberung zu. Wie 
immer sich nun die Krafte messen, um sich in den Reim 
zu ergeben, so wird ersichtlich, dafi entweder der 
aufieren Quantitat eine innere gegenubersteht oder dafi 
der Unterschied auch blofi innerhalb dieser zur Geltung 
kommen kann. Den Widerstand, dessen Uberwindung 
die Reimkraft nahrt, wird sie nicht blofi dem Unter- 
schied der sichtbaren, sondern auch dem der wagbaren 
Quantitaten verdanken. Er kann auch dem isolierten 
Reimkorper arihaften, vermoge der gedanklichen 
Stellung, die das Wort im Vers behauptet, und gemafi 
dem schopferischen Element der Sprache, das nicht 
allein im Wort, sondern auch zwischen den Worten 
lebendig ist und die »sprachliche Hiille« noch aus dem 
Ungesprochenen webt. Echte Wortkraft wird, jenseits 
der aufieren Quantitat, die gliickliche Reimpaarung 
auch dort erreichen, wo sonst nur Gleichartigkeit ins 
Gehor drange. Am vollkommensten aber mufi die 
Wirkung sein, wo innere und aufiere Fiille ins Treffen 
geraten, mag man nun hier oder dort den Angriff 



368 



erkennen. Die metrische Terminologie unterscheidet in 
einem aulSerlichen Sinn und fern von jeder Ahnung 
einer Erotik der Sprachwelt zwischen mannlichen und 
weiblichen Reimen. Angewendet auf die eigentlichen 
Gesehlechtscharaktere, die die Gedankenpaarung 
ergeben, wiirde diese Einteilung jeweils die Norm eines 
gleichgeschlechtlichen Verkehrs bezeichnen. Naturlicher 
ware die ganz andere Bedeutung, dafi ein mannlicher 
und ein weiblicher Vers das Reimpaar bilden, jener, 
dem die innere, und dieser, dem die auUere Fulle eignet, 
Ein anschauliches Beispiel fur solches Treffen — von 
der riickwirkenden Art wie bei »umgewandt, Land« — 
bietet einc jener guten, manchmal leider nur beilaufig 
fortgesetzten Strophen Berthold Viertels (der mit 
Schaukal, spater mit Trakl und Janowitz zu den 
heimischen Lyrikern gehort, die durch Zeilen wertvoller 
sind, als die beliebteren durch Biicher). Es war eine 
schopferische Handlung, dem Gedicht »Einsam« drei 
Strophen zu nehmen und nur diese erste, die das Gedicht 
selbst ist, in der Sammlung »Die Bahn« stehen zu 
lassen : 

Wenn der Tag zu Ende gebrannt ist, 
1st es schwer nachhause zu gehn, 
Wo viermal die starre Wand ist 
Und die leeren Stiihle stehn. 

Wie starr steht hier, innerhalb der ganzen aus dem 
geringsten Inventar bezogenen Vision, viermal endlos, 
diese Wand: dem zu Ende gebrannten Tag entgegen! 
Schliefilich fugen sich die Welten in den Reim wie der 
Heimkehrende in den Raum, wo das Grauen wartet. Wie 
ist hier alles Schwere des Wegs bewaltigt und alles 
Leere am Ziel erfullt. Die Falle in der neueren Lyrik 
sind selten, wo sich die Wirkung so an den eigentlichsten 
Mitteln der Sprache nachweisen lafit. Hatte Nietzsche 
die Anfangsstrophe seines Krahengedichts von den fol- 
genden befreit und gar von dem Einfall, den Wert durch 
Wiederholung zu entwerten, es ware ein grofies Gedicht 
stehen geblieben. 



369 



Das von einer Nahrung der Reimkraft durch den 
Widerstand, durch die Moglichkeit von Werbung und 
Eroberung Gesagte wird wohl vorziiglich fur die un- 
mittelbare Paarung zu gelten haben, welche durch das 
aufiere GleichmaiJ der Reimkorper leicht zu einer 
glatten und schalen Lustbarkeit wird. Im Wechselreim 
ist dank dem Dazwischentreten des fremden Verses, der 
wieder auf seinen Partner wartet, diese Gefahr ver- 
ringert. Gleichwohl wird auch hier und immer die 
Deckung der verschiedenen Quantitaten (oder Inten- 
sitaten) das starkere Erlebnis bewirken, und auch da 
wird etwa die vokalische Abwegigkeit, die der Umlaut 
bietet, zur Lustvermehrung des Gedankens dienen, 
welcher nun einmal »es in sich« hat, trotz alien Normen 
der Sitte und Asthetik seine Natur zu behaupten; denn 
wie nur ein Erotiker formt er sich das Bild der Liebe 
nach der Vorstellung und weil er die Vorstellung selbst 
ist, so hat er noch naher zu ihr. Der »unreine Reim« 
— die Hande ihm zu reichen, schauert's den Reinen — 
wird fur die Achtung durch den Gewinn entschadigt 
sein xmd dem »BUck«, der ihn strafend trifft, stolz sein 
»GIiick« entgegenhalten. Der Reimphihster (imerbitt- 
licher als der Reim-Biirger, der in gliicklichen Stunden 
seiner eigenen Strenge vergafi) stellt Forderungen, die 
in der Welt der Dichtung nicht einmal gehort werden 
konnen, obgleich sie nichts als Akustisches enthalten r 
»Menge — enge« darf gelten, doch »Menge — 
Gedrange« , an und fur sich schon ein Gedicht, weniger, 
»Sehnen und wahnen« weniger als »sehnenunddehnen«, 
»Ehre xmd Leere« eher als »Ehre und Chimare«. Der 
Reimbund »zwei und treu« wird erst in der Leierei 
anerkannt, die eine so voile begriffliche Deckung 
entstellt: 

Er schlachte der Opfer zweie 
Und glaube an Liebe und Treue! 

Von der Funktion der Widerstandssilbe weifi man 
vollends nichts: davon, dafi sich der Reim in dem Mafie 



370 



der Verschiedenheit dessen verstarkt, was dem Reim 
angegliedert ist. Diesseits aller schopferischen Uner- 
schopflichkeit, diesseits dessen, was nicht ermefibar ist, 
liefie sich, soweit Geistiges sich der Quantitat selbst 
entnehmen lafit, vielleicht ein Schema aufstellen. Da 
ware der Reim am starksten, wenn das isolierte Reim- 
wort der einen Zeile dem komplizierten der andern ent- 
spricht: Halt und Gewalt. (Oder das komplizierte dem 
komplizierteren: Gewalt und Vorbehalt.) Schwacher im 
Gleichmafi der isolierten Reimworter: Halt und alt, 
Noch schwacher im Gleichmafi der komplizierten: Ge- 
halt und Gestalt (oder: Vollgehalt und Mifigestalt). Am 
schwachsten, wenn sich bereits die Vorsilben reimen; 
behalt und Gestalt. Denn je selbstandiger sich beider- 
seits der Klang der Vorsilbe macht, umsomehr Kraft 
entzieht er dem Reim. Im starksten Fall dient die Vor- 
silbe dem Reimwort, dem sie alle Kraft aufspart, da sie 
sich selbst an kein Gegemiber zu vergeben hat. Fehlt sie, 
so ist der Reim auf sich allein angewiesen. Ist sie da wie 
dort vorhanden, so wird ihm umsomehr entzogen, je 
reimhafter sie selbst zu ihrem Gegemiber stent. Ein 
Wortspiel, das in der Prosa noch ein Witz ist, erfahrt 
im Vers eine klangliche Abstumpfung, die den Witz 
aufhebt. Erzahlte etwa jemand, die menschhch saubere 
Personlichkeit des osterreichischen Bundesprasidenten 
sei irgendwo beim Handedruck mit einem Finanzpiraten 
beobachtet worden, und wiirde daraus ein Epigramm, so 
konnte der starke Kontrast der Spharen den Reim er- 
geben: »Hainisch — schweinisch« , also einen Einfall, der 
in der Prosa gewifi keine sonderliche Kraft hatte. Da- 
gegen wiirde eine Gegenuberstellung: »Hainisch — Hai- 
fisch« einen Witz als diirftigen Reim zuriicklassen. 
Gegen das Spiel der betonten Vorsilben kann sich der 
JReim nicht halten. Die Verodung tritt aber auch im 
sogenannten mannlichen Reim ein, der als solcher die 
Tonkraft bewahrt. »Unternimmt — uberstimmt« , 
»ubernimmt — iiberstimmt« : je analoger der Vorspann, 
auch wenn er den Ton nicht vollig abzuziehen vermag, 



371 



umsomehr entwertet er den Reim. Wird die Ahnlichkeit 
der Vorsilbe gar zum Vorreim, so tritt eine solche 
Schwachung des Reims ein, daiJ sie zur Lahmung fiihren 
kann, indem die Reime einander aufheben. Das wird 
anschaulicher werden an der Entwicklung bis zu dem 
peinlichen Reim der zusammengesetzten Worter, der 
in der Witzpoesie eine so grofie Rolle spielt. Am 
starksten: Gestalt — Hochgewalt; schwacher: Dicht- 
gestalt — Hochgewalt ; noch schwacher : Dichtgestalt - — 
Dichtgewalt; am schwachsten: Dichtgestalt — Richt- 
gewalt. Oder: Gast — Sorgenlast; schwacher: Gast — 
Last; noch schwacher: Erdengast — Sorgenlast; am 
schwachsten: Morgengast — Sorgenlast. Der Zwillings- 
reim ist von altersher, dem Ohr und Humor wider - 
strebend, Element der gereimten Satire; wohl auch seit 
Heine, bei dem es von Monstren wie »Dunstkreis — 
Kunstgreis« : »Walhall-Wisch — Walfisch« wimmelt. 
Leider hat Wedekind, dessen Sprache der leibhaftigste 
Feuerbrand ist, in den Papier aufgehen konnte, diesen 
Reimtypus, welchen ich den siamesischen nennen 
mochte, wenngleich doch nicht ohne plastischere Wir- 
kung, ubernommen : 

Heute mit den Furstenkindern, 
Morgen mit den Burstenbindern. 

Und gar: »Viehmagd — nie plagt« (unmoglich, dem 
»plagt« den ihm zukommenden Ton zu retten), »nieder- 
prallt — wiederhallt« (der mannliche Reim macht es 
moglich), »weine und — Schweinehund«, »Tugend- 
reiche — Jugendstreiche« . Besser ware der einheitliche 
Viersilbenreim: Tugendreiche — Jugendreiche ; nimmt 
man ihn als Doppelreim, so wirkt die Gefolgschaft, die 
jeder der zweiten Reimkorper erhalt, fordernd wie sonst 
der Vortrab, der zu einem der beiden stofit : Reiche — 
Jugendstreiche. Schwacher ware: Reiche — Streiche, 
noch schwacher: Tugendreiche — Madchenstreiche, und 
am schwachsten ist eben die Form des Originals 



372 



»Tugendreiche — Jugendstreiche« , wo der Doppelreim 
doppelt paralysierend wirkt. Die Teile heben einander 
aus den Angeln, ehe jeder zu seinem Gegenuber gelangt, 
und es ist in der Konkurrenz der Tonkrafte kaum mog- 
lich, auch nur einem der Paare zu seinem Recht zu ver- 
helfen. Dieser Doppelmifireim ist nicht etwa die Zu- 
sammensetzung des Reims mit einem Binnenreim, der 
eine starkende Funktion hat. Er gleicht vielmehr einer 
Vorstufe zu jenem »Schuttelreim«, der sein Spiel vollig 
aufierhalb der dichterischen Zone treibt, aber als die 
sprachtechnische Moglichkeit, die er vorstellt, durch die 
deutlicheWechselbeziehung der Konsonanten den Reim- 
klangen doch ein gewisses Gleichmafi der Wirkung, 
sichert. Ein (nur von Musik noch tragbarer) Mifireim 
ist ferner der zweier Fremdworter : kurieren — hofieren, 
weil sich auch in solchem Fall, der die leerste Harmonie 
darbietet, eine begriffliche Parallelleistung vollzieht, 
bevor der Reim eintritt, der dann nur in der Gleich- 
artigkeit der Fremdwort-Endung beruht: der reim- 
fiihrende Konsonant hat nicht dieselbe Geltung wie im 
deutschen Wort. (Auch hier in abschreckendster, kneip- 
humoriger Auspragung bei Heine, zumal im Namen- 
gereime wie »Horatius« auf »Lumpacius« — in einer 
Strophe, die sich uber den Reim bei Freiligrath lustig 
macht — und »Mafimanus«, namlich der latein- 
sprechende Mafimann, auf »Grobianus«. Anders und 
karikaturhafte Gestalt geworden, in der Nachbildung 
des Geschniegelten und Gebiigelten, der Sphare, die das 
Fremdwort als Schmuck tragt, bei Liliencron: »Vorne 
Jean, elegant« . ) Umso starker der Reim, wenn ein 
Fremdwort mit einem deutschen gepaart wird: fuhreri 
— kurieren; in welchem Beispiel freilich noch das Mifi- 
verhaltnis der Quantitaten fordernd hinzukommt wie 
bei regen — bewegen, eilen — verweilen. Ein Notaus- 
gang ist der sogenannte »reiche Reim«, von welchem 
Burger im allgemeinen mit Recht meint, daiS er eher 
der armselige heifien sollte, freilich nicht bhne selbst 
von ihm reichen Gebrauch zu machen: ; 



373 



Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnadig an! 
Kind, bet 5 ein Vaterunser! 
Was Gott tut, das ist wohlgetan. 
Gott, Gott erbannt sich unserl 

Oder schlimmer, weil benachbart : 

Graut Liebchen auch vor Toten? 
»Ach nein! — doch laft die Toten 1« 

Und wieder: 

Graut Liebchen auch vor Toten? 
»AchI Lafi sie ruhn, die Toten !« 

»Wenn es die Umstande erfordern«, sagt Burger, wohl 
im Bewufitsein solcher Liicken, »dafi einerlei Begriff in 
zwei Versen an das Ende zu stehen komme, so ist nichts 
billiger, als dafi er auch mit ebendemselben Worte be- 
zeichnet werde«. Solches diirfen aber die Umstande nie 
erfordern, weil sie sonst auch alles andere erfordern 
konnten, wie dafi etwa plotzlich anderes Versmafi oder 
Prosa eintrete. Was die Umstande erfordern, hat freilich 
zu geschehen und zu entstehen, aber innerhalb der 
kiinstlerischen Gesetzlichkeit, die die Umstande erfor- 
dert. Wenn einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende 
zu stehen kommt, so ist dies eben die Schuld der zwei 
Verse, und dann gewifi »nichts billiger«, als ihn mit 
demselben Wort zu bezeichnen. Was aber an das Ende 
zu stehen kommen mufi, ist nicht einerlei Begriff, son- 
dern die Kongruenz der zweierlei Begriffe. Der »reiche 
Reim«, der keineswegs durch ein Versagen der Gestal- 
tungskraft gerechtfertigt wird, den aber sie selbst er- 
fordern konnte, vermag recht wohl auch die Kongruenz 
zum Ausdruck zu bringen. Der Ruf an Euphorion : 

Bandige! bfindige, 
Eltern zu Liebe, 
Uberlebendige 
Hefti^e Triebe! 

offenbart nicht nur dieVerjungung des altesten, sondern 
auch den Reichtum desjenigen Reims, der nur ein 



374 



reicher ist. Dank Umlaut und Silbenvorspann, dank der 
unvergleichlichen Uberemstimmung der Spharen, in 
denen Gewalt und Kraft leben, wird hier die Gleichheit 
des reimfuhrenden Konsonanten, wird die Reinalosigkeit 
gar nicht gespiirt. Es ist durch dichterische Macht ein 
Ausnahmswert der Gattung: im Lebendigen erscheint 
das, was zu bandigen, formlich enthalten und entdeckt. 
Der »reiche Reim« wird also gerade nur dort gut sein, 
wo nicht einerlei Begriff dasselbe Wort verlangt, son- 
dern zweierlei sich zu ahnlichen Wortern finden, deren 
gleicher Konsonant dem vokalischen Einklang nicht die 
Reimkraft nirnmt. Vielleicht ist Burgers Entschuldigung 
eine Verwechslung mit dem sehr erlaubten Fall, wo 
allerdings einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende 
zu stehen kommt, aber aus dem Grunde, weil einerlei 
Begriff beide ganz und gar erfullt — mit dem Fall, wo 
die gewollte Gleichheit des Gedankeninhalts die Verse 
selbst gleichlautend oder doch gleichartig macht. Das 
diirfen sie sein und reimen dann starker als mit einem 
Reim. Ein solcher Fall kommt gleichfalls in der 
»Lenore« vor: 

Wie flogen rechts, wie flogen links 
Gebirge, Baum* und Hecken! 
Wie flogen links und rechts und links 
Die Dorfer, Stadt' und FleckenI 

Das ist — da es so und nicht anders weitergeht — 
namentlich durch die Variation »und rechts« ungemein 
stark, starker als es etwa ein Reim mit »ging's« und 
starker als es ein Nichtreim (etwa: »rechts und links 
und rechts«) ware. Ein Vers konnte aber zu starkster 
Wirkung auch vollig gleichlautend wiederholt sein, wie 
etwa bei Liliencron das alle Lebensstadien begleitende 
Gleichnis : 

Es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder. 

Hier ware kein Reim denkbar aufier dem der Identitat, 
dem innern Reim auf »immer wieder«, dem Kehrreim 
einer ewigen Wiederkehr. 



375 



Doch mehr noch als Identitat, mehr selbst als der 
Ubereinklang des echten Reimes kann der eingemischte 
Nichtreim dem dichterischen Wert zustatten komtnen. 
Von alien Schonheiten, die zu dem Wunder vom 
»Tibetteppich« verwoben sind (welches allein Else 
Lasker-Schiiler als den bedeutendsten Lyriker der deut- 
schen Gegenwart hervortreten liefie), ist die schonste 
der Schluft: 

Sufter Lamasohn auf Moschuspflanzenthron 

Wie lange kufit dein Mund den meinen wohl 

Und Wang die Wange buntgekniipfte Zeiten schan. 

Der vorletzte Vers, dazwischentretend, hat nirgendwo 
in dem Gedicht, das sonst aus zweizeilig gereimten 
Strophen besteht, seine Entsprechung. Wie durch und 
durch voll Reim ist aber dieses »wohl«, angeschmiegt 
an das »schon«, siifies Kiissen von Mund zu bunt, von 
lange zu Wange vermittelnd* Auf solche und andere 
Werte ist einst in einer verdienstvollen Analyse — von 
Richard Weifi in der Fackel Nr. 321/322 — hingewiesen 
worden, mit einer fur jene Zeit (da zu neuem Aufschlufi 
der Sprachprobleme wenig aufier der Schrift »Heine 
und die Folgen« vorlag) gewifi ansehnlichen Erfassung 
der Einheit in Klang- und Bedeutungsmotiven, wenn- 
gleich vielleicht mit einer ubertreibenden Ausfuhrung 
der Lautbeziehungen, die im Erspiiren einer Gesetz- 
mafiigkeit wohl auch der Willkur des Betrachters Raum 
gab. Achtungswert aber als der Versuch, in jedem Teile 
den lebenden Organismus darzustellen und zu zeigen, 
wie »in jeder zufalligst herausgegriffenen Verbin- 
dung der mathematische Beweis hochster notwendiger 
Schonheit nur an der UnzulangKchkeit der Mathematik 
scheitern konnte« . Vielleicht auch an der UnzulangKch- 
keit des Kunstwerks, wenn der Autor diesen Versuch 
mit einem Gedicht von Rilke unternommen hatte, mit 
welchem er Else Lasker-Schiiler verglich. Wahrend bei 
ihr — in den mannlichsten Augenblicken des Gelingens 
— zwischen Wesen und Sprache nichts unerfullt und 



376 



nichts einem irdischen Mafi zuganglich bleibt, so diirfte 
die zeitliche Unnahbarkeit und Unantastbarkeit von 
Erscheinungen wie Rilke und dem grofieren George — 
mit Niveaukunstlern und Zeitgangern wie Hofmannsthal 
und gar Werfel nicht zu verwechseln — doch keinem 
kosmischen Mafi erreichbar sein. Else Lasker-Schuler, 
deren ganzes Dichten eigentlich in dem Reim bestand, 
den ein Herz aus Schmerz gesogen hatte, ist aber audi 
der wahre Expressionist aller in der Natur vorhandenen 
Formen, welche durch andere zu ersetzen jene falschen 
Expressionisten am Werk sind, die zum Mifilingen des 
Ausdrucks leider die Korrumpierung des Sprachmittels 
fur unerlafilich halten. Trotz einer Stofflichkeit miter 
Sonne, Mond und Sternen (und mancher Beilaufigkeit, 
die solches Ausschwarmen begleitet), ist ihr S chaff en 
wahrhaft neue lyrische Schopfung; als solche, trotz dem 
Sinnenfalligsten, vollig unwegsam dem Zeitverstand. 
Und wie sollte, wo ihm zwischen dem Kosmos und der 
Sprache keine Lucke als Unterschlupf bleibt, er anders 
als grinsend bestehen konnen? Selbst ein Publikum, das 
meine kunstrichterliche Weisung achtet und lyrischer 
Darbietung etwas abgewinnen kann, sitzt noch heute 
ratios vor dieser Herrlichkeit wie eben vor dem Ratsel, 
das die Kunst aus der Losung macht. 

Wie konnten aber solche Werte, wie konnte das 
Befassen mit ihnen den Leuten eingehen, die zu der 
Sprache keine andere Beziehung haben, als dafi sie ver- 
unreinigt wird, weil sie in ihrem Mund ist! Sie in 
solchem Zustand als das hochste Gut aus einem zerstor- 
ten Leben zu retten — - trotz alien greifbareren Notwen- 
digkeiten, die es nicht mehr gabe, hatte der Mensch zirr 
Sprache, zum Sein zuriickgefunden — , ist die schwie- 
rigste Pflicht: erleichtert durch die Hoffnung, dafS der 
Kreis derer immer grofier wird, die sich durch solche 
Betrachtungen angeregt, ja erregt und belebt fuhlen. Es 
ist Segen und Fluch in einem, dafi solchen Denkens, 
wenn es einmal begonnen, kein Ende ist, indem jedes 
Wort, das iiber die Sprache gesprochen wird, deren 



377 



Unendlichkeit aufschliefit. handle es nun von einem 
Komma oder von einem Reim. Und mehr als aus jedem 
anderen ihrer Gebiete ware aus eben diesem zu schdpf en, 
wo die Fahigkeit der Sprache, gestaltbildend und 
-wandelnd, am Gedanken wirkt wie die Phantasie an 
der Erscheinung, bis, immer wieder zum ersten Mai, 
im Wort die Welt erschaff en ist. In solcher Region der 
Naturgewalten, denen wirkend oder betrachtend stand- 
zuhalten die hochste geistige Wachsamkeit erfordert, 
mufi jeder Anspruch vor dem asthetischen gelten ; denn 
die formalen Erfordernisse, auf die es dieser absieht, 
betreffenbeiweitem nicht denKlang,der dem Gedanken 
von Natur eignet und den ihm ein die Sphare erfullendes 
und noch in der Entriickung beherrschendes Gefiihl zu- 
weisen wird. Der Reim als die Ubereinstimmung von 
Zwang und Klang ist ein Erlebnis, das sich weder der 
Technik einer zuganglichen Form noch dem Zufall einer 
vagen Inspiration erschliefit. Er ist mehr »als eine 
Schallverstarkung des Gedachtnisses, als die phonetische 
Hilf e einer Aufierung, die sonst verloren ware« ; er ist 
»keine Zutat, ohne die noch immer die Hauptsache 
bliebe«. Denn »die Qualitat des Reimes, der an und fur 
sich nichts ist und als eben das den Wert der meistenl 
Gedichte ausmacht, hangt nicht von ihm, sondern durch- 
aus vom Gedanken ab, welcher erst wieder in ihm einer 
wird und ohne ihn etwas ganz anderes ware«. Aber lebt 
er einmal im Gedicht, so ist es, als ob er noch losgelost 
dafur zeugte. Ich konnte, was er alles vermag, was er 
alles ist und nicht ist, stets wieder nur mit jenen 
Reimen sagen, von denen man nun — urn das Landen 
der Einverstandenen herum — alle behandelten Arten 
des Reims, sofern er einer ist, ablesen kann; und deren 
jeder man die begriffliche Deckung zugestehen wird: 
dafi er nicht Ornament der Leere, des toten Wortes 
letzte Ehre, dafi er so seicht ist und so tief wie jede 
Sehnsucht, die ihn rief, dafi er so neu ist und so alt wie 
des Gedicht es Vollgestalt. Und dafi dem Worth ekenner 
das Wort ein Wunder und ein Gnadenort ist. Denn 



378 



»reimen« — bekannte ich — »kann sich nur, was sich 
reimt; was von innen dazu angetan ist und was wie zum 
Siegel tieferen Einverstandnisses nach jenem Einklang 
ruft, der sich aus der metaphysischen Notwendigkeit 
worthaltender Vorstellungen ergeben mufi«. 



379 



Februar 1929 



Wort und Wert 

Diese Gedichtanalyse ist dem Aufsatz »Aus 
Redaktion und Irrenhaus« entnommen, der polemi- 
schen Bereinigung eines Falles, durch den die Ange- 
horigen beider Spharen ganz und gar zu Gunsten der 
zweiten konfrontiert erscheinen. Er ergab sich, als eine 
Reihe schoner Gedichte, die em Irrer aufgeschrieben 
hatte, zuerst fur sein Werk gehalten und da diese 
Vennutung sich als unbegriindet erwies, doch die 
Liebe zu solchen Werten als der Vorzug vor der Welt 
der Normen anerkannt wurde. Vollends mit Recht, als 
ein Journalist namens Gesell in der Vossischen Zei- 
tung die Autorschaft eines der Gedichte reklamierte, 
das er in einem Magazin unter dem Pseudonym Marx 
veroffentlicht hatte, und ohne Kenntnis der Materie 
die Schatzer seiner Arbeit zu hohnen unternahm. Die 
gleichzeitige Herabsetzung der Verse — als einer zu 
einem Kitschbild entstandenen Gielegenheitsreimerei — 
sollte sich an dem Unterschied des Originals und der 
Fassung, die ihm der irrsinnige P. gegeben hatte, als 
berechtigt herausstellen. 

»Es sei ausdriicklich darauf hingewiesen, dafi lediglich dasi 
Adjektivum z a r t durch das Adjektivum grofi ersetzt ist. Sonst 
stimmen die beiden Gedichte wortlich iiberein.« 

Diese Angabe, mit der der Druck der Vossischen Zei- 
tung nebenher korrigiert wird, ist, wiewohl sie nicht 
wahr ist, in der Tat gewissenhaft. 

Und nun will ich, da sich der Gesell an mich 

»klammert« , mich an ein Wort klammern und ihm 



380 



darlegen, wieweit ich an der Stiitze dieses Worts mein 
Urteil aufrechterhalte. Denn welche bessere Stiitze 
konnte es fiir die lyrische Wertbestimmung geben als 
das Wort, als ein einziges Wort? Ja, ich will ihn bed 
diesem Wort nehmen, auf die Gefahr hin, dafi er sich 
noch mehr an mich klammere und dafi er sagen konnte, 
ich hatte, urn die Briicke zwischen seinen beiden Partien, 
der schopferischen und der journalistischen, zu finden, 
erst nachtraglich diese Stiitze ergriff en 5 dieses Wort von 
ihm erst als Stichwort empfangen. Auch das ware durch- 
aus moglich. Wenn ich erst jetzt, durch das Zugestand- 
nis einer Abweichung — die die Berliner Geister blofi 
feststellen, um die »sonstige Identitat« zu beweisen — , 
die Lesarten genau verglichen hatte, so ware das 
Bestreben begreiflich, dem Mann, der der psychischen 
Varianten fahig ist, auf die Finger zu sehen, ohne 
den Verdacht, dafi diese Tendenz die sprachkritische 
Untersuchung beeinflussen konnte. Deren Ergebnis 
bliebe haltbar und unverwirrt —j- wann und wie 
hnmer ich dazu gelangt ware. Aber damit alle 
Bedenken zerstreut werden, wenn mir die Sprachkritik 
fiir die Psychologie hilft, kann ich Zeugen dafiir stellen, 
dafi ich schon bevor mich Herr G. auf die winzige Ver- 
schiedenheit aufmerksam machte, die er doch nur 
heranzieht, um die Gleichheit darzutun, eben diese 
in Kenntnis jener bestritten habe. Dies 
geschah lange bevor ich Scherls Magazin mit der zarten 
Glockenblume zu Gesicht bekam und die Abweichung 
in diesem Druck wahrnahm. Ehe ich aber erzahle, wie 
und unter welchen Umstanden ich dazu gelangte, hier 
einen Wertunterschied zu erkennen und zu behaupten, 
miissen wir die beiden Fassungen vergleichen, um zu 
beurteilen, ob ich damit recht hatt)e. Wir miissen sie 
sehen und horen — das ist unerlafilich sowohl zur Schat- 
zung eines Gesamtwertes, wo Klang und Vision die 
gestaltliche Einheit bildet, als auch zur geringeren 
Schatzung eines Gebildes, in dem sich die Einzelwerte 
nicht zu solcher schopferischen Einheit zusammen- 



381 



schliefien 3 und eben, wie ich behaupte, wegen des Unter- 
schieds eines einzigen Wortes. Das Gedicht lautet in 
der Fackel: 

Junge Tanzerin 

Eine grofie Glockenblume 
wehte fort vom Fruhlingsbaum: 
lichtem Fruhlingstag zum Ruhme 
tanzt sie sich in sanften Traum. 

Eine Wolke weifier Seide 
spiegelt rauschend jeden Schritt; 
mystisch wandeln unterm Kleide 
Blut und Haut und Atem mit. 

-An des Kofpers Bluten-Stengel 
schwingt des Rockes Glocke sie, 
und der Beine Doppel-Schwengel 
lautet leise Melodie. 

Eine grofie Glockenblume 
wehte fort vom Fruhlingsbaum: 
lichtem Fruhlingstag zum Ruhme 
tanzt sie sich in sanften Traum. 

Im Nachdruck der Vossischen Zeitung erscheint 
manches Interpunktionelle dem ScherPschen Original 
wieder angenahert, aber — unter anderm — die Version 
»grofie« feinschmeckerisch beibehalten. Das scheinbar 
identische Gedicht lautet in Scherls Magazin: 

Junge Tanzerin 

Eine z a r t e Glockenblume 
wehte fort vom Fruhlingsbaum. 
Lichtem Fruhlingstag zum Ruhme 
tanzt sie sich in sanften Traum. 

Eine Wolke wei&er Seide 
spiegelt -rauschend jeden Schritt. 
Mystisch w a n d e 1 1 unterm Kleide 
Blut und Haut und Atem mit. 

Um des Kdrpers Bliitenstengel 
schwingt des Rockes Glocke sie. 
Und der Beine Doppelschwengel 
lautet leise Melodie. 



382 



Eine zarte Glockenfalume 
wehte fort vom Fruhlingsbaum. 
Lichtem Fruhlingstag zum Ruhme 
tanzt sie sich in sanften Traura. 

Die Variante »An« (statt »Um«), die da nebst inter- 
punktionellen Abweichungen erkennbar wird und die 
G. von P. fur die ,Vossische 5 ubernommen hat, erscheint 
mir unwesentlich, wenngleich ich das »An« als leichter, 
anschaulicher und beschwingender loir des Rockes 
Glocke vorziehen mochte. (»Um« hemmt die Bewegung, 
haftet zu sehr am Korper; es ware schlechter, wenn es 
richtiger ware, ist aber falsch, weil es nicht die Linie, 
sondern die Glockenform selbst urn den Stengel kreisen 
lafit.) Wesentlicher ist schon die Ariderung »wandeln« 
(statt »wandelt«), die G. mit Unrecht verschmaht hat, 
Mir ist es jedoch um die dritte, die eingestandene 
Variante zu tun. Und da sage ich : : dafi entgegen der 
Ahnungslosigkeit, die durch Betonung einer gering- 
fiigigen Verschiedenheit zwischen »grofi« und »zart« — 
in der ersten und in der Schlufistrophe — die Identitat 
des Ganzen zu beweisen sucht, diese durch die 
geringfiigige Verschiedenheit aufgeho- 
ben wird. Lyrik kennt keine »Identitat« . Ein Gedicht 
ist kein Wortbestand, der noch immer vollzahlig bleibt, 
wenn unter 68 Wortern eines durch ein anderes ersetzt 
wurde. Durch das eine konnen alle zusammen erst er- 
schaffen, schon erloschen sein. In der Vision der grofien 
Glockenblume kulminiert die Schopfung, die ich 
gepriesen habe. Nur der Dichter, der diese Vision, die 
in dem Wort »grofi« aufgeschlossen ist, gehabt hat, 
nur der hatte alles Weitere so erschaffen, dafi es 
die Gestalt hat, die es hat und die es trotz dem gleichen 
Wortbestand nicht hat, wenn das Grunderlebnis fehlt. 
Esist die Gestalt mit Blut und Haut und 
A tern. Wenngleich diese Bestandteile ohne die Vision 
scheinbar vorhanden sind, so sind sie doch nicht 
organisch entstanden und verbunden. (Trotz dem 
Singular nicht; seinetwegen nicht.) Sie miissen iiber- 



383 



nommen sein. Die unvergleichliche Klangform von des 
Rockes Glocke, selbst sie ware dann ein kunst- 
gewerbliches, wenngleich apartes Gebilde, Zufallswert 
der sprachlichen Metallbranche. Wie wird sich aber das 
Ratsel losen, dafi diese zwei Mittelstrophen, die unter 
dem grofien Antrieb der ersten als die fortgefiihrte 
Anschauung die grofie Gestalt zeigen, doch auch in der 
zarten Fassnng vorhanden sind ? Es ware durch Anhorung 
eines fremden schopferischen Elements, das mit Hor- 
fahigkeit ubernommen wurde, zu erklaren. So habe ich 
es mir angesichts der Grundverschiedenheit der ersten 
Strophe erklart. Dort ist die Tanzerin die grofie 
Glockenblume, sie wird als diese angeschaut. Hier 
wird sie mit einer zarten Glockenblume verglichen. 
Die grofie Glockenblume ist mehr als eine Glocken- 
blume, die zarte weit weniger. Dort Vision, hier Zierat ; 
dort Gleichnis, hier Vergleich. Diese erste Strophe ist 
ein Kitsch, der als Kitsch der letzten wiederkehrt. Dort 
Goethe, hier Heine. Die Tanzerin ist eine Glocken- 
blume; die Tanzerin ist wie eine Glockenblume, so 
zart und schdn und rein. Nie vermochte sich an diese 
allegorische Leere die Fiille des Folgenden unvermittelt 
anzuschliefien. Wenn ich das Beispiel fur meine Reim- 
betrachtung gehabt hatte, so hatte ich in der Gelegenheit 
geschwelgt, denselben Reim in seiner Gestalthaftigkeit 
und in seiner Papierhaftigkeit darzustellen. Denn man 
hore doch, wie naturhaft dem Ruhme des lichten Fruh- 
lingstags sich die grofie Glockenblume zuneigt: es ist 
ein Fest der prangenden Natur! Hier bringt der Reim 
zwei Vorstellungswelten zur Deckung. (Er ist das 
Ufer . . .) Wie hatte aber der Ruhm Vorstellungsraum 
in einer Landschaft, in der ich eine Tanzerin mit einer 
zarten Glockenblume vergleiche? Diesen Ruhm 
sehen wir nicht, er ist nicht vorhanden ; es ist kein Raum 
fur den Ruhm, er ist nur ein Reim. Ornament der Leere, 
Geklingel, das nicht aus der Glocke, nur zum Wort- 
klang der Blume tont. Unmoglich, von diesem Niveau 
aus die rauschende Wolke, das Mitwandeln von Blut 



384 



und Haut und Atem mitzumachen, des Rockes Glocke 
mit Aug und Ohr zu erleben. Die Gestalt zerfallt, die 
Phantasie des Lesers miifite sie wieder verdichten. Das 
Ratsel, wie das Dekompositum doch vorhanden ist — 
eben die Worte, die so erhaben im Anschlufi an das 
andere Vorwort wirken — , das Ratsel wird sich bis zu 
einem gewissen Grad losen lassen, wenn wir den An- 
spruch Paul Zechs iiberpriifen. Ich hatte die Losung 
geahnt. aber nun will ich auch sagen. wie ich dazu 
gekommen bin, das Problematische zu entdecken. Ich 
habe schon angedeutet, dafi mir die Version der »zarten 
Glockenblume« lange vor dem Anblick des Scherl- 
Druckes bekannt war, dafi ich mich liber die Wertver- 
schiedenheit, die Minderwertigkeit jener Fassung in 
nachweisbarer Form geaufiert, ja dafi ich erklart habe, 
dieses und jenes seien, kraft des einen Wortes, ganz 
verschiedene Gedichte. Ich stelle es fest gegen den Ver- 
dacht, dafi ich gleich dem Autor selbst geflissentlich die 
Wertreduzierung vornehme. 



Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weilS. 



von wem es ist, und 



ich mafie mir an, von sprachlichen Dingeii so viel zu verstehen, 
dafi ich den ganzen Menschen dazu brauche, urn seinen Vers beur- 
teilen zu konnen. Er ist zugleich gut und schlecht, und ehe man 
das zweite weifi, ist man gerne gewillt, das erste zu glauben. Denn 
eben das ist dieser Spielart gegeben, zu zeigen was sie nicht hat, 
und so hat auch sie teil an dem grofeen Geheimnis der Sprache, 
die eben dort, wo nicht Wesen ist, umso mehr Schein zuliifit. 
Vermag sie kein Wunder, so vermag sie doch den Zauber. 

Die Fackel 1918 

Nachdem ich das wunderbare Gedicht »Junge 
Tanzerin« in der Fassung, wie sie mir Herr Sp. iiber- 
mittelte, in Druck gelegt hatte, erhielt ich die Hand- 
schrift des Mannes, der damals nicht mehr fiir denj 
Dichter gehalten wurde. Da stand die erste Zeile der 
ersten und der vierten Strophe so zu lesen : 

Eine g o s t e Glockenblume 



385 



Daruber erfuhr ich das Folgende. Dem Gekritzel wie der 
stammelnden Rezitation hatte man das Wort »grofie« 
zu entnehmen geglaubt. Der Defekt, der Irrtum, 
der Zufall haben das grofie Gedicht ent- 
s tell en las sen. 

Ganzwie der korrigierendePlan es vermochte, den 
ich selbst so oft an fremde Manuskripte gewandt habe. 
Und sogar an beruhmte Werke der Lyrik, mit dem 
Nachweis, wie der Organismus eines Verses, der in 
seiner Umgebung erstirbt, zu retten gewesen ware. Das 
anschaulichste Beispiel fur diese Art der Versbetrach- 
tung durfte unter Nietzsches Gedichten, dieser oft nur 
fortgesetzten fragmentarischen Lyrik, das Gedicht 
bilden, das den Titel »Vereinsamt« fiihrt. Es ware das 
Gegenbeispiel zur »Jungen Tanzerin«, insofern, als hier 
die Eingangsstrophe, die, sinnhaft variiert, als Schlufi- 
strophe wiederkehrt, starkstes Eigenleben hat. Da ist im 
Vollbild der winterlichen Landschaft das der winter- 
lichen Seele enthalten, ein lebendigster Ausdruck der 
Erstarrung, der nun, fortgesponnen in winterlicheHand- 
lung, leider ermattet. Wenn nur diese erste Strophe da 
stiinde — und befreit von der belastenden Interpunk- 
tierung, die sie aus dem Elementaren ins Rationale 
druckt — wenn nur diese erste Strophe ware, so ware 
sie das ganze Gedicht (das als solches kein ganzes Ge- 
dicht ist) : 

Die Krahen schrei'n 

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt. 

Bald wird es schnei'n. 

Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat! 

Nietzsche setzt vor den einzigartigen Vers »Bald wird 
es schnei 5 n« leider einen Doppelpunkt, nach jenem ein 
Komma und einen Gedankenstrich ; einen eben solchen 
Strich durch den Gedanken vor das Wort »Heimat«, 
dessen Empfindungsfiille auf eine unbildliche Reflexion 
abgezogen wird. Die Zeile, in der die ganze Winter- 



386 



ahnung eingeschlossen ist, miifite aber vollig isoliert sein 
und mit einem Punkt schliefien: 

Bald wird es schnei'n. 

Schon sie ware das ganze Gedicht, und es ware unge- 
heuer, wie hier eine Feststellung, die jeder Schwatzer 
vornimmt, zum Erst- und Einmaligen wird: zum Ge- 
dicht. Jenem grofiten deutschen Wortwunder vergleich- 
bar, zu dem, im Abschied der Iphigenie, der banalste 
Grufi erbliiht ist, mit Atemzug und Herzschlag des 
grofien Verzichts : 

Lebt wohl! 

Eben »das Geheimnis der Geburt des alten Wortes«, 
das Heine fremd war. Die Frage ist, ob Nietzsche es 
hier gehabt, ob er das so gesetzte, so fortgesetzte und 
sinnhaft abgewandelte Gedicht dieset ersten Strophe als 
solches erschaffen hat. Freilich noch grofier ware das 
Ganze durch die letzte Strophe ersetzt, wenn er nur die 
geschrieben hatte, anstatt zu ihrem Wesentlichen auf 
dem Wege der Anwendung zu gelangen : 

Die Krfihen schrei'n i 

und ziehen schweren Flugs zur Stadt. 

Bald wird es schnei'n. ' 

Weh dem, der keine Heimat hat! 

Wieder im Original die interpunktionellen Hindernisse, 
nur nicht mehr vor der Heimat. Diese Strophe, richtig 
gesetzt, ist das Gedicht. Aber bis zu einem gewissen 
Grad auch das desjenigen, der es so erlost. Manches 
Gedicht entsteht erst, wenn der Leser herantritt, und 
der schopferische Anteil des Striches kann grofier sein 
als der des Restes. Wer den Worten die Luft zu geben 
vermag, in der sie atmen, konnte darum nie Plagiator 
sein, wenn er blofi die Worte an sich nimmt. Und kann 
der korrigierende Dichter durch eine Umstellung die 



387 



Wortgestalt hervortreiben, so schiife die Korrektur auch 
am fremden Gedicht sein Gedicht. Solche Leistung tritt 
etwa an Goethes Anderungen von Gedichten der 
Marianne von Willemer zum Westostlichen Divan her- 
vor.; nicht immer so anschaulich wie an der herr lichen 
Selbstkorrektur der Verse »Vollmondnacht« , mit der er 
iiber das Schicksal des schonen und seltenen Adjektivs 
»smaragden« entscheidet. In der erst en Fassung kommt 
der Edelstein noch nicht zur Geltung : 

Nieder spielet Stern auf Stern. 

Tausendfaltiger Karfunkel 

fliegt smaragden durch die Busche 

Wie ganz anders geschaut in der zweiten, wo freilich 
auch »gluhen bliihend alle Zweige« : 

Nieder spielet Stern auf Stern; 
Und smaragden, durchs Gestrauche 
Tausendfaltiger Karfunkel 

Dort, in der vollstandigen Aussage des »Fliegens«, 
gliihen und bluhen die Farben nicht; rotes bewegt sich 
griin: noch nicht zur Gestalt verbunden, widerstreiten 
die Bestandteile ; »smaragden« versinkt zu adverbialer 
Unselbstandigkeit, als ware seine Vorstellung voraus- 
setzbar. Vorangestellt, leuchtet es als Erscheinung auf, 
mehr als friiher auch der Karfunkel, und das Fliegen, 
ungesagt, ist da, wie das gewaltige Farbenspiel der 
mondbeglanzten Landschaft. Der Korrektor ist der 
Dichter. 

Zu solcher Belebung hat der »Jungen Tanzerin« 
ein einziges Wort, das nicht vom Autor war, verholfen. 
Schon das mifiverstandene »goste«, als ein neuer Klang, 
mit dem sich dem sonderbaren Bewahrer eine Vor- 
stellung verband. Was aber bedeutet dieses »goste« ? 
Eine verunstaltete arabische Bezeichnung, hiefi es, fur 
»zarte«. Eines der vielen Wunder dieses grofien Aben- 
teuers. Dem Schlosser gefiel das arabische »goste« besser 
als das deutsche »zarte« . Mir gleichfalls. Die zarte 



388 



Glockenblume, die nun festgestellt war, gefiel mir gar 
nicht und machte mir, lange bevor ihr Dichter mir auf 
deutsch »Etsch!« zurief, sein Werk problematisch, was 
etliche Zeugen meiner Beweisfuhrung bestatigen konnen. 
Ich sagte damals, dafi ich es 5 in Kenntnis dieser Ur- 
fassung, nie in die Reihe der wunderbaren »Gedichte 
aus dem Irrenhaus« aufgenommen hatte. Jetzt, vor der 
Notigung, den # Fall darzustellen, veranlafite ich 
Herrn Sp., sich noch einmal dariiber zu aufiern, wie er 
zu der Lesart der »grofien Glockenblume « gekommen 
sei und was es denn mit dem »goste« fur eine Bewandt- 
nis habe. Der psychische Anteil des Schlossers, der sich 
in dieser Abanderung des zarten Kitsches bekundete, ist 
umso merkwiirdiger, als er jetzt wieder hartnackig be- 
hauptet, das Gedicht sei von ihm. Das glaube ich ihm 
zwar nicht, aber der folgende BericHt beweist doch, um 
wieviel naher er dem Gedicht steht ^ls sein Autor : 

Ich fragte ihn damals auch, warum er gerade ein arabisches Wort 
start eines deutschen gewahlt habe, und er sagte, goste sei ihm 
»schoner vorgekommen«. Um mich nicht ganz auf mein Gedachtnis 
verlassen zu miissen, habe ich P. nochmals ub<ir diesen Punkt aus- 
gefragt und habe ihn die Antworten schriftlich aufsetzen lassen, 
wobei ich mich hutete, sie durch die Art der Fragestellung oder 
sonst zu beeinflussen. 

Im Protokoll heifit es : 

1st z. B. das Wort »zarte« nicht ebenso sch5n? 

Nein, das »goste« ist viel schoner als »zarte«. 

Warum? 

Weil es eben ein erfundenes Wort ist .... 

t 

Und es half, das noch weit schonere Wort zu erlangen, 
das dem Gedicht die grofie Gestalt yerliehen hat, welche 
auch von G. mit Recht vorgezogen wird. Inzwischen 
hatte sich meine Ahnung von der Fremdkorperlichkeit 
dieses tanzenden Frauenleibes bestatigt. Paul Zech, der 
ihn fur sich reklamierte, schickte mir, endlich, sein 
Gedicht »Glockentanzerin« zu, von dem er behauptet, 
es sei vormals in einer anderen Fassung erschienen, »die 



389 



der ,Jungen Tanzerin 5 noch naher kommt«, die er aber 
zunachst nicht beschaffen konne. Die spatere Fassung, 
die jedenfalls auch vor der »Jungen Tanzerin« erschie- 
nen ist, genugt mir vorlaufig. Sie lautet : 

Glockentanzerin 

Mit dem friihen Ruf der Amsel brach 
aus der braunen Ackerkrume, 
aus dem Moos, das sie zerstach, 
eine juiige Glockenblume. 

In dem falben Silberglanz, 
zwischen Tau und Glitzersteinen, 
drehte sie sich hoch im Tanz 
auf den schlanken Beinen. 

Von dem seidenen Behang 
tropften die Gelaute nieder 
zu dem Uberschwang 
gottergriffener Lercnenlieder. 

Atemhauch und Blut und Haut 
mischten sich entziindet mit dem Winde 
und schon waren tausend Glocken laut 
und sie tanzten urn die Linde 

mit den Kindern Hand in Hand 
die uralte Friihlingsweise 
und das aufgeglanzte Land 
tanzte mit im Kreise. 

Ein wahrhaft schones Gedicht, von dessen schwacherer 
Eingangsstrophe — welche gleichwohl organisch zur 
weiteren Herrlichkeit iiberleitet — dem Autor der 
»Jungen Tanzerin« der Reim auf Blume geblieben war. 
Die Anschauung ist verschieden, indem bei M.-Gesell 
die Tanzerin als Blume aufscheint, hier jedoch die Blume 
zur Tanzerin ersteht. Gemeinsam die Verkniipfung der 
Spharen. Der seidene Behang ist zur Wolke weifier Seide 
geworden. Von den Motiven der Klangfulle, von dem 
unvergleichlichen ^Uberschwang gottergriffener Ler- 
chenlieder« ist ohne Zweifel etwas fur des Rockes 



390 



Glocke geblieben, und der sich hoch im Tanz auf den 
schlanken Beinen Drehenden ward ; der Beine Doppel- 
Schwengel abgesehen. Dafi aber »Atemhauch und Blut 
und Haut« als die mitwandebiden »Blut und Haut und 
Atem« erkennbar sind, wird kaum zu leugnen sein, und 
die Erinnerung verrat sich noch in der Klangspur, mit 
der der Vers 

mischten sich entzundet mit dem Winde 

»mystisch« haften blieb. Nun ware es gerade vom Stand- 
punkt meiner Sprachbetrachtung aus absurd, dem Wort- 
kiinstler das Recht der Dbernahme einer schon gestal- 
teten Vorstellung zu bestreiten. Aber ungestraft darf 
diese Ubernahme nur erf olgen — ungestraft von der 
hier waltenden Sittlichkeit, die das, Echtburtige an der 
neuen Erlebniskraft erkennt, an Blut und Haut und 
At em, die es an ihm selbst beglaubigen — , wenn sie fur 
das hohere Werk erfolgt. Das ware der Fall, wenn M. 
die Vision der grofien Glockenblume gehabt hatte; dann 
waren Blut und Haut und Atem von ihm und starker als 
Atemhauch und Blut und Haut, wovon sie stammen, 
Dann ware die »Junge Tanzerin<< wertvoller als die 
»Glockentanzerin« mit deren siebenmal herrlicher Kon- 
sonanz im Tanz von entzundet, Winde, Linde, Kindern, 
Hand in Hand und Land. Der fremde Wert ist aber in 
das geringere Werk eingeflossen, dem die schopf erische 
Stuf e durch den Vergleich mit der marten Glockenblume 
angewiesen bleibt. Unbestreitbar ist] die Fahigkeit, einen 
empfangenen kiinstlerischen Eindruck zu verarbeiten, 
ohne welche die vorhandenen Mittelstrophen nicht vor- 
handen waren und ohne die es ]z. hier kein Problem 
gabe. Uber den Schopfungsakt — in Scham und lieb- 
licher Verwirrung vor einem »kitscnigen amerikanischen 
Bild«, dem »eingefarbten Klischee'« einer Tanzerin — 
hat Marx-Gesell Auskunft gegeben: er hat die Farbe des 
Kitsches bekannt. Sein schopferischer Antrieb reichte 
fur die erste Strophe, seine Fahigkeit hat hingereicht, 
einen psychischen Eindruck zu bewaltigen, den ihm die 



391 



Erinnerung an Zechs Gestalt der Glockentanzerin zu- 
brachte. Sein Wort ist nicht dem primaren, deni 
erotischen Erlebnis entstammt ; er hat aus dem 
erschaffenen Lebendigen produziert, das ein deutscher 
Lyriker »dem Frauenleib abgesehen und abgesungen« 
hatte. Mag der Schopfer des Originals seinen Anspruch 
behaupten oder zuriickziehen (wie jetzt behauptet wird) 
— ich vertrete ihn kunstrichterlich. Denn von wem ein 
Gedicht ist, mufi ich nicht wissen; ob es eines ist, weifi 
ich, und meine Blamage macht vor meinen Ohren halt! 
Und so behaupte ich : dafi der gehorte Unterschied des 
einen Wortes das Geheimnis dieser Schopfung auf- 
schliefit und selbst dann aufschlosse, wenn der Schopfer 
es nicht bekannt hatte und nicht seine Scham iiber die 
Schopfung, mit so griindlicher Verleugnung der Scham. 
Dafi diese Schopfung von einer Vorschopfung bezogen 
war, wufite ich aus dem einen integrierenden, wertver- 
andernden Wort, in dessen Gefolge alles Weitere 
fremdkorperlich erschien. Die Haut ist von ihm — Blut 
und Atem von einem andern! Und der Gesell druckte 
das Gedicht von der »grofien Glockenblume« 
als das seine ab, damit die Leser sehen, vor welcherlei 
Genielyrik »ein Mann wie Karl Kraus ehrfurchtsvoll das 
kritische Jagerhutchen zieht« . . . Bei dieser Wendung 
zog ich es nicht mehr. 



392 



Dezember 1932 



Die Sprache 



Der Versuch: der Sprache als Gestaltung, und der 
Versuch: ihr als Mitteilung den Wert des Wortes zu 
bestimmen — beide an der Materie durch das Mitt el 
der Untersuchung beteiligt — scheinen sich in keinem 
Punkt einer gemeinsamen Erkenntnis zu begegnen. 
Denn wie viele Welten, die das Wort umfalk, haben 
nicht zwischen der Auskultation eines Verses und der 
Perkussion eines Sprachgebrauches Raum! Und doch ist 
es dieselbe Beziehung zum Organismus der Sprache, 
was da und dort Lebendiges und Totes unterscheidet; 
denn dieselbe Naturgesetzlichkeit ist es, die in jeder 
Region der Sprache, vom Psalm bis zum Lokalbericht, 
den Sinn dem Sinn vermittelt. Kein anderes Element 
durchdringt die Norm, nach der eine Partikel das 
logische Ganze umschliefit, und das Geheimnis, wie um 
eines noch Geringeren willen ein Vers bluht oder welkt. 
Die neuere Sprachwissenschaft mag so weit halten, eine 
schopferische Notwendigkeit iiber der Regelhaftigkeit 
anzuerkennen : die Verbindung mit dem Sprachwesen 
hat sie jener nicht abgemerkt, und dieser so wenig wie 
die altere, welche in der verdienstvollen Registrierung 
von Formen und Mififormen die wesentliche Erkenntnis 
schuldig blieb. Ist das, was sie dichterische Freiheit 
nennen, nur metrisch gebunden, oder verdankt sie sich 
einer tieferen Gesetzmafiigkeit ? 1st es eine andere als 
die, die am Sprachgebrauch wirkt, bis sich ihm die Rege] 
verdankt ? Die Verantwortung der Wortwahl — die 



393 



schwierigste, die es geben sollte, die leichteste, die es 
gibt — , nicht sie zu haben : das sei keinem Schreibenden 
fzugemutet; doch sie zu erfassen, das ist es, woran es 
auch jenen Sprachlehrern gebricht, die dem Bedarf 
womoglich eine psychologische Grammatik beschaffen 
mochten, aber so wenig wie die Schulgrammatiker im- 
stande sind, im psychischen Raum des Wortes logisch 
zu denken. 

Die Nutzanwendung der Lehre, die die Sprache 
wie das Sprechen betrifft, konnte niemals sein, dafi der, 
der sprechen lernt, auch die Sprache lerne, wohl aber, 
dafi er sich der Erfassung der Wortgestalt nahere und 
damit der Sphare, die jenseits des greifbar Nutzhaften 
ergiebig ist. Diese Gewahr eines moralischen Gewinns 
liegt in einer geistigen Disziplin, die gegeniiber dem 
einzigen, was ungestraft verletzt werden kann, der 
Sprache, das hochste Mafi einer Verantwortung "fest- 
setzt und wie keine andere geeignet ist, den Respekt vor 
jeglichem andern Lebensgut zu lehren./Ware denn eine 
starkere Sicherung im Moralischen vorstellbar als der 
sprachliche Zweifel? Hatte er denn nicht vor allem 
materiellen Wunsch den Anspruch, des Gedankens 
Vater zu sein ? Alles Sprechen und Schreiben von heute, 
auch das der Fachmanner, hat als der Inbegriff leicht- 
fertiger Entscheidung die Sprache zum Wegwurf einer 
Zeit gemacht, die ihr Geschehen und Erleben, ihr Sein 
und Gelten, der Zeitung abnimmt. Der Zweifel als die 
grofie moralische Gabe, die der Mensch der Sprache 
verdanken konnte und bis heute verschmaht hat, ware 
die rettende Hemmung eines Fortschritts, der mit voll- 
kommener Sicherheit zu dem Ende einer Zivilisation 
fiihrt, der er zu dienen wahnt. Und es ist, als hatte das 
Fatum jene Menschheit, die deutsch zu sprechen glaubt, 
fur den Segen gedankenreichster Sprache bestraft mit 
dem Fluch, aufierhalb ihrer zuleben; zu denken, nach- 
dem sie sie gesprochen, zu handeln, ehe sie sie befragt 
hat. Von dem Vorzug dieser Sprache, aus alien Zweifeln 
zuT)estehen, die zwischen ihren Wortern Raum haben ? 



394 



machen ihre Sprecher keinen Gebrauch. Welch ein Stil 
des Lebens mochte sich entwickeln, wenn der Deutsche 
keiner andern Ordonnanz gehorsamte als der der 
Sprache I 

Nichts ware torichter, als zu vermuten, es sei ein 
asthetisches Bedurfnis, das mit der Erstrebung sprach- 
Iicher Vollkommenheit geweckt oder befriedigt werden 
will. Derlei ware kraft der tiefen Besonderheit dieser 
Sprache gar nicht moglich, die es vor ihren Sprechern 
voraus hat, sich nicht beherrschen zu lassen. Mit der 
stets drohenden Gewalt eines vulkanischen Bodens 
baumt sie sich dagegen auf. Sie ist schon in ihrer zu- 
ganglichsten Region wie eine Ahnung des hochsten 
Gipfels, den sie erreicht hat: Pandora; in unentwirr- 
barer Gesetzmafiigkeit seltsame Angleichung an das 
symboltrachtige Gefafi, dem die Luftgeburten ent- 
steigen: 



Und irdisch ausgestreckten Handen unerreich- 
bar jene, steigend jetzt empor und jetzt gesenkt. 
Die Menge tauschten stets sie, die verfolgende. 



Den Ratseln ihrer Regeln, den Planen ihrer Gefahren 
nahezukommen, ist ein besserer jwahn als der, sie 
beherrschen zu konnen. Abgriinde dort sehen zu lehren, 
wo Gemeinplatze sind — das ware die padagogische 
Aufgabe an einer in Siinden erwaensenen Nation; ware 
Erlosung der Lebensgiiter aus den Banden des Jour- 
nalismus und aus den Fangen der |Politik. Geistig be- 
schaftigt sein — mehr durch die Sprache gewahrt als 
von alien Wissenschaften, die sich ihrer bedienen — ist 
jene Erschwerung des Lebens, die andere Lasten er- 
leichtert. Lohnend durch das Nichtzuendekommen an 
einer Unendlichkeit, die jeder hat jund zu der keinem 
der Zugang verwehrt ist. »Volk der Dichter und 
Denker« : seine Sprache vermag es^ den Besitzfall zum 
Zeugefall zu erhohen, das Haben zum Sein. Denn grofier 



395 



als die Moglichkeit, in ihr zu denken, ware keine Phan- 
tasie. Was dieser sonst erschlossen bleibt, ist die Vor- 
stellung eines Aufierhalb, das die Fiille entbehrten 
Gluckes umfafit: Entschadigung an Seele und Sinnen, 
die sie doch verkiirzt. Die Sprache ist die einzige 
Chimare, deren Trugkraft ohne Ende ist, die 
Unerschopflichkeit, an der das Leben nicht verarmt. Der 
Mensch lerne, ihr zu dienen! 



396 



I N H A L T 

(Die Zahlen in den Klammera geben Nummer und Seitenzahl der entsprechenden 
Aufs&tze in der Fackel an) 

Seite 

Motto 5 

Hier wird deutsch gespuckt (413 — 417/42 — 44) 7 

An die Anschrift der Sprachreiniger (572 — 576/2 — 5) .... 10 
Sprachlehre : 

Die grammatikalische Pest (136/23) ... : 15 

Bis (572—576/11) 16 

Nur noch und nur mehr (572—576/8—10) 17 

Wieso kommt es (572—576/6) 20 

Daran vergessen (572—576/7) 21 

Der Riickwartige (315—316/13) 22 

Etwas, wovor man zurtickschrickt (759—765/85) 23 

Ohne dafi (827-833/101 — 102) , 24 

Dorten (445—453/133—147) ...... 1 26 

Druckfehler (554-556/29, 34—38, 41—42) ; 44 

Schandung der Pandora (484— 498/136— 138 u. 557-560/28—30) 51 

Der Apostroph (668-675/101—102) . . 57 

Das Komma (572-576/13—16) 59 

VomBaumchen,dasandereBlatterhatgewollt(572— 576/16— 22) 63 

Es (572—576/46—53) 1 71 

Eine Richtigstellung (572-576/53-60) . 79 

Nachhilfe (697—705/94-96, 735—742/62, 668—675/98-100, 

697—705/96—98, 657-667/70—73, 572—576/74—75) ... 88 
Einklassisches Zeugma (668— 675/96-97 und 679— 685/95— 106)104 

Sprachlehre (751-756/37— 57) ; 120 

Der und welcher (751—756/47—51 und 759—765/81—82) . . 143 

Vom Plagiat (572—576/61—63) 1 151 

Lesarten (443—444/22, 445—452/105, 657—667/61 — 63, 

640-648/56-58, 640—648/52—54) . 155 

Hexenszenen und anderes Grauen (724—725/1 — 44) 166 

Von Humor und Lyrik (577—582/41—52) 207 

Uberfiihrung eines Plagiators (577—582/52-59) 221 



Sprachlehre : Seite 

Zweifel des Lesers (759—765/78—79) 230 

AIs und wie (759—765/79—81) 232 

Aus oder von (759—765/85—86) 233 

Nicht einmal! (572-576/11—12) 234 

Zwei, deren Ansichten auseinandergehen (759—765/86 — 87) . . 236 

»Verbieten« und »verbitten« (759—765/82) 237 

Zuzumuten und zuzutrauen (759 — 765/83 und 706—711/45—46) 238 

Es trogl (759—765/83) 239 

Die Rettung (857— 863/125-126) 240 

Einer der besten Titel (838—844/99) 241 

Auf »Faust« hat er's abgesehn! (838—844/100) 241 

Die Neue Freie Presse erteilt Sprachlehre (811—819/120—128) 243 

Aus »Vorlesungen uber Kunst« (von John Ruskin) 254 

Zwei Dichter (640— 648/46-52) 257 

Sprachlehre : 

ttberfracht (759—765/83—84) 265 

Sprachlehre fUr die Nationalbank (686—690/78—79 und 

697—705/99) 266 

Sprachlehre fur das Elektrizitatswerk (697 — 705/99—100) . . 268 

Brauchen (679—685/107-108) 270 

Alte und neue Formen (697 - 705/101—102) 271 

Pretiosen (726—729/55-56) 272 

Kleiner Erfolg (735—742/63—64) 274 

Falsches Lob (697—705/102) 275 

Falscher Tadel (445—453/104—105) 276 

Metaphern (601—607/98) 277 

Die Handelssprache (697—705/93—94) 278 

Schone Aussichten (811—819/109-111) 279 

Der Leser schreibt (697-705/94) 282 

Mifideutungen : 

Da steh' ich nun, ich armer Tor! (726—729/53—54) .... 284 

Handel mit Sprachgut (759—765/76—77) • 285 

Der Ton (697—705/100—101) 287 

Bei den Tschechen und bei den Deutschen (572—576/64—68) 289 

>Das Wort« (von H. de Balzac) 296 

Die Wortgestalt (572—576/69—74) 298 

Ein Faustzitat (572— 576/23--30) . . 305 

Druckfehler (551/7—13) 315 

Schicksal der Silbe (572—576/31—46) 323 

Der Reim (757—758/1—37 342 

Wort und Wert (800— 805/108— 121 und 105) 380 

Die Sprache (885—887/1—4) 393 



Anmerkung des Herausgebers 

Die Arbeit an der Zusammenfassung sprachkritischer Essays 
und Glossen aus der »Fackel« reicht in das Jahr 1931 zuruck. Sie 
hat Karl Kraus (mit grof&eren und kleineren Unterbrechungen) bis 
knapp vor seinem Tod beschaftigt. Kurz vor seiner Erkrankung 
ersuchte er die Druckerei, ihm das gesamte Korrekturmaterial fur 
seine baldige Abreise bereitzulegen, um es wahrend des Sommera 
auf dem Lande neuerdings durchzuarbeiten. Dazu sallte es nicht 
mehr kommen. 

Fur den Leser, der die aufschlufireiche Muhe nicht scheut 5 
das Mafi der Umarbeitung zu verfolgen, welches manche Aufsatze 
fast als Neuschopfungen erscheinen lafit, sind dem Inhaltsverzeich- 
nis Nummer und Seitenzahl der Fassungen in der »FackeI« bei- 
gefugt, Daten, welche schon deshalb erwunscht sein durften, weil 
sich die Anderungen oft auch auf den Titel erstrecken. Auswahl 
und Reihenfolge der Aufsatze waren von Karl Kraus bestimmt 
worden, blofi der Essay »Die Sprache« wurde vom Herausgeber 
aufgenommen. 

»Mir liegt auch dreiflig Jahre nach meinem Tode mehr an 
einem Komma, das an seinem Platz steht, als an der Verbreitung 
des ganzen ubrigen Textes.« Dieses Wort aus dem Jahre 1911 sagt 
bundig, was Karl Kraus von seinem Herausgeber erwartet. Wie er 
die Berechtigung des Mifitrauens gegenuber dem zunftigen Heraus- 
gebertum oft und oft an dem Schicksai kostbaren Sprachguts nach- 
gewiesen hat, so bangteer auch um die »Sicherheit des textlichen 
Bestandes« bei seinem eigenen Werk. Demnach hatte der Heraus- 
geber des vorliegenden Bandes seine Verpflichtung vor allem 
darin zu erblicken, das verwaiste Wort gewissenhaft zu betreuen 
und fur fehlerfreien Druck zu sorgen. Es waren Hunderte von 
Korrekturen — von der Anderung der Interpunktionszeichen bis 
zur Einfugung ganzer Absatze — richtig zu lesen, was bei dem 
stenogrammartigen Charakter' der Handschrift keine geringe 
Schwierigkeit bedeutete. Nicht weniger Sorge bereitete die Uber- 
wachung von Satz und Druck. 1st der Herausgeber seiner Aufgabe 
gerecht geworden, so wird er dies der unentbehr lichen Mitarbeit 
von Fraulein Frieda Wacha und Herm Dr. Oskar Samek zu danken 
haben, 

Wien, im Mai 1937. ; Dr. Philipp Berger